Neustart nach Nervenzusammenbruch: Wie sich dieser Profisportler zurückgekämpft hat

Eishockeyspieler Manuel Wiederer stand kurz vor dem Sprung in die beste Liga der Welt, dann wurde alles zu viel. Wir haben mit ihm über Erfolgsdruck, psychologische Hilfe und sein erfolgreiches Comeback gesprochen.

18 März 2022, 2:36pm

69 Tore und 52 Vorlagen in nur 22 Spielen. Was nach dem Ergebnis eines Cheatcodes in einem Videospiel klingt, war für Eishockeyprofi Manuel Wiederer Realität. Mit 16 Jahren räumte er 2012/2013 im Nachwuchsteam seines bayerischen Heimatvereins, dem Deggendorfer SC, alles ab – und wurde trotz seines jungen Alters in den Profikader des Drittligisten berufen. Eine erfolgreiche Karriere schien vorprogrammiert. Inklusive immensen Erfolgsdruck.

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Plötzlich ging alles ganz schnell. 2014 stieg Wiederer in die DEL ein, die höchste deutsche Eishockeyliga. Nach weiteren Stationen spielte er ab 2017 in Kalifornien für die San Jose Barracuda, dem Farmteam der San Jose Sharks. Farmteams sind die letzte Stufe vor der NHL, darin sollen sich die meist jungen Spieler an das hohe spielerische Level gewöhnen. Die Tür in die beste Eishockeyliga der Welt stand für Wiederer weit offen.


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Ab da geriet die Karriere des heute 25-Jährigen vor allem wegen Verletzungen ins Stocken. Vor zwei Jahren kehrte er nach Deutschland zurück. Persönliche Umstände, körperliche Probleme und eine ungewisse Zukunft setzten Wiederer in dieser Zeit mental schwer zu – so schwer, dass er sich zu einem radikalen Schritt entschied: Er löste seinen Vertrag in San Jose auf und zog sich zum Wohle seiner psychischen Gesundheit mehrere Monate aus der Öffentlichkeit zurück.

Dieser mentale und körperliche Reset habe ihm gut getan, sagt Wiederer. Inzwischen spielt er für die Eisbären Berlin – und sei noch nie in einer besseren mentalen und körperlichen Verfassung gewesen. Das zeigen auch die Ergebnisse: Sein Team steht an der DEL-Tabellenspitze, und Wiederer ist als Leistungsträger fest im Kader gesetzt. Wir haben mit ihm über die Folgen von Erfolgsdruck, mentale Gesundheit im Profisport und sein Comeback mit freiem Kopf gesprochen.

Bei seiner ersten DEL-Station in Straubing war Wiederer noch nicht volljährig und musste deshalb noch ein Gitter als Gesichtsschutz tragen | Foto: IMAGO / Eibner

VICE: Deine bisherige Eishockeykarriere verlief turbulent, du standest kurz vor dem Sprung in die beste Liga der Welt, dann musstest du 2020 für deine mentale Gesundheit plötzlich eine Zwangspause einlegen. Aber fangen wir von vorne an. Du bist schon als 17-Jähriger in die DEL eingestiegen, also die höchste deutsche Eishockeyliga. Wie groß war in Straubing der Leistungsdruck als junges Ausnahmetalent?
Manuel Wiederer:
Der Druck war durch einen gewissen Hype natürlich schon groß. Eigentlich war der Plan, dass ich erstmal in der zweiten Liga beim Kooperationsteam in Kaufbeuren eingesetzt werde. Aber durch Verletzungen bei anderen Spielern bin ich direkt fast die komplette Saison für Straubing aufgelaufen.

Wie bist du mit diesem Druck umgegangen?
Ich habe natürlich auch Fehler gemacht, aber das war jedem bewusst. Das Problem ist: Wenn man den gleichen Fehler zwei- oder dreimal macht, baut man selbst noch mehr Druck auf. Im Eishockey und im Sport allgemein ist das immer ein Prozess. Ich meine, ich war damals 17 und wog vielleicht 65 Kilo. Ich habe mich vor allem darauf fokussiert, dass ich mich Woche für Woche körperlich, spielerisch und auch mental steigere.

2015 bist du dann nach Kanada umgezogen. Wie hast du deine ersten Tage dort erlebt?
Das war natürlich erstmal ein bisschen verrückt. Das Team hat mich verpflichtet, und ich bin direkt zwei Tage später rübergeflogen. Aber wenn es schnell geht, hat man nicht so viel Zeit, um über alles nachzudenken. Zudem war mein Englisch damals schon sehr gut, das hat das Ankommen auch erleichtert.

Wiederer (links) im Jersey der kanadischen Juniorenmannschaft Rouyn-Noranda Huskies | Foto bereitgestellt von Manuel Wiederer

Welche Unterstützung hast du dort von deinem Umfeld und von deinem Team bekommen?
Generell wohnen alle Spieler aus den drei großen kanadischen Nachwuchsligen bei Gastfamilien. Ich hätte vielleicht auch alleine leben können, das kannte ich bereits aus Straubing. Aber für andere Spieler – die ja alle zwischen 16 und 20 sind – ist das schon das Beste. Das ist ein Alter, in dem man noch "jung und dumm" ist. Da ist es gut, wenn sich eine Familie um einen sorgt und einen unterstützt.

Du sprichst von 16- bis 20-Jährigen, die da in einem ungewohnten Umfeld mit großem Erwartungsdruck umgehen müssen. Wie hat euch das Team beim Thema mentale Gesundheit unterstützt?
Die Organisation war breit aufgestellt, zum Beispiel auch mit Mentalcoaches. Die haben einem bei egal welchem Problem geholfen und sich natürlich vor allem um die jüngeren Spieler gekümmert, die zum Beispiel das erste Mal alleine weit weg von zu Hause waren. 

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Ich würde aber fast sagen, dass man in Sachen mentale Gesundheit damals noch sehr weit hinterher war – und es auch heute noch ist. Zum Glück hat sich in den letzten Jahren trotzdem einiges in die richtige Richtung bewegt. Mentale Gesundheit ist im Endeffekt das Wichtigste für jede einzelne Person. Ich glaube, während meiner Zeit in Kanada kam die meiste mentale Hilfe und Unterstützung von meinen insgesamt drei Gastfamilien. Das ist ja so ein bisschen der Hintergedanke. Du hast da einfach so etwas wie eine zweite Familie. Ich habe auch heute noch regelmäßigen Kontakt zu ihnen. Eine hat mich sogar schon in Deggendorf besucht, und eine andere habe ich beim Urlaub in Griechenland getroffen.

Nach Kanada folgten drei Jahre in San Jose, Kalifornien. Für die Pressefotos muss aber überall alles sitzen | Foto bereitgestellt von Manuel Wiederer

Wie hast du 2016 den NHL-Draft verfolgt, bei dem dich die San Jose Sharks ausgewählt haben?
Das war in Straubing mit meinem Agenten und meiner Familie. Mein Cousin, quasi mein bester Freund, war auch dabei. Einerseits fühlte sich der Tag total verrückt an, ich war aber auch ganz entspannt. Ich hatte ja vorher mit einigen NHL-Teams gesprochen. Aber wenn ich mal überlege: Ich komme aus einem Dorf, habe ganz klein angefangen und wurde dann tatsächlich in die NHL gedraftet. Das sind Momente, an die denkt man auch in 20 Jahren noch zurück und kann es kaum glauben.

Aber hat der Draft und dann auch der Vertrag mit den San Jose Sharks nicht auch noch mehr Erfolgsdruck verursacht? Der Traum von der NHL-Karriere war jetzt ja näher als je zuvor.
Am Anfang war da nur Freude und Dankbarkeit dafür, dass meine harte Arbeit belohnt wurde. Aber natürlich empfand ich auch Druck. Ich meine, ich war sehr talentiert als junger Spieler. Aber von uns hätte damals in der Jugend niemand gedacht, wirklich in die NHL gedraftet zu werden – auch wenn man oft darüber geredet hat. Der Druck in Nordamerika ist schon extrem, aber das hat mir auch gefallen. Durch den Konkurrenzkampf wirst du besser.

Brauchst du diesen Druck, um richtig aufzublühen?
Eigentlich nicht. Aber das ist das Schöne am Sport, der faire Konkurrenzkampf. Bis zu einem gewissen Punkt bringt jeder die gleichen Qualitäten mit, und dann kommt es darauf an, wer am härtesten arbeitet, wer sich am besten vorbereitet und wer am konstantesten Leistung bringt. Es gibt natürlich immer Sportlerinnen und Sportler – egal in welcher Sportart –, die bei ausbleibendem Erfolg die Schuld bei anderen suchen. Ich hatte hingegen schon im jungen Alter die Einstellung, dass es an mir selbst liegt, wenn ich zum Beispiel gewisse Ziele nicht erreicht habe. Dann ist das auch leichter zu verarbeiten. Ich versuche einfach immer, ehrlich zu mir selbst zu sein.

Streethockey auf einem Flugzeugträger macht Spaß | Foto bereitgestellt von Manuel Wiederer

Foto bereitgestellt von Manuel Wiederer

Deine drei Jahre bei San Jose Barracuda, dem Farmteam der San Jose Sharks, waren sehr von Verletzungen und Rückschlägen geprägt. Gab es da schon Momente, in denen du darüber nachgedacht hast, die Karriere erstmal hinten anzustellen und dich richtig zu regenerieren?
Das war eigentlich gar nicht möglich. Das Timing der Verletzungen war einfach immer total ungünstig. An sich lief es ja richtig gut, ich habe zum Beispiel direkt im ersten Spiel mein erstes Tor für die Barracuda geschossen. Im zweiten Spiel erlitt ich dann eine Gehirnerschütterung und fiel drei Monate aus. Der Rest der Saison war dann wieder gut, ich wurde zudem trotz meines jungen Alters in die Nationalmannschaft berufen. Bei der WM brach ich mir dann aber den Fuß, weshalb im Sommer nur Reha anstand. In der zweiten Saison riss ich mir vier Wochen vor den Playoffs das Kreuzband und den Meniskus. Nach der OP hieß es im Sommer dann erneut, nur gesund anstatt wirklich besser zu werden. In meiner dritten Saison hatte ich noch länger Probleme mit meinem Knie. Und als es dann endlich wieder besser lief, kam Corona und sorgte für das vorzeitige Saisonende. Also jedes Mal, wenn ich einen Schritt in Richtung NHL machte, folgte ein Rückschlag.

Wie hast du es trotz dieser Auf und Abs geschafft, mental in der Spur zu bleiben?
Ich lese gerne und viel über das Thema mentale Stärke. Außerdem wurde ich zu dieser Zeit vom Team in allen Belangen unterstützt. Ich tauschte mich sehr viel mit meinem Co-Trainer aus, er schlug zum Beispiel auch vor, dass ich mir Hilfe von einer Psychologin hole. Ich meine, ich war sehr jung und musste noch viel lernen. Durch die Psychologin habe ich mir einiges zum Thema mentale Gesundheit angeeignet. Ein solches gutes Umfeld ist entscheidend, egal ob im Sport oder allgemein. Komplett alleine erreicht man nur selten etwas.

Ist mentale Gesundheit überhaupt ein Thema, über das man sich in der Kabine mit den Mannschaftskollegen unterhält?
Auf jeden Fall. Dennoch versucht man auch, schwere und emotionale Dinge nicht ständig anzusprechen, wenn die Situation gerade nicht passt oder die Stimmung nicht gedrückt werden soll. Bei den San Jose Barracuda haben wir viel über dieses Thema geredet – wobei Nordamerika da Deutschland um einiges voraus ist, finde ich.

Aber genau das ist ja das Tolle am Mannschaftssport, dieser Zusammenhalt und die Unterstützung, egal ob durch die Betreuer, die Mitspieler oder die Trainer. Da kommen Menschen aus der ganzen Welt in einem Team zusammen und werden zu Freunden, die sich gegenseitig mental unterstützen und über alles reden können.

Gab es diesen Zusammenhalt auch dann, als du wegen deiner Verletzungen beim normalen Spielbetrieb eher außen vor warst?
Da war es fast noch mehr. Nach meiner Knie-OP gaben mir die Barracuda eine Art Coaching-Rolle für das Unterzahlspiel. Trotz meines jungen Alters. Aber das Team wollte eben, dass ich weiter mit dabei bin. Das hat mir mental schon sehr geholfen, also eine richtige Aufgabe zu haben, und nicht nur monatelang Physiotherapie und Krafttraining zu machen. 

In einem NHL-Vorbereitungsspiel gegen die Calgary Flames erzielte Wiederer zwei Tore, danach streikte erneut das Knie | Foto bereitgestellt von Manuel Wiederer

Wegen Corona wurde die Saison 2019/2020 dann abgebrochen. Du bist vorerst nach Deggendorf zu Familie und Freunden zurückgekehrt und auch wieder für deinen Heimatverein aufgelaufen – allerdings mit eher durchwachsenen Resultaten.
Ich hatte eigentlich schon einen neuen Vertrag in San Jose, aber dann wurde der Saisonbeginn 2020/2021 wegen der Pandemie immer weiter nach hinten verschoben. Dann sollte ich ursprünglich erstmal wieder für Straubing in der DEL spielen, aber auch dieser Saisonstart verzögerte sich. Schließlich kam die Option mit Deggendorf. Das war für mich schon etwas Besonderes, weil ich nicht damit gerechnet hätte, so schnell wieder für meinen Heimatverein zu spielen.

Aber dann kam alles auf einmal: Es gab einen schweren Krankheitsfall in meinem persönlichen Umfeld, der Saisonstart in Nordamerika war weiter ungewiss, bei Deggendorf lief es nicht so wie geplant, mein Knie bereitete mir immer noch Probleme, dazu kam die Pandemie. Ich hatte dann einen Nervenzusammenbruch und war mental völlig am Boden. Am Tag darauf entschied ich mich, die restliche Saison auszusetzen und erstmal komplett vom Eishockey wegzugehen, und bat um die Vertragsauflösung in San Jose. Das war schon schwierig und komisch, aber auch dringend nötig. Und rückblickend eine der besten Entscheidungen.

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Hat sich das Ganze in dem Moment wie ein Scheitern angefühlt?
In den ersten Tagen auf jeden Fall. Aber deswegen bin ich auch so stolz, dass ich diese schwere Entscheidung getroffen habe. Ich meine, du klopfst an der Tür zur NHL und bist Profisportler in Kalifornien. Was gibt es denn besseres? Aber mir wurde dann klar, dass das alles nicht meine Schuld war. Deswegen sehe ich es heute nicht mehr als Scheitern.

Wie hat dein Umfeld auf deinen Rückzug vom Eishockey reagiert?
San Jose und die Verantwortlichen zeigten Verständnis, sie kannten ja auch meine persönliche Situation. Es gab allerdings auch Leute, die meine Entscheidung nicht verstehen konnten. Aber die wussten auch nicht so gut darüber Bescheid, wie es mir wirklich geht.

Viele Fans haben mir in den sozialen Medien geschrieben, wie schade sie es fänden, dass ich nicht mehr nach San Jose zurückkomme, und dass sie mich gerne weiter unterstützt hätten. Ich habe in San Jose ja viel in der Gemeinde gemacht – zum Beispiel mit Schulklassen Streethockey gespielt oder Kinder in Krankenhäusern besucht. Die Leute dort haben mich schon sehr geschätzt, auch wenn ich jetzt kein Superstar war.

Für die San Jose Barracuda leistete Manuel Wiederer viel wohltätige Arbeit in der Gemeinde | Foto bereitgestellt von Manuel Wiederer

Nach deiner Vertragsauflösung war es mehrere Monate still um dich, du hast bewusst Abstand von allem genommen. Was hast du während dieser Auszeit gemacht, um mental wieder in die Spur zu kommen?
Einfach das, worauf ich Lust hatte. Ich war sehr viel mit dem Hund meiner Familie in der Natur unterwegs, ich fuhr viel Fahrrad, habe viel gelesen, habe das Meditieren ausprobiert und meine mentale Verfassung gepflegt. Auch körperlich konnte ich mich nach den vielen Verletzungen, die teilweise noch nachhingen, endlich voll regenerieren. Danach ging es stetig bergauf.

Hast du in dieser Zeit auch wieder auf professionelle psychologische Hilfe zurückgegriffen?
Ich war weiter mit der Psychologin aus Nordamerika in Kontakt und arbeitete zusätzlich mit einem Mentaltrainer. Zudem habe ich viele Bücher von ehemaligen Sportlern gelesen und Dokus wie The Last Dance mit Michael Jordan angeschaut. Bei so etwas bin ich sehr aufnahmefähig und schreibe mir viele Sachen auf. Gerade als junger Mensch kann man da viel dazulernen.

Also hat dich diese Erfahrung weitergebracht.
Natürlich wäre es schöner gewesen, wenn ich keine Verletzungen gehabt hätte und heute in der NHL spielen würde. Aber im Leben kommt es nur selten so, wie man es sich wünscht. Mein Trainer in San Jose hat mal zu mir gesagt, dass man immer adaptiv sein und das Beste aus der jeweiligen Situation machen muss. Das habe ich mir sehr zu Herzen genommen. In meiner Auszeit habe ich sehr viel dazugelernt, und ich glaube, dass es deswegen mittlerweile wieder so gut bei mir läuft. Dadurch, dass ich sportlich, mental und körperlich so viel durchgemacht habe, bin ich jetzt sehr selbstbewusst.

Bei den Eisbären Berlin geht es jetzt stetig bergauf | Foto: IMAGO / Nordphoto

Warum hast du dich bei deinem sportlichen Neustart für die Eisbären Berlin entschieden?
Das war fast schon Zufall, weil ich in Deutschland eigentlich eher an München oder Straubing als Optionen gedacht habe. Aber dann kamen die Eisbären auf mich zu und luden mich zum Essen ein – mit dem Management, den Trainern und dem Mentalcoach des Teams. Da hat es direkt geklickt. Ich hatte den Eindruck, dass ich mich in dieser Organisation sofort wohl fühlen würde. Bei dem sehr offenen Gespräch ging es auch um die Zeit, in der ich mental in einer schlechten Verfassung war. Cheftrainer Serbe Aubin sagte da zu mir, er wolle mir einfach nur dabei helfen, mich wieder aufzubauen. Dann war der Vertrag schnell unterschrieben. Und ich bereue meine Entscheidung kein bisschen.

Gehst du den Eishockey-Alltag jetzt anders an – vor allem in Bezug auf Leistungsdruck und mentale Gesundheit?
In gewissen Dingen schon. Ich bin viel fokussierter und kann meinen Alltag endlich normal wahrnehmen. Während meiner drei Jahre in San Jose bin ich spielerisch eigentlich kaum besser geworden, weil ich durch die vielen Verletzungen fast immer nur dafür trainiert habe, überhaupt spielen zu können. Jetzt bin ich gesund, fit, glücklich und habe Spaß. Dann geht alles automatisch leichter.

Zudem setze ich mich einmal die Woche mit dem Mentalcoach der Eisbären zusammen, mit ihm kann ich über alles reden. Er hat mir auch erklärt, wie wichtig es ist, sich in bestimmten Situationen nur auf bestimmte Dinge zu fokussieren. Im Eisstadion denke ich jetzt zum Beispiel ausschließlich an Eishockey. Und wenn das Training oder das Spiel vorbei ist, dann kann ich mich gedanklich wieder den anderen Sachen in meinem Leben widmen.

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Hast du am Spieltag gewisse Routinen, um dich mental auf das Spiel einzustellen?
Es gibt Eishockeyspieler, die am Spieltag ganz strikt immer alles gleich machen. Ich bin da eher flexibel. Kleinigkeiten gibt es aber auch bei mir. Ich versuche zum Beispiel, jeden Morgen zu meditieren. Und es klingt vielleicht komisch, aber vor jedem Heimspiel putze ich meine komplette Wohnung und wasche Wäsche. Das gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich weiß, dass alles tiptop ist, wenn ich nach dem Spiel nach Hause komme.

Nach einem Tor holt sich Wiederer die High-Fives seiner Eisbären-Teamkollegen ab | Foto: IMAGO / Eibner

Inzwischen ist das Thema mentale Gesundheit im Profisport viel präsenter als noch vor ein paar Jahren. Immer mehr Sportlerinnen und Sportler trauen sich, offen über ihre Probleme zu reden. Wie denkst du über diese Entwicklung?
Das finde ich sehr gut. Ich bin sowieso der Meinung, dass jeder Mensch Zugang zu psychologischer Hilfe haben sollte. Das würde ungemein weiterhelfen, denn nur in Gesprächen mit Psychologen bekommt man ehrliche, unvoreingenommene Antworten und Ratschläge. Ich kann das wirklich nur empfehlen.

Ist das eine Einstellung, die vor allem jüngere Sportlerinnen und Sportler haben? In älteren Generationen schiebt man gerade mentale Probleme ja oft eher beiseite und beißt die Zähne zusammen.
Ich glaube, es ist meine Generation, die hier jetzt Vorbild sein muss. Die jüngere Generation versteht das Thema vielleicht noch nicht wirklich, und die ältere Generation ist ganz anders aufgewachsen und nicht so drin. Ich habe selbst viel miterlebt und an meiner mentalen Verfassung gearbeitet. Deswegen versuche ich jetzt in Berlin – obwohl ich erst 25 bin –, die nachkommenden Spieler gerade in dieser Hinsicht zu unterstützen und ihnen Tipps zu geben.

Hättest du rückblickend auf deine Karriere irgendetwas anders machen sollen?
Als es mir mental schlecht ging, hätte ich vielleicht noch mehr Hilfe in Anspruch nehmen können, als ich sowieso schon bekommen habe. Ansonsten bereue ich nichts. Ich habe damals ganz jung in der DEL gespielt, war zwei Jahre in Kanada und drei Jahre in Kalifornien. Aber eigentlich geht meine Karriere jetzt erst so richtig los.

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