Popkultur

Harry-Potter-Fans erzählen, warum sie ihre Potter-Tattoos überstechen lassen wollen

Seit Joanne K. Rowling ihre kruden Ansichten zu Trans-Menschen offenbart hat, ist Harry Potter für viele Fans gestorben. Deshalb müssen nun auch die Tätowierungen weg.
16 Juli 2020, 10:48am
Die Harry Potter-Charakter Harry, Ron und Hermione zaubern einen Patronus hervor
Bild: Brian Selznick für Scholastic 

Als die Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling am 10. Juni ein 4.000-Wörter-Statement zu ihrer unaufgeklärten Meinung über Trans-Menschen veröffentlichte, befand sie sich bereits auf dünnem Eis. Nach Jahren voller nachträglicher Zusätze zur Harry Potter-Reihe und unterschwelliger Trans-Feindlichkeit in Rowlings anderen Büchern, ist es inzwischen schwer zu rechtfertigen, ein eingefleischter Harry Potter-Fan zu sein. Selbst die Ankündigung eines Videospiels zur Buchreihe – etwas, auf das ich schon sehr lange gewartet habe – bereitet mir keine Freude mehr.

Schon vor Rowlings Statement hatte ich mit dem Gedanken gespielt, mein kleines Tattoo vom Symbol der Heiligtümer des Todes überstechen zu lassen. Ihre Worte machten mir die Entscheidung dann sehr einfach. Ich kann es kaum erwarten, dass man das ultimative Zeichen meines komplizierten Fan-Daseins nicht mehr sieht.

Anderen Harry Potter-Fans geht es ähnlich: Es gibt viral gegangene Tweets, in denen sie von ihrem Wunsch berichten, sich ihre Harry Potter-Tattoos überstechen zu lassen. Und die Tätowiererin Molly Ostertag bot Fans an, die Cover-ups zu gestalten, wenn sie dafür an eine gemeinnützige Organisation für Trans-Frauen of Color spenden.

Drei Harry Potter-Fans erzählen, wie und warum sie ihre Tätowierung überstechen lassen wollen.

Laney: "Ihr Blick auf den Rest der Welt war einfach sehr beschränkt, sehr britisch."

Laneys Tattoo ist eine Kombination aus dem Symbol der Heiligtümer des Todes und einem Hirschen, also Harrys Patronus, der ihn vor den Dementoren schützt. "2011 ließ ich mir zuerst nur das Symbol auf die Schulter stechen", sagt Laney. "Ich war voll drin in der Harry Potter-Fangemeinde. Vor allem das Ende der Filmreihe hatte es mir total angetan. Da dachte ich mir: 'Ich will das für immer auf meinem Körper haben.'"

Eigentlich wollte Laney ihr Tattoo noch erweitern. Jetzt ist sie sich nicht mehr sicher, wie sie das Ganze angehen soll.

Ein Harry Potter-Tattoo mit dem Symbol der Heiligtümer des Todes und einem Hirschen. Wegen Joanne K. Rowlings zweifelhafter Aussagen bereuen viele Harry Potter-Fans bereuen ihre Tätowierungen inzwischen

Foto: bereitgestellt von Laney

"Da ich mir mit der Zeit einen immer kritischeren Blick angewöhnte, fühlt es sich jetzt komisch an, auf Harry Potter zurückzublicken", sagt Laney. "Denn jetzt verstehe ich J.K. Rowling als Autorin und auch die Buchreihe selbst besser. Und das ist nichts Gutes."

In den Harry Potter-Büchern gibt es einige Dinge, die einen argwöhnisch die Augenbrauen hochziehen lassen. Die in der Zaubererbank Gringotts arbeitenden Kobolde werden als gierige Kreaturen mit Hakennasen beschrieben, die das Bankwesen der Zauberwelt beherrschen. Das ist – selbst wenn keine Absicht dahinter steckt – antisemitisch. Dazu kommt, dass die nicht-weißen Charaktere in Harry Potter – etwa Parvati Patel, Dean Thomas oder Cho Chang – nie wirklich gut behandelt werden. Laney dachte zum ersten Mal darüber nach, ihr Harry Potter-Tattoo überstechen zu lassen, als die nachträglichen Zusätze zu den Büchern komisch wurden.

Als Rowling zum ersten Mal etwas zu den Harry Potter-Büchern hinzufügte, offenbarte sie, dass Dumbledore schwul war. Zuerst war Laney von diesen Neuigkeiten noch begeistert. "Damals hatte ich mich noch nicht geoutet und dachte mir: 'Oh mein Gott, wie cool ist das denn?'", sagt sie. "Ich fand das super, vor allem weil ich mich selbst noch nicht richtig mit meiner Queerness auseinandergesetzt hatte." Laneys Freude über Rowlings Zusätze zu den _Harry Potter-_Büchern sollte jedoch nicht lange anhalten.

"Ich hatte zum ersten Mal ein wirklich ungutes Gefühl, als Rowling anfing, über die anderen Zauberschulen aus der ganzen Welt zu reden", sagt Laney. Das Ganze kann man bei Pottermore nachlesen, Rowlings Online-Lexikon zum Harry Potter-Universum. "Da wurde mir klar, dass neues Material nicht immer ein Segen ist, denn neu bedeutet nicht automatisch gut."

So gibt es in ganz Afrika nur eine einzige Zauberschule, es ist unklar, welche Rolle die amerikanischen Ureinwohner in der amerikanischen Zaubergeschichte spielen, und der Name der japanischen Zauberschule ist grammatikalisch falsch. Laney hatte gerade den Hirsch zu ihrem Tattoo hinzugefügt, als die Informationen zu den neuen Zauberschulen veröffentlicht wurden.

"Ihr Blick auf den Rest der Welt war einfach sehr beschränkt, sehr britisch. Mit Menschen aus diesen Kulturen hat sie bestimmt nicht gesprochen", sagt Laney. Rowlings spätere Trans-Feindlichkeit schockierte sie zwar immer noch, aber zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits mit der Autorin abgeschlossen.

"Man kann schon sagen, dass ich da ein Vorbild verloren habe", sagt Laney. "Ich war großer Fan von Rowling als kreative Autorin, deshalb war ich auch so extrem enttäuscht. Ich weiß irgendwie immer noch nicht genau, wie das Ganze meine Ansicht zur Harry Potter-Reihe selbst beeinflusst."

Jordan: "Meine Trans-Freunde sollen nicht denken, dass ich die Aussagen von Rowling gutheiße."

Jordan war elf Jahre alt, als er das erste Harry Potter-Buch las. So ist er wie viele andere junge Fans mit Harry aufgewachsen. Aber obwohl die Bücher sehr beliebt waren, gab es in seinem Bekanntenkreis nur wenig andere Leute, die die Reihe komplett zu Ende gelesen haben.

"Ich bin in den Südstaaten der USA aufgewachsen, dort wurde das Ganze schnell als 'Hexerei und das Böse' abgestempelt. Deswegen haben viele Leute aufgehört, Harry Potter zu lesen", sagt Jordan. Weil sie für ihn aber eine Art Zuflucht waren, legte Jordan die Bücher nie beiseite. "Für mich als Teenager, dessen Eltern sich gerade scheiden ließen, fühlte sich Hogwarts wie ein Ort an, an dem ich vor dem ganzen Scheiß sicher war, den man als junger Mensch durchmachen muss", sagt er.

Jordans Harry Potter-Tattoo – das Symbol der Heiligtümer des Todes im Stick'n'Poke-Stil – wurde von einem Freund gestochen. Jordan ließ sich mit 18 zum ersten Mal Tinte unter die Haut jagen und wusste direkt, dass er auch eine Harry Potter-Tätowierung braucht.

Ein Harry Potter-Tattoo mit dem Symbol der Heiligtümer des Todes. Wegen Joanne K. Rowlings zweifelhafter Aussagen bereuen viele Harry Potter-Fans bereuen ihre Tätowierungen inzwischen

Foto: bereitgestellt von Jordan

Schließlich studierte Jordan Literatur und lernte, die Dinge, die er las, kritischer zu betrachten. Zu diesen Dingen zählte dann auch Harry Potter, denn er las die Reihe häufig erneut durch.

"Mir fielen gewisse Dinge auf, zum Beispiel, dass Rowling Sklaverei als etwas Positives darstellt", sagt Jordan und bezieht sich damit auf die Hauselfen, die sich weigern, aus der Sklaverei befreit zu werden. Außerdem erinnert er sich daran, als Rowling verkündete, dass der Nebencharakter Anthony Goldstein Jude sei. Und dass man in der Zauberwelt früher keine Toilette gebraucht, sondern einfach auf den Boden gekackt und den Kot dann weggezaubert habe. Jordan sagt, dass sich die Sache mit Anthony Goldstein für ihn so anfühle, als ob Rowling krampfhaft zeigen wollte, dass auch Juden nach Hogwarts gingen. Der Sache mit dem großen Geschäft konnte er immerhin noch etwas Witziges abgewinnen.

Was Jordans Sicht auf die Harry Potter-Bücher schließlich komplett über den Haufen warf, war Rowlings unverblümte Trans-Feindlichkeit. "In den Büchern gibt es schon so viele Dinge, die hart an der Grenze sind. Aber ab da musste ich meine Beziehung zu Harry Potter wirklich überdenken, obwohl mir die Reihe früher so viel bedeutete", sagt er. "Ich will auch nicht mehr, dass meine Trans-Freunde mein Tattoo sehen können. Sie sollen nicht denken, dass ich die Aussagen von Rowling gutheiße."

Natürlich bietet Harry Potter Jordan nicht mehr die Zuflucht wie damals in seiner Kindheit und Jugend. Dennoch weiß er, dass es lange dauern wird, seine Beziehung zu der Buchreihe neu einzuordnen. "Ich glaube nicht, dass ich mich jemals komplett davon lösen kann", sagt er. "Dafür haben die Bücher zu sehr beeinflusst, wer ich heute bin."

Kay: "Ich will einfach nicht, dass mich die Leute anschauen und glauben, dass ich die gleichen Ansichten habe wie Rowling."

Früher war Kays Tattoo vom Symbol der Heiligtümer des Todes ein guter Weg, um in der Schulbibliothek, in der Kay arbeitet, das Eis zwischen Kay und den Schülern und Schülerinnen zu brechen. "Die Tätowierung ist immer ein guter Gesprächseinstieg gewesen", sagt Kay. "Anfangs war das richtig cool."

Kay ist eine nicht-binäre Person und hat sich das Tattoo zusammen mit einer Trans-Freundin stechen lassen. Für die Schüler war die Tätowierung auf dem Unterarm ein Zeichen, dass Kay die Bücher liest, die auch ihnen gefallen. Als Rowling jedoch ihre Ansichten zu Trans-Menschen kundtat, hatte Kay nicht mehr länger das Gefühl, dass das Tattoo etwas Positives ist.

Ein Harry Potter-Tattoo mit dem Symbol der Heiligtümer des Todes. Wegen Joanne K. Rowlings zweifelhafter Aussagen bereuen viele Harry Potter-Fans bereuen ihre Tätowierungen inzwischen

Foto: bereitgestellt von Kay

"Als Rowling das erste Mal etwas zu dem Thema sagte, hoffte ich noch, dass sie etwas dazulernt", sagt Kay. "Nach den aktuellsten Kommentaren hatte ich jedoch keine Wahl mehr. Ich muss etwas tun. Ich will nicht mehr dieses Symbol auf meinem Körper haben, das jetzt so befleckt ist. Ich will einfach nicht, dass mich die Leute anschauen und glauben, dass ich die gleichen Ansichten haben wie Rowling."

Kay liebte aber nicht nur die Harry Potter-Reihe, sondern auch die dazugehörige Online-Fangemeinde. So las Kay jedes Jahr nicht nur die Bücher erneut durch, sondern auch das sogenannte Shoebox Project, also eine ausführliche Fan-Fiction über eine romantische Beziehung zwischen den Harry Potter-Charakteren Remus Lupin und Sirius Black. Für Kay ersetzte solche Fan-Fiction-Texte oft das, was in Rowlings Büchern fehlt.

Solche Fan-Fiction kann dabei extrem von den eigentlichen Harry Potter-Texten abweichen. Die Fans haben sich schon Welten ausgedacht, in denen James Potter aus Südasien stammt, in denen sich Sirius und Remus verlieben, oder in denen man selbst Peter Pettigrew etwas Positives abgewinnen kann. Kays Beziehung zu diesen Texten ist mehr oder weniger gleich geblieben. Die eigentlichen Harry Potter-Bücher erneut zu lesen, ist allerdings etwas ganz anderes.

Kays zweijähriges Kind soll dennoch auch mit der Harry Potter_-_Reihe in Berührung kommen. Kay weiß bloß noch nicht, wann und wie das passieren wird. "Wenn ich die Bücher noch mal lese, wird das eine sehr nachdenkliche und schwierige Neubewertung", sagt Kay. "Diese Vorstellung macht mir Angst."

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Ein Harry Potter-Tattoo mit dem Symbol der Heiligtümer des Todes. Wegen Joanne K. Rowlings zweifelhafter Aussagen bereuen viele Harry Potter-Fans bereuen ihre Tätowierungen inzwischen

Foto: bereitgestellt von der Autorin

Manchmal mache ich mir wegen meines Tattoos so viele Gedanken, dass ich mich direkt präventiv entschuldigen will, wenn ich neue Leute kennenlerne. Aber Harry Potter war einst so wichtig für meine Entwicklung, dass ich damals bei der Tätowierung keine Sekunde zögerte. So wie Jordan bin auch ich mit Harry groß geworden. So wie bei Kay bot auch mir die Fan-Gemeinde eine Möglichkeit, die Bücher genauer zu erforschen und weiterzuspinnen. So wie Laney bewunderte auch ich J.K. Rowling früher als Autorin und offene Feministin. Aber jetzt haben mir Rowlings Ansichten zu Trans-Menschen die Buchreihe für immer verdorben.

Immerhin habe ich schon eine gute Idee für ein Cover-Motiv: Pflanzen und Blumen können für Wachstum stehen; wenn ich also das Symbol der Heiligtümer des Todes mit den Pflanzen übersteche, die ich angebaut habe, schaffe ich es vielleicht auch, eine Jugend loszulassen, zu der ich nicht mehr zurückkehren kann.

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