"Die Schwangerschaft abzubrechen, war für mich kein großes Ding. Ich bin froh."

Wir haben mit drei Frauen darüber gesprochen, wie es wirklich ist, in Deutschland eine Schwangerschaft abzubrechen.

Wenn man ungewollt schwanger ist, kann man in Deutschland relativ leicht eine Schwangerschaft abbrechen – das denken noch immer viele. Doch so einfach ist es oft nicht. Denn Deutschland hat strikte Gesetze und Vorschriften, die Schwangere einhalten müssen. Tun sie das nicht, machen sie sich strafbar. Schwangerschaftsabbrüche sind hier illegal, nur unter bestimmten Bedingungen straffrei. 

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In Deutschland ist ein Schwangerschaftsabbruch oft umständlich. Eine Studie aus den USA hat herausgefunden, dass 95 Prozent aller Menschen, die abgebrochen haben, das Jahre später noch für die richtige Entscheidung halten. Beweise für psychische Belastungen wegen des Schwangerschaftsabbruchs fanden die Forscherinnen und Forscher nicht.


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VICE hat mit Frauen gesprochen, die in Deutschland ihre Schwangerschaften abgebrochen haben. Drei Protokolle über Vorurteile, Ärzte mit fiesen Kommentaren und eine weinende Beraterin.

Constance Albrecht, 27: "Als ich bei der Untersuchung blutete, sagte die Ärztin, ich solle mich mal nicht so anstellen."

Constance Albrecht, 27 Jahre, lebt in Berlin. Sie hat inzwischen ein Kind und ist noch sicherer, dass der Abbruch die richtige Entscheidung war | Foto: privat

"Ich saß bei meiner Gynäkologin zur Routineuntersuchung, als die Ärztin zu mir sagte: 'Frau Albrecht, ich muss Ihnen jetzt was sagen. Nämlich dass sie mit ganz, ganz jungen Jahren schwanger sind.' Ihren Ton habe ich als abwertend wahrgenommen. Ich war damals 19 Jahre alt und in der fünften Schwangerschaftswoche. 

Ich ging aus der Praxis raus und rief meinen damaligen Freund an. Wir trafen uns und sprachen über die Situation. Er sagte: 'Ist doch klar, was wir machen: Du treibst ab.' Das hatte ich gar nicht erwartet. Wir waren damals sechs Jahre lang zusammen.

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Ich fuhr zu meiner Mutter und redete mit ihr darüber. Sie hätte es gut gefunden, wenn ich die Schwangerschaft austrage. Ich war mir nicht so sicher. Ich wollte meinem Partner kein Kind aufdrängen.

Was mir echt geholfen hat, war mit meinem Bruder zu reden. Er blickte sehr sachlich auf das Thema. Er hat mir einfach gesagt: 'Mach, was du für richtig hältst. Und lass dir bloß nicht einreden, dass du eine Mörderin seist.'

Ich las damals viel. Wenige Tage später saß ich in einer Beratungsstelle in Eberswalde in Brandenburg, wo ich damals gelebt habe. Ich selbst ging offen in das Gespräch und war noch gar nicht zu 100 Prozent festgelegt. Als Beraterin saß mir eine hochschwangere Frau gegenüber. Ich sprach über Geld. Damals war ich im ersten Jahr meines dualen Studiums. Ich hatte schon hin und her gerechnet, welche Hilfen ich beantragen könne. Die Frau in der Beratungsstelle sagte zu mir, man könne so ein Kind ja nicht mit Geld aufwiegen. Während des Gesprächs begann sie zu weinen. Eine echte Beratung war das nicht.

Immerhin bekam ich diesen Schein und machte mir einen Termin im Krankenhaus. In der Klinik untersuchte mich eine Ärztin vor dem Eingriff. Plötzlich flossen einige Tropfen Blut aus meiner Vagina. Ich war überrascht und sagte: 'Oh, das blutet ja.' Die Ärztin antwortete, ich solle mich mal nicht so anstellen. Irgendwie sei das Kind ja auch reingekommen. Damals wollte ich es nur hinter mich bringen. Heute würde ich mir sowas nicht mehr gefallen lassen! 

Schließlich bekam ich einen Termin in einer Tagesklinik. Ich war unter Narkose und bemerkte von der Operation nichts. Der Embryo und die Plazenta wurden ausgeschabt. Ich wachte in einem kleinen Raum auf, wo Bett an Bett stand und dünne Vorhänge etwas Sichtschutz boten.

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Mit dem Datenschutz nahm die Klinik es nicht so genau. Man hörte andere Gespräche, Namen, Krankheiten. Das hieß: Alle in dem Raum hörten, warum ich dort war. Im Bett gegenüber saß ein Mädchen. Sie war noch minderjährig und ihre Mutter hatte sie am Morgen in die Klinik begleitet. Sie hatte einen medikamentösen Abbruch. Nun musste sie dort allein sitzen und ihren Abgang beobachten. Sie weinte. Was für ein schrecklicher Aufwachraum! Äußerlich habe ich die Fassung gewahrt, innerlich war es die Hölle.

Inzwischen habe ich ein zweijähriges Kind mit einem anderen Mann. Jetzt, wo ich ein Kind habe, bin ich noch sicherer geworden, dass der Abbruch damals die richtige Entscheidung war. Ich konnte mein Studium beenden, bin gereist und hatte eine gute Partyzeit. Mit Kind hätte ich diese Erfahrungen nicht machen können. Außerdem habe ich einen Partner, der Kinder möchte und mich bei der Care-Arbeit unterstützt.

Wenn ich mir vorstelle, ich wäre damals gezwungen gewesen das Kind auszutragen – das wäre viel schlimmer gewesen. Ich wünsche mir, dass wir alle normaler mit dem Thema umgehen. Denn ich überlege schon, wem ich von meinem Abbruch erzähle. Es gibt noch so viele Vorurteile. Eins ist, man sei "zu dumm zum Verhüten". So ein Quatsch. Verhütung ist nicht einfach und alle Methoden haben gewisse Unsicherheiten.

Niemand sollte sich dafür schämen, eine Schwangerschaft abzubrechen. Und die Kriminalisierung muss aufhören! Es ist ein Unding, dass freiwillige Schwangerschaftsabbrüche im Strafgesetzbuch geregelt sind. Strafjustiz ist wirklich der falsche Ort für einen medizinischen Eingriff."

Magdalena Fitsch, 26 : "Für mein Leben war es das Richtige. Ich bereue nichts."

Magdalena Fitsch, 26 Jahre, lebt in Düsseldorf. Das Geräusch bei der Absaugung blieb ihr lange im Ohr, trotzdem ist sie heute froh über ihre Entscheidung | Foto: Privat

"Im Krankenhaus fragte der Arzt meinen Partner und mich, ob wir uns sicher seien. Wir waren es. Ich sollte eine Absaugung bekommen und entschied mich gegen eine Narkose. Dann setzte ich mich auf einen Stuhl, der etwa so aussah wie diese Stühle bei Frauenärzten. Mit einem Medikament wurde mein Muttermund geöffnet. Dann führte der Arzt einen kleinen Sauger in mich ein. Der machte ekelige Sauggeräusche. Ich hatte wehenähnliche Schmerzen. Aber das war alles aushaltbar. Während der Arzt den Embryo und die Plazenta absaugte, sah ich weg. Zum Glück unterhielt sich eine Krankenschwester mit mir. In dem Moment, fand ich alles gar nicht so dramatisch. Doch danach nagten Schuldgefühle an mir. Diese Sauggeräusche blieben lange in meinem Ohr und meinem Kopf. 

Dabei hatte ich zunächst gar nicht an einen Abbruch gedacht, als ich im  Herbst 2017 plötzlich vor einem positiven Schwangerschaftstest saß. Ich sprach viel mit meinem damaligen Partner und meinen Eltern. Je mehr wir sprachen, desto mehr wurde uns klar: Wir schaffen es gerade nicht, ein Kind groß zu ziehen. 

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Ich ging zum Frauenarzt und pinkelte auf ein Stäbchen. Doch der Test war negativ. "Sie sind nicht schwanger", sagte der Arzt zu mir. Ich ging nach Hause und dachte mir: Was war das?

Einige Tage später bin ich nochmal zum Arzt gegangen. Ich bestand auf einen Bluttest. Der zeigte: Ich bin doch schwanger.

Mein Arzt empfahl mir verschiedene Beratungsstellen. Denn bevor man in Deutschland eine Schwangerschaft abbrechen kann, muss man eine sogenannte Schwangerschaftskonfliktberatung machen. Ich wollte zu keiner kirchlichen Beratungsstelle, also gingen mein Partner und ich zu pro familia. Die Beraterinnen waren zwar einfühlsam und verständnisvoll, aber sie vermittelten mir das Gefühl, ich solle den Embryo in mir lieber behalten. Ich empfand das als Bevormundung. Denn meine Entscheidung stand fest: Ich wollte die Schwangerschaft abbrechen. Ich habe mich einfach nicht bereit für Kinder gefühlt.

Damals habe ich in Trier studiert. Für den Abbruch musste ich bis nach Saarbrücken fahren, etwa anderthalb Stunden mit dem Auto. In der näheren Umgebung gab es keine Ärztin und keine Klinik, die den Eingriff vorgenommen hätte.

Heute bin ich froh, diese Entscheidung getroffen zu haben. Für mein Leben war es das Richtige. Ich bereue nichts."

Paula, 20: "Ich fand es nicht so krass, dass ich abtreibe. Aber alle erwarten, dass man total emotional ist."

Paula, 20 Jahre, hatte vor einigen Monaten einen Schwangerschaftsabbruch und ist froh darüber. | Foto: privat

"Am Sonntag vor Weihnachten saß ich zu Hause und hatte mich schon zum fünften Mal übergeben. Ich hatte in den vergangenen Wochen zugenommen. Als dann der Schwangerschaftstest zwei Striche zeigte, dachte ich: oh, fuck!

Ich habe mich mit einer Freundin im Café Romantik getroffen. Wie ironisch. Wir besprachen die Lage. Mir war dann sofort klar, dass ich die Schwangerschaft abbrechen werde. Nur hatte ich ein Problem: Ich wollte in zwei Tagen nach Portugal fliegen, um dort mit meiner Mutter Weihnachten zu verbringen. Innerhalb von zwei Tagen bekam ich aber keinen Frauenarzttermin in Heidelberg, wo ich studiere. 

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Damals, im Dezember 2021, stand noch der Paragraf 219a im Strafgesetzbuchs. Dieser Gesetz verbot es, Informationen zu Schwangerschaftsabbrüchen öffentlich zu verbreiten. Für mich bedeutete das: Niemand konnte mir Infos geben. Keine der Ärztinnen, die ich anrief, erzählte mir, was ich jetzt zu tun habe. Ich hörte nur: "Wir haben keine Kapazitäten, im März können wir Ihnen frühestens einen Termin anbieten." Völlig lächerlich, im März hätte ich nicht mehr abbrechen können – in Deutschland geht das nur bis zur zwölften Schwangerschaftswoche.

Vor lauter Verzweiflung habe ich meine alte Frauenärztin in Berlin angerufen. Sie war so nett, mir zu erklären, was ich tun muss. Sie riet mir, schnell eine Gynäkologin zu finden, damit die Schwangerschaft auf Papier bestätigt ist. Als ich das erfuhr, war ich schon auf dem Weg in den Urlaub.

In Portugal übergab ich mich jeden Tag nach dem Frühstück. Während des Urlaubs organisierte ich mir einen Termin in einer deutschen Arztpraxis. Dafür musste ich lügen. Oder sagen wir mal: Ich dachte damals, dass ich log. Ich erzählte den Praxen, die ich anrief, dass ich vor zehn Wochen das letzte Mal Sex hatte und demnach in der elften Woche schwanger sein müsse. Es war der einzige Weg, um schnell einen Termin zu bekommen.

Als ich aus Portugal zurück war und eine Ärztin mit dem Ultraschallgerät über meinen Bauch fuhr, stellte sie fest: Ich war tatsächlich in der zehnten Woche schwanger. Der Embryo war relativ weit entwickelt: Kopf, Beine, Arme. Die Ärztin hatte den Bildschirm für den Ultraschall angelassen und er war so ausgerichtet, dass ich alles sehen konnte. Erst nach einigen Minuten fiel ihr ein, dass ich die Schwangerschaft abbrechen wollte. Sie fragte mich, ob sie den Bildschirm ausschalten solle. Ich wünschte, da wäre sie mal früher drauf gekommen.

In den Tagen danach musste ich oft mit meiner Krankenversicherung telefonieren und Formulare ausfüllen, damit sie den Abbruch bezahlt. Ich war 19 und habe studiert, also hatte ich zu wenig Geld, um selbst zu zahlen.

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Ich musste auch zu diesem Beratungsgespräch bei pro familia in Heidelberg. Das war cool. Wirklich eine nette Beratungsstelle! Ich habe den Menschen mitgenommen, der meine Eizelle befruchtet hat. Für ihn war es fast wichtiger als für mich, alles erklärt zu bekommen. Denn ich fand es nicht so krass, dass ich abtreibe. Ich war einfach froh, diese Möglichkeit zu haben.

Bei Heidelberger Ärzten hätte ich nur mit Medikamenten abbrechen können. Aber dafür war es zu spät. Ich musste operiert werden und dafür nach Ludwigshafen fahren. Es war eine Operation unter Vollnarkose. Danach bin ich mit dem Taxi nach Hause gefahren und habe Schmerztabletten geschluckt. Damit war für mich das Ding durch.

Doch ich musste noch zu einem Nachsorgetermin – leider bei der gleichen Ärztin wie beim Ultraschall. Sie kam in das Sprechzimmer, setzte sich hin, sagte nicht einmal Hallo und fragte: "Hast du schon mal über Verhütungsmittel nachgedacht?" Ich war echt verblüfft und wusste gar nicht, was ich da sagen sollte. Ich hatte damals die Pille genommen. Weil ich gekellnert hatte und im Stress war, habe ich an zwei Tagen vergessen, sie zu schlucken. So muss es passiert sein. Ich hätte auch gern schlagfertig auf diese Aussage der Ärztin reagiert, aber in so einem Moment fällt dir natürlich nichts Gutes ein. 

Wenn ich heute erzähle, dass ich eine Schwangerschaft abgebrochen habe, sagen viele Menschen: oh, krass, wow. Sie erwarten, dass man total emotional deswegen ist. Wenn man das nicht ist, gilt man als abgebrüht und kalt. Dabei war dieser Schwangerschaftsabbruch für mich echt kein großes Ding. Ich bin froh, dass ich es gemacht habe."

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