Nach Sinneswandel: Warum wir Xavier Naidoo eine Chance geben sollten

Er verbreitet seit Jahren Verschwörungserzählungen, jetzt will er davon loskommen. Wie man als Gesellschaft darauf reagieren sollte, erklärt der Experte Niklas Vögeding.

Seit Jahren ist Xavier Naidoo bekannt für seine verschwörungsideologischen und antisemitischen Äußerungen. Vor Kurzem veröffentlichte er ein Video, indem er Reue zeigte. Darin sagte er: "Ich habe Dinge gesagt und getan, die ich heute bereue. Mir ist es deshalb wichtig, euch zu sagen, dass ich mich von allen Extremen distanziere. Insbesondere von rechten und verschwörerischen Gruppen." Wie glaubhaft ist das? Wie soll man damit umgehen?

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Niklas Vögeding ist Berater und Koordinator von veritas, einer Beratungsstelle für Betroffene von Verschwörungserzählungen. Er beschäftigt sich täglich mit dem Ausstieg aus der Szene und den Sorgen von Angehörigen. Wir haben ihn gefragt, ob man Xavier Naidoo trauen kann – und was man am besten tut, wenn der Onkel oder die Schwester plötzlich seltsame Links senden. 


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VICE: In einem dreiminütigen Video erklärt der Sänger Xavier Naidoo, dass er sich von Verschwörungserzählungen losgesagt hat. Er entschuldigt sich für seine Äußerungen aus der Vergangenheit. Ist das glaubhaft?
Niklas Vögeding:
Aus diesen drei Minuten ist es schwer zu schließen, wie weit er sich von dieser Ideologie abgewandt hat – oder ob er das wirklich getan hat. Es könnte einfach ein Marketingtrick sein. Aber: Es könnte auch der erste Ansatz eines Distanzierungsprozesses sein.

Was spricht für Sie dafür, dass es ein Marketingtrick ist?
Er hat nicht konkret benannt, wovon er sich distanziert. Zum Beispiel hat er nicht gesagt: Die Impfung gegen COVID-19 hilft doch und es gibt keinen "Deep State". Stattdessen sagt er, er sei auf Leute "reingefallen". Damit habe ich Bauchschmerzen. Denn er hat diese Ideen auch propagiert - mit einer massiven Reichweite in der Szene. Da kann er sich nicht so leicht aus der Verantwortung nehmen.

Niklas Vögeding, 29 Jahre, arbeitet bei der Beratungsstelle veritas, die Verschwörungsgläubigen und deren Angehörigen hilft | Foto: privat

Gibt es in dem Video Hinweise dafür, dass Xavier Naidoo es ernst meint?
Ja, er argumentiert mit persönlichen Erfahrungen. So spricht er etwa davon, dass seine Frau Ukrainerin ist und dass er Freunde und Familie aus dem Land geholt hat. In der Beratungspraxis begegnet mir das regelmäßig: Wenn Leute daran zweifeln, ob das stimmt, was sie glauben, dann passiert das nicht, weil sie Statistiken wälzen, sondern es passiert wegen persönlicher Erfahrungen, die emotional berühren.

"Er hat wenn dann gemerkt: Fuck, ich habe mich verrannt."

Xavier Naidoo hat mit seinen Worten jahrelang Menschen diffamiert und verletzt. Wie findet man den richtigen Umgang mit jemandem, der sich jetzt öffentlich als geläutert präsentiert?
Das hängt davon ab, wie Xavier Naidoo sich in nächster Zeit verhalten wird. Bleibt es bei dem Video und er geht wieder auf Tour, dann würde ich sagen: Du bist nicht rehabilitiert.

Aber ich finde es wichtig, dass wir als Gesellschaft in die Veränderungsfähigkeit und -willigkeit von Menschen vertrauen. Es gibt Verschwörungsgläubige, die nachdenken, reflektieren, zweifeln und sich unsicher fühlen. Denen dürfen wir nicht das Signal senden, sie seien verbrannt. Wir müssen ein Grundvertrauen in Xavier Naidoos Aussagen haben und ihn dann an seinen Taten messen. 

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Warum ist das so wichtig?
Das ist jetzt ein Präzedenzfall. Daran werden sich Leute orientieren. Ich halte es für extrem wichtig, jetzt nicht zu sagen: Das ist unverzeihlich und du wirst nie wieder den Weg zurück in die Gesellschaft finden. Damit tun wir uns keinen Gefallen. Wir müssen ihn unterstützen, ohne naiv zu sein.

Kein leichter Spagat.
Stimmt. Aber Gesellschaften müssen auch Widersprüche aushalten. Wir sollten Xavier Naidoo ermöglichen, diesen Weg zu gehen, den er angekündigt hat.

Sollten wir ihm also glauben, was er erzählt?
Nicht bedingungslos. Ich sage nicht, er soll jetzt in Talkshows seine Überzeugungen teilen und wieder Jurymitglied von Deutschland sucht den Superstar werden. Doch wir sollten ihm die Chance geben, unter Beweis zu stellen, dass ein aufrichtiger Reflexionsprozess stattgefunden hat. Oder wahrscheinlich eher noch stattfindet. 

Noch stattfindet?
Ich lese das Video als den Anfang eines langen Prozesses. Er hat wenn dann gemerkt: Fuck, ich habe mich verrannt. Das heißt aber nicht, dass er plötzlich der Wissenschaft und den Medien vertraut. Es braucht Zeit, sich neu zu orientieren.

"Bei ihm wird ein Ausstieg wohl mehrere Jahre dauern."

Wie läuft so ein Ausstieg ab?
Das funktioniert nicht wie ein Lichtschalter, den man ausknipst und dann wieder im alten Leben ist. Ein erster Schritt ist etwa, sich von sozialen Kontakten aus dem verschwörungsideologischen Milieu zu distanzieren. In der Ausstiegsberatung im Kontext Rechtsextremismus mit jungen Menschen könnte etwa ein erster Schritt schon sein zu sagen: Ich gehe jetzt nicht mehr auf diese Demonstrationen. Der vielleicht schwierigere Teil ist es, diese Ideologie ernsthaft zu hinterfragen. Verschwörungsgläubige haben sich Ideen und Weltanschauung jahrelang antrainiert. Nun müssen sie sich selbst prüfen: Was hat mich da rein getrieben? Warum habe ich das geglaubt? Welche Bedürfnisse habe ich dadurch befriedigt? Welchen Schaden habe ich angerichtet?

Das klingt wie ein Bruch mit der eigenen Identität.
Absolut. Das ist schmerzhaft. Viele schließen sich den Verschwörungserzählungen an, weil es für sie identitätsstiftend ist. Sie werden zum Teil einer Gruppe, die dann ihre Identität prägt.

Wie lange wird es bei Xavier Naidoo dauern, bis er zu seiner alten Identität zurückfindet?
Er hat schon um die Jahrtausendwende Verschwörungserzählungen propagiert – mehr als 20 Jahre lang. Bei ihm wird ein Ausstieg wohl mehrere Jahre dauern.
Er hat Jahrzehnte lang Antisemitismus gepredigt. Das ist ein Weltbild, das tief in der Psyche des Einzelnen verwurzelt ist. Es braucht Zeit, sich davon abzuwenden. Niemand gibt seine grundlegenden Überzeugungen von heute auf morgen auf.

"Es wäre völlig OK, wenn er sagt, ich lasse das professionell begleiten und ziehe mich erstmal zurück."

Wie kann man als Angehörige Verschwörungsgläubigen im eigenen Umfeld beim Ausstieg helfen?
Es sind oft persönliche Erfahrungen, die aufrütteln. Das können banale Dinge sein: ein altes Hobby wiederbeleben oder das Gefühl haben, wieder gebraucht zu werden. Dann werden die Verschwörungserzählungen unwichtiger. Elementar ist es, als Angehörige nicht zynisch, herablassend oder pathologisierend zu sein, sondern zugewandt zu bleiben.

Wie reagiert man am klügsten, wenn der Onkel Verschwörungsvideos in die WhatsApp-Familiengruppe postet?
Man kann ruhig sagen: Ich habe da andere Informationen. Aber besser nicht: Spinnst du, was ist das für ein Bullshit?!

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Also sachlich widersprechen?
Genau. Danach würde ich das Gespräch persönlich fortsetzen und fragen: Wie bist du zu diesem Link gekommen? Wie ging es dir als du das gelesen hast? Dann würde ich weniger über den Inhalt des Links sprechen und versuchen, eine emotionale Ebene zu adressieren. Dabei kann man schon deutlich machen, dass man Antisemitismus, Sexismus oder anti-demokratisches Denken ablehnt oder von derartigen Äußerungen verletzt ist.

Das kann für Angehörige schnell belastend werden.
Natürlich muss man sich als Angehöriger auch fragen: Wo sind meine eigenen Grenzen? Wer dieses Interview liest, sollte auf keinen Fall sein Leben aufgeben, um nur noch sinnstiftende Angebote für den Verschwörungsgläubigen zu machen, sondern in erster Linie darauf achten, sich selbst zu schützen.

Wie könnte Xavier Naidoo seine Radikalisierungserfahrung nutzen, um präventiv zu wirken?
Die Frage ist zunächst: Wie gefestigt ist er in seiner "De-Radikalisierung"? Es wäre völlig OK, wenn er sagt, ich lasse das professionell begleiten und ziehe mich erstmal zurück. Wenn er gefestigt ist, kann er seine Reichweite und seinen Einfluss auf das Verschwörungsmilieu nutzen, indem etwa Aufklärungsvideos macht, darüber schreibt oder Präventionsprojekte unterstützt.

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