So gefährlich ist es, in Deutschland trans zu sein

Und damit ist nur die physische Gewalt gemeint.

Vergangene Woche starb Malte C. Der Trans-Mann hatte am Rande des CSD in Münster mehrere lesbische Frauen vor einem homophoben Angreifer beschützen wollen. Dieser soll ihm zweimal ins Gesicht geschlagen haben, wodurch C. stürzte. Er prallte mit dem Kopf auf dem Boden auf, fiel ins Koma und erlag schließlich mit nur 25 Jahren seinen Verletzungen. 

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Keine Woche später wurde in Bremen eine Trans-Frau in einer Straßenbahn offenbar von mehreren Jugendlichen angegriffen. Es gibt bislang nur wenige Statistiken darüber, wie oft Trans-Menschen in Deutschland Opfer von Gewalt werden. Erst seit 2021 werden transfeindliche Straftaten überhaupt als solche in der Kriminalitätsstatistik des Bundeskriminalamts aufgeführt. Demnach gab es 2020 40 Fälle von Gewaltdelikten im Themenfeld "Geschlecht / sexuelle Identität", 2021 waren es 57. 


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Für dieses Jahr haben wir – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – bislang zwölf Vorfälle gezählt, die durch die Medien gingen. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Ein Großteil der Fälle, die wir gefunden haben, wurden in Berlin gemeldet. Dort gibt es bei der Staatsanwaltschaft eine der wenigen eigenen Zentralstellen für Hasskriminalität in Deutschland. Andernorts werden derlei Straftaten oft nicht als solche erkannt. 

Bei den wenigen öffentlich zugänglichen Zahlen, die es gibt, ist die alltägliche Diskriminierung und seelische Gewalt noch gar nicht berücksichtigt. Dabei kann auch die Einfluss auf den Tod von Menschen haben: In Hamburg hat im März eine 52-Jährige Trans-Frau Suizid begangen, die in einem Gefängnis für Männer einsaß, wo man sie massiv gemobbt haben soll. 

Unsere Übersicht über die Fälle transfeindlicher – physischer – Gewalttaten in Deutschland im Jahr 2022 zeigt deshalb nur einen Ausschnitt. Wenn detaillierte Schilderungen von Gewalttaten für dich schwierig sind, solltest du hier lieber nicht weiterlesen.

31. Januar, Berlin

Eine 16-Jährige Trans-Frau traf abends im Treppenhaus auf ihren Nachbarn. Dessen Begleitung soll sie beleidigt haben, was sie zuerst ignoriert haben soll. Daraufhin soll ihr die Person ein Bein gestellt und dreimal ins Gesicht geschlagen haben. 

24. Februar, Berlin

Eine 42-Jährige Trans-Frau zeigte einen unbekannten Mann an, der sie beleidigt, bedroht und verletzt haben soll. Sie habe laut Polizei gerade Essen bei einem Bistro bestellen wollen, als der Mann an sie herantrat und dafür kritisiert haben soll, dass sie Frauenkleidung und ein Kopftuch trug. Er soll dann versucht haben, ihr das Kopftuch vom Kopf zu reißen, sie beleidigt und in ihre Richtung gespuckt haben. Später soll der Mann sie am Handgelenk gepackt haben, sie weiter beleidigt und mit dem Tod bedroht haben. Dabei habe er mit dem Arm gedroht, sie zu schlagen.

25. März, Herne

Drei Jungen im Alter zwischen 12 und 13 sollen mit einer 16-Jährigen unterwegs gewesen sein. Auf einem Friedhof sollen die drei die junge Trans-Frau geschlagen und getreten haben, bis sie reglos am Boden lag. Sie trug lebensgefährliche Verletzungen davon. Sie wurde erst am nächsten Morgen gefunden und lag für mehrere Tage im Koma.

3. April, Berlin

Um fünf Uhr morgens sollen zwei Trans-Frauen im Alter von 20 und 25 angegriffen worden sein, als sie einen Club in Neukölln verließen. Ein 20-jähriger Mann soll beide zuerst transphob beleidigt und der jüngeren Frau mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Sie stürzte, woraufhin er sie laut Polizeibericht ins Gesicht getreten habe. Als ihre Freundin dazwischen gehen wollte, soll er sie geschubst und ihr das Handy aus der Hand geschlagen haben, um anschließend darauf herumzutrampeln.

16. April, Berlin

Zwei Personen, 31 und 40 Jahre alt, waren gegen vier Uhr morgens in Neukölln unterwegs, als eine Gruppe Jugendlicher sie transfeindlich beleidigt haben soll. Als die beiden das ansprachen, soll einer der Jugendlichen die 40 Jahre alte Person mit der Faust bewusstlos geschlagen haben.

21. April, Darmstadt

Zwei junge Männer sollen um vier Uhr morgens eine 39-jährige und eine 44-jährige Trans-Frau mit Reizgas besprüht haben. Laut Polizeibericht sprachen die mutmaßlichen Täter die beiden zunächst an und forderten Geld. Als die 39-Jährige das verweigert habe, hätten die Männer die beiden transfeindlich und homophob beleidigt und schließlich angegriffen.

2. Mai, Berlin

Eine 21-jährige trans Frau und ein 35-jähriger Mann sollen in Neukölln von zwei Männern angegriffen worden sein. Die mutmaßlichen Täter sollen beide beleidigt und dann den Begleiter der Frau mehrfach ins Gesicht geschlagen haben. Schließlich sollen sie auch die 21-Jährige mit Schlägen und Tritten angegriffen haben. Zwei weitere Männer seien hinzugekommen, um die beiden Opfer ebenfalls anzugreifen. 

3. Juli, Berlin

Ein Mann soll im Ortsteil Köpenick eine 62-Jährige transfeindlich beleidigt und mehrfach ins Gesicht geschlagen haben. Außerdem habe er versucht, ihre Handtasche zu rauben.

29. Juli, Bremen

Eine 40-jährige Trans-Frau soll von mehreren Männern angegriffen worden sein. Wie die Polizei berichtet, sei sie mit ihrem Hund und zwei Ziegen spazieren gewesen, als ein vorbeifahrendes Auto sie berührte. Der Fahrer stieg daraufhin aus, beleidigte und bedrohte sie. Die 40-Jährige ging weiter, traf aber später wieder auf den Mann, der nun zwei junge Männer dabei hatte. Zu dritt sollen die Männer sie daraufhin bespuckt, geschlagen, an die Brust gefasst und mit Reizgas besprüht haben. 

11. August, Berlin

Eine 31-jährige Trans-Frau soll im Wedding von drei Männern auf der Straße transfeindlich beleidigt worden sein. Einer der Männer habe laut Polizeibericht eine Flasche nach ihr geworfen.

27. August, Münster

Ein Mann soll einige Besucherinnen des Christopher Street Days beleidigt und bedroht haben. Als Malte C., 25, auf ihn zuging und bat, damit aufzuhören, habe der Mann ihm zweimal ins Gesicht geschlagen. C. ging zu Boden. Er schlug mit dem Kopf auf dem Asphalt auf, fiel ins Koma und starb.

3. September, Bremen

Eine 57-jährige Frau soll in der Straßenbahn von 15 Jugendlichen schwer verletzt worden sein.  Laut Polizei habe die Gruppe die Frau transfeindlich beleidigt und ihr die Perücke vom Kopf gerissen. Einer der Jugendlichen habe ihr anschließend mehrfach mit den Fäusten ins Gesicht geschlagen, während die anderen ihn anfeuerten.

Notrufnummern für Suizidgefährdete bieten Hilfe für Personen, die an Suizid denken – oder sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen. Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat. Trauernde Angehörige von Menschen, die Suizid begangen haben, finden bei Organisationen wie Agus Hilfe. 

Die Nummer der Telefonseelsorge in der Schweiz ist: 143. Hier gibt es auch einen Chat. In dieser Liste sind weitere Anlaufstellen für Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Schweiz aufgeführt. 

Die Nummer der Telefonseelsorge in Österreich ist: 142. Auch hier gibt es einen Chat. Trauernde Angehörige von Menschen, die Suizid begangen haben, finden in Österreich bei Organisationen wie SUPRA Hilfe.

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