10 Fragen an eine Gehörlose, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Eine Frau in einem gepunkteten Kleid schaut in die Kamera

Über die “Merkel-Raute” gibt es einen schönen Mythos: Für Gebärdensprachler sehe es aus, als ob die mächtigste Frau der Welt das Zeichen für “Vagina” forme. Dass das leider nicht stimmt, wissen Menschen wie Laura: Die 28-Jährige ist gehörlos und hat sich die Gebärdensprache zunächst selbst beigebracht. Bei unserem Treffen in einem Fürther Café braucht sie die aber nicht. “Ich bin nicht taubstumm”, sagt Laura. Meine Fragen liest sie von meinen Lippen ab. Zu denken, sie könne nicht sprechen, sei “eine Beleidigung“, sagt sie. “Die meisten der 80.000 Gehörlosen in Deutschland beherrschen die Lautsprache und können ganz schön schreien.”

Laura arbeitet als Assistentin bei der Bundesagentur für Arbeit. Sie sagt, viele Gehörlose seien arbeitslos und würden von Arbeitgebern benachteiligt. Deshalb unterstützt sie andere Gehörlose ehrenamtlich bei der Jobsuche. Aber viele Gehörlose seien für manche Berufe auch unterqualifiziert, weil sie zu schlecht gefördert werden, sagt Laura. “Hier in Deutschland spricht man immer von Inklusion – dabei hat man noch viel zu lernen im Umgang mit Gehörlosen. Ich muss immer noch für meine Rechte kämpfen”, sagt sie. Wir haben Fragen:

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VICE: Ist es unangenehm, in der Öffentlichkeit Gebärdensprache zu benutzen, weil dich alle anstarren?
Laura: Das ist meine Muttersprache, ich schäme mich dafür also nicht. Ich werde zwar ständig beobachtet, aber ich habe Verständnis – für Hörende ist die Gebärdensprache etwas Eigenartiges. Ich habe ein wenig das Problem, meine Stimme nicht kontrollieren zu können, weil ich sie nicht hören kann. Ich merke manchmal nicht, wenn ich zu laut spreche und auch die Unterscheidung von feinen Lauten macht mir Schwierigkeiten. Andere Gehörlose fühlen sich aber bei Blicken unwohl, weil es sie daran erinnert, anders zu sein.


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Wie, glaubst du, hört sich Musik an?
Ich habe erst letztens bei meinem ersten Dub-Konzert annähernd begriffen, was Musik überhaupt bedeutet. Durch die basslastige Musik habe ich das erste Mal den Begriff von Rhythmus verstanden, das war für mich vorher abstrakt. Es war ein unglaubliches Gefühl. Ich habe mich so verliebt in diese Mächtigkeit des Basses, es hat sich befreiend angefühlt. Ich verstehe gar nicht, wieso manche Menschen sich dieses Erlebnis mit Ohropax versauen.

Wie ist, Sex zu haben, ohne das Stöhnen des Partners zu hören?
Ich glaube, der akustische Reiz während des Sex wird überbewertet. Dadurch, dass ich nicht hören kann, sind meine anderen Sinne umso besser geschärft. Ich glaube, wenn man über Berührung und die Augen kommuniziert und die Atmung auf der Haut spürt, ist der Sex intensiver und schöner.

Wie war es für deine Eltern zu merken, dass du gehörlos bist?
Als Baby ist es nicht aufgefallen – in diesem Alter kann sich noch keiner richtig artikulieren. Gehörlosen siehst du ihre Behinderung ja auch optisch nicht an. Erst später haben sie bemerkt, dass ich im Vergleich zu meiner älteren Schwester Schwierigkeiten bei der Aussprache hatte. Erst mit vier Jahren hat ein Arzt überraschend für meine Eltern meine Gehörlosigkeit diagnostiziert. Sie wollten es nicht so wirklich wahrhaben und ich musste jahrelang Hörgeräte tragen, die natürlich überhaupt keine Wirkung hatten.

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Hier demonstriert Laura ein universell verständliches Zeichen

Lebst du in einer Parallelgesellschaft?
Die Gehörlosen bilden tatsächlich eine Art Parallelgesellschaft mit eigener Sprache. Ich sehe das aber kritisch – durch diese Kultur kann man sich stark von dem Rest der Welt abschotten, die für manche sowieso schon schwierig begreifbar ist. Es gibt sogar “radikale” Strömungen unter den Gehörlosen, die sich vehement dagegen wehren, Lautsprache zu lernen. Das Argument: “Die Gehörlosenkultur darf nicht aussterben.” Das finde ich sehr arrogant.



Gebärdensprache wird vorgeworfen, sehr primitiv zu sein. Redest du primitiv?
Menschen, die das behaupten, haben keine Ahnung. Natürlich gibt es, wie auch in der Lautsprache, unterschiedliche Stufen der Eloquenz. Es existiert tatsächlich so etwas wie förmliche Sprache und auch Slang. Außerdem ist Gebärdensprache auch nicht international gleich. Man hat die Freiheit, eigene Gebärden zu erfinden und seinen eigenen Stil zu finden: Manche gebärden dynamischer, andere sanfter oder auch nur mit einer Hand, weil man faul ist oder seine Hand gebrochen hat.

Darfst du Auto fahren?
Natürlich! Das kann man doch nicht mit den Blinden vergleichen. Ich bin eine klasse Autofahrerin! Gehörlose gelten sogar als die besseren Autofahrer, weil wir früh gelernt haben, “mit den Augen zu hören”, und so alles mehrmals kontrollieren. Ich gucke zehnmal in die Seitenspiegel, um mich in Sicherheit zu wähnen.

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Auch dieses Zeichen haben wir irgendwo schon mal gesehen

Wie flirtest du?
Meine Freunde sagen mir, dass ich öfter von Männern angesprochen werde. Ich glaube, der Grund ist, dass ich viel um mich rum sehe, um alles mit den Augen aufzunehmen. Dabei kann schon mal ein Blickkontakt entstehen, das sehen einige als Aufforderung für den ersten Schritt. Ich weiß nicht, wie anders die Hörenden flirten. Ich glaube, der einzige Unterschied ist, dass ich zusätzlich manchmal mit Gebärdensprache flirten kann.

Wenn du ein Geräusch hören könntest, welches würdest du dir wünschen?
Das Meeresrauschen, um herauszufinden, ob das Geräusch wirklich entspannt.

Wann macht dir die Stille Angst?
Wenn ich nichts mehr sehen kann. Ob im Dunkeln oder beim Einschlafen. Meine Augen sind auch meine Ohren, ich “höre” praktisch mit ihnen. Und wenn auch der Sehsinn fehlt, habe ich natürlich Angst.

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