Wie sage ich meiner Freundin, dass sie in einer ungesunden Beziehung steckt?

Der Partner von E. behandelt sie herablassend. Sie scheint es zu akzeptieren. Ich will ihr helfen. Nur wie?

"Frag VICE" ist eine Artikelreihe, bei der uns Leserinnen und Leser bitten, ihnen bei verschiedenen Problemen zu helfen – egal, ob es sich um Beziehungsprobleme oder den Umgang mit nervigen Mitbewohnern handelt. Dieses Mal versuchen wir, einer Person zu helfen, die ihrer Freundin aus einer schlimmen Beziehung helfen will."


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Hi VICE, 

E. ist eine meiner engsten Freundinnen. Sie ist aktuell in einer Beziehung, die auf mich sehr unausgeglichen wirkt. Jedenfalls kommt mir das in meiner Position als außenstehende Person so vor. 

Im Laufe der vergangenen beiden Jahre wurde mir klar, wie die Dynamik zwischen E. und ihrem Partner R. funktioniert: R. behandelt E. vor anderen Leuten oft herablassend, wenn sie ihn mitbringt. Ich habe auch mehrmals gehört, wie er zu ihr sagte, dass sie nichts verstehe. Manchmal trifft er Entscheidungen für sie. Wenn diese Dinge passieren, lächelt E. peinlich berührt oder tut einfach so, als wäre nichts.

Ich weiß nicht, ob er sie auch so behandelt, wenn die beiden alleine sind. Auf mich macht die Beziehung jedenfalls keinen gesunden Eindruck. E. kapselt sich auch immer weiter ab: Wenn R. nicht zu einem Treffen mitkommen kann oder will, kommt E. in der Regel auch nicht. Das war früher anders. 

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E. und ich kennen uns seit vielen Jahren. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Früher haben wir bis zum Morgengrauen miteinander abgehangen und dauernd telefoniert. Am Anfang von E.s Beziehung zu R. – als noch alles gut zwischen den beiden wirkte – war das auch noch so. Doch mittlerweile sprechen wir viel seltener. Wenn ich etwas mit ihr unternehmen will, sagt E. meistens, sie habe bereits Pläne mit ihrem Freund. Manchmal sagt sie auch, R. wünsche sich, dass die beiden "etwas nur zu zweit" unternehmen. 

Nur um das klarzustellen: Ich bin nicht neidisch, weil E. in einer Beziehung ist. Aber ich kenne ungesunde Dynamiken, weil ich ähnliche Erfahrungen gemacht habe. Ich möchte nicht, dass E.s und meine Freundschaft noch mehr Schaden nimmt. Aber ich möchte auch nicht, dass sie eines Tages aufwacht und mir vorwirft, dass ich nichts gesagt habe. Nur: Wenn ich meine Beobachtungen mit E. teilen will, spielt sie die Situationen meistens herab. 

Wie spreche ich mit ihr darüber, ohne am Ende selbst zum Ziel eines Angriffs zu werden? Kann ich E. die Situation erklären, ohne dass es aussieht, als wolle ich einen Keil zwischen sie und ihren Partner treiben?

Danke, A.


Hallo A.,

es ist ein Zeichen einer guten Freundschaft, dass du die Situationen so ausführlich beobachtest. Vor allem deshalb, weil du erst Informationen sammelst und nicht sofort reagierst. Vielleicht ist dir auch bewusst, dass Beziehungen komplex sind und hin und wieder dysfunktionale Aspekte darin auftauchen und wieder verschwinden. 

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Trotz allem ist es besorgniserregend, dass der Partner deiner Freundin sie herablassend behandelt, auch vor anderen Leuten. Wir haben die Sexologin und Psychologin Dania Piras um eine Einschätzung der Situation gebeten. Sie sagt, die wiederholte Erniedrigung des Partners oder der Partnerin vor anderen sei ein Paradebeispiel für dysfunktionales Verhalten in einer Beziehung. 

Leider merkt nicht jede Person, die solche Erniedrigungen erfährt, dass sie diesem Verhalten ausgesetzt ist. Das kommt besonders dann vor, wenn die Person verliebt ist oder sozial und kulturell so konditioniert ist, dass sie es akzeptiert oder sogar als normal empfindet. 

Wie Piras erklärt, könnte das Ungleichgewicht im Fall deiner Freundin mit den Unterschieden zwischen den Geschlechtern in einer heterosexuellen Beziehung zusammenhängen. Basierend auf deinen Erzählungen sähe es so aus, als existierten bei euch "paternalistische Sichtweisen", so Piras. Paternalistisch bedeutet in diesem Fall, dass R. gegenüber E. wie ein väterlicher und autoritärer Vormund auftritt. Das könne zum Beispiel daher kommen, dass "beide Beziehungsteile in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem ein solcher Umgang geläufig war", erklärt die Psychologin. Allerdings sind all das nur Spekulationen aus der Ferne. 

Wenn zwei Menschen am Anfang ihrer Dating-Phase sind, ist es nicht ungewöhnlich, dass sie sich nur auf diese Beziehung fokussieren und andere erstmal außen vor lassen. Das komme besonders in monogamen Beziehungen häufig vor, sagt Piras. "Viele Menschen tendieren dann dazu, unbewusst gesellschaftlichen Regeln zu folgen", erklärt sie. "Der Partner oder die Partnerin wird zur Priorität, Freunde und Freundinnen kommen erst danach."

Es könnte also sogar sein, dass sich deine Freundin von dir distanziert, weil ihr Partner eifersüchtig ist. Unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung fühlen sich manche Menschen in einer Beziehung bedroht, wenn es "eine Intimität mit außenstehenden Personen gibt", so Piras. Allerdings auch hier: nur eine Möglichkeit, keine definitive Antwort für deinen Fall. 

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Fest steht: Die Beziehung zwischen E. und R. ist nach wie vor aktuell und intakt. Du fühlst ein Unwohlsein bei dem Gedanken an diese Beziehung. Piras sagt, du solltest dir selbst zwei Fragen stellen: Was ist dein eigenes Ziel? Was möchtest du ausdrücken?

"Wenn deine Freundin kein Unbehagen zeigt und dich nicht explizit um Hilfe bittet, solltest du dir keinen Raum in der Beziehung zu eigen machen oder deine Gedanken dazu ungefiltert äußern", rät Piras. "Es ist ein Unterschied, ob man sein eigenes Gefühl im Zusammenhang mit einer Situation mitteilt oder ob man die Beziehungen anderer bewertet, indem man sagt: "Er behandelt dich schlecht, du musst Schluss machen." 

Der Schlüssel in dieser Situation sei, dass du deine Emotionen und Eindrücke behutsam kommunizierst, sagt die Sexologin. Das bedeutet nicht, dass du dabei nicht authentisch und ehrlich bist. "Man braucht eine gute Eigenwahrnehmung und Sensibilität, um über eigene Erfahrungen zu sprechen und der anderen Person dabei nicht zu unterstellen, dass sie sich gerade in der gleichen Situation befinde", sagt Piras.

Piras zufolge könnte ein konstruktives Gespräch in dem Fall so aussehen: "Seit du mit R. zusammen bist, fühle ich mich ein bisschen ausgeschlossen. Ich vermisse unsere Freundschaft. Ich würde mich freuen, wenn wir uns wieder öfter sehen könnten. Wie denkst du darüber?"

Wenn du noch keine direkte Ansprache willst, könntest du auch versuchen, R. besser kennenzulernen. Über einen Umweg könnte das dazu führen, dass du wieder mehr Zeit mit E. verbringst. Möglicherweise erhältst du dann sogar einen anderen Blick auf die Beziehung der beiden. Und wenn du dann noch immer noch findest, dass der Umgang der beiden problematisch ist, kannst du vorsichtig Fragen stellen und deine Beobachtungen teilen.

Du könntest E. Zum Beispiel sagen: "Wenn R. dich so behandelt, fühle ich mich unwohl, weil ich finde, dass du es verdienst, respektvoll behandelt zu werden. Mir ist aufgefallen, dass du darauf nicht reagierst. Ist es so für dich in Ordnung? Wie fühlst du dich in diesen Situationen?"

Das Schlechteste in dieser Situation wäre, wenn du bei dieser Kommunikation Erwartungen an E. stellst. Möglicherweise reagiert deine Freundin nicht so, wie du es dir in deinem Kopf gewünscht hast. "Vergiss nicht, dass E. eine Person mit eigenen Gedanken, Wünschen, Emotionen und Meinungen ist", sagt Piras. Auch wenn du findest, dass du schon mal in einer ähnlichen Situation warst wie sie, heißt das nicht automatisch, dass sie diesen Eindruck teilt. "Manche Menschen haben eine Tendenz, ihre eigene Erfahrung zu nehmen und sie allen anderen als allgemeingültige Wahrheit überzustülpen" , so die Psychologin.

Deine Freundin wird nur dann Hilfe akzeptieren, wenn sie sich dafür entscheidet. Wenn sie  sich dir nicht öffnen will, deine Hilfe ablehnt oder sogar wütend auf dich reagiert, kannst du dich nur zurückziehen. In dem Fall kannst du sagen: "Tut mir Leid, ich wollte dir das mitteilen. Ich bin für dich da, wenn du jemanden brauchst", sagt Piras. Einer Person dieses Angebot mitzugeben, ist meistens schon der wichtigste Schritt.

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