Eine lange Schlange wartender Menschen hat sich vor der Primark-Filiale am Berliner Alexanderplatz gebildet, viele Menschen wollen vor Beginn der verschärften Corona-Maßnahmen noch mal schnell shoppen
So sah es am letzten Tag vor den verschärften Corona-Maßnahmen auf dem Alexanderplatz aus | Foto: imago images / Emmanuele Contini
Menschen

So lief das letzte Lockdown-Shopping in Berlins grausamster Konsum-Hölle

Die Geschäfte haben geschlossen, vermutlich für Monate, gefühlt für immer. Betrachtungen vom Berliner Alexanderplatz.
16.12.20

Ich komme am Alex an und stelle mich erstmal an die Weltzeituhr. Irgendwo muss man ja beginnen, so kurz vor dem Ende. Es ist Dienstagnachmittag - in wenigen Stunden werden die Geschäfte schließen und am nächsten Tag auch nicht wieder öffnen. It’s the end of the world as we know it.

Menschen mit Einkaufstüten laufen kreuz und quer, eine Straßenbahn rattert vorbei, es gibt nichts, woran sich mein Blick festhalten kann. Aber okay, andere haben es noch schwerer. Was fangen Ladendiebe an, wenn ihre Arbeitsstätten demnächst dichtmachen? Hilfsprogramme der Bundesregierung haben sie nicht zu erwarten. Überbrückungskredite scheitern sicher an mangelnden Sicherheiten. Wer weiß schon, wann die Läden wieder öffnen? Ein ganzer Berufszweig steht vor den Scherben seiner Existenz.


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Ich habe mir soziale Distanz vorgenommen, laufe aber doch in einen Drogeriemarkt, um etwas zu trinken zu kaufen. Vor mir in der Schlange entbrennt eine Debatte. Ein Mann blafft eine Frau an, ihm nicht so dicht auf die Pelle zu rücken. "Wir haben da seit ein paar Monaten so eine kleine Pandemie, wissen Sie?" Ah, giftige Ironie! Ich dachte, die wäre Reportern und Satirikern vorbehalten. Er verzieht sein Gesicht zu einer gemeinen Fratze. Sie zuckt mit den Schultern, bewegt sich keinen Zentimeter. Er plustert sich weiter auf, "so welche wie Sie haben es echt nicht begriffen!", sie weicht nicht zurück, dann ist er endlich dran.

Wieder draußen höre ich etwas weiter, am Saturn, jemanden singen. "Losing my religion". Endlich spricht der Alex zu mir, durch die Lippen dieses Straßenmusikers. Einige Passanten lauschen, nicken melancholisch zur Musik, spüren vielleicht das Gewicht ihrer Einkaufstüten nicht mehr. Den Kaufwütigen geht ihre Religion flöten, ihr Glaube an die Erlösung durch Konsum, that was just a dream. Alle Shoppingcenter schließen bald, diese modernen Konsumkirchen. Dabei bleiben die Kirchen-Kirchen auf. So oft ihr Niedergang auch herbeigeschrieben worden ist, sie bleiben geöffnet, während ganz Deutschland schließt. In der Krise zeigt sich, wer regiert. Corona hat vieles in uns wiederbelebt, so auch den für ausgestorben gehaltenen Willen von Christenmenschen, für Gott zu verrecken.

Es ist natürlich müßig darüber zu streiten, was zuerst abgeriegelt gehört. Ich persönlich hätte ja erst die Konsumkirchen, dann die Kirchen-Kirchen und dann erst die Kultureinrichtungen geschlossen, aber das ist eine Geschmacksfrage. Wir alle können gleichermaßen ohne neue Jeans, gemeinsames Gebet und echte Konzerte überleben. Also einige sicher besser als andere. Als ich länger am Brunnen der Völkerfreundschaft rumlungere, quatscht mich irgendwann ein Typ an, der sich bald als Tarek vorstellt. "Ist ja gar nicht kalt, oder?", sagt er und er muss das auch sagen, weil er als einziger Mensch am Alex keine Jacke trägt. Er hüpft von einem Bein aufs andere, wirkt arg aufgekratzt. "Ich brauche eigentlich gar nix kaufen, aber ich dachte, wenn heute der letzte Tag ist, dann muss ich doch!" Und, etwas erstanden? "Bis jetzt nicht, Digger!"

Corona-Regeln einmal andersherum, bitte

So haben sich das die Politiker sicher nicht vorgestellt. Wenn Leute shoppen gehen, weil sie nicht mehr shoppen gehen sollen, hat sich der Hund in den Schwanz gebissen. Aber bei Corona und Kauflust hat sich die Politik ohnehin arg im Ton vergriffen. Wirtschaftsminister Peter Altmeier hat den Einkauf vor wenigen Wochen tatsächlich noch als "patriotische Aufgabe" bezeichnet. Eine Senkung der Mehrwertsteuer hat den Menschen zusätzlich signalisiert: Geht raus und kauft ein! Corona hat all das wieder hochgespült, was der denkende Mensch in seiner radikalen Form für überwunden gehalten hatte. Kirche, Konsum, Kleinstaaterei. Und deutsche Minister, die patriotische Aufgaben formulieren.

Ich ziehe weiter meine Runden, laufe an einem Bauzaun vorbei. Eine knallharte Recherche im Netz ergibt: Hier entsteht ein als "Urban Campus" tituliertes Hochhausprojekt von Covivio, einer Firma, die für all das steht, was im Berliner Immobilienmarkt schiefläuft. Da mittlerweile jeder seelenlose Glasklotz irgendwie einen Campus im Namen trägt, ahnt der interessierte Betrachter da bereits, dass dieser Turm den Alex nicht lebendiger machen wird, dieses Missverständnis von einem urbanen Platz, diesen Nicht-Ort. Merkspruch: Wenn dich in einer dunklen Straßenecke um drei Uhr nachts jemand mit "my friend" anlabert, kommt er nicht als Freund. Und eine "lebendige Immobilie" im "Herzen der Stadt" und mit "Campus" im Namen will dich nicht ausbilden. 

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Noch inniger wird meine Liebe zum kommenden Tower, als ich am Bauzaun die Selbstbeschreibung des Bauzauns lese. Er heißt nämlich A-FENCE. Und zwar: "A-FENCE setzt sich zusammen aus A für den Alexanderplatz und dem englischen Wort für Bauzaun ´fence." Wow, ich habe mich lange nicht mehr so gedummbeutelt gefühlt. Danke A-FENCE, danke Tower, danke Covivio. Lieber weiter zur Schule des Lebens. 

Vor dem Primark warten geschätzte 100 Menschen auf Einlass. Davor verkauft ein Bratwurststand gewordener Mensch mit riesiger Umhängetasche für 1 Euro 90 seine Würstchen. Dazu bieten Straßenhändler Mützen, Magnete und irgendwelche Dinge feil, die ich nicht identifizieren kann. "25 Euro!", sagt der Verkäufer zu mir und zeigt auf eine Gasmaske. Sie ist nicht eingepackt und sieht ein bisschen so aus, als hätte er sie sich gerade selbst vom Kopf gezogen. Ich lehne ab, bleibe aber in der Nähe stehen, was ihn zu weiteren Angeboten animiert. "Habe ich kein gutes Geschäft heute, 15 Euro!" Er zeigt wieder auf die Maske, ich sage ihm, dass ich schon genügend Gasmasken zu Hause hätte, er kontert meinen schlechten Witz mit: "Zehn Euro!" Ich gehe lieber.

Unweit des Brunnens der Völkerfreundschaft sind weiße Linien auf den Boden gemalt, vermutlich sollten hier die Stände des Weihnachtsmarktes stehen.

Es bleibt noch die Ersatzhandlung Online-Shopping. Aber es ist nicht das gleiche, vor allem shoppt man online meistens alleine, für sich, quasi im Verborgenen. Der Onlineshopper ist der Agnostiker unter den Einkaufenden. Gemeinschaft ist ihm zuwider. Das echte Shopping-Glück kennt er nicht. Aber er ist bereit, danach zu suchen.

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Übrigens, die krasseste Gang an diesem denkwürdigen Tag: die BVG. Gleich sechs Mitarbeiter laufen in ihren gelb-blauen BVG-Jacken quer über den Platz. Vom Körperbau her wirkt jeder einzelne wie diese kreisrunden Tonnen, die den gesamten Alex säumen und auf Wertstoffe warten. Wenn diese Crew kommt, machste lieber Platz.

Unter der Erde geht es rund

Ich hatte in diesem Corona-Jahr das absurdeste Erlebnis genau hier und mit der BVG gehabt, im Frühling, unter dem Alex. In einer Nacht von Freitag auf Samstag im ersten Lockdown war kaum noch jemand im U-Bahnhof unterwegs. Ein Besoffener quatschte einen anderen Besoffenen zu, also mich, der ich mich von ihm löste, als er übergriffig wurde. Ich lief die Treppe zur U8 hinunter und in die gerade eingefahrene Bahn und bemerkte bald, dass etwas komisch war, aber nicht sofort, was. Nach einigen Augenblicken fiel es mir auf: In der Bahn waren nur Männer, nur echt grimmige Typen. Keine Kinder, keine Frauen. Wobei, eine war da. Sie war jung und vermutlich obdachlos, zumindest sehr zerlumpt und drauf war sie wohl auch. Ihre Augen kullerten nach innen, immer wieder kippte sie weg, versuchte, sich wieder zu fassen zu kriegen, kam hoch, fiel um. Als die Bahn anfuhr, schlurften gleich drei oder vier der Typen wie in einem Zombiefilm auf sie zu. Das einzige Schaf am Waldrand, wenn das Wolfsrudel anrückt. Ich stellte mich dazwischen. Einer von ihnen, der erste an der Reihe, versuchte mich wegschieben, ich schob zurück, wir verkeilten uns ineinander. An der Jannowitzbrücke bedeutete ich der Frau auszusteigen, sie kam hoch, schwankte und fiel fast aus der Tür. Der Typ löste sich von mir, lief hinterher, aber die Tür schnappte vor ihm zu. Frau draußen, Typ drin, ich auch. Ich dachte, dass es jetzt losgehen müsste, aber der Typ begann tatsächlich einen Smalltalk. Er suche eben eine Frau, das sei für ihn nicht leicht, er komme aus Pakistan. Ich sagte ihm, dass sie ein Junkie sei und er wehrlose Frauen in Ruhe lassen sollte. Er lächelte. "Oh, don’t worry. I can make her princess."

Vor allem dieser Tag hat mir gezeigt, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist. Dagegen ist etwas Shopping am Alex doch eine harmlose Nummer. Wer weiß, vielleicht schwärmen bald wieder die Hyänen aus, wenn der Lockdown wieder richtig reinhaut. Aber erst einmal singt ein Typ vor Galeria Kaufhof "Broken Hallelujah". Er singt gut, aus seiner eigenen Tiefe, Menschen umstellen ihn, knisternde Winterstimmung kommt auf. Dann kommt die Polizei und beendet das Konzert. Ich frage einen Polizisten, ob das wirklich sein muss. "Menschen versammeln sich hier, tragen alle keine Maske, das geht nicht", sagt er mit Bedauern in der Stimme. Außerdem bräuchte der Musiker eine Genehmigung. Das Konzert ist vorbei.

Es ist ja immer leichter etwas zu zerstören, als etwas aufzubauen. Wäre ja schon ein interessantes, asoziales Experiment, wenn der Staat in dieser Pandemie niemandem helfen würde. Welche Clubs, Geschäfte und Ansichten wären für immer weg, was würde wiederkommen? Irgendwie ahnt man bereits, dass die Konsumkirchen ihre Pforten wieder öffnen werden. Der Alex ist verloren, Saturn hin, C&A her. Er bleibt die Parodie eines städtischen Platzes. Als hätte der Osten all das gesucht, was im Westen mal echt nicht gut lief, also die Fixierung auf Geld, die als Kehrseite der Freiheit kommende Gewalt und die allgemeine Bigotterie - und all das in seinem ehemaligen Zentrum konzentriert versammelt. Der Alex als Campus kapitalistischer Kackbratzigkeit.

Immerhin bleibt noch die Musik. Am gegenüberliegenden Ende des Platzes, vor der Sparkasse, singt ein Typ "Rolling in the deep" von Adele. We could have had it all. Eine alte Frau setzt sich zu ihm auf den Boden, ihr Mund-Nasen-Schutz verdeckt so viel von ihrem Gesicht, dass man nicht weiß, ob sie gesund bleiben will oder die Revolution. Sie geht mit dem Lied mit, schließt ihre Augen. Bald schließen die Läden.

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