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Coronavirus: Italien weiß nicht wohin mit den Verstorbenen

Ein italienischer Bestattungs-Experte erklärt, wie seine Industrie unter der derzeitigen Covid-19-Last zusammenbricht und warum inzwischen sogar das Militär die Särge abtransportiert.
Leonardo Bianchi
Rome, IT
31.3.20
Ein Krankenbett in einem Krankenhaus
Symbolfoto: Getty Images/Blend Images

Die Bilder wirken surreal: Es sind offensichtlich Militär-LKWs, die im italienischen Bergamo die Särge von Covid-19-Verstorbenen abtransportieren. Doch die Videos sind keine Fake-News, leider. Die italienische Armee wurde Mitte März tatsächlich nach Bergamo gerufen, um rund 60 Leichen aus der Stadt abzutransportieren. Der Grund: Das örtliche Krematorium kann täglich nicht mehr als 25 Tote einäschern, obwohl man rund um die Uhr arbeitet.

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Das Coronavirus hat Bergamo und die Umgebung am schlimmsten getroffen. Die Särge wurden nun unter anderem nach Ferrara gebracht, etwa 200 Kilometer südwestlich, um die komplett überforderten Bestattungsinstitute zu entlasten.

Wir haben mit Alessandro Bosi gesprochen, dem Vorsitzenden des italienischen Beerdigungsverbands FENIOF. Er erklärt, mit welchen Einschränkungen Bestattungsunternehmen derzeit kämpfen und welchen Risiken sich die Angestellten wegen des Coronavirus aussetzen müssen.


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VICE: Wie hat sich die Arbeit der Bestatter in der Corona-Krise verändert?
Alessandro Bosi: Die Bestattungsinstitute in Italien haben große Probleme, weil sie sich beim Umgang mit Covid-19-Toten an spezielle Sicherheitsvorgaben halten müssen. Dazu kommen ja auch noch die "normal" verstorbenen Menschen; davon gibt es in Italien rund 600.000 pro Jahr. Durch die neuen Beschränkungen können die Angestellten nicht mehr ihren vollen Service anbieten und etwa die trauernden Familien nicht mehr ausreichend unterstützen.

Wie sehen diese Sicherheitsvorgaben aus?
Die unterscheiden sich von Region zu Region. Aber allgemein gilt: Wenn die Leiche einer an Covid-19 erkrankten Person bei einem Bestattungsunternehmen ankommt, darf man sie nicht entkleiden, sondern muss sie in ein mit Desinfektionsmittel getränktes Tuch wickeln. Dann legt man die Leiche zurück in den Sarg, der sofort versiegelt und zum Friedhof oder ins Krematorium gebracht wird.

Stirbt jemand im Krankenhaus an Covid-19, haben die Verwandten oft nicht mal mehr die Möglichkeit, ihren Angehörigen zu sehen. Sie müssen sich vor einem verschlossenen Sarg verabschieden. Stirbt jemand zu Hause und es stellt sich erst später heraus, dass die Person möglicherweise am Coronavirus erkrankt war, müssen sich alle Kontaktpersonen in Quarantäne begeben. Was bedeutet: Die Bestattungsunternehmen müssen die Beerdigung quasi ohne die Verwandten organisieren. Aber die Sicherheit geht nunmal vor.

Sind die Angestellten der Bestattungsunternehmen ausreichend geschützt?
Dieses Problem haben wir schon vor Wochen angesprochen: Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel sind kaum mehr erhältlich. Natürlich stehen wir erstmal hinter den Arbeitern und Arbeiterinnen im Gesundheitssektor an. Aber weil wir für die Beerdigungen verantwortlich sind, müssen auch wir die Menschen in unserem Sektor schützen – zum Wohl der ganzen Bevölkerung.

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Wie werden Covid-19-Verstorbene beerdigt?
Die Särge werden zum Ort des Begräbnisses gebracht. Das war's. Jegliche Art von Trauerfeier ist verboten. Außerdem untersagen die neuen Vorschriften Transporte mit offenem Sarg. Es gehen auch schon falsche Informationen herum, etwa dass Covid-19-Verstorbene eingeäschert werden müssen. Das stimmt nicht. Sie können auch normal begraben werden.

Wie stimmen sich Bestattungsunternehmen mit den Familien der Toten ab, wenn diese unter Quarantäne stehen?
Holen wir eine Leiche von zu Hause ab, müssen wir Schutzmasken, Schutzanzüge und Handschuhe tragen – auch wenn wir mit den Verwendeten reden. Wir können einfach kein Risiko eingehen. In einigen Städten haben die Behörden immerhin die Ablaufvorgaben gelockert: Die Erlaubnis zur Einäscherung dürfte eigentlich nur persönlich erfolgen; jetzt kann sie aber auch etwa per Videoanruf oder WhatsApp erteilt werden.

Wie wirkt sich das auf den Trauerprozess aus?
Ich muss schon sagen, dass die italienischen Familie hier sehr verantwortungsbewusst und kooperativ auftreten. Viele haben mit den Bestattungsunternehmen und Priestern vereinbart, dass sie eine symbolische Trauerfeier für ihre verstorbenen Verwandten abhalten werden, wenn die Krise vorbei ist.

Italienische Militär-LKWs schaffen Särge weg. Inwieweit stehen diese Bilder für den Ernst der derzeitigen Lage in Italien?
Diese Videos zeigen, wie problematisch ein plötzlicher Anstieg an Covid-19-Todesfällen in einer kleinen Gegend sein kann. Was die Lage in Bergamo noch weiter zuspitzt: Viele Bestattungsunternehmen wurden geschlossen. Die Stadt musste die Särge zeitweise sogar in einer Kirche unterbringen, weil weder auf dem Friedhof noch im Krematorium Platz war. Normalerweise wäre so etwas undenkbar.

Dazu kommt: Die meisten Särge können nicht einfach so länger als ein paar Tage herumstehen. Ein Verstorbener gibt noch Flüssigkeiten ab und nach einer Zeit droht der Sarg quasi überzulaufen. Und dies zieht wiederum hygienische Probleme nach sich. Ich glaube, die Bilder der Militär-LKWs haben viel dazu beigetragen, dass die Leute wirklich zu Hause bleiben und sich an die Notstandsgesetze halten. Sie verdeutlichten: Das hier ist kein Scherz.

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