Diese Wörter zensieren YouTuber in ihren Kommentarspalten

Bibi blockiert "Fake", Dagi Bee "Meinungsfreiheit", Simon Unge "CDU". Unser Test enthüllt gesperrte Wörter in den Kommentarspalten von YouTube-Stars.

17 Februar 2020, 12:59pmSnap

Jeder darf Videos auf YouTube kommentieren, aber nicht jeder Kommentar wird auch veröffentlicht. In YouTubes Kommentarspalten gibt es einen versteckten Zensur-Mechanismus, von dem die meisten wohl noch nie gehört haben: ein Uploadfilter für Wörter, die jeder YouTuber selbst bestimmen kann. Eine persönliche Blacklist – und das, obwohl viele YouTuber im vergangenen Jahr lautstark gegen Uploadfilter und für Meinungsfreiheit protestiert haben.

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Dahinter steckt eine Funktion, die "Gesperrte Wörter" heißt und die YouTube nüchtern auf einer Infoseite erklärt. Möchte eine YouTuberin etwa verhindern, dass Menschen über Katzen sprechen, kann sie mal eben das Wort "Katze" auf die Blacklist setzen. Schon werden unter ihrem Videos alle künftigen Kommentare mit diesem Wort automatisch gesperrt. Die Verfasser bekommen davon nichts mit. Es gibt keine Fehlermeldung. Im Gegenteil: Für den Verfasser bleibt er sichtbar. Nur alle anderen sehen ihn nicht.

Das klingt nach Zensur und nach Einschränkung der Meinungsfreiheit – aber mit der Funktion lässt sich auch Gutes tun. YouTuber können die eigene Adresse oder die Namen von Familienmitgliedern schützen und Schimpfwörter sperren. Andererseits lassen sich damit auch die Diskussionen von Hunderttausenden Zuschauerinnen und Zuschauern zensieren und lenken. Also von Menschen, die davon ausgehen, sich in den Kommentarspalten frei äußern zu können. Schließlich ist YouTube neben Facebook und Instagram eines der größten sozialen Netzwerke der westlichen Welt.

Zuerst hat der öffentlich-rechtliche YouTube-Kanal offen un' ehrlich kritisch über das Thema berichtet. Durch einen Test konnte offen un' ehrlich zum Beispiel nachweisen, dass Beauty-YouTuberin Dagi Bee das Wort "Fake" blockiert.

In Kooperation mit dem YouTube-Kanal Ultralativ haben wir diesen Test wiederholt und erweitert. Bei 15 der wichtigsten YouTuberinnen und YouTuber Deutschlands haben wir insgesamt 28 Wörter durchprobiert. Das Ergebnis: Viele YouTube-Stars nutzen die Funktion "Gesperrte Wörter" offenbar, um unliebsame Kritik zu zu verhindern.

Diese Wörter zensieren Deutschlands größte YouTuber

Die 15 von uns getesteten YouTube-Kanäle haben zwischen eine und 5,8 Millionen Abonnenten. Ihre Videos haben Zehntausende Kommentare und Hunderttausende Views. Bei elf Kanälen könnten wir gesperrte Wörter nachweisen.

Getestet wurden 28 Begriffe in den Kommentarspalten von 15 Accounts großer YouTuberinnen und YouTuber | Alle Grafiken: VICE

Für unseren Test haben wir Mitte Januar mehrere hundert YouTube-Kommentare mit verschiedenen Accounts gepostet – und überprüft, ob sie danach auch öffentlich sichtbar waren. In insgesamt 50 Fällen wurden unsere Test-Kommentare gesperrt. Um das Ergebnis zu bestätigen, haben wir für diese Fälle jeweils einen erneuten Testlauf gemacht.

Die meisten Treffer, insgesamt neun, zeigten sich beim Kanal ungespielt von Simon Unge. Es folgen Bibis Beauty Palace mit sieben gesperrten Wörtern sowie mit jeweils sechs Wörtern Dagi Bee und Kelvin und Marvin, früher bekannt als PrankBros.

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Die meisten unserer Testwörter stehen für Kritik, die die Aufrichtigkeit der YouTuber in Frage stellt, zum Beispiel "Clickbait", "Schleichwerbung" und "Fake", aber auch "unauthentisch" und "niveaulos". Unsere Auswahl war durch den Test der Kolleginnen und Kollegen von offen un' ehrlich inspiriert und hat offenbar ins Schwarze getroffen: Insgesamt 16 unserer 28 Test-Wörter wurden mindestens einmal gesperrt.

Die Größe der Kreise zeigt, bei wie vielen YouTuberinnnen und YouTubern im Test das Wort blockiert wurde

Die gesperrten Kommentare landen in einer Quarantäne-Liste, die YouTuberinnen und YouTuber nachträglich durchsuchen können. Von dort lassen sich die Kommentare zwar händisch freischalten – aber nur, wenn die YouTuber und ihre angestellten Moderatoren dafür Zeit und Lust haben.

Beauty-YouTuberin Dagi Bee sperrt "Meinungsfreiheit"

"Teuer", "billig", "Abzocke" – viele der gesperrten Wörter aus unserem Test drehen sich ums Geld. Mögliche Gründe dafür lassen sich schnell finden.

Die YouTuberinnen hinter dem Kanal ViktoriaSarina zum Beispiel veranstalten Live-Events für ihre vor allem minderjährigen Fans; die Tickets kosten 39 bis 89 Euro. Ein teurer Spaß. Doch da geht noch mehr: Ein angepriesenes Highlight bei diesen Events ist der "Zugang zum Pop-Up Marketplace". Das heißt, die Fans zahlen Geld, damit sie vor Ort noch mehr Geld für Fan-Artikel ausgeben können. Schlüssig, dass der Begriff "Abzocke" in den Kommentarspalten von ViktoriaSarina zensiert wird.

Auch die Beauty-YouTuberinnen Bibi und Dagi sperren das Wort "Abzocke". Beide haben eigene Kosmetikprodukte auf dem Markt. Dagi wiederum verkauft ähnlich wie Viktoria und Sarina Tickets für ein Live-Event, sie kosten 20 bis 50 Euro.

YouTuberin Bibi verkauft unter anderem einen Duschschaum mit Hibiskus-Duft für 3,95 Euro. Ist das teuer oder billig? Ein relevantes Thema für Bibi-Fans – nur können sie darüber nicht unter ihren Videos diskutieren. Denn die Worte "billig" und "teuer" sind bei Bibi verboten. Ebenfalls verboten ist das Wort "Schleichwerbung", und zwar nicht nur bei Bibi, sondern auch bei Bibis Ehemann Julienco und Dagi Bee.

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Und weil Bibi und Dagi Konkurrentinnen sind, sperren sie den Namen der jeweils anderen. In der Welt von Bibis Kommentarspalten gibt es also keine Dagi und umgekehrt. Ist das noch Meinungsfreiheit? Eine interessante Frage – die man aber unter Dagis Videos nicht stellen kann. Dort wird auch das Wort Meinungsfreiheit gesperrt, wie aus unserem Test hervorgeht.

Der Test wurde im Januar 2020 durchgeführt, alle Treffer haben wir Tage später zur Bestätigung erneut überprüft.

Wir haben unsere Testergebnisse allen betroffenen YouTuberinnen und YouTubern vorgelegt und sie um einen Kommentar gebeten. Nur zwei haben bisher geantwortet, einer von ihnen ist der YouTuber Luca.

"Ich setze Wörter auf die Blacklist, um zu vermeiden, dass Hater, Trolls oder sonstige Personen ihren Unfug in meinen Kommentaren treiben können", schreibt Luca. Er wolle damit verhindern, dass private Informationen wie Wohnort und Handynummer in den Kommentaren landen, aber auch Beleidigungen oder Lügen. "Ich möchte nicht, dass krasse Beleidigungen, wie z. B. 'Hurensohn' oder 'Bastard', die andere Leute gezielt verletzen sollen, in meinem Kommentar-Bereich Raum bekommen".

Clickbait? Nicht bei uns!

Bei Luca hat unser Test nur einen Treffer ergeben: "Clickbait". Und tatsächlich wurde kein anderes Wort in unserem Test so häufig blockiert wie dieses. Den Vorwurf des Clickbaits wollen sich die Macherinnen von gleich 10 der 15 getesteten YouTube-Accounts offenbar nicht gefallen lassen.

Auch nicht Kelvin und Marvin, bei denen Clickbait zum Handwerk gehört. Ihre Videos heißen zum Beispiel: "Wie man die sauerste Zuckerwatte der Welt macht" und "3 Uhr nachts im gruseligsten Hotel Deutschlands !!!".

Was bei Kelvin und Marvin auch zum Handwerk gehört: Videos abkupfern, die auf dem englischsprachigen Markt schon erfolgreich waren. Acht Monate nach dem Video "Spicy vs Salty Challenge" brachten Kelvin und Marvin das Video "Salziges vs Süßes Essen Challenge !!!". 20 Tage nach dem Video "I only ate GAS STATION food for 24 HOURS!" folgte das Video "Nur Tankstellen Essen für 24 Stunden Challenge !!!".

Haben Kelvin und Marvin etwa Ideen geklaut? Ist der Spuk im Gruselhotel ein Fake? Diese Fragen kann man unter dem Video nicht diskutieren: "Fake" und "geklaut" werden bei Kelvin und Marvin gesperrt, ebenso das Wort "gelogen".

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Ebenfalls nicht des "Fakes" bezichtigt werden können außerdem die YouTuber Leon Machère, Juilenco, Simon Desue und Standart Skill. Sie alle haben das Wort gesperrt. Keine Treffer in unserem Test gab es übrigens unter anderem bei den Wörtern: "Betrug", "belügt", "unkreativ", "erster", "zensiert", "manipuliert" und "Impressum".

Luca hat übrigens eine Erklärung, warum bei ihm das Wort Clickbait blockiert ist. Demnach hätten besonders viele Zuschauende sein Video "Diese Website weiß alles" aus dem Jahr 2015 als Clickbait bezeichnet, verbunden mit persönlichen Beleidigungen. "Diese Reaktionen haben mich in der Wortwahl sehr angefasst und dazu geführt, das Wort 'Clickbait' auf meine Blacklist zu setzen", schreibt Luca. Obwohl der Vorfall knapp fünf Jahre her ist, hat er das Wort offenbar bis heute nicht von seiner Blacklist entfernt.

Nur bei vier YouTubern hatten wir keine Treffer

An unseren Treffern fällt auf: Die YouTuberinnen schützen mit ihrer Blacklist offenbar vor allem sich selbst und ihr Geschäft. Wörter zu politischen Konfliktthemen führten bei unserem Test aber kaum zu Treffern. Weder "sexistisch" und "rassistisch", noch "Flüchtlinge", "Linke" und "Nazi".

Die Begriffe "CDU" und "AfD" hatte nur ein YouTuber in unserem Test gesperrt: Simon Unge, der auf seinem Kanal ungespielt vor allem spontane Reaktionen auf Videotrends veröffentlicht. Hat Unge etwa keine Lust auf Kommentare über Konservative und Rechte? Sein Management schrieb uns zunächst, dass Unge sich dazu gerne mit uns austauschen würde, es aber nicht rechtzeitig schaffe. Kurz nach der Veröffentlichung hat Unge die Recherche dann live auf YouTube kommentiert und das Video auf seinem Kanal hochgeladen.

In dem Video bestätigt Unge, dass er ziemliche viele Wörter auf seiner Blacklist habe – unter anderem, um die Flut an Kommentaren während seiner YouTube-Livestreams zu moderieren. Er habe außerdem fünf Moderatoren, die die Blacklist erweitern könnten. Worte wie "AfD" und "CDU" stünden auf der Liste, weil das Thema Politik so aggressiv sei. "Ich finde, das stresst mich", sagt Unge.

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Trotzdem zieht der YouTuber aus der Recherche Konsequenzen: "Ich werde es jetzt so machen, dass ich den Spamfilter rausnehme", sagt er in dem Video. Die Zuschauenden könnten das gerne mal ausprobieren. Und siehe da: In den jüngsten Kommentaren unter Unges Video finden sich viele der zuvor gesperrten Worte nun auch öffentlich.

Bei vier der 15 YouTuber gab es es in unserem Test überhaupt keine Treffer: Rezo, LeFloid, MrWissen2Go und MontanaBlack. Natürlich kann es trotzdem sein, dass sie in ihren Kommentarspalten Wörter sperren – nur ebenen keinen unserer 28 Test-Begriffe.

Es ist gut möglich, dass sie und alle anderen YouTuber auch deshalb Begriffe sperren, weil sie sich und ihre Abonnenten schützen wollen. So macht es auch der Kanal Ultralativ, mit dem wir für diese Recherche kooperieren.


Auf YouTube wertet Fynn von "Ultralativ" exklusiv unsere Recherche aus


Die Blacklist von Ultralativ umfasst Ultralativ-Macher Fynn Kröger zufolge insgesamt 41 Begriffe, darunter seinen Wohnort und jede Menge Schimpfwörter. Das Wort "Hurensohn" tauche gleich fünfmal in verschiedenen Schreibweisen auf. Aber auch eigentlich harmlose Wörter wie "fliegte" stünden auf der Blacklist. Warum?

Fynn erklärt: "Einmal habe ich in einem Video die Worte 'fliegt er' gesagt. Aber eine Menge Zuschauer haben 'fliegte' verstanden und wollten mich auf den vermeintlichen Grammatikfehler hinweisen." Was folgte, war eine Flut aus Hunderten Kommentaren über das Wort "fliegte", wie Fynn erzählt. Am Anfang habe er noch geantwortet und den Verhörer aufgeklärt, irgendwann aber sei er genervt gewesen und habe das Wort blockiert. "Ich sehe es auch als meine Aufgabe, die Diskussion in Bahnen zu lenken."

Hast du schon negative Erfahrungen mit gesperrten Wörtern auf YouTube gemacht? Fallen dir weitere Begriffe ein – oder YouTuberinnen und YouTuber, die wir uns näher anschauen sollten? Hier kannst du Sebastian eine E-Mail schreiben.

Von unseren 28 Test-Begriffen ist nur einer bei Ultralativ gesperrt: AfD. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kommentare mit diesem Wort häufig Trollversuche oder Hetze beinhalten", sagt Fynn. Aber wo hört Moderieren auf – und wo beginnt Zensur?

Im engeren Sinn meint Zensur vor allem die Kontrolle von Informationen durch einen Staat. Es ist nicht automatisch Zensur, wenn jemand in der eigenen Kommentarspalte Inhalte löscht. Kein YouTuber hat die Pflicht, Hetz- und Hasskommentare in der eigenen Kommentarspalte zu dulden. Das nennt man virtuelles Hausrecht. Auch Luca argumentiert so mit Blick auf Beleidigungen und Diskreditierungen: "Die gewissenhafte Arbeit mit der Blacklist sehe ich nicht als Zensur an."

Warum "Gesperrte Wörter" gefährlich sein können

Trotzdem können Blacklists mit gesperrten Wörtern theoretisch zu Zensur führen. Inzwischen haben nicht nur Staaten einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung, sondern auch Online-Plattformen wie YouTube. Die Funktion "Gesperrte Wörter" bedeutet: Mit ein paar Klicks können YouTuber die Diskussionen ihres Millionenpublikums manipulieren – auch dann, wenn es nicht um Duschschaum und Zuckerwatte geht.

Für die Zuschauerinnen und Zuschauer ist nicht transparent, welche Regeln in YouTubes Kommentarspalten herrschen. Im Gegensatz zu Hausordnungen oder sonstigen Regeln aus dem Alltag sind die gesperrten Wörter geheim. Entsprechend hätte auch niemand die Chance, sich aktiv und bewusst an die Regeln zu halten oder sie konstruktiv zu kritisieren, selbst wenn er oder sie das gerne wollte.


Auch auf VICE: Die YouTuberin, die sich selbst verschwinden lässt


Vor wenigen Monaten, im Sommer 2019, haben noch Hunderttausende gegen Uploadfilter protestiert. Auch zahlreiche YouTuberinnen und YouTuber waren dabei, und haben ihre Zuschauer ermuntert, mit auf die Straße zu gehen. Die berechtigte Sorge der Demonstrantinnen: Das freie Internet ist in Gefahr. Die inzwischen beschlossene Reform des EU-Urheberrechts könnte Plattformen dazu zwingen, zahlreiche Videos, Memes und Livestreams vorsorglich zu blockieren, falls damit Urheberrechte verletzt würden.

Auch die Funktion "Gesperrte Wörter" macht das Internet weniger frei. Unser Recherche zeigt: Nicht nur Algorithmen, Trendseiten und Newsfeeds bestimmen, was wir in sozialen Medien sehen, sondern auch spontan erlassene Sprechverbote von Influencern. Die von uns beobachteten Fälle sind zwar harmlos, zeigen aber, was technisch möglich ist.

Eine Folge davon ist Overblocking; das heißt, dass auch eigentlich erwünschte Inhalte automatisch gesperrt werden. Wie schnell das passieren kann, hat unser Test gezeigt: Die zahlreichen Kommentare, die wir mit gesperrten Wörtern verfasst haben, waren vorwiegend positiv. "aww ihr habt mein herz geklaut", lautet einer unserer gesperrten Kommentare bei ViktoriaSarina. Ebenso gesperrt wurde unser Beitrag in der Kommentarspalte von Luca: "wichtiges video danke, hilfreich und kein Clickbait".

Update, 18. Februar 2020, 17.55 Uhr: Wir haben den Text um die Reaktion von Simon Unge ergänzt.

Mitarbeit: Fynn Kröger

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Social Media, Influencer, Plattformen

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