Ich habe versucht, meine Alltagsängste zu überwinden

Keime im Schwimmbad, ein Restaurant besuchen, ohne es davor zu googeln. Meine Ängste kommen mir lächerlich vor. Zeit, sie zu überwinden.

Ich habe Angst davor, irgendwann beim Bachelor mitzumachen und dann einen dieser schrecklichen Cocktails vorgesetzt zu bekommen. Aus Höflichkeit würde ich ihn trotz meiner Kiwi-Allergie trinken und vor ganz Deutschland an einem anaphylaktischen Schock sterben. Diese Angst werde ich heute nicht überwinden. Aber ein paar andere vielleicht schon.

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Ich liste meine Ängste auf wie Gemüse auf einer Einkaufsliste. Immer fällt mir etwas Neues ein. Wahrscheinlich ist es tagesabhängig, wovor ich Angst habe. Für heute schreibe ich auf: Höhe, alleine in einem Restaurant essen, ein Restaurant besuchen, ohne es davor gegoogelt zu haben. Ich habe Angst vor der Zukunft, Angst, dass das Morgen zu früh kommt und ich zu spät bin mit allem. Ich habe Angst davor, irgendwann mit dem Meditieren anfangen zu müssen. Ich habe Angst vor Bakterien auf dem Schwimmbadboden.

Mit sieben Jahren habe ich erfahren, was Fußpilz ist. Bei meinem Hallenbadbesuch 17 Jahre später weiß ich es immer noch. Über die Decke der Umkleide krabbelt eine Spinne. Wäre das hier der Strand, wäre die Spinne ein Krebs und das kalte Licht, das auf die Fliesen scheint, die Sonne. Und heute Abend wäre mir schlecht wegen zu viel Spaghetti und Sonnenstich. Das Leben wäre gut.

Ich ziehe mich um. In meine Schließfach liegt ein Haar meiner Vorgängerin. Während ich den Weg zu den Duschen suche, merke ich, wie ich automatisch O-Beine mache, damit nur die äußersten Kanten meiner Füße den Boden berühren. Ich zwinge mich, es nicht zu tun. 


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Bei den Duschen riecht es chlorig und ich denke an die Schwimmlehrerin, vor der ich während meiner Grundschulzeit Angst hatte, weil ich nicht neun Meter weit tauchen konnte.

Fusseln und Haare ziehen sich über den nassen Boden des Duschraums wie Algen über den Strand. Durch die großen Fenster scheint die Sonne auf uns Schwimmende. Als ich aus dem Wasser steige, setze ich mich auf die geflieste Stufe am Fenster und die Bakterien schmiegen sich an mich. So ist das im Schwimmbad. Ich schaue den anderen dabei zu, wie sie im Licht ihre Bahnen ziehen. Das Wasser glitzert. Und alles sieht zu bunt und zu schön aus – wie in einer Versicherungswerbung. Die gibt uns immer das Gefühl, dass nichts passieren kann. Ein Pärchen sitzt auf einer viel zu grünen Wiese und lacht. Wie kann da schon etwas passieren? Also sitze ich auch hier, wahrscheinlich sehe auch ich viel zu grell aus und mein Gesicht viel zu zufrieden. Hier kann mir nichts passieren. Auch kein Fußpilz.

Nach dem Schwimmbad fahre ich Richtung Alexanderplatz. Bevor ich auf einen Turm steige und mich meiner Höhenangst stelle, will ich die Zeit nutzen, um mich von den Keimen zu beruhigen. Manchmal habe ich Angst davor, meditieren zu müssen. Angst davor, einen Punkt zu erreichen, an dem ich keine andere Möglichkeit habe, außer zu meditieren. Mein letzter Ausweg: die innere Mitte. Die Situationen, in denen ich so nervös bin, dass es sich lohnen würde, nach meiner inneren Mitte zu suchen, bewältige ich aber anders. Ich krame dann in irgendeiner Schublade nach dieser Zigarettenpackung, die Leute bei mir vergessen haben, und setze mich raus. Und dann fühle ich mich dramatisch, bis ich mich lächerlich fühle. 

In den USA stieg 2020 die Zahl der verkauften Zigaretten erstmals wieder seit dem Jahr 2000. Und ich stelle mir vor, wie sich 2020 plötzlich mehr Amerikanerinnen für immer von ihrer inneren Mitte trennen wollten. Nie wieder atmen sie regelmäßig ein- und aus. Durch ihre Körper fließt keine Ruhe, nur das Nikotin. Die Körperteile werden nicht ganz, ganz schwer, werden nicht eins mit der Matratze, auf der sie liegen. Nein: Herzklopfen, hoher Blutdruck, verengte Blutgefäße.

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Ich scrolle durch die YouTube-Videovorschläge mit Meditationsklängen. Hier ist ewiger Sonnenuntergang. Hier färbt die Sonne den Himmel immer rosa. Hier plätschern Wasserfälle stetig vor sich hin. "Sleep Immediately with Beautiful Jungle Waterfall" oder "Cleanse Negative Energy, Healing Music, Meditation" stehen als Titel. Ich finde eine Meditation, die vier Minuten dauert. Auf einer Bank auf einem der stressigsten Plätze Berlins probiere ich sie aus. "Coming into stillness …", beginnt die Frauenstimme die Mediation. Jede einzelne Silbe ist lang gezogen. Meine Ungeduld und ich atmen tief ein und langsam aus. Als ich nach vier Minuten die Augen öffne, ist alles immer noch so wie vorher. Wahrscheinlich habe ich einfach schon mal meditiert. Ganz aus Versehen. Morgens in der U-Bahn, wenn die Wagen hin- und herschaukeln und ich weiß, dass das nicht mein Halt ist, und noch sitzen bleiben kann. Oder wenn ich auf dem Weg zum Kaffeetrinken kurz in der Sonne stehen bleibe. Oder wenn ich Haferflocken in die blubbernde Milch rühre.

Als ich auf das höchste Gebäude Berlins steigen will, hat es zu. Den Touristen, die heute eigentlich auf den Fernsehturm wollten, bleibt nicht anderes übrig, als bei der Weinmeisterstraße PR-Angestellten in die Hacken zu laufen oder auf dem Potsdamer Platz zu stehen, weil da ja sonst niemand sein will, oder die immer gleichen Fotos vom Brandenburger Tor, U-Bahnhöfen und Mauerpark zu posten, als müssten sie der Welt mitteilen, dass hier alles immer noch gleich aussieht, dass alles immer noch da ist. Statt 203 Metern müssen also die 120 Meter des Park Inn Hotels reichen. Mit dem Aufzug in die 35. Etage und dann zu Fuß bis in die 40., lautet die Anweisung der Rezeption, als ich frage, wie ich auf die Dachterrasse komme. Auf dem Hotelteppich ziehen sich rosa Kreise über grau-lila Zebramuster und ich will wissen, wer sowas designt. Im Treppenhaus zur Aussichtsterrasse hängen eingerahmte Bilder von einem grinsenden Thomas Dold, der offenbar hier und im Empire State Building sehr schnell die Treppe hochgerannt ist und dafür Preise gewonnen hat. 

Ganz oben zahle ich dann Eintritt, um durch ein Netz auf Berlin runterzuschauen. Bis ganz zur Kante kann ich nicht gehen. Ein Geländer trennt uns. Wirklich Angst macht mir das nicht. Aber auch ohne Angst bleibe ich noch ein bisschen stehen. Blechern klingt ein Lied aus den Lautsprechern, vielleicht von Maroon 5. Von hier oben sieht Berlin wie immer aus und ich mache ein Foto, damit ich es beweisen kann.

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Fürs Abendessen bin ich mit niemandem verabredet. Eigentlich sollte das nicht schlimm sein. Ich gehe gerne alleine ins Kino, ins Museum, Kaffee trinken, Mittagessen. Ein Abendessen alleine finde ich schwieriger. Ich habe Angst, eine Person zu treffen, die ich kenne. Grundlos.

Ich habe entschieden, spazieren zu gehen und spontan ein Restaurant zu besuchen, das ich noch nicht kenne und von dem mir noch niemand vorgeschwärmt hat. Ich war schon lange nicht mehr in einem Restaurant, ohne es davor zu googeln. Durch die Bewertungen und Fotos zu scrollen gibt mir Sicherheit. Manchmal stehen Freunde und ich unschlüssig vor einem Restaurant, tippen auf unsere Handys und warten, bis jemand herausgefunden hat, ob die Bewertungen gut sind. Mit einem Handy in der Hand sind wir nicht mehr spontan.

Nach einer Viertelstunde Fußweg bleibe ich an einer Ecke stehen. Hier war früher ein italienisches Restaurant. Das gibt es jetzt nicht mehr. Jetzt ist hier ein indisches Restaurant, das ich noch nicht kenne. Ich schaue zuerst durch die Fenster und versuche mir vorzustellen, was auf Google Maps dazu stehen könnte. Gemütlich. Zwanglos. In den Bewertungen beschwert sich irgendjemand über fehlende Seife auf den Toiletten oder ein versalzenes Curry. 

Ich traue mich rein. Der Mann hinter dem Tresen sagt mir, dass ich mir einen Platz aussuchen könne. Ich setze mich auf den Platz direkt neben der Tür. Wahrscheinlich mache ich das immer – nahe beim Ausgang sitzen, eine Hand auf der Handbremse haben, mir einen Plan B bereit halten. Jemand sagt mir oft, dass er verliebt ist. Und ich bin das eh auch. Aber es zu sagen, traue ich mich nicht. Ich habe Angst, irgendwas zuzugeben. In meinem Kopf blinkt ein "Exit"-Schild.

Ich bestelle ein Lassi. Als es dann kommt, schmeckt es mir nicht. Aber es kommt in einem hohen, dickwandigen Glas, mit dem man niemandem zuprostet. Zum Glück. Zum Glück kam es nicht in einem dünnen Kelch mit filigranem Stiel, in einem Glas das hochgehoben werden und einem Gegenüber zunicken will. Das ist ein Glas zum Alleinsein.

Irgendwann kommen mehr Gäste. Und ich will aussehen, als wäre das nichts Neues für mich, hier alleine zu sitzen. Ich will aussehen, als wäre heute ein Tag wie immer. Mein Gesicht soll ihnen sagen: Heute habe ich dieselben E-Mails geschrieben wie immer und denselben Kaffee getrunken und dieselben Sätze gelesen, heute ist nichts Überraschendes passiert. Und vielleicht stimmt das. Ich bestelle ein Gericht, das ich kenne, und ich glaube, dass es so schmeckt wie immer. Ich sitze hier und bin auch so wie immer – ein bisschen nervös.

Ein paar Tage später liege ich mit Leuten, die ich mag, auf der Couch. Unsere Beine haben sich verfangen. Und es ist zu warm, weil wir uns in unseren Jacken hingesetzt haben. Wir waren spazieren. Es war dann trotzdem gut. Heute wissen wir nicht, dass die Welt draußen hart ist. Unsere Gesichter sind weich. Aus den Boxen singt jemand auf Französisch. Die Wörter sind unverständlich, weil der Sänger so sehr murmelt. Ich glaube trotzdem, zu wissen, wovon er singt. Denn auf Französisch singt man von Umarmungen und elegantem Aus-dem-Fenster-Rauchen. Eigentlich gäbe es noch Dinge zu tun, aber ich bleibe sitzen und bin verliebt. Das reicht. Wahrscheinlich gehe ich bald schlafen. Irgendwann wird es Morgen. Und ich habe keine Angst. Wir sind beide rechtzeitig. Das Morgen und ich. So ist das mit der Angst, manchmal ist sie kurz weg.

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