Menschen

Fotos: Was Menschen nachts machen, wenn sie alleine sind

"Mich reizen Leute, die irgendwie strange sind" – Fotografin Lara Wilde.

von Franziska Lange
21 April 2020, 4:15am

Alle Fotos: Lara Wilde

Unbeobachtet. So fühlt man sich normalerweise, wenn man nachts allein zu Hause ist. Die Fotografin Lara Wilde wollte Menschen genau so abbilden und hat sie besucht, um sie bei ihrem geheimen nächtlichen Einzelverhalten zu porträtieren. Im Interview erzählt sie, wie sie es auch ohne Tinder in die Schlafzimmer von fremden Menschen geschafft hat, von einer Frau, die nachts den Abstand der Bügel im Schrank abmisst, und warum Berlin auch ohne Sehenswürdigkeiten sofort auf den Fotos zu erkennen ist.

VICE: Du hast Menschen nachts allein in ihrer Wohnung fotografiert, lange bevor wir durch Corona alle zu leidenschaftlichen Stubenhockern geworden sind. Wie kamst du auf diese Idee?
Lara Wilde: Das entstand eigentlich aus einer Not heraus. Ich habe damals tagsüber in Vollzeit gearbeitet und brauchte ein Projekt, um meinen Kopf frei zu kriegen. Da bot sich an, etwas zu tun, das ich nachts machen kann. Jeder hat ein individuelles, geheimes Nachtleben, deshalb kann sich auch jeder damit identifizieren. Aber dass die Thematik jetzt gerade so an Aktualität gewinnt, gibt der Fotoreihe eine komplett neue Perspektive. Ich habe jetzt in der Corona-Krise oft an die Protagonisten gedacht. Ich kenne viele Leute, die gerade allein zu Hause sind, und habe für das Projekt viele Leute fotografiert, die allein wohnen. Und ich weiß genau, wie sie jetzt gerade da sitzen, allein in ihren Wohnungen. Ich hoffe, es geht ihnen gut.

Wie hast du deine Protagonisten gefunden?
Hauptsächlich habe ich in Berliner Facebook-Gruppen Aufrufe gestartet: "Hey, ich will nichts von euch wissen, aber nachts zu euch nach Hause kommen und Fotos machen." Das war natürlich etwas komisch, hat aber gut funktioniert.

Lara Wilde_nackter Mann in seiner Wohnung

Nachts ist es dunkel, natürlich. Wie hast du die Fotos trotzdem so gut hinbekommen?
Ich habe mit einer speziellen Art der Langzeitbelichtung gearbeitet. An der Technik habe ich sehr lange gefeilt, sie ist relativ aufwendig. Deshalb war auch immer von Anfang an klar, dass ich etwas länger bleibe. Ich habe also mein Equipment eingepackt, bin losgefahren und habe mich von dem überraschen lassen, was ich vor Ort gefunden habe.

War es von Vorteil, dass du eine Frau bist?
Ja und nein. Es gehen natürlich einfacher die Türen auf, aber nachts allein bei fremden Männern in die Wohnung zu gehen, gibt einem als Frau eben doch ein merkwürdiges Gefühl. Aber ich habe von Anfang an nur gute Erfahrungen gemacht, also hat sich diese Angst relativ schnell gelöst und es wurde zum echten Vorteil. Ich bin eine Frau und recht klein – ich wurde nie als Gefahr wahrgenommen.

Lara Wilde_Ein Mann isst inmitten von Büchern ein Eis

Was waren die Herausforderungen an diesem Projekt?
Zum Beispiel eine Omi, die vielleicht im Hintergrund auf einem Foto an der Wand zu sehen ist. Denn für mich war es tatsächlich am wichtigsten, dass sich alle sicher waren, dass eben auch diese Omi OK damit ist, ein Teil des Bildes zu sein. Sowas kann schwierig einzuschätzen sein, weil man die eigene Wohnung sehr gut kennt und bestimmte Dinge einfach nicht mehr wahrnimmt. Ich habe den Leuten also die Bilder geschickt und ihnen gesagt, sie sollen nicht nur sich selbst, sondern auch die Umgebung noch einmal genau anschauen. Viele fanden außerdem das Bild schön, aber sich selbst nicht. Aber das ist ein typisches Problem.

Lara Wilde_Frau liegt in ihrem Bett

Jeder Mensch hat seine Eigenheiten. Was war das Merkwürdigste, was passiert ist?
Bei einer Frau war die Wohnung beispielsweise so ordentlich, dass sie in ihrem Schrank abgemessen hat, wie weit die Kleiderbügel voneinander entfernt waren. Das war sehr speziell. Eine andere Frau hat angefangen, einen Kuchen zu backen, als ich ankam, und im Verlaufe des Abends nur über ihre Handpuppen mit mir gesprochen. Mich reizen Leute besonders, die irgendwie "strange" sind. Ich kann mich auf alles und jeden einlassen und in dem Moment, in dem ich eine fremde Wohnung betrete, hat die dort lebende Person nunmal das Hausrecht und ich habe die Verpflichtung, da vorurteilsfrei reinzugehen.

Lara Wilde_Mann hockt vor einer Staffelei

Denkst du, das wäre auch passiert, wenn das Shooting tagsüber stattgefunden hätte?
Wahrscheinlich nicht. Nachts – und zu Hause – kommt man mit den Menschen ziemlich schnell auf eine No-Bullshit-Ebene. Man bekommt Lebensgeschichten erzählt, die sich eng mit den Fotos verweben: Krankheiten, Trennungen, gestorbene Haustiere – man kommt wirklich schnell zum Punkt. Durch die Langzeitbelichtung saß ich außerdem mit den Protagonisten eine ganze Weile im Dunkeln und jeder weiß, dass es sich dann natürlich noch um einiges besser frei reden lässt. Die Nacht ist für uns alle mysteriös und mystisch und von niemandem wird erwartet, dass man einkaufen geht oder guckt, wie viel Geld man noch auf dem Konto hat.

Lara Wilde_Ein Mann hockt in seinem Flur

Hast du ein nächtliches Mysterium aufgedeckt?
Die Serie zeigt Berlin, obwohl Berlin auf keinem der Bilder erkennbar ist. Ich hatte eine Ausstellung im Ausland, bei der die Besucher auf den Bildern direkt Berlin erkannt haben. Wenn man von außen so tief in die Privatsphäre der Menschen in dieser sehr speziellen Großstadt reinschaut, erkennt man es ganz deutlich. Es sind die besonderen Altbauwohnungen in Kombination mit dem unkonventionellem Erscheinungsbild der hier lebenden Personen. Es war sehr interessant für mich zu merken, dass Menschen aus dem Ausland Berlin nicht nur mit Sehenswürdigkeiten verbinden, sondern auch mit dieser ganz bestimmten Lebenseinstellung.

Lara Wilde_Eine Frau hängt in ihre Stuhl
Lara Wilde_Ein Mann sitzt auf seinem Bett
Lara Wilde_Frau schreckt aus ihrem Bett hoch
Lara Wilde_Frau sitzt unter einem Porträt

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