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Illustration: Shutterstock/re_bekka
Menschen

Nach einer traumatischen Erfahrung hörte Cristina plötzlich Stimmen

"Ich hörte zum Beispiel meine tote Großmutter. Ich verstand nicht, wo das herkam."
8.12.20

Cristina Contini, 54 Jahre alt, hört seit 35 Jahren Stimmen. "Angenommen, du kannst nachts schlafen, dann verfolgen dich die Stimmen von dem Moment an, in dem du aufwachst", erzählt Christina. Für sie hören sich die Stimmen zumeist an wie ihre Eltern und andere Verwandte. Sie flüstern ihr oft abwertende Dinge zu. 

Contini erzählt, dass sie mit 19 Jahren anfing, Stimmen zu hören. Sie war zuvor nach einer Operation ins Koma gefallen. "Als ich aufwachte, hörte dutzende Stimmen, zum Beispiel die meiner toten Großmutter. Ich verstand nicht, wo das herkam."

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Akustische Halluzinationen werden oft mit Schizophrenie in Verbindung gebracht. Contini hat aber keine der anderen Symptome, um mit dieser psychischen Erkrankung diagnostiziert zu werden. Tatsächlich führte sie ihr Leben fast normal weiter. Contini erzählt: "Ich hatte eine Karriere, ein Kind und fand meine Berufung, in dem ich anderen helfe."


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Im Jahr 2005 gründete sie die Organisation Hearing Voices. Die Organisation heißt Patientinnen und Patienten aus ganz Italien willkommen und vernetzt sie mit einem Team aus professionellen Helfern. Zur Unterstützung gibt es auch ein Netzwerk aus anderen Menschen, die Stimmen hören. 

"Das Phänomen kommt häufiger vor, als wir denken", sagt Francesco Bocci, ein Psychotherapeut, der mit Hearing Voices arbeitet. "Eine von zehn Personen hört Stimmen oder hat mal Stimmen gehört, aber nur 15 bis 20 Prozent dieser Menschen werden geistig krank." Andere Studien präsentieren sehr viel niedrigere Zahlen und zeigen, dass in 80 Prozent aller Fälle die Halluzinationen nach einer Weile aufhören. 

Bocci zufolge ist Stimmenhören von Person zu Person unterschiedlich. Für ihn gibt es keine eine Diagnose, die auf jeden zutrifft. "Es kann eine Mischung aus Depression, Paranoia und einer dissoziativen Störung sein, aber keine dieser psychiatrischen Diagnosen passt genau", sagt Bocci. Für ihn ist das einzige, was alle Stimmenhörenden gemeinsam haben, eine Form der posttraumatischen Belastungsstörung. 

Continis Verbindung hilft Menschen mit akustischen Halluzinationen dabei, diese Erfahrung besser zu verstehen. "Ihre Verfassung mit jemandem zu teilen, der sie versteht, hilft vielen Stimmhörenden." Sie organisieren sowohl Gruppentherapie mit den Patientinnen und Patienten, ihren Familienmitgliedern als auch individuelle Therapiesitzungen. 

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Dieser multidisziplinäre Ansatz ist nicht mit einer traditionellen psychiatrischen Behandlung vergleichbar. Dort bekommt jeder Mensch eine genaue Diagnose und entsprechende Medikamente verabreicht. Der Psychiater Paolo Cozzaglio, der ebenfalls mit Hearing Voices zusammenarbeitet, findet ihren Ansatz besser. "Zusammenhänge zu verstehen, statt einfach nur Medikamente zu verschreiben, ist wichtig für die Therapie." Akustische Halluzinationen mit Medikamenten zu behandeln, macht die Patienten oft passiv und hilft auf lange Sicht nicht. Cozzaglio glaubt: "Stimmen zu hören ist eine chronische Verfassung. Betroffene müssen lernen, damit zu leben. Sie drücken einen Teil ihres Charakters dadurch aus."  

Stimmhörende hören normalerweise mehrere hundert Stimmen zur selben Zeit. Manche sind gedämpft, andere klar verständlich. Manche hören sich an wie die Stimmen von echten Menschen, andere wie die von Fremden. Sie zu entziffern ist ein wichtiger Bestandteil, um mit einem solchen Zustand klarzukommen. 

Zuerst müssen sie verstehen, ob die Stimmen als von innen oder als von außen kommend wahrgenommen werden. "Wenn Stimmen als obsessive, innere Gedanken wahrgenommen werden, versucht die Person meist sich zu verletzen, damit sie aufhören", sagt Contini. Wenn die Stimmen aber als extern verstanden werden, dann kann die sie hörende Person wütend gegenüber anderen werden. "Wenn du hörst, wie deine Mutter dich ständig beleidigt, dann verhältst du dich ihr gegenüber aggressiv, auch wenn der Grund dafür nicht real ist."

Viele der Patienten, mit denen Contini arbeitet, sind Kinder und Jugendliche. "Die Stimmen kommen vier oder fünf Jahre nach einer traumatischen Erfahrung", berichtet sie. "Mit Erwachsenen zu arbeiten ist komplizierter, weil sie ihre Symptome vernachlässigen und psychologische Schranken aufgebaut haben, die nicht so einfach zu öffnen sind." Deswegen sei es wichtig, ein Bewusstsein für die Erkrankung zu schaffen. Weil es ein Stigma gibt, ziehen sich Stimmhörende oftmals von ihrer Familie und Therapeuten zurück, obwohl die nur helfen wollen. 

Stimmen sind "die Verstärkung bestimmter Teile unseres Selbst", erklärt Bocci. Sie stammen aus unserer subjektiven Erfahrung, unseren Beziehungen, Gefühlen und kulturellem Kontext. Bocci nennt seine Methode eine "emotionale Diagnose", die sich darauf fokussiert, das Trauma aufzuarbeiten, das der Erkrankung zugrunde liegt.

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