Wir haben einen Händler in Bangkok gefragt, warum er Nazi-Merch verkauft

Die Verkäufer sind vorsichtiger geworden, aber der Handel mit Nazi-Memorabilien floriert in Thailand auch im Jahr 2021. Woran liegt das?

Dec 8 2021, 2:26pm

Auf den ersten Blick wirkt der kleine Laden wie jeder andere Souvenirstand in dem Shopping-Labyrinth, das sich Chatuchak-Markt nennt. Das 1,13 Quadratkilometer große Gelände mit seinen etwa 10.000 kleinen Geschäften befindet sich in Bangkok und zählt zu den größten Märkten Thailands. Angeboten werden dort vor allem jeder erdenkliche Krimskrams, Essen, kitschige Thailand-Andenken und gefälschte Fußballtrikots

Wenn man den Laden allerdings betritt, zeigt sich eine der dunklen Seiten des Marktes. An den Wänden hängen militärische Flaggen und Banner aus dem Dritten Reich, es sind rostige Nachbildungen von SS-Dolchen und -Schnappmessern ausgestellt. Zudem kann man dort Hakenkreuz-Aufnäher und -Armbinden sowie T-Shirts mit dem Konterfei von Adolf Hitler oder mit eindeutigen Nazi-Symbolen kaufen.

Anzeige

Vor der Pandemie haben solche Nazi-Memorabilien noch häufig die Aufmerksamkeit und manchmal auch die Wut einiger der Hunderttausenden Touristen auf sich gezogen, die jedes Jahr durch den riesigen Markt flanieren.

Derzeit ruht der Tourismus in Thailand jedoch fast vollständig. Trotzdem sagt Ton, der Besitzer des kleinen Ladens, dass er sich der Risiken bewusst sei, die der Verkauf von Nazi-Merchandise weiterhin mit sich bringt. Er könne sich noch gut daran erinnern, wie verschiedene Künstlerinnen und Geschäftsbesitzer aus Thailand in den letzten Jahren weltweit in die Schlagzeilen gerieten, weil sie Dinge mit eindeutigem Nazi-Bezug entweder verkauften oder bei öffentlichen Auftritten trugen

So sieht es in Tons Laden aus | Foto: VICE World News

"Wir müssen vorsichtig sein, weil sich vor allem die Leute aus Europa über uns aufregen und uns vielleicht bei den Botschaften melden. Das wollen wir vermeiden", sagt Ton gegenüber VICE. "Denn das wäre schlecht fürs Geschäft."

Unterm Strich können Ton und die beiden anderen Männer, die mit ihm zusammen den Laden betreiben, ihren offenen Handel von Nazi-Merchandise aber ganz in Ruhe betreiben.

"Wir geben uns nur mit ernsthaften Kunden ab", sagt Ton, während er die Großbestellung eines anonymen Käufers aus Japan bearbeitet. "Thailand gehört zu den wenigen Ländern, in denen man Nazi-Objekte noch frei und legal erwerben kann, ohne dass die Leute einen dafür verurteilen."

"Wenn sich Ausländer heute über meine Darstellungen von Hitler beschweren, sage ich einfach, das sei Charlie Chaplin."

Während Ton ein langes Bestellformular ausfüllt, plaudert er ganz ungezwungen über seine Geschäfte mit privaten Sammlern aus den USA, Kanada oder der Ukraine. Selbst der Musiker Marilyn Manson, dessen Vorliebe für Nazi-Devotionalien kein Geheimnis ist, soll zu Tons Klientel gehören.

Manson, der derzeit wegen Vorwürfen der sexualisierten und häuslichen Gewalt heftig in der Kritik steht, habe laut Ton aber nie selbst auf dem Chatuchak-Markt vorbeigeschaut. Stattdessen seien Assistenten, Freunde und weibliche Bekannte für Manson shoppen gewesen.

Anzeige

"Die haben immer richtig viel Geld ausgegeben", sagt Ton. "Sie zeigten uns ein Bild von Manson und kauften dann in seinem Namen diverse Accessoires wie Schnappmesser. Sie erzählten, dass das Geschenke für Fans bei Mansons Konzerten seien."  

Eine Luftaufnahme des Chatuchak-Markts | Foto: MLADEN ANTONOV / AFP

Dass der Handel mit Nazi-Merchandise trotz einiger Kontroversen in Thailand einfach so weitergehen kann, liegt wohl daran, dass man in dem Land an solchen Dingen interessiert ist und sie toleriert. Kritiker machen Ignoranz und eine unangebrachte Faszination für faschistische Regimes dafür verantwortlich. Im Laufe der Jahre sind so viele Berichte über Paraden, Vorführungen, Marken-Brandings und sogar Schul-Events mit Nazi-Bezug zusammengekommen.

Zu den kontroversesten Zwischenfällen zählt ein TV-Auftritt im Jahr 2019, bei dem eine berühmte thailändische Popsängerin nur wenige Tage vor dem internationalen Holocaust-Gedenktag ein Hakenkreuz-Shirt trug. Und ein Propagandafilm, den die damalige Militärregierung 2014 in Auftrag gab. In diesem Film ist unerklärlicherweise auch ein Junge zu sehen, der ein Bild von Adolf Hitler vor einem Hakenkreuz malt.

Dann gibt es noch den aufstrebenden thailändischen Streetwear-Designer Hut, der vor allem für seine T-Shirts mit "niedlichen" Hitler-Motiven bekannt ist. 2011 zog das den Ärger des damaligen israelischen Botschafters in Thailand auf sich, der wütend zu Huts Laden lief, um den Designer wegen dessen "McHitler"-Shirts zu konfrontieren. Dort musste der Botschafter dann zuerst eine Hitler-Puppe sehen, die ihren elektrischen Arm die ganze Zeit zum Hitlergruß hob.

Anzeige

"Er knüllte einige meiner Shirts und eine meiner Visitenkarten zusammen", sagte Hut 2012 in einem Interview mit der israelischen Zeitung Jerusalem Post. "Wenn sich Ausländer heute über meine Darstellungen von Hitler beschweren, sage ich einfach, das sei Charlie Chaplin."

"Zwar wissen jetzt mehr Thailänderinnen und Thailänder, wer Hitler war, aber sie sehen ihn in einer Reihe mit Leuten wie Che Guevara, Mao und Kim Jong-un."

Die thailändischen Behörden haben sich schon mehrfach öffentlich entschuldigt und dazu verpflichtet, sich in Sachen Bildung und öffentliches Bewusstsein zum Thema Holocaust zu bessern. Aber selbst die angesehene Chulalongkorn University musste sich 2013 entschuldigen, weil man erlaubt hatte, dass auf dem Campus ein Mauergemälde mit dem Abbild von Hitler ausgestellt wurde.

Trotz der großen Empörung, die all diese Zwischenfälle verursacht haben, habe sich an der Verbreitung von Nazi-Symbolik in Thailand bis heute nichts geändert, sagt Tul Israngura Na Ayudhya, ein Dozent für deutsche Geschichte an der Chulalongkorn University. Er sagt auch, dass  – ungeachtet der ganzen Versprechen vom Bildungsministerium gegenüber der israelischen Botschaft in Bangkok – an den thailändischen Schulen weiter nur völlig unzureichend über den Holocaust unterrichtet werde.

"Vielleicht wird in den Medien nicht mehr so viel über kontroverse Nazi-Zwischenfälle berichtet, aber die ganze Symbolik ist hier immer noch präsent", sagt Tul. "Zwar wissen jetzt mehr Thailänderinnen und Thailänder, wer Hitler war, aber sie sehen ihn in einer Reihe mit Leuten wie Che Guevara, Mao und Kim Jong-un. Sie sind sich des Ausmaßes von Hitlers Gräueltaten nicht bewusst und verstehen nicht, was die Opfer des Holocaustes durchmachen mussten."

VICE hat die israelische Botschaft in Bangkok um eine Stellungnahme bezüglich des fortlaufenden Verkaufs von Nazi-Merchandise auf thailändischen Märkten gebeten. Wir haben bis zur Veröffentlichung dieses Artikels keine Antwort erhalten.

 "Viele der jungen Thais, die im vergangenen Jahr in Bangkok gegen den Militärcoup demonstriert haben, sind gegen Diktaturen – also das, was auch bei Hitler war."

Der Student Narupol Chaiyot gibt zu, genau wie viele andere Jugendliche aus Thailand T-Shirts mit Hitler als Cartoonfigur besessen zu haben – bevor er es besser wusste. "Cartoons von lokalen Künstlerinnen und Künstlern sind bei jungen Thais allgemein sehr beliebt", sagt er. "Egal ob jetzt Hitler oder ein US-Präsident dargestellt wird, wir denken normalerweise nicht länger darüber nach, ob das irgendeine Bedeutung hat. Wir tragen auch gerne alberne Sprüche oder Markenlogos, das Ganze ist bei uns also nichts Außergewöhnliches."

Wie Chaiyot erzählt, hätten die kürzlichen Unruhen in Thailand, bei denen Studierende gegen die vom Militär gestützte Regierung auf die Straße gingen und sogar Kritik an der Monarchie übten, für ein Umdenken bei jungen Thailänderinnen und Thailändern gesorgt. Er selbst sei sich nun auch bewusster, warum Nazi-Merchandise andere Menschen verletzen und verärgern kann.

"Viele der jungen Thais, die im vergangenen Jahr in Bangkok gegen den Militärcoup demonstriert haben, sind gegen Diktaturen – also das, was auch bei Hitler war", sagt der Student. "Ich würde jetzt natürlich zweimal darüber nachdenken, irgendetwas zu kaufen, auf dem Hitlers Gesicht oder ein Nazi-Symbol drauf ist. Denn ich glaube nicht an die Ideologie, für die er stand." 

Man wird auf den Märkten in Bangkok schnell fündig, wenn man nach solchen Nazi-Memorabilien sucht | Foto: LILLIAN SUWANRUMPHA / AFP

Auf dem Chatuchak-Markt gibt es nur wenige Gänge von Tons Nazi-Merch-Laden entfernt einen anderen kleinen Stand: "Siam Rare Books and Antiques". Früher wurde dieser Stand von dem in Bayern geborenen Manuel Finsterer betrieben, der dort auch Nazi-Literatur und -Objekte verkaufte und so viele Touristen verärgerte. Derzeit ist der Stand geschlossen und verriegelt, Finsterer ist wieder in Deutschland.

"Die Pandemie hat ihn zurück nach Deutschland getrieben, nicht die Aufregung um seinen Laden", sagt ein thailändischer Bücherhändler, der seinen Stand neben dem von Finsterer betreibt. "Er meinte aber, dass er wegen seiner Rückkehr nach Hause besorgt sei, weil er Geschäfte in Thailand gemacht hat. Er ist dann ziemlich schnell fort."

Hatte Finsterer trotzdem noch Zeit, seine kontroverse Sammlung an Nazi-Geschichtsbüchern und -Artefakten zu verkaufen? Anscheinend nicht. "Ich nahm ihm alles ab und stellte es zu guten Preisen ins Internet", sagt sein Standnachbar. "Es dauerte nicht lange, und alles war verkauft."

Folge VICE auf Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat.

Tagged:

Thailand, bangkok, Adolf Hitler, gesellschaft, Nazi, faszination, vgwrp-f2c1c8e805ea4c9c8a654e93339db4d1

Lies
mehr davon
Neustart nach Nervenzusammenbruch: Wie sich dieser Profisportler zurückgekämpft hat
Der neue Marvel-Film will woke sein um jeden Preis
Ein ukrainischer Matrose hat offenbar versucht, die Superjacht seines russischen Chefs zu versenken
Ausländische Kämpfer berichten, wie grausam der Krieg in der Ukraine ist
Der ultimative Guide zu Studio-Ghibli-Filmen
Jetzt wirds ernst: Die Klimakrise bedroht den Champagner
Die absurde Geschichte eines österreichischen Nazi-Rappers
Australien ist das betrunkenste Land der Welt