10 Fragen an eine Kammerjägerin, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Was war das Widerlichste, das du auf der Arbeit erlebt hast? Wie oft wirst du in Supermärkte gerufen? Wie grausam ist der Tod durch Rattengift?

02 Oktober 2020, 8:49amSnap
10 Fragen, die du dich niemals trauen würdest zu stellen. Wirklich nicht.

Die meisten Menschen würden wohl nach draußen rennen, wenn in ihrer Wohnung eine dicke Kanalratte genüsslich an der Nudel mit Pesto knabbert, die ihnen vor drei Tagen unter den Stuhl gefallen ist. Nicht aber Tina. Tina rennt rein – sie ist Kammerjägerin.

Obwohl sie sich täglich mit Wespen, Kakerlaken und Mäusen in Hinterhöfen, Messi-Wohnungen oder Restaurantküchen herumschlagen muss, findet sie ihren Job "cool", sagt sie.

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Wir haben Fragen. Und dieses Mal hatten wir mehr Angst vor den Antworten als vor den Fragen selbst.


VICE-Video: Diese Superratten sind genetisch resistent gegen Gift


VICE: Wie grausam ist der Tod durch Rattengift?
Tina: Rattengift hemmt die Blutgerinnung. Die Ratten ziehen sich dann beim Laufen Muskelfaserrisse zu und verbluten innerlich daran.

Meistens verziehen sie sich dann zum Sterben. Das Gift wirkt mit Verzögerung, sonst würde keine Ratten mehr an der Köderstation fressen, wenn eine andere gerade darin stirbt. Das wäre sonst, als wären wir irgendwo zu Kaffee und Kuchen eingeladen, nur eine Person isst davon und kippt danach tot um – da würden wir ja auch nichts mehr essen. Ratten sind relativ schlau.

Wenn ich darüber nachdenke, bekomme ich schon ein schlechtes Gewissen.

"Ich weiß, dass es bescheuert ist, aber ich habe wahnsinnige Angst vor Spinnen." | Foto: Hakki Topcu

Wie oft wirst du in Supermärkte oder Restaurants gerufen?
Regelmäßig, oft präventiv. In Supermärkten fallen Ratten und Mäuse unter den großen Regalen nicht so schnell auf. Wir gucken deshalb einmal im Monat nach, ob etwas an den Köderstationen gefressen wurde oder Insekten am Klebestreifen kleben. Dann können wir schnell reagieren.

Es gibt Restaurants, die sind von außen hui, aber von innen furchtbar. Das hat aber meistens nichts mit Schädlingen zu tun, sondern mit Dreck. Wenn man sieht, was da unter den Regalen los ist, will man da nicht mehr essen gehen.

Ich werde oft von Freunden gefragt, wo sie nicht essen gehen sollten. Das darf ich aber nicht sagen, weil wir eine Art Schweigepflicht haben. Aber ich darf natürlich weiterhin Restaurants empfehlen [lacht].

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Was war das Widerlichste, das du auf der Arbeit erlebt hast?
Meine Ekelgrenze ist relativ hoch. Ich habe aber Probleme damit, wenn es stinkt. Wenn in einem Keller ein Kadaver liegt, rieche ich das mittlerweile schon, sobald ich ihn betrete. Diesen Geruch vergisst man nicht mehr.

Ansonsten gibt es echt widerliche und vermüllte Buden. Da wundert es mich dann auch nicht, dass es dort Insekten gibt. Mein Kollege war mal in einer Wohnung, da haben ihm die Ratten quasi schon aus dem Fenster zugewunken.

Hast du ein schlechtes Gewissen, weil du dich aktiv am Insektensterben beteiligst?
Es gibt Räumlichkeiten, in denen man wirklich keine Insekten gebrauchen kann. Zum Beispiel in Küchen oder Restaurants. Da finde ich es OK, die Insekten zu töten, weil sie gesundheitsschädigend sein können.

Bei Wespennestern habe ich schon manchmal ein schlechtes Gewissen. Die sind halt nicht nur kacke und nervig, sondern auch nützlich. Wespen bestäuben ja auch Blüten. Ich versuche dann immer, Alternativen aufzuzeigen, zum Beispiel Fliegengitter, aber den meisten Menschen fehlt bei Wespen das Verständnis.

Bienen dürften wir gar nicht so einfach wegmachen und das will ich auch gar nicht. Die müssen von einem Imker umgesiedelt werden. Viele Menschen kennen den Unterschied zwischen Bienen und Wespen aber auch nicht und rufen dann panisch an, weil sie Wespen im Garten hätten. Dabei tun Bienen gar nichts – es sei denn, man bedroht sie. Die haben auch meistens kein Interesse an Essen. Wespen sind da anders. Die sagen ihren Kumpels Bescheid, dass es was Cooles zu essen gibt. Und dann kommen alle.

Wovor hast du Angst?
Ich weiß, dass es bescheuert ist, aber ich habe wahnsinnige Angst vor Spinnen. Ich wohne alleine und wenn ich da eine große Spinne entdecke, bin ich wirklich unfähig, sie zu entsorgen. Ich verfalle dann in Schockstarre. Keine Ahnung wieso, die tun ja nichts – zumindest nicht die in Deutschland heimischen Arten. Zum Glück musste ich noch nie zu einer Spinnenbekämpfung.

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Wieso machst du den Job? Wirst du extrem gut bezahlt?
Das ist ein Handwerksjob und dementsprechend nicht überragend bezahlt – aber man kann gut davon leben. Ich bin zufällig in den Job reingerutscht, aber ich finde ihn cool. Selbst eine schnöde Rattenbekämpfung ist jedes Mal anders. Jeder Einsatz ist auch ein bisschen Detektivarbeit. Wenn eine Kundin anruft, weil sie komische Geräusche aus der Zwischendecke hört, muss ich auf Spurensuche gehen, das finde ich spannend. Außerdem bekomme ich Zutritt zu Bereichen, die man sonst nicht einsehen könnte, beispielsweise zu Restaurantküchen oder privaten Wohnungen.

"Ich finde Mäuse und Ratten sehr, sehr süß und wollte als Kind immer welche haben." | Foto: Hakki Topcu

Haben Ratten und Tauben in den Städten nicht eh schon gewonnen?
Ja. Man wird sie nie ganz eliminieren. Die haben begriffen, dass es auf den Straßen viel zu holen gibt. Das sind Überlebenskünstler, die passen sich dem Stadtleben an. Ich halte es nicht für unmöglich, dass Ratten und Tauben überleben, wenn die Menschheit irgendwann mal zugrunde gehen sollte.

Was war der unnötigste Einsatz, zu dem du je gerufen wurdest?
Ein älterer Herr hat sich mal uns gewandt, weil er Geräusche in der Wohnung hörte. Also bin ich hingefahren. Er sagte mir dann, dass er immer so ein Piepsen hören würde. Mal käme es aus der einen Ecke und mal aus der anderen. Ich habe dann die Wohnung abgesucht, aber nichts gefunden. Plötzlich machte es "Piep" und er sagte: "Da ist es wieder!" Ich habe nur zur Decke geguckt und gesagt: "Ich glaube, Sie müssen mal die Batterien von Ihrem Rauchmelder wechseln." Ich musste mir echt das Lachen verkneifen.

Hasst du Ratten, Mäuse und Kakerlaken?
Nein. Ich finde Mäuse und Ratten sogar sehr, sehr süß und wollte als Kind immer welche haben. Durfte ich aber leider von meinen Eltern aus nicht. Ich hatte sogar mal eine Ratte in meiner ersten Wohnung – eine Hausratte, die abgehauen war. Die habe ich dann einfach gefangen und ausgesetzt.

Meistens haben die Kunden aber eher Mäuse im Wohnraum. Es kann aber durchaus passieren, dass Ratten durch die Toilette kommen, wenn es ein Altbau mit alten Rohren ist und die Toiletten keine Rücklaufklappe haben. Das passiert aber selten, ich hatte so einen Fall noch nie.

Denkst du dir bei manchen Kunden, dass sie selbst schuld sind?
Ja. Zum Beispiel, wenn in einem Wohnblock immer wieder Müll neben die Tonne geschmissen wird. Wenn die Kunden nicht mitarbeiten, kann eine Bekämpfung echt schwierig werden. Gerade Mäuse und Ratten vermehren sich so schnell. Mäuse haben vier bis sechs Würfe im Jahr mit bis zu acht Tieren – und die sind dann auch jeweils nach rund zwei Monaten geschlechtsreif. Kann man sich ja vorstellen, wie schnell das dann geht.

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