Menschen

Was Frauenmorde in Mexiko mit dem IS und Sexismus in Deutschland zu tun haben

Wir haben mit Menschrechtsaktivistin Düzen Tekkal über den neuen Podcast 'Vergessen: Die Frauenmorde von Juárez' gesprochen.
8.3.21
Düzen Tekkal mit Soldaten auf einem  Militärstützpunkt in Dohuk (Irak)
Foto: Düzen Tekkal

Femizide geschehen nicht nur in der Ferne. Und doch konzentrieren sich diese Morde, bei denen Frauen aufgrund ihres Geschlechts zu Opfern werden, an kaum einem Ort so krass wie in Juárez, Mexiko. Seit den 1990ern wurden dort Tausende von Frauen entführt, vergewaltigt, verstümmelt und ermordet. Ein neuer Podcast begleitet zwei Journalisten, die das Thema nun aufarbeiten wollten und dabei auf Korruption, Schweigen und menschliche Abgründe gestoßen sind.

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Ab Montag kann man den Podcast auch auf Deutsch hören. Düzen Tekkal ist Kriegsberichterstatterin, Politikberaterin und Menschenrechtsaktivistin. Im Irak und Deutschland setzt sie sich für die Rechte von Jesiden ein. Als Mitglied der Religionsgemeinschaft will sie vor allem Mädchen und Frauen fördern. Sie spricht Mónica Ortiz Uribe, eine der beiden Journalisten, um die es im Podcast geht.

Düzen Tekkal sitzt auf dem Schillerdenkmal am Berliner Gendarmenmarkt

Foto: Christian Werner

Sie sagt, in dem Podcast Vergessen: Die Frauenmorde von Juárez erkenne sie nicht nur sich selbst und ihre Arbeit wieder oder die strukturelle Gewalt gegen Frauen, mit denen der IS im Irak Besiegte gequält hat, sondern auch die systemische Gewalt in Deutschland.


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VICE: Düzen, dein Podcast heißt "Vergessen: Die Frauenmorde von Juárez". Was passiert da in Mexiko?
Düzen Tekkal: Seit 1993 sind dort 3.800 Frauen ermordet worden. Meistens Frauen, die aus dem Landesinneren in die Grenzstadt gezogen sind, um dort zu arbeiten. Arme Frauen, aus armen Familien, ohne große Lobby. Sie kamen mit der Hoffnung auf sozialen Aufstieg nach Juárez und wurden dort entführt, vergewaltigt, verstümmelt, ermordet und dann weggeworfen wie Abfall. Ihre Leichen liegen in Baumwollfeldern, am Wegesrand, auf der Müllkippe oder in der Kanalisation.

Warum gerade Juárez?
Die Stadt liegt nah an der Grenze zu den USA. Viele amerikanische Unternehmen produzieren hier, weil sie den Angestellten kaum Lohn zahlen müssen. Die haben wiederum kaum Rechte, Gewerkschaften sind hier verboten. Trotzdem ist dadurch Geld in der Region, und wo Geld ist, bilden sich mafiöse Strukturen und Korruption. Da werden dann die Mittellosen und Armen für die eigenen Zwecke missbraucht und benutzt.

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Steckt also das organisierte Verbrechen hinter den Morden?
Es gibt ein Schweigekartell in Juárez. In dem Podcast geht es um die Frage, wer für die Morde verantwortlich ist. Am Ende stellt sich heraus, dass es ein Zusammenspiel aus Banden, Regierung und Polizei ist, ein Sumpf also. Leyla Yenirce und ich sprechen die beiden Investigativjournalistinnen Oz Woloshyn und Mónica Ortiz Uribe, die dazu recherchieren und so immer tiefer in den Sumpf geraten.

Was heißt das, ein Schweigekartell?
Das wirklich grausame ist nicht nur, dass so viele Frauen umgebracht werden und wie sie umgebracht werden. Sondern dass sich scheinbar niemand dafür interessiert. Ein ganzes System deckt und trägt diese Morde. 56 Prozent des mexikanischen Staatsgebiets gelten als gefährliche Zonen für Frauen, als No-Go-Areas. Es kann also sein, dass Familien sich morgens von ihren Töchtern verabschieden und sie dann nie wieder sehen. 

Weil die Täter geschützt werden.
Es ist ja erschreckend, dass diese Mädchen für ihre Familien mehrfach umgebracht werden. Einmal körperlich, und dann aber immer wieder seelisch, weil auch jegliche Bestrebung von Elternteilen, diese Morde aufzuklären unterbunden werden.

Weil alle mit drinstecken?
Das ist das Schweigekartell, wie bei der Mafia. Wer singt, wird getötet. Mit dem Druck kommen auch die Eltern kaum klar. Ein Vater flüchtet sich erst in den Alkohol und nimmt sich schließlich das Leben, weil er damit nicht mehr zurechtkommt. Es gibt einzelne Mütter, die das Unrecht rausschreien und auf die Straße gehen. Aber kulturell wird das noch nicht anerkannt. Das sind die patriarchalen Strukturen und die Klassengesellschaft, davon müssen wir reden.

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Was meinst du damit?
Es interessiert sich niemand für diese Frauen. Sie werden als Untermenschen behandelt. Man spricht ihnen die Menschlichkeit ab. Sie werden zu Objekten, die auf ihre Körper reduziert werden. Viele Frauen wurden erst vergewaltigt und dann ermordet, damit sie nicht aussagen konnten. Im Gegensatz zur Prostitution kostet eine Vergewaltigung nichts. Das klingt grausam, ist aber so. Hier zeigt sich die sexistische Gewalt des Patriarchats auf ihre erbärmlichste Weise. Diese Barbarisierung der Gesellschaft war mir vorher nicht so klar. Ich kannte den Begriff, die Frauenmorde von Juárez, aber was das konkret bedeutet, war mir erst nach dem Podcast klar.

Das Patriarchat ist auch hierzulande grausam, warum sollten wir uns trotzdem mit Juárez beschäftigen?
Weil es hier nicht nur um Sex oder Mord geht, sondern um Gewalt. Es ist eben nicht nur Prostitution, sondern sexualisierte Gewalt. Im Grunde lässt sich das weiterdrehen bis hin zur MeToo-Debatte, Epstein, Dominique Strauss-Kahn, das sind ja alles dieselben Mechanismen, aus denen sich eine Struktur solcher Gewalt speist. 

Was meinst du, wo sind die Parallelen?
Auch die Frauen, die von Epstein und Strauss-Kahn missbraucht wurden, kamen aus ärmlichen Verhältnissen, die keine Anwälte hatten und das alles tabuisiert haben. So ein System lebt von Scham und Tabus und der Täter-Opfer-Umkehr. Das kenne ich aus meiner Arbeit im Irak, in dem Vergewaltigung als Kriegswaffe eingesetzt wurde.

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Du bist Menschen- und Frauenrechtsaktivistin und Jesidin. Mit deinem Verein Háwar setzt du dich im Irak vor allem für Mädchen und Frauen ein. Gibt es da auch Parallelen zu Juárez?
Als ich die Anfrage für den Podcast bekommen habe, habe ich mir natürlich zuerst die Frage gestellt: Was habe ich damit zu tun? Aber im Laufe des Podcasts und der Rolle die ich gesprochen habe, hat sich das verdichtet, das ist mir immer näher gekommen. Ich bin seit 2014 Chronistin eines Völkermords und des Schicksals der jesidischen Frauen aus IS-Gefangenschaft. Da sehe ich unheimlich viele Parallelen. 

Welche?
Mónica Ortiz Uribe hatte ein Schlüsselerlebnis bei ihrer Recherche, als sie die Mutter eines ermordeten Mädchens kennenlernte, Danach war es um sie geschehen. Das kenne ich auch.

Aus deiner Arbeit mit Kriegsopfern?
Ich werde meine ersten Tage im Irak 2014 nie vergessen. Da traf ich das erste Mal Angehörige von Menschen, die in IS-Gefangenschaft waren. Da saß diese Mutter vor mir, erstarrt, geschockt. Das war eine Atmosphäre in diesem Raum, ein Geruch, das werde ich nie vergessen. Drei ihrer Kinder, 6, 8 und 11, waren in IS-Gefangenschaft. Dann hat sie mir die Fotos gezeigt. Ihr kleiner Sohn saß neben ihr, schon ausgehöhlt und ausgehungert, nur noch Augen im Gesicht. Daneben saß der verzweifelte Vater. In diesem Moment habe ich mir geschworen, dass ich alles, was in meiner Macht steht, daran setzen werde, dass das Schicksal dieser Menschen niemals in Vergessenheit gerät.

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Gibt es noch mehr Parallelen?
Zum Beispiel an einer Stelle im Podcast, in der die Journalistin, die ich spreche, nach Juárez fährt, um zu recherchieren. Darüber streitet sie mit ihrer Mutter, die sich unheimliche Sorgen um ihre Tochter macht und die sich dann einfach neben sie ins Auto setzt und sagt: Wenn du fährst, fahre ich auch. Genau so eine Situation hatte ich mit meinem Vater, als ich in den Irak gereist bin. Wenn ich fahren würde, komme er mit.

Weil es so gefährlich würde.
In Juárez werden auch Journalisten aus besserem Haus zur Zielscheibe, wenn sie über das Thema berichten wollen. Deswegen werden Kollegen da auch mit reingezogen. Das Kartell des Schweigens soll aufrechterhalten bleiben. Aber das ist nicht nur in Mexiko oder dem Irak so. Auch in Deutschland macht mir die Situation Sorgen. 

Du als Kriegsberichterstatterin machst dir in Deutschland Sorgen, wenn du deinen Beruf ausübst?
Ich habe eine Geschichte im Giftschrank, die ich nicht erzählen kann. Das ist natürlich traurig für eine Journalistin, die einst angetreten ist, um über Ungerechtigkeit und Missstände zu berichten. Dann zu realisieren, dass etwas so heiß ist, dass es nicht nur um dich geht, sondern auch um deine Angehörigen, ist schwierig. 

Warst du auch selbst mal in Juárez?


Ich war letztes Jahr nach Mexiko eingeladen, aber ich konnte das nicht. Ich litt damals selbst noch extrem unter den Bildern, die ich aus dem Irak mitgebracht hatte. So eine Sekundärtraumatisierung kommt erst Jahre später. Wenn du jahrelang Vergewaltigungsopfer dokumentierst und begleitest, musst du aufpassen, dass du nicht selbst daran zugrunde gehst. Dass du dir deine Weichheit, Weiblichkeit und Sensibilität bewahrst. Diesen Kraftmuskel hatte ich extrem ausgeprägt, da war viel männliche Dominanz und Adrenalin im Spiel, aber die andere Seite ist etwas verkümmert. Man muss da extrem aufpassen, weil die Probleme der anderen immer größer sind als die eigenen.

Was löst es jetzt in dir aus, wenn du dich und deine Arbeit in dem Podcast wiedererkennst?
Mir ist vor allem wichtig, dass mein Journalistinnenherz nicht stirbt. Die Frauenmorde in Juárez haben viele Trigger-Momente in mir ausgelöst. Aber ich glaube, dass wir in Europa, in unseren individualisierten Gesellschaften, uns sehr einfach damit tun, mit dem Finger auf Frauenmorde woanders zu zeigen, aber selbst die Augen verschließen vor den Missständen hier. Dafür wollen wir auch sensibilisieren, nicht nur am Weltfrauentag. Jeden dritten Tag wird eine Frau getötet. In Deutschland, nicht im Irak oder Mexiko. 

Kann man sagen, dass die Strukturen, die in Mexiko zu Frauenmorden führen, die gleichen sind wie hier, nur extremer?
Dort ist das alles noch viel mehr verdichtet. Das Patriarchat ist stärker, die grundsätzliche Situation. Frauen sind finanziell abhängig, machen die Hausarbeit. Männer fühlen sich schnell in ihrer Männlichkeit angegriffen, wenn Frauen zu Breadwinnern der Familie werden. Außerdem herrschen dort die Kartelle. Natürlich leben Frauen in Deutschland sicherer. Auch ich. Wenn ich als Jesidin im Irak zur Welt gekommen wäre, dann wäre auch ich in die Hände des IS gefallen, so wie meine jesidischen Schwestern, das ist ein Fakt.

Aber?
Das heißt nicht, dass wir hier keine Probleme haben. Auch hier leben Menschen aufgrund ihres Geschlechtes oder Aussehens weniger sicher als andere. Ich sage nur Hanau, das ist Rassismus. Und dann gibt es den Sexismus und häusliche Gewalt. Die geht nicht nur von Migrantenfamilien mit patriarchalen Strukturen aus, sondern auch von klassisch deutschen Familien. Während Corona ist das Problem noch viel größer geworden und die Mauer des Schweigens existiert auch hier, im Klein-Klein, in den Familien. Nur dann funktioniert das ja. Wenn das ganze tabuisiert wird, wenn sozialer Druck und Erpressung ausgeübt werden, damit Frauen sich am Ende selbst schuldig fühlen. 

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Was können wir hier in Deutschland tun, damit sich etwas verändert?
Das Thema in Juárez muss auf die Agenda, wie der Klimawandel. Da ist ja auch niemand mehr neutral. Dann müssen sich Staaten einschalten, die UN. Da kann man etwas machen, es passiert nur zu wenig. 

Und wie lösen wir die Probleme in Deutschland?
Es geht um ein würdevolles Leben für alle Menschen, auch für Frauen. Es geht darum, dass wir derartige Gewalt ganz anders ächten, moralisch und strafrechtlich. In Urteilen schlägt sich ja auch eine Moral nieder. Es geht auch darum, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass es keinen Raum gibt, in dem Frauen Gefahr laufen, unterdrückt, verletzt, diskriminiert oder ermordet zu werden, einfach nur weil sie Frauen sind. Da müssen wir hingucken, auch im eigenen Land. Und wir müssen uns auf die richtige Seite stellen, auf die Seite derjenigen, die entmenschlicht werden. Das muss alle interessieren. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Frage. Es trifft zwar zuerst immer die schwächeren, aber kommt auch als Bumerang auf alle zurück. Denn wir wollen ja alle auf Solidarität hoffen, wenn wir in Not sind. Deshalb mein Appell: Schaut nicht nur nach Juárez und den Irak, sondern auch vor eure Haustür. Unterstützt die Opfer, nicht die Täter und deren Strukturen.

Was können Männer machen, um Frauen zu schützen und zu stärken?
Setz dich für Frauen ein, habe eine Haltung. Sag bei Femiziden: Toleranzgrenze null. Trag persönlich zu einem Klima bei, das das Thema Gewalt gegen Frauen enttabuisiert. Begehre auf in Situationen, wenn ein dummer Spruch fällt, wenn deine Kollegin sich nicht traut zu widersprechen. Wir wissen ja, wie Arbeitsstrukturen meistens sind. Und ich sage auch hier: Es beginnt im Klein-Klein. Schau in deiner Lebenswelt, mach dich gemein, solidarisiere dich mit denen, die von Marginalisierung betroffen sind.  

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