München, eine Stadt, in der sonst die Straßen sauberer sind als mancher WG-Fußboden, verwandelt sich einmal im Jahr in ein Moloch aus Bier und Blasmusik. Während der Wiesn sieht man Männer, die sich neben einer Mülltonne mit Geldscheinen den Arsch abwischen und Frauen, die Plüschhendl auf dem Kopf tragen. 7,5 Millionen Liter Bier kippten die Besucher 2017 in sich hinein, 49 Mal verprügelten sie sich gegenseitig mit einem Maßkrug und in 67 Fällen ermittelte die Polizei bei einem Sexualdelikt.
Zwischen all dem versucht Hanna als Bedienung im Hofbräuzelt so viel Geld wie möglich zu machen. Ihren echten Namen möchte die 30-Jährige nicht verraten, weil sie beim Wirt unterschreiben musste, dass sie nicht darüber spricht, was sie auf dem Oktoberfest verdient. Letztes Jahr arbeitete sie zum ersten Mal auf der Wiesn. Um diese Zeit körperlich zu überstehen, band sie sich jeden Abend Wickel mit einer Creme gegen Muskelverspannungen um die Arme und schlief manche Nächte 13 Stunden lang.
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Von dem Geld, das sie auf dem Oktoberfest und zuvor im Biergarten verdiente, reiste sie danach ein Jahr lang durch Afrika, Südamerika und Europa. Diesmal braucht sie es zum Leben: Sie beendete ihr Geografie-Studium und sucht nun einen Job. Aushalten, sagt Hanna, könne sie den Lärm, die betrunkenen Menschen, den Gestank und den Stress bloß, weil sie das Oktoberfest selbst super findet: “Wenn du nicht selber auch mal gern eine Maß trinkst, hast du daran keinen Spaß.”
Wir haben Fragen.
VICE: Wie viel verdienst du auf der Wiesn?
Hanna: Ich habe vergangenes Jahr 8.000 Euro gemacht, da waren die Steuern schon abgezogen. Eine Kollegin meinte am Anfang, je nachdem wie gut es läuft, verdient man zwischen 6.000 und 10.000 Euro. Ich war also total zufrieden. Bestimmt die Hälfte meines Verdienstes war Trinkgeld. Wir bekommen keinen Stundenlohn, der Wirt beteiligt uns bloß am Umsatz. Wir kaufen das Bier selbst ein und verkaufen es dann an den Gast zehn Prozent teurer weiter. Pro Bier verdienen wir so einen Euro. Das heißt, wir sind aufs Trinkgeld angewiesen.
Die Steuern müssen wir in der zweiten Woche direkt auf der Wiesn bezahlen – es gibt dort ein eigenes Finanzamt mit Sprechstunde für die Bedienungen. Ich musste bloß 800 Euro abgeben. Aber manche Kollegen mussten über 2.000 Euro zahlen, obwohl sie genauso viel verdient haben wie ich – wahrscheinlich, weil sie sonst irgendwo angestellt waren.
Wie oft bescheißt du?
Den Wirt kann man nicht bescheißen, weil man ja bei ihm in Vorkasse gehen muss. Wer keine Biermarken bei ihm gekauft hat, bekommt auch kein Bier. Doch viele Bedienungen hauen die Gäste übers Ohr. Zu mir meinte letztes Jahr oft jemand: “Hey, warum ist das Bier bei dir billiger? Bei deiner Kollegin haben wir zwei Euro mehr bezahlt.” Mir ist bescheißen zu dumm. Wenn mir jemand mehr Trinkgeld geben möchte, freue ich mich und wenn nicht, dann halt nicht.
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Was tust du, um mehr Trinkgeld zu bekommen?
Ich bin nett. Manche Gäste geben mir erst nach der zweiten oder dritten Maß Trinkgeld, weil sie sagen, sie wollen erst testen, ob ich auch so eine Hexe wie die anderen bin. Ich frage nie nach Trinkgeld – dafür bin ich zu stolz. Wenn du in deinem Wechselgeld herumwühlst und den Gast anlächelst, sagt er meistens eh: “Passt schon so.” Es hilft, sich um die Gäste zu kümmern oder ihnen einen Platz zu beschaffen. Da habe ich zweimal einen Fuffie zugesteckt bekommen. Einmal von einem Australier, der mit seiner Frau beim Wiesn-Anstich war. Sie hat ihn danach ganz schön zusammengeschissen. Und klar: Lachen, Flirten, Blickkontakt geht auch immer.
Die Gäste lieben es, wenn du Fotos mit ihnen machst. Ich gebe einer Million Menschen meine Handynummer. Es meldet sich am Ende ja doch keiner, der Hintergedanken hat. Bussis geben mir die Männer auch manchmal. Weiter geht bei mir das Flirten nicht. Aber bestimmt gibt es auch Bedienungen, die sagen: “Wenn du mir einen Zwanziger gibst, darfst du meine Möpse anfassen.”
Wer gibt am meisten Trinkgeld?
Das kann man nicht an dem Geschlecht oder der Nationalität festmachen. Außer bei den Italienern, die wollen nämlich gar keins geben. Letztes Jahr saß an meinem Tisch so ein Rudel Italiener, zwischen 40 und 60, alle hatten so ein scheiß Motto-T-Shirt an: “Wir gehen zum Oktoberfest” auf Italienisch. Und alle hatten eine Art Stempelkarte dabei, auf der sie abgestempelt haben, wie viel Bier sie schon getrunken hatten. Ich habe denen elf Bier gebracht und sie wollten mir darauf zusammengerechnet 10 Cent Trinkgeld geben. Da habe ich zum einzigen Mal gesagt, dass das so nicht läuft. Dann haben sie mir noch mal insgesamt zwei Euro gegeben. Das ist quasi nichts. Sonst bekommst du im Schnitt mindestens einen Euro pro Bier.
Wie oft wirst du begrabscht?
Nicht so oft, wie ich es erwartet hätte. Ich hatte eine kurze Leggings unter dem Dirndl an, weil ich dachte, mir wird ständig der Rock hochgezogen. Aber das ist gar nicht passiert. Zweimal hat mir jemand an den Arsch gefasst. Wenn ich nicht gerade sechs Maß in der Hand gehabt hätte, hätte ich die Männer rausgeworfen. Dem einen habe ich einen Arschtritt verpasst und den anderen an die Schulter geboxt. Aber es war einfach so voll und es ging alles so schnell, dass ich keinen Security rufen konnte. Etwas Ernstes ist mir zum Glück noch nicht passiert. Bis jetzt habe ich an meinen Tisch bloß die Security geholt, wenn ein Gast unter den Tisch gepieselt oder gekotzt hat.
Was war dein abstoßendstes Wiesn-Erlebnis?
Ein Mädel, das schon relativ früh dicht war, hat einmal begonnen die Bühnenwand zu rammeln. Ihr kurzes Kleid ist dabei immer weiter hochgerutscht, so dass man irgendwann alles gesehen hat. Das ganze Zelt hatte die Handykameras gezückt. Aber ihre Freunde waren so voll, dass sie nichts gemacht haben. Da frage ich mich, was passiert mit so einem Mädel? Legt sie sich später auf diesen Kotzhügel? Oder bringen sie ihre Freunde heim? Zu sehen, wie ein Mädchen so ihre Würde verliert, ist für mich viel schlimmer, als wenn jemand kotzt.
Am Wochenende sehe ich kotzende Leute bis zu zehnmal am Tag. Dann hole ich einen Maßkrug voll mit Streu und kippe es über die Kotze. Im Bierzelt sind Leute angestellt, die den Boden danach sauber machen. Denen sagst du Bescheid und wenn es sehr schlimm war, gibst du ihnen zwei Euro. Aber es ist krass, wie es nach ein paar Tagen stinkt. Schon morgens, wenn du das Zelt betrittst, kommt dir ein süßlicher Geruch aus Pisse, Kotze und Bier entgegen.
Was hast du auf der Wiesn über menschliche Abgründe gelernt?
Auf der Wiesn kann man alle menschlichen Emotionen beobachten. An einem Tisch voller Australier knutschte letztes Jahr einer mit dem falschen Mädel herum, dann begannen zwei von den Jungs zu heulen und ein anderer hatte schon unter den Tisch gekotzt. Aber zum Schluss hatten sich alle wieder lieb. Letztes Jahr habe ich einen Mann beobachtet, der sich in die Lederhose gepinkelt hat. Die Pisse lief ihm das Hosenbein runter und es hat ihn gar nicht gestört.
Für mich war es auch krass zu sehen, was Menschen für Voyeuristen sind. Immer, wenn jemandem etwas Unangenehmes passiert, halten alle die Kamera drauf.
Wie viel Alkohol trinkst du während der Wiesn, wie viele Drogen nimmst du?
Im Schnitt komme ich auf den Alkohol einer Maß am Tag. Eigentlich dürfen wir das nicht, aber das erste Wochenende hätte ich nicht überstanden, wenn ich mir nicht ab und zu einen Prosecco oder nen Pfeffi reingeknallt hätte. Das ist so viel Adrenalin, die körperliche Anstrengung, der Lärm, jeder will was von dir. Ich war schon angedudelt. Gegen Ende bin ich auch auf die Idee gekommen, an der Schänke immer mal wieder nach einem Schnitt zu fragen. Und manchmal haben mir die Gäste auch eine Maß ausgegeben.
Drogen nehme ich keine. Bei den anderen Bedienungen kann ich es mir auch nicht vorstellen. Denn jeder ist so ein bisschen angeschlagen und krank. Manche hatten sogar Fieber. Ich glaube, denen würde es mit Drogen nur noch schlechter gehen.
Lässt der Wirt im Laufe des Abends die Krüge immer weniger voll einschenken?
Der Wirt sagt dem Schenker, dass er sie lieber nicht ganz voll machen soll. Das ist gar nicht von der Tageszeit abhängig. Auch morgens sind die Krüge nicht ganz voll. Durch den Schaum sieht der Krug relativ voll aus, aber ein Fingerbreit unter der Eichmarke fehlt auf jeden Fall. Der Gast kann zur Schänke gehen und verlangen, dass nachgeschenkt wird. Im Zelt hängt sogar ein Schild: Nicht volle Krüge bitte nachschenken lassen. Doch das machen meistens bloß Deutsche.
Hast du schon mal einen Bayern-Spieler kotzen sehen?
Nee, aber ich arbeite im Hofbräuzelt und da sind keine Promis. Auch Münchner gehen da nicht so gerne rein, sondern fast nur Touris. Dabei ist es nach ein paar Maß total egal, in welchem Zelt man steht. Ich finde es mit den Touristen immer witzig, die freuen sich da das ganze Jahr drauf. Und für die Schweizer oder die Australier ist das Bier auf der Wiesn auch nicht teuer, sondern sogar günstig. Und dann geben die auch lieber Trinkgeld als die 16-jährigen Kids aus dem Münchner Umland.



