Popkultur

Bald könnte es eine neue Loveparade geben

DJ Dr. Motte will die Riesenparty mit einem "Fundraving" finanzieren – und dafür einen offiziellen Technofeiertag einführen.

von Maike Brülls; Fotos von Franziska Lange
13 Januar 2020, 3:43pm

Franziska Lange

Dr. Motte kann es nicht lassen. Der Rave, das Tanzen und der Techno, all das reizt den Berliner DJ, der 1989 die Loveparade mitgegründet hat, auch heute noch. 2010 gab es die Parade das letzte Mal. Sie endete schrecklich mit einer Massenpanik, bei der 21 Menschen starben.

Nun hat Dr. Motte angekündigt: Es soll sie wieder in Berlin geben, eine riesige, bunte Technoparade. Zumindest, wenn genug Menschen das wollen und Geld dafür spenden. Das gab er am Montag bei einer Pressekonferenz bekannt.

Wer wachsamen Auges durch Berlin läuft, hat sie wohl schon gesehen: die großen Plakate, auf denen "Rave the Planet" steht. So heißt die gemeinnützige GmbH, die Dr. Motte gemeinsam mit vier anderen Personen gegründet hat.


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"Rave the Planet" will zwar nicht den Planeten, wohl aber die Technokultur retten. Der geht es zusehends schlechter. Was nicht daran liegt, dass die Menschen elektronische Musik nicht mehr feiern, sondern vor allem daran, dass sie keine Räume mehr finden. Konnten Künstlerinnen und Künstler in den 90ern leerstehende Gebäude besetzen und ihre Clubs hineinbauen, werden heute Gelände an Investoren verkauft, und neue Nachbarn beschweren sich über laute Bässe. In Berlin etwa haben Raverinnen gerade die Nachricht verdaut, dass der Fetisch-Club KitKat schließen soll – da macht schon die Griessmühle mit einem Video darauf aufmerksam, dass es auch ihr schlecht geht.

Wie will die gGmbH also gegen potente Investoren und lärmscheue Nachbarn ankommen? Teil eins des Plans: "Rave the Planet" will erwirken, dass elektronische Tanzkultur Immaterielles Kulturerbe der UNESCO wird. Ihr Schutz würde so von den Vereinten Nationen mitgetragen werden. Ein Dreivierteljahr bereite sich die gGmbH schon auf den Antrag vor, sagte Quirin Graf Adelmann, einer der Gesellschafter, bei der Vorstellung des Projekts. Im Laufe des Jahres 2020 wolle sie den Antrag stellen.

Teil zwei: Auch einen offiziell anerkannten Feiertag der elektronischen Tanzmusik will "Rave the Planet" etablieren. Und an dem soll auch gefeiert werden und zwar mit, na klar, einer neuen Parade.

Clubs unterstützen, Immaterielles Kulturerbe, ein offizieller Feiertage, eine neue Loveparade: "Rave the Planet" hat viele Wünsche, und um solche Wünsche zu realisieren, braucht die Gesellschaft Geld. Und da setzen Dr. Motte und sein Team auf Spenden der "Familie", wie Motte die Freunde elektronischer Musik nennt. Die gGmbH hat ein "Fundraving" gestartet. Das funktioniert wie ein Crowdfunding, nur zum Anfassen. In der Mall of Berlin, wo früher der Club Tresor war, steht ein 48 Meter langes Modell der Straße des 17. Juni – also eine jener Straßen, durch die einst auch die Loveparade zog. Wer die Aktion unterstützen will, kann sich in der Mall of Berlin oder online eine Modellfigur kaufen. Je nachdem, welche Figur man auswählt und an welcher Stelle in dem Modell platziert, kostet es mehr oder weniger Geld. Von den Einnahmen sollen 80 Prozent in die Projekte von "Rave the Planet" fließen.

Die Figuren heißen "Trance Gender", "Gabbe Luke" oder "Liquid Lucy". Um sie zu erstellen, haben der Art Director Matthias Kaminsky und sein Team Videos der Loveparade angeschaut und die Figuren den damaligen Teilnehmenden nachgeahmt. Wer eine Figur von sich selbst in das Modell stellen will, kann eine Miniaturversion von sich in der Mall von einem 3D-Drucker drucken lassen.

Dr Motte steht in dem Container mit der Ausstellung zur Loveparade in der Mall of Berlin

Ein Jahr soll die Spendenaktion laufen. "Wir hoffen darauf, dass eine Million Leute je 5 Euro spenden", sagte Dr. Motte zu VICE. Dann soll es eine Parade geben. "Wir sehen an dem Modell auch, ob genug Leute überhaupt eine Parade wollen". Nicht nur ein Crowdfunding zum Anfassen also, sondern auch ein Stimmungsbarometer.

Was in der Mall jetzt schon zu sehen ist – das Modell und zwei Container mit dem Shop und eine Loveparade-Ausstellung – haben Dr. Motte und die anderen aus eigener Tasche bezahlt. Und die Mall of Berlin hat gespendet, nicht nur den Platz für das Modell, sondern auch die vielen Plakate, die in Berlin hängen.

Wieso setzt sich Dr. Motte, der immerhin auf die 60 Jahre zugeht, nicht einfach zur Ruhe? "Ich kann nicht anders, ich mache das bis an mein Lebensende. Es ist meine Kultur, und ich liebe das", sagte er. Und: "Ich freue mich einfach auf viel laute Musik und einen ordentlichen Rave."

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