Ich habe neun Stunden am Stück 'Jackass' geschaut, und jetzt ergibt das Leben Sinn

Klar, der schier endlose Schwall an Penissen, Stunts und Einläufen ist teilweise etwas viel. Aber manchmal muss man einfach weniger denken und mehr fühlen.

Um 21 Uhr gehen die Lichter im Kino wieder an. Ich sitze in einem ausverkauften Saal, wir haben gerade einen Jackass-Marathon zu Ende gebracht: alle vier Filme des klamaukigen Stunt-Formats hintereinander. Johnny Knoxville, die Galionsfigur der Reihe, und Regisseur Spike Jonze treten zusammen mit dem Filmkurator des New Yorker Museums of Moving Image vor die Leinwand. Knoxville lässt seinen Blick über das Publikum schweifen und fragt, wie viele Leute schon seit 13 Uhr hier säßen. Ich und rund 20 andere Menschen heben die Hand. Knoxville will wissen, wie es war. Irgendjemand aus den vorderen Reihen antwortet etwas, das ich nicht hören kann. Knoxville lacht und sagt: "Sie hat 'Reicht jetzt!' gesagt. Und wisst ihr was? Das ist hart, stimmt aber auch irgendwie."

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Ich war für den ersten Jackass-Film etwas zu spät in die Vorstellung gehuscht. Immerhin noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sich ein Golfwagen überschlägt und ein 20 Jahre jüngerer Knoxville nach dem Crash benommen auf dem Rasen liegt. 15 Sekunden später befinden wir uns in Japan, wo Chris Pontius in seiner Rolle als "Party Boy" sich in allen möglichen Situationen auszieht und eben Party macht. Keine der internationalen Szenen aus dem ersten Jackass-Film würde heute noch durchgehen. Aber im Laufe des Nachmittags vergisst man selbst die fragwürdigsten Aufnahmen schnell. Denn das Bombardement aus Penissen, Gehirnerschütterungen, Stieren, schnellen Autos, Schlangen, Feuerwerk, Einläufen und Tiersperma reißt nicht ab. Nie hat sich ein Mitglied der Jackass-Crew darüber beschwert, nicht mehr länger Japanerinnen und Japaner mit einem Schlag auf einen riesigen Gong erschrecken zu dürfen. Jackass bleibt sich treu, ist aber auch immer bereit, sich weiterzuentwickeln. Denn Jackass ist keine Religion, sondern ein Gefühl.


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Ich habe einen Großteil meines Lebens versucht, nichts zu fühlen. Deswegen gehe ich während des ersten Films auch kurz nach draußen, um mit meinem Psychotherapeuten zu telefonieren. Als ich den Gehweg vor dem Kino auf- und ablaufe, bin ich mir nicht sicher, ob mich das Gespräch wirklich weiterbringt. Denn ich frage mich die ganze Zeit, ob ich die Erinnerung an den verstorbenen Jackass-Darsteller Ryan Dunn beschmutze, indem ich seine Glanzleistung verpasse: die Szene, in der er sich ein Spielzeugauto in den Arsch schiebt und sich dann bei einem Arzt den Unterleib röntgen lässt. Ich habe den ersten Jackass-Film schon oft genug gesehen, um zu wissen, dass ich mir auch die Szene entgehen lasse, in der Bam Margera einen Alligator im Haus seiner Eltern aussetzt, um seiner Mutter das Wörtchen "Fuck" zu entlocken. Mein Therapeut fragt mich mehrmals, ob ich wirklich dafür bezahlt werde, jetzt gerade im Kino zu sein.

Vor dem zweiten Jackass-Film gehe ich wieder rein und schaue mir das Kinopublikum genauer an. Da sitzen ein älteres Pärchen, ein Glatzkopf und geschätzt zwei Dutzend Mal ich – also weiße Typen zwischen 25 und 40. Ich würde mich zwar eher mit einem Beanbag-Geschoss abschießen lassen, als öffentlich zuzugeben, dass ich diesen Typen ähnle, aber ich kann mich vor der Wahrheit nicht verstecken. Dann erzählt mir eine 21-Jährige, sie schwänze ihre Univorlesungen, um beim Jackass-Marathon dabei sein zu können. Wie sie zum Fan der Serie wurde? "So lange ich mich erinnern kann, läuft Jackass schon", sagt sie. "Jackass ist älter als ich."

Jackass: Nummer Zwei ist Der Pate – Teil II der Jackass-Filme. Der erste Teil wirkt noch wie die TV-Serie, bloß auf Filmlänge gestreckt – und endlich ohne Einschränkungen in Sachen Schimpfwörter und Nacktheit. Aus der Crew hatte damals noch niemand groß mit Abhängigkeitsproblemen zu kämpfen. Anders gesagt: die perfekte Mischung aus Chaos, Narrenfreiheit, Fantasie und großem Budget. In der Rezension zum zweiten Teil schrieb die New York Times dann: "Vielleicht bevorzugt man einen Buster-Keaton-Gag gegenüber einem Mann, der mithilfe eines Trampolins gegen einen Deckenventilator springt. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass das eine unverfälschte Ausdrucksform ist."

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Beim Jackass-Marathon scheint sich Knoxville auf diese Rezension zu beziehen: "Ich habe erst ab dem zweiten Jackass-Film angefangen, Buster Keaton zu schauen und mich auf ihn zu beziehen", sagt er etwas herablassend und betont nochmals, dass die Cartoonserie Looney Tunes der Haupteinfluss für Jackass sei. Ich finde, alle haben recht.

"Warum muss ich immer Steve-O sein?"

Bevor der dritte Film beginnt, informiert uns der Kurator, dass man die ersten beiden Teile auf 35mm-Film gezeigt habe und jetzt auf 3D umschalte. Der vorgeschriebene Mund-Nasen-Schutz sorgt für viele beschlagene 3D-Brillen. Ich drifte gedanklich ein wenig ab und erinnere mich an das letzte Mal, als mich ein Kumpel getasert hat: Ich war 17, wir standen auf irgendeinem Parkplatz und meine Freunde sagten, es sei deshalb passiert, weil ich im Dezember kurze Hosen trug. In Wahrheit war es einfach nur so aus Spaß.

Als ich noch zur Schule ging, hielt ich es dank Jackass nicht nur für machbar, über die Vier-Meter-Lücke zwischen dem Geräteschuppen des Hausmeisters und dem Vordach der Turnhalle zu springen, sondern ich fragte mich, ob das auch in einem brennenden Einkaufswagen möglich wäre. Im dritten Teil der Filmreihe zeigen sich jedoch erste Risse in der Fassade. Die leicht aufgedunsenen Gesichter einiger Crewmitglieder lassen die Alarmglocken bei Menschen schrillen, die sich mit Alkohol- und Drogenproblemen auskennen. Und anstelle der lockeren Momente aus den ersten beiden Filmen, in denen Johnny Knoxville und Co. trotz Schmerzen lachen und weiter rumblödeln, werden im dritten Teil existentielle Fragen gestellt. Steve-O hält vor einem Stunt bedrückt inne und fragt sich: "Warum muss ich immer Steve-O sein?" 

Nur wenige Jackass-Stunts könnte man so auch zu Hause nachmachen. Aber selbst wenn, warum sollte man das tun? Genau hier finden wir die Unterschiede zwischen uns und der Jackass-Crew. Und vielleicht liegt auch genau hier die Magie. Ein perfektes Beispiel: Im ersten Film lässt sich Johnny Knoxville die Haut zwischen seinen Fingern und Zehen mit der scharfen Kante eines Briefumschlag einschneiden. Ich habe diesen vermeintlichen Stunt sonst noch nirgendwo gesehen. Der Reiz der Szene liegt natürlich im Spannungsaufbau und der Auflösung: Man hält vor Schock den Atem an, verzieht angewidert das Gesicht oder sagt einfach nur "Nope!".

Warum macht es also so viel Spaß, Jackass zu schauen? Vieles von dem, was sich diese langjährigen Freunde gegenseitig antun, würde gegen die Genfer Konventionen verstoßen. Und trotzdem fühlen wir uns nicht schlecht. Die Jackass-Crew bedient sich der Hässlichkeit vieler düsterer Kunstfilme und ist trotzdem immer gut drauf – und wir lachen, bis uns die Tränen kommen. Indem uns Jackass weniger denken und mehr fühlen lässt – und durch den antiintellektuellen Anstrich –, hebt es sich vom Großteil der vermeintlich klugen filmischen Werke ab, die mit ähnlich schockierenden Aufnahmen ankommen. Die Jackass-Crew vereint einige der schmerzhaftesten und erniedrigendsten Aspekte des Lebens und kann sich vor Lachen kaum halten.

"Ich liebe Stiere! Die liefern uns immer super Aufnahmen."

Im vierten Teil der Filmreihe – dem in den USA bereits erschienenen Jackass Forever – fällt dann vor allem auf, was fehlt, und nicht was von damals übrig geblieben ist. Neue, jüngere Crew-Mitglieder sollen für frischen Wind sorgen und bekommen auch am meisten ab – mit Ausnahme von Johnny Knoxville, der die gefährlichsten Stunts immer noch für sich selbst aufhebt. Das ist auch etwas, das Jackass schon immer ausgemacht hat. Ja, Knoxville drängt die anderen häufig in gefährliche oder erniedrigende Situationen, aber das unumstrittene Gesicht der Franchise zieht auch selbst Sachen durch, bei denen er locker sterben könnte. Stiere sind sein persönlicher weißer Wal. Ob er besessen von ihnen ist? "Nein", sagt er uns im Kino, "ich liebe Stiere! Die liefern uns immer super Aufnahmen."

Die Stimmung im Kino ist den ganzen Tag über ausgelassen. Und obwohl ich am Ende des Marathons das Gefühl habe, dass ich neun Stunden lang unter extremen Stress stand, überwiegt in mir doch eine friedliche Zufriedenheit mit einem Schuss Nostalgie. Ich erinnere mich daran zurück, wie ich während des Studiums meine Freunde mit Böllern aus ihren Nickerchen riss. Oder an den Moment, als mein alter Geschäftspartner mir mit einer Luftpistole in den Knöchel schoss. Wieder zu Hause mache ich einen der Jackass-Lückenfüller mit Bonus-Footage an, die Knoxville immer irgendwann nach den eigentlichen Filmen rausbringt. Ich bin fertig mit den Nerven und werde mit Sicherheit erst früh morgens einschlafen. Es ist perfekt. Ich will mehr.

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