Feminismus in der Marvel-Serie 'She-Hulk': Gut gemeint, schlecht gemacht

Eigentlich kluge Beobachtungen knallen mit der grünen Faust direkt auf die Nase und führen so dazu, dass man genervt abschaltet.

Panisch flieht das grüne Monster in die Wälder, rennt zwischen Bäumen davon. Als es zu sich kommt, ist es wieder ein Mensch, eine Frau Mitte 30, Jekyll und Hyde. Bald findet sie eine abgelegene Hinterwäldler-Bars und wäscht sich notdürftig auf der Toilette. Als sie das Gebäude wieder verlässt, labern ein paar Dudes sie an. Blöde Witze, Sprüche, Belästigungen. Und zack! Da knallt ihnen schon die grüne Monsterfaust entgegen.


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In She-Hulk: Rechtsanwältin geht es um die Anwältin Jennifer Walters (Tatiana Maslany). Sie ist die Cousine Bruce Banners (Marc Ruffalo), des Hulks aus den Marvel-Comics und -Filmen, und wird selbst zum grünen Riesen, nachdem ihr ein paar Tropfen seines Bluts in eine offene Wunde getropft sind. Sie ist ähnlich stark wie Banners Hulk, aber anders als Banner kann Walters sich entscheiden, wann und ob sie zum Hulk werden möchte, von der Öffentlichkeit bald "She-Hulk" genannt. Außerdem kann sie sich kontrollieren, bleibt also sie selbst, anders als Banner, der als Hulk vor allem alles kurz und klein smasht. 

Nun muss Walters lernen, damit umzugehen, dass sie manchmal zum grünen Monster wird und dass Leute sie oft auf dieses Monster reduzieren. Gleichzeitig muss sie in ihrem neuen Job Superschurken vor Gericht verteidigen und sich fragen: Ist es hilfreich oder hinderlich ein Monster zu sein? Und will sie nun Superheldin sein oder nicht?

Wer ist hier das Monster?

Uns stellt die Serie derweil eine andere Frage: Ist Walters ein Monster oder sehen wir sie als eins, weil sie nicht unseren Vorstellungen entspricht? Die Serie fragt das natürlich nicht uns, wir sind ja nicht Teil der Serie. Wir sitzen nur wie Dumme vor unseren Bildschirmen, durch die eine Marvel-Serie nach der anderen rauscht und diesmal eben eine, die uns diese Frage stellt.

Es ist deshalb die fiktive Öffentlichkeit der Serie, die sich mit der Frage auseinandersetzen müsste, ob Walters Unrecht geschieht. Aber durch einen dramaturgischen Kniff knallt die Serie auch uns die Frage ins Hirn. Die Protagonistin bricht nämlich immer wieder die Vierte Wand. 

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Auch der Hulk bricht jede Menge Wände, aber die Vierte Wand bedeutet, dass eine fiktive Figur direkt mit dem Publikum kommuniziert und schon die She-Hulk-Comics lebten vom witzigen Ton und dem konstanten Brechen dieser Vierten Wand. Berühmt gemacht hat Woody Allen das Konzept 1977 in Der Stadtneurotiker aber perfektioniert hat es Phoebe Waller-Bridge 2016 in ihrer Serie Fleabag. Für She-Hulk ist das ärgerlich.

Fleabag ist eine der besten Comedyserien der letzten Jahre. Einige sagen sogar, es sei die beste Serie überhaupt. Da gehe ich nicht mit, es gibt ja schließlich noch Better Call Saul, Sopranos, Arrested Development und Rick and Morty. Trotzdem: Waller-Bridges Timing ist fantastisch, die Dialoge sind auf den Punkt geschrieben, ohne aufgesetzt zu wirken und immer steht über all dem das Thema der Frau, die sich gegen gängige Rollenbilder behaupten muss. Dabei hatte man nie den Eindruck, als würde uns da gerade eine Moralpredigt gehalten. Im Gegenteil, auch die Figuren handeln nicht moralisch sauber. 

Der Kniff in Fleabag ist ebenfalls, dass Waller-Bridges Figur sich immer wieder der Kamera zuwendet, um Situationen zu erklären, zu interpretieren oder ihre Handlungen zu kontextualisieren. Sie macht uns damit entweder zu Komplizen ihrer unmoralischen Pläne oder hält uns den Spiegel vor, wenn wir uns gerade zu wohl fühlten in dieser Welt der moralischen Uneindeutigkeit. 

'Fleabag' für Traurige

She-Hulk hat Elemente von Fleabag allerdings ohne die Komplexität von Waller-Bridges Hauptfigur. Fleabag ist im Prinzip eine Frau, die sich selbst sucht und darin versagt, ihren Ansprüchen und denen ihrer Umwelt gerecht zu werden. She-Hulk ist, na ja, eine erfolgreiche Frau, die zwar Hindernisse überwinden muss, aber auf dem Weg dahin sauber bleibt.

Fleabag ist eine Serie für Erwachsene und She-Hulk, nun ja … ich will lieber nicht vorgreifen.

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She-Hulk ist nicht besonders großartig. Die Hauptfigur ist albern und vorhersehbar und die Dialoge sollen zwar witzig sein, wirken aber wie eine Mischung aus Friends, der wohl plumpesten aller Sitcoms, und Hercules aus den 90ern, der dümmsten aller Abenteuerserien. Und sie ist auch in etwa genauso spannend wie diese, nämlich gar nicht.

Das Brechen der Vierten Wand, die Kommunikation mit dem Publikum, ist währenddessen hier wirklich nur ein Gimmick, das keinen echten Nutzen hat, außer uns ab und zu wachzurütteln, wenn wir gerade aufs Handy schauen, um zu checken, ob unser hottes Tinder-Match nach zweieinhalb Tagen vielleicht ja doch noch geantwortet hat. Die Wirkung verpufft, das Gimmick nervt bald. 

Es ist natürlich ein hehres Ziel, eine feministische Serie für Leute zu produzieren, die gerade keine Lust haben, sich mit komplexen Themen auseinanderzusetzen. Mitunter schafft sie das, ohne den Zeigefinger zu erheben. 

Dating über 30

Als Walters etwa daten will, kriegt sie kaum Matches, bis sie sich entscheidet, nicht unter ihrer bürgerlichen Identität aufzutreten, sondern ein Datingprofil als She-Hulk anzulegen. Zuerst trifft sie nur auf Trottel und sexistische Ärsche, bis ein super hotter, sensibler und feministisch eingestellter Typ sie verführt, eine Nacht mit ihr verbringt und sie morgens desinteressiert stehen lässt, als sie sich wieder in ihr menschliches Alter-Ego verwandelt hat. 

Die Botschaft: Frauen, die aus der Rolle fallen, die sich nicht so präsentieren, wie man es von ihnen erwartet, werden gemieden, ausgeschlossen, man macht sich über sie lustig oder verliert das sexuelle Interesse – oder man fetischisiert sie. 

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Kurz: Walters erlebt das, was Frauen jeden Tag erleben. Eine Schlüsselszene ist deswegen auch die, als Walters ihrem Cousin Banner erklärt, warum sie ihren Hulk kontrollieren kann, während er das über anderthalb Dekaden lernen musste: Weil sie sich schon ihr ganzes Leben unter Kontrolle haben musste. Angst und Wut seien die Grundemotionen jeder Frau.

Mansplaining und Megan Thee Stallion

Dann ist da der Kanzleikollege, der Walters nicht ernst nimmt und konstant mansplaint. Später fällt er auf eine Formwandlerin herein, die sich als Megan Thee Stallion ausgibt. 

Die Rapperin spielt in der Serie sich selbst, was an sich schon ein Statement ist, weil derzeit kaum jemand aus der Popkultur so sehr für eine selbstbestimmte und selbstbewusste weibliche Sexualität steht wie sie ("Put this pussy right in yo' face | Swipe your nose like a credit card"). Nur dass die Sexualität von Walters in der Serie keinen echten Raum hat. Klar will sie gern den muskulösen Hottie bumsen, aber erstens schmachtet sie ihn während ihres Dates lediglich an und zweitens geht das nicht über jedes Klischee hinaus, das man von Sexualität haben kann. 

Das klingt größtenteils klug und wichtig – und das ist es auch. Allerdings funktioniert die Serie darüber hinaus nur schlecht. Das beginnt mit She-Hulk selbst. Die ist vor allem extrem schlecht animiert. Während der Hulk noch realistisch genug aussah, weil man ihm tausend kleine Härchen und Poren und Sehnen aufs grüne Fleisch animierte, ist bei She-Hulk alles glatt. Keine Falte, kein Schweiß, nur die Bäckchen bleiben rosa angehaucht.

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Das ist unrealistisch einerseits, aber gruselig andererseits. Teilweise sieht She-Hulk aus wie eine Figur aus Space Jam, eine Comic-Figur in der Menschenwelt. She-Hulk smasht das Uncanny Valley, diese Grenze zwischen Mensch und Maschine, beziehungsweise Animation, die, wenn sie überschritten wird, ein Unwohlsein beim Zuschauer erzeugt. Sie reißt es ein und suhlt sich in dem Tal, das uns mit amüsiertem Schauer flutet.

Außerdem ist die Serie schlicht nicht spannend. Man erahnt am Anfang jeder Folge schon, was am Ende passiert, weil man mittlerweile ja der ein oder anderen Marvel-Serie Platz in seinem Hirn eingeräumt hat. So swipet man also lieber seinen Tinder-Feed durch, als konzentriert auf den Bildschirm zu schauen. Die Ansprachen von Walters ignoriert man.

Wo ist die Solidarität mit unterschiedlichen Lebensentwürfen?

Dumm ist auch, dass die Serie ihre eigene Kernaussage verrät: Dass Frauen und Männer gleichgestellt sein sollten. Egal ob sie grün sind, monsterstark oder nicht. 

Denn sie bleibt selbst in ihrem Feminismus nicht konsequent. So macht sie sich über Frauen lustig, die andere Prioritäten im Leben zu haben scheinen als unsere Protagonistin und ihr Umfeld: Karriere, Familie und Gutes tun. Mehrfach taucht eine Frau auf, die sichtlich alkoholisiert Quatsch erzählt. Niemand nimmt sie ernst, sie wird herumgereicht für einen Joke nach dem anderen. Es drängt sich die Vermutung auf, dass in dieser Serie Karriere für Frauen OK ist, auch wenn sie dafür die Erwartungen der Gesellschaft enttäuschen. Aber wenn sie sich entscheiden, einfach nur Spaß zu haben, dann geht das nicht. Besoffene, hedonistische, promiske Frauen sind dumm und mädchenhaft. 

She-Hulk: Rechtsanwältin muss sich natürlich den Vergleich mit Fleabag gefallen lassen. Zu präsent ist das Gimmick der Pulikumsansprache, zu deutlich der feministische Anstrich. Aber klar ist: She-Hulk erreicht in keiner Sekunde die Klasse, den Esprit, die kreative Kraft und vor allem den Mut von Fleabag, seine Protagonistin auch zu brechen und ihr eine zweite Ebene zu geben. Was in Fleabag subtil, mehrdeutig und verschachtelt erzählt wird, kommt hier – Zack! – als grüne Monsterfaust direkt auf die Nase. 

She-Hulk ist eine Marvel-Serie wie so viele andere: Sie ist ein bisschen alberner, ein bisschen feministischer, aber auch sie lebt von ihren austauschbaren CGI-Prügeleien und leidet unter der billigen Animation. Feminismus kann man heute fresher verpacken und vor allem: bessere Serien machen.

Robert und Marvel-Serien, ey, puh. Folgt ihm bei Twitter und Instagram und wenn ihr seine Seele kaufen wollt, könnt ihr hier darauf bieten: Opensea. Folgt VICE auf Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat.

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