Wie es ist, zu Unrecht als Amokläufer bezeichnet zu werden

Wir haben mit dem Mann gesprochen, der auf Twitter fälschlich als Angreifer an der Uni Heidelberg gebrandmarkt wurde.

26 Januar 2022, 10:47am

Am Montag um kurz nach 13 Uhr bekommt Tobias Ludloff auf Instagram Nachrichten von einer fremden Person, die ihn als Amokläufer an der Uni Heidelberg darstellen. Kurz zuvor hatte ein Angreifer dort drei Menschen verletzt, einen anderen und schließlich sich selbst getötet. Ob es sich tatsächlich um einen Amoklauf handelt, oder ob der Täter auch politische Motive verfolgte, wird derzeit geprüft.

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Auf Twitter hatte ein Nutzer ein Foto von ihm verbreitet. Darauf zu sehen war Ludloff in Camouflage und mit einem Scharfschützengewehr. Es erinnert an die Bilder, die wir auch von den Tätern von Amokläufen und Terroranschlägen kennen. Dazu schrieb er: "Der Täter wurde als der 23-Jährige Tobias Ludloff identifiziert. Als Motivation für seine Tat gab er an, dass er als radikaler Veganer das Leid der Tiere räche wollte, aber auch eine starke Abneigung gegenüber Studenten besäße…" Nur: Tobias Ludloff ist kein Mörder.

Er ist ein junger Mann, der gelegentlich als Schauspieler arbeitet. Er ist der Autor eines Buches über seinen Autismus, ein YouTube-Aktivist, der sich für vegane Ernährung einsetzt, ein Typ vielleicht auch, der einmal mit den falschen Leuten rumhing. Wir haben mit ihm gesprochen.


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VICE: Während des tödlichen Angriffs an der Uni Heidelberg hast du gerade gearbeitet. Wie hast du davon erfahren?
Tobias Ludloff:
Kurz nach meiner Mittagspause, gegen 13 Uhr, bekam ich Nachrichten von einer unbekannten Person bei Instagram. Sie schickte mir einen Artikel, in dem es hieß, dass ich der mutmaßliche Täter sei und dazu ein Foto von mir in Tarnkleidung und mit Gewehr. 

Und dann?
Ich bekam hunderte Nachrichten, viertausend Menschen sahen sich meine Story vom Vortag an. Einige schrieben mich an: Bist du der Angreifer? Andere beleidigten mich. Mein Handy vibrierte dauerhaft. Dann habe ich das Handy erst mal in den Flugmodus geschaltet, weil es mir einfach zu viel wurde, und die Polizei gerufen.

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Was war dein erster Gedanke?
Mit Hatern habe ich schon länger Probleme, also dachte ich zuerst, dass das wieder ein Streich ist. Haha, ein Troll. Ich blieb cool und habe vielleicht sogar kurz gelacht. Aber dieses Mal war es anders. Die Person hatte ein richtiges Profil, einen Klarnamen und Fotos. Und ich sah, dass es wirklich einen tödlichen Angriff gegeben hatte. Also dachte ich: Scheiße, eine Rufmordkampagne.  

Was hat das mit dir gemacht?
Ich war zuerst sprachlos und ziemlich wütend, weil ich schon einen Verdacht hatte, wer die Gerüchte in Umlauf gebracht hatte. Aber erstmal keine Panik. Ich wurde unruhig. Na klar, ich bekam Herzklopfen. Aber trotzdem habe ich eiskalt mein Ding durchgezogen. 

Was heißt das?
Ich bin Autist und habe Techniken gelernt, mit denen ich meinen Alltag besser meistern kann. Wenn es mir zu viel wird, habe ich meine Atem- und Visualisierungsübungen, Zitate, die ich rezitiere und mit deren Hilfe ich klar denken kann, so auch am Montag. Dann habe ich zuerst meine Social-Media-Profile aufgeräumt, ein paar Fotos und Videos gelöscht, die man gegen mich verwenden könnte, und ein Video aufgenommen, in dem ich klarstelle, dass ich kein Amokläufer bin. Alle Fotos habe ich nicht gelöscht. Bilder mit Knarren zu posten, wenn es zu einer Rolle passt, und allgemein mich schauspielerisch zu betätigen, ist einfach mein Interesse. Und dazu stehe ich auch.

Was sind das für Zitate, die dir helfen?
Ich spiele gern Warhammer 40.000. Wenn es mir schlecht geht, denke ich an die Space Marines. Dann sage ich: "Der Imperator ist mit mir. Der Imperator beschützt mich."

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Woher kam das Foto mit dir und der Waffe?
Das habe ich vor einer Woche in einem Lost Place aufgenommen. Ich spiele derzeit in einer Serie mit, die in einer postapokalyptischen Welt spielt. Ich bin darin ein Sniper, der seinen Auftraggeber nicht kennt. Ich poste eigentlich immer Setbilder.

Du sagst, du hast eine Vermutung, wer hinter der Verleumdung steckt.
Ich hatte früher mit so einer Gruppe von Leuten zu tun, wir waren vielleicht auch befreundet. Wir haben Bierchen getrunken, zusammen gegrillt, aber hinter meinem Rücken haben sie über mich gelästert: "Haha, der Tobi hat wieder ein Video hochgeladen." Und dann haben sie mich auch online getrollt.

Wie?
Zum Beispiel gibt es ein Foto, auf dem ich Holz hacke. Sie haben da mit Photoshop Tiere auf den Holzblock eingefügt. Es sieht also aus, als würde ich die zerhacken. 

Warum machen sie das denn?
Ich denke, den Leuten heutzutage ist langweilig. Die wollen Nervenkitzel. Deshalb mobben sie auch den Drachenlord, fahren zu Rainer Winkler, lassen sich von ihm jagen. Videospiele und Filme reichen ihnen nicht mehr. Wenn Leuten langweilig ist, lassen sie sich Scheiße einfallen. Sie haben den Hass auf mich, weil sie jemanden wollen, der ihnen ein bisschen Nervenkitzel gibt.

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Du bist ja nun ein muskulöser Typ. Was würdest du machen, wenn du die Leute vor dir stehen hättest?
Ich würde sie ignorieren, den Kontakt abbrechen, sie aus meinem Leben entfernen und blockieren. Ich bin nicht so einer, aber ich kann mir gut vorstellen, dass andere Leute ihre Kollegen anrufen und bei ihnen zu Hause auftauchen würden. Diese Leute vergessen, dass ihre Aktionen im Internet auch Konsequenzen im echten Leben haben können.

Konnte die Polizei dir weiterhelfen?
Zuerst habe ich sie, glaube ich, ein bisschen überfordert. Ich meine, da stand ein YouTuber vor ihnen, ein Autist und Schauspieler, ein Veganer, der Fotos mit Waffen im Internet postet. Es brauchte mehrere Anläufe, bis sie verstanden hatten, was ich will. Ich werde eine Anzeige gegen unbekannt stellen. 

Kriegst du Support von deinem Umfeld?
Alle meine Freunde stehen hinter mir und sind stinksauer auf die Typen. Und seit ich auf Instagram ein Video gepostet habe, in dem ich klarstelle, dass ich kein Amokläufer bin, kriege ich unzählige liebe Nachrichten. Das überfordert mich schon fast, so nett ist es. 

Freust du dich mittlerweile mehr über die netten Nachrichten, als du dich über die fiesen ärgerst?
Ja, aber es ist ein bittersüßes Gefühl. Da hat immerhin ein tödlicher Angriff stattgefunden, Menschen sind gestorben, und ich wurde instrumentalisiert, damit ein paar Leute was zu lachen haben.

Update vom 26. Januar, 12:30 Uhr: In einer früheren Version haben wir von einem "Amoklauf" gesprochen. Die Motive des Täters sind allerdings noch nicht eindeutig geklärt. Wir haben das geändert und benutzen nun den Begriff "tödlicher Angriff".

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