Ich habe meine Seele als NFT verkauft

Um reich zu werden, muss mein Innerstes auf die Blockchain, damit mein Krypto-Wallet sich mit Ethereum füllt.

Mein Konto ist ein trauriger Ort, wüst und leer. Seit Jahren geht es nur darum, genug Geld für Miete, Krankenversicherung und Freude am Samstag zu generieren, Licht ins Dunkel und Ordnung ins Tohuwabohu zu bringen. Neuerdings kratze ich ständig am Dispo, weil die Preise so stark steigen und ich letztes Jahr dummerweise eine eigene Mietwohnung für eine gute Idee hielt. Aber das Chaos ließe sich beseitigen. Mit Geld. 


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Geld ist da, wo reiche Leute sind. Im Tech-Bereich zum Beispiel. Dort reden derzeit alle von NFT-Kunst – oder besser: Bis vor Kurzem redeten dort alle von NFT-Kunst. Die war zeitweise super wertvoll – teils zahlten Sammler zweistellige Millionenbeträge für digitale Bilder. Als teuerstes gilt Everydays: The First 5000 Days vom Künstler Beeple, das für mehr als 69 Millionen Dollar verkauft wurde. Hier muss ich rein, auch wenn ich davon wirklich keine Ahnung habe. 

Ich weiß nur, dass ein NFT im Prinzip ein digitaler Kassenbon für digitale Wertgegenstände ist. Er belegt zum Beispiel, dass man als einziger ein digitales Kunstwerk besitzt – eine Bilddatei etwa – obwohl andere davon beliebig viele Screenshots machen können. Und weil manche Menschen für einzigartige Dinge viel Geld bezahlen, kann man mit NFTs reich werden. Warum also nicht auch ich?

Vielleicht, weil es mittlerweile einen Crash gab. Zwischen April und Juni haben NFT-Kunstwerke im Schnitt 67 Prozent an Wert verloren. Viele Tech-Bros reden deshalb nicht mehr davon, vor allem nicht mehr so laut. Man könnte nun sagen, die Zeit sei denkbar schlecht, um ins NFT-Geschäft einzusteigen, ich meine aber, sie ist jetzt besser denn je. 

Klar ist nicht mehr so viel Geld da wie noch vor ein paar Monaten. Aber die Menschen, die ich noch finden werde, müssen doch diejenigen sein, die wirklich überzeugt sind. Die NFTs zu ihrem Lebensinhalt gemacht haben. Die wahrhaft Gläubigen. Denn ein bisschen Glauben wäre für mein Projekt nicht verkehrt. 

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Ich will nämlich nicht irgendetwas als NFT zu Geld machen. Ich will meine Seele verkaufen. Als NFT. Schließlich ist sie genauso einzigartig wie ein NFT, genauso schön wie Kunst und genauso wertvoll wie 69 Millionen Dollar. Außerdem stammt auch ihr Wert aus einer Fremdzuschreibung, der Idee, dass es sie überhaupt gibt und dass ihre Existenz etwas besonderes ist.  

Ich will reich werden

Dafür muss ich einige Dinge tun:

  • Lernen, was eine Seele ist.
  • Verstehen, was NFTs sind und wie man sie erstellt.
  • Ein Kunstwerk erschaffen, das meine Seele enthält. 
  • Das Kunstwerk als NFT verkaufen. 

Für all das werde ich ein halbes Jahr brauchen. Ich werde mit einem Theologen und einem Krypto-Experten gesprochen haben und ja, man kann sagen: Ich werde versucht haben, ein Krypto-Bro zu werden. 

Was ist das, eine Seele?

Die Idee, seine Seele zu verkaufen, ist natürlich nicht neu und keine Sorge, ich habe nicht vor, mit kulturwissenschaftlichen Herleitungen zu langweilen, denn Goethes Faust ist so alt und staubig, dass Kultusministerien ihn in die Lehrpläne von Deutsch-Leistungskursen aufgenommen haben. Ich habe ihn nie gelesen, weil ich Englisch als Leistungskurs hatte. Ich habe stattdessen Macbeth nicht gelesen.

Aber auch wenn ich weder Macbeth noch Faust kenne, ist mir das Konzept des Seelenhandels nicht fremd. Was ich kenne sind die Comics über den Ghostrider, einen Stuntman, der einen Deal mit Mephisto, dem Teufel eingeht, um den Tod eines Freundes zu verhindern und im Gegenzug als höllischer Kopfgeldjäger mit brennendem Totenschädel arbeiten muss. 

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Wer sich hervorragend mit Seelen auskennt, und das nicht nur basierend auf Comics, ist Johann Hinrich Claussen. Er ist Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und sieht ein bisschen aus wie John McClane aus Stirb Langsam. Das weiß ich aber nur aus dem Internet, denn für unser Interview telefonieren wir. 

Claussen erklärt, dass man die Seele früher als etwas verstanden habe, was wie ein Organ im Körper steckt. Man habe sie in der Zirbeldrüse, im Hirn gesucht und im Herz. Der Philosoph Immanuel Kant habe das später grundlegend kritisiert. Heute sehen wir Körper und Seele als eine Einheit, sie gibt dem Menschen einen unbedingten Wert, den wir etwa im Grundgesetz Würde nennen.

Der Teufelspakt

 "Es gibt das christliche Bild von der Seele, die auf der Erde, im Diesseits wie eine Larve in einem Kokon ist und später, nach dem Tod, vor Gott zum Schmetterling wird", sagt Claussen und erklärt weiter: "Der Verkauf der Seele ist ein altes Motiv, der Teufelspakt: Der Mensch verliert sich selbst gegen materielle Vorteile." Dahinter stecke eine tiefe Einsicht. Wer seine Prinzipien aufgebe und rücksichtslos nur nach Erfolg strebe, nach Macht und Geld, der tue nicht nur moralisch Böses, sondern verliere sich selbst. Und genau das will ich, gegen Geld.

Doch die eigene Seele aufzugeben, sagt Claussen, funktioniere nicht: "Man kann seine Seele nicht verkaufen, das ist ein Märchen. Aber man kann sich selbst verlieren und teuflisch handeln. Man kriegt nur nichts dafür." Das wollen wir doch erst mal sehen.

Angenommen aber, Leute wüssten nicht, dass man Seelen nicht veräußern kann. Wer, frage ich Claussen, würde wohl eine Seele kaufen wollen? "Das mag ich mir gar nicht vorstellen", sagt der. "Um sich die eines anderen zu holen, müsste man selbst ja schon seelentot sein." Ich freue mich schon, die Person, die meine Seele kaufen wird, damit zu konfrontieren.

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Nun glaube ich gar nicht an den Teufel oder an Gott. So wie viele andere Menschen auch. Für uns bedeutet Seele eher so etwas wie "Identität", "Gemüt" oder "Charakter". Und ganz ehrlich, zu meinem Charakter gehören einige Eigenschaften, auf die ich gut verzichten könnte. Wenn ich jetzt also noch Geld dafür kriegen kann, die loszuwerden, umso besser. 

Aber von wie viel Geld sprechen wir dabei? Wenn ich ein NFT erstelle, mit dem ich meine Seele verkaufe, basiert dessen Wert auf der Annahme, dass diese Seele etwas wert ist. Auch wenn ich den selbst nicht sehe. Aber wenn meine Seele für mich keinen Wert hat – habe ich dann überhaupt einen Wert? Würde ich meine Mutter anrufen und fragen, würde sie wahrscheinlich "ja" sagen, sie hat aber auch viel Zeit und Geld in mich gesteckt. Würde ich hingegen meine Exfreundin fragen, würde die wahrscheinlich nicht ans Telefon gehen. Ist Wert nicht also ohnehin subjektiv – so wie Kunst?

Die Kunst

Beim Junggesellenabschied meines Freundes Matti spielten wir einmal eines dieser Spiele, die Männer auf Junggesellenabschieden spielen. Es nannte sich "Make Me Art!" und immer wenn Matti den Satz zu jemandem aus der Gruppe sagte, musste die Person, nun ja, Kunst machen. Dabei ging alles als Kunst durch, es gab keine gute oder schlechte. Die einen bauten eine Pyramide aus Menschen, ein anderer sang und wieder ein anderer klaute Johnny beim Sushi die Essstäbchen, was fast zu einer Rauferei geführt hätte, wenn Nickolai die Situation nicht entschärft hätte, indem er einen Bauchtanz mit dem Besteck aufführte. 

Was ich sagen will: Kunst ist subjektiv, nur Junggesellenabschiede sind für alle Beteiligten unangenehm. 

Aber wie kommt nun meine Seele in ein NFT-Kunstwerk? Es wäre einfach, wenn ich es machen würde wie Bart Simpson, der einfach auf ein Blatt Papier "Bart Simpson's Soul" schrieb und es an seinen besten Kumpel verkaufte.

Nur denke ich, dass Menschen nicht für Kunst zahlen wollen, die ihnen zu flach erscheint. Da müssen Ebenen rein, Gedanken, Witz und Spiel und Dinge, die man gar nicht sofort sieht. Das Kunstwerk soll optisch funktionieren, aber auch intellektuell. Zum Glück bin ich sehr klug und habe viele Gedanken, die ich hierfür nutzen kann. Denn ich denke: je mehr Gedanken, desto mehr Seele.

Das Kunstwerk

Mein Konzept beginnt damit, dass ich meinen Körper als das zeige, was er aus prä-Kant'scher Sicht ja ist: Ein Behältnis, ein Fortbewegungsmittel, eine Hülle für das, was eigentlich zählt, meine Seele, ob unsterblich oder nicht. Ein Kokon. 

Aus den Südstaaten der USA stammt außerdem der Begriff Soul Food. Ursprünglich bezeichnet er afroamerikanische Küche, mittlerweile auch einfach US-amerikanische. Burger, Pommes und so. Ich möchte den Begriff noch wörtlicher auslegen, nämlich jede Menge Fast Food in mich hineinschieben. Ich will, dass das Essen da ist, wo die Seele ist: In mir drin. 

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Das wollen wir als Video aufnehmen: Robert Hofmann, der Fast Food stopft.

Außerdem ist das Essen eines Burgers auch kunsthistorisch relevant. Andy Warhol verzehrte 1982 einen Burger King-Cheeseburger vor der Kamera in so quälender Langsamkeit, als ob er in seinem ganzen Leben noch nie einen gegessen hätte. Was man ihm und seinem asketisch drahtigen Körper aber auch abkaufen würde. 

My secret identity

Im Hintergrund des Videos sollen Farbmuster blinken, bunte Kreise in wilden Formationen, die wiederum meinen Charakter, meine Identität und mein Gemüt repräsentieren.

Philipp ist der Mann fürs Ästhetische bei VICE. Mit ihm zusammen entwickle ich das gesamte Werk. Er schreibt für die Visualisierung ein Programm, das meine geheimen Eigenschaften, Wünsche, Hoffnungen und Ängste in bunte Bilder umwandelt. 

Drei Beispiele, von etwa hundert:

Ich will lieber ausschlafen als früh aufzustehen

Ich lenke mich gerne mit Dingen ab, die meinen Intellekt nicht beanspruchen

Ich bin oft nachtragend und weiss nicht, was ich dagegen tun kann weil ich es super unsympathisch finde wenn Leute nachtragend sind

Der Dreh

Für den Dreh rase ich ohne Frühstück ins Büro, schwitze auf dem Fahrrad, um vor der Kamera zu glänzen. Auch das ist Konzept. Ich fahre so schnell, dass der Schweiß mir durchs Gesicht strömt, obwohl Februar ist. Er schießt aus meinen Poren, also dem Inneren meines Körpers, da also wieder, wo meine Seele ist. Komplett fertig, bleich und mit schmutzigem Schimmer überzogen, sitze ich schließlich vor dem Greenscreen, unterzuckert und ausgepowert, fahle Haut, dunkle Ringe unter den Augen, und wirke so, als wäre ich ein Geist, nur noch meine ektoplasmisch materialisierte Seele. 

Ich verschlinge also vor der Kamera einen halben Hotdog, einen Cheeseburger, eine halbe Packung Pommes, ein Sushi-Menü und eine Packung Curly Fries. Ich schaffe nicht alles, es ist zu viel, aber ich eröffne mir neue Geschmackskombinationen. Wer hätte gedacht, dass Pommes und Sushi im Mund zu einer Melange purer Völlerei verschmelzen? Am Ende steht ein etwa zweiminütiges, fast psychedelisch buntes und ein bisschen ekliges Video.

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Ich bin zufrieden mit der Menge an Gedanken, die darin stecken. Jetzt muss ich nur noch wissen, was damit passieren soll. Was ist das, dieses NFT, als das ich das Kunstwerk verkaufen will?

Was ist ein NFT?

Das weiß Sven Wagenknecht. Er ist Experte für alles, was mit Krypto zu tun hat, Chefredakteur des Fachmagazins BTC-ECHO, und kann mir erklären, was an NFTs so besonders ist. Leider schafft er es auch, mir die Freude an NFT-Kunst zu nehmen. 

Bei NFTs, also Non-Fungible Tokens – in etwa "nicht austauschbare Wertmarken", gehe es darum, alleiniges Eigentum an einer klar definierten Sache nachzuweisen, sagt Wagenknecht bei unserem Video-Call, zu dem wir uns verabredet haben, obwohl unsere Büros nebeneinander liegen. Wie zwei echte Tech-Profis. "Ein Kinoticket mit Sitzplatzangabe etwa ist einzigartig. Eine Website-Domain auch. Beides ist als NFT denkbar."

NFTs basieren auf der Blockchain-Technologie. Das ist im Prinzip eine gigantische Tabelle mit Informationen, die für alle einsehbar ist. "Der Vorteil ist, dass man in der Blockchain zum Beispiel exklusive Zugänge vereinbaren kann", sagt Wagenknecht. Man kann ein Konzertticket als NFT verkaufen, auf dem festgelegt ist, was man alles darf: in den Backstage-Bereich, einen kostenlosen Daiquiri an der Bar und zusätzlich einer exklusiven Chat-Gruppe beitreten, in der die Neuerscheinungen des Künstlers geteilt werden. 

Don't Believe the Hype?

OK, das klingt sinnvoll, aber ich will ja Kunst machen, die explizit nur das ist: NFT-Kunst. Woher kommt also der Hype darum, der sogar mich, den Technik-Loser in diese Welt gezogen hat? Wagenknecht ist ehrlich, obwohl er mein Anliegen kennt. "Aktuell ist NFT-Kunst vor allem noch Spekulation. Viele der Preise sind nicht gerechtfertigt." Nicht gerechtfertigt? "Ein Gros des Angebotes ist heiße Luft in meinen Augen."

Sind die simplen NFT-Kunstwerke also ein Scam? "In dem Smart Contract, der mit dem NFT verknüpft ist, kannst du festlegen, dass du bei jedem Weiterverkauf automatisch fünf Prozent des Erlöses bekommst. Das ist nicht nur Bullshit, nicht nur das viel zu teure NFT-Bildchen. Hier kann man Fairness und Umverteilung in der Content Creation schaffen", sagt Wagenknecht.

Fairness und Umverteilung finde ich toll. Und NFTs auch. Das nehme ich aus dem Gespräch lieber mit als die Sache mit der heißen Luft. Meine Seele ist zwar unsichtbar, aber sicherlich keine heiße Luft. Und das Video, das wir gedreht haben, gefällt mir auch ausgesprochen gut.

I pity the fool

Und doch, es ist nicht mehr so leicht, NFTs zu verhökern wie vor einem halben Jahr. es ist mittlerweile Juli, der Hype ist tot. Einer der Gründe, warum NFTs abgestürzt sind, ist der Glaube an die ökonomische Theorie des Greater Fools. Die besagt, dass es schlau sein kann, Dinge überteuert zu kaufen, weil es jemanden gibt, der bereit ist, einem diese Dinge noch teurer abzukaufen. Bis halt die Blase platzt und die größten Fools, also diejenigen, die den Kram dann nicht mehr loswerden, auf ihren nun wertlosen Dingen sitzenbleiben. 

Der Wert meines Projekts ist gleich doppelt fragwürdig. Erstens die Sache mit der NFT-Blase, zweitens die mit dem Herrgott, an den ich nicht wirklich glaube. Um den Wert zu steigern, muss ich also Werbung auf Social Media machen. Die nötige Geschichte hinter meinem Werk hätte ich dafür, sagt Wagenknecht. Außerdem würde es helfen, noch ein exklusives Goodie draufzupacken. Und ich habe da schon eine Idee.

Kunst auf offener See

Doch zuerst muss ich das Video in ein NFT umwandeln. Dafür lade ich es bei Opensea.io hoch, dem größten Marktplatz für NFTs. Zwar verspricht die Technologie, dass Künstlerinnen und Künstler künftig ohne Galerien und Auktionshäuser ihre Werke verkaufen können, dass also der Zwischenhändler wegfällt – dafür ist nun aber Opensea da und die anderen Marktplätze. Sie verlangen ein paar Prozent Gebühr für den Verkauf von NFTs und berechnen zusätzlich einen "Gaspreis", der beim "Minten" der NFTs entsteht, also dem Vorgang, bei dem der Verweis auf das Kunstwerk auf die Blockchain geschrieben wird. Der Gaspreis spiegelt im Prinzip die Kosten wieder, die dadurch anfallen. Also die Rechenleistung der Server, die diesen Vorgang ausführen.

Bezahlen muss ich das mit der Kryptowährung Ethereum. Für deren Kauf brauche ich ein Krypto-Wallet, eine digitale Geldbörse für Kryptowährungen – mit der bald auch mein NFT verknüpft werden soll. Nachdem ich über einen der vielen Anbieter ein Wallet erstellt habe, fülle ich es mit Etherium im Wert von 100 Euro, gekauft über den digitalen Marktplatz Binance. Mit einem Teil davon werde ich später den Gaspreis bezahlen und somit mein NFT My Eternal Soul auf die Blockchain laden.

Ich entscheide mich für eine zweitägige Auktion mit einem Mindestverkaufspreis von 0,05 Ethereum, was zum Zeitpunkt des Verkaufs etwa 80 Euro sind. Opensea zwackt sich ein bisschen Gebühr ab, ich stelle aber ein, dass bei jedem Weiterverkauf fünf Prozent des Geldes auf mein Wallet fließen. Dann bewerbe ich das Projekt.

Die Auktion

Ich poste bei Reddit in die Subreddits r/theology, r/NFTsMarketplace, r/NFTs und r/opensea. Die Kommentare sind fast durchweg unfreundlich. Ein User schreibt, dass VICE endlich besseres Material brauche. Eine andere Person, dass dies das Dümmste sei, was sie im ganzen bisherigen Jahr gehört habe. 

Außerdem tweete ich und mache eine Story bei Instagram. Meine zusammengenommen grob 2.400 Followerinnen werden da schon die nötige Reichweite schaffen. Zur Sicherheit bitte ich meine Kolleginnen und Kollegen trotzdem noch um einen Retweet bei Twitter. 

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Es ist Mittwochvormittag, als meine Auktion beginnt und die folgenden 48 Stunden gehören zu den erbärmlichsten meines Lebens. Alle paar Minuten aktualisiere ich die Projekt-Seite auf Opensea, alle paar Minuten sehe ich: Nichts. Keine Gebote. Niemand fragt nach, was es damit auf sich hat, niemand interessiert sich dafür. 

Niemand bietet auf mein NFT, in das ich nicht nur Arbeit gesteckt habe, sondern meine verdammte Seele. Ich habe fantastische Texte geschrieben, um das Werk zu bewerben und trotzdem sind es nur wenige hundert Menschen, die es überhaupt anklicken. Warum bin ich ihnen nichts wert?

Erst wenige Sekunden vor Ablauf der Frist beantwortet mir ein Wallet die Frage. 

Ka-Tsching!

Denn siehe da: Einer der Retweets meiner Twitter-Werbung hat das Projekt geradewegs in den Feed derjenigen gespült, die endlich, endlich, endlich meine Seele kaufen. Als der Verkauf besiegelt und das NFT samt Seele ausgeliefert ist, überlege ich, ob sich etwas verändert hat. 21 Gramm zu verlieren würde mir vielleicht ganz gut tun, gerade wenn ich sehe, wie aufgequollen ich in dem NFT-Video aussehe. Aber habe ich jetzt mich selbst verloren? Noch fühlt es sich nicht so an.

0,051 ETH. Also etwa über 80 Euro ist meine Seele wert. Gekauft hat ihn die Wallet "Walletsimwunderland". Im Smart Contract hatte ich festgelegt, dass dem Käufer ein persönliches Gespräch mit mir zusteht. Natürlich will ich damit auch ein kleines Interview über die Motivation dieses seelentoten Menschen führen, wie Johann Hinrich Claussen von der evangelischen Kirche es ausdrückte.

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Bald folgt mir ein Account auf Twitter, der seinen Podcast walletsimwunderland bewirbt. Der Mann heißt Ole und wir schreiben kurz. Ole betreibt mit einigen Freunden einen Podcast über die Kultur hinter NFTs und sagt, klar könnten wir sprechen. Dabei ist dann noch Frank, mit dem Ole sich die Wallet teilt.

Die seelentoten Entdecker

Ole ist 31 Jahre alt und lebt auf Zypern. Dort ist es warm. Frank ist 32 und lebt in Berlin wie der durchschnittliche 32-Jährige das halt so tut.

Das Gespräch beginnt mit einer Enttäuschung. Bis zu 0,2 ETH hätten sie für mein Seelen-NFT bezahlt, sagen sie. Das ist fast viermal so viel wie das, was ich schließlich bekommen habe. 

Warum haben sie das NFT gekauft, frage ich.

"Das klang lustig und bescheuert", sagt Frank. Die Kaufentscheidung sei innerhalb einer Minute gefallen. "Es ging auch um den Austausch mit dir", sagt Ole und meint mich. Sie seien einfach immer auf der Suche nach innovativen NFT-Ideen, gerade wenn sie aus Deutschland kämen. 

"Wir haben jetzt außerdem so etwas wie eine Komm-Aus-Der-Hölle-Frei-Karte. Wenn unsere Sünden dazu führen, dass unsere Seele in die Verdammnis geschickt würde, haben wir nun noch eine in der Hinterhand", sagt Frank und grinst und das finde ich lustig. 

Glauben sie an die Seele, frage ich. "Na ja, man dachte ja auch immer, dass Bäume nicht miteinander kommunizieren. Wer weiß denn schon, was man da noch alles rausfinden wird", antwortet Ole. Und: "Wenn man daran glaubt, dass es etwas mit einem macht, wenn man seine Seele verkauft, dann macht das auch etwas mit einem." Das finde ich überzeugend, denn darum ging es ja auch Johann Hinrich Claussen: Man kann seine Seele nicht verkaufen, aber sich selbst verlieren. Und wenn man etwas so Unmoralisches tut wie die eigene Seele zu verkaufen, dann kann das dazu führen, dass eben das passiert. 

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Und, nun ja, was sagen sie dazu, dass Claussen sie für seelentot hält und dass er sich gar nicht vorstellen möge, welche Leute eine Seele kaufen wollen? "Wir sind einfach neugierig. Wir probieren gern neue Dinge aus und schauen, was passiert", sagt Ole. Seelentote Entdecker sozusagen.

Your receive My Eternal Soul | I receive 80 Euros

Mir kann es egal sein. Sollen sie seelentot sein, ich bin meine Seele los. Sie hat einen Wert von etwa 80 Euro. Aber was ist das überhaupt – Wert? Ich meine klar, wenn ich ein Auto kaufe, dann entsteht er aus dem eingesetzten Material, den Kosten der Infrastruktur und Maschinen sowie der Arbeit der Menschen die die Voraussetzungen dafür schaffen, dass ich das gute Teil 23 Stunden pro Tag in die Stadt stellen kann. 

Aber was ist mit etwas, dessen Wert man nicht so direkt messen kann, wie Kunst oder Dienstleistungen? Oder eben der Wert eines Menschen? Und zwar als abstrakte Frage aber auch als konkrete. Also erstens: Warum sollte ein Mensch überhaupt etwas wert sein und zweitens: wie viel? Bin ich mehr wert als jemand anders? 

Du bist nichts wert

Wenn man ehrlich ist, haben weder Kunstwerke noch Menschen einen echten Wert, einmal abgesehen vom Aspekt des Materials und Humankapitals – also dass jeder Mensch am Fließband stehen und einer Fabrikbesitzerin Gewinn erwirtschaften kann. Der Wert als Mensch, seine Existenzberechtigung hingegen, ist nur erdacht, sie wird ihm von anderen Menschen zugeschrieben.

Bei Kunst ist es ähnlich, auch bei Kryptowährungen und NFTs. Leute glauben, dass deren Wert steigen wird, sie investieren viel Geld, reden viel und laut darüber, manche werden reich, bis die Blase platzt. Oder nicht. Geld selbst ist ein Konstrukt und wir glauben schon unser ganzes Leben daran.

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Ich kann also nicht sagen, dass ich jetzt ewiger Anhänger des NFT-Booms bin. Ich denke schon, dass damit ein Fortschritt einhergehen wird. Aber ein technologischer, nicht unbedingt ein gesellschaftlicher. 

Gleichzeitig fühle ich mich aber auch nicht, als hätte ich etwas verloren, indem ich meine Seele verkauft habe. Im Gegenteil, ich fühle mich 80 Euro reicher. Und wenn Walletsimwunderland die Seele weiterverkaufen, kriege ich jedes Mal fünf Prozent.

Wir haben uns alle schon selbst verloren

Habe ich nun mich selbst verloren? Ich finde nicht. Ich bin ohnehin kein Mensch von großer Integrität, meine Prinzipien variieren je nach Kontostand. Ich habe schon für Unternehmen geschrieben, die Online-Reservierungen in der Gastronomie anbieten, die Rubrik "Liebe und Sex" eines Frauenmagazins gefüllt und den Blog eines Inkassounternehmens. 

Mich selbst verloren habe ich so gesehen eher, als ich mich entschieden habe, das Projekt nicht für mich selbst, sondern für meinen Arbeitgeber umzusetzen. Jeder verkauft zumindest ein Stück seiner selbst, wenn er seinen Körper, seinen Intellekt, seine Kreativität in den Dienst eines anderen stellt. 

Das ist doch schon der Verlust unserer selbst, weil das, was wir produzieren, nicht uns selbst gehört. Gleichzeitig gibt es kaum ein Unternehmen, das durchweg ethisch handelt. 

Womöglich hatte ich meine Seele bereits verkauft, noch bevor ich sie als NFT verkauft habe.

Wenn ihr wissen wollt, was Robert ohne Seele so alles macht, folgt ihm bei Twitter und Instagram und wenn ihr seine Seele kaufen wollt, könnt ihr hier darauf bieten: Opensea. Folgt VICE auf Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat.


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