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Der Typ, der denkt, er muss nie wieder essen, ist vermutlich bald Milliardär

Rob Rhineharts Hobby, nichts außer einem Smoothie, der wie Sperma aussieht, zu sich zu nehmen, hat sich zu seinem Beruf entwickelt.
08 August 2013, 2:55pm

Erinnert ihr euch noch an Rob Rhinehart? Ich glaube schon, denn es ist schwer, einen Typen zu vergessen, der sich ausschließlich von Vitaminkotze ernährt. Vor ein paar Monaten haben wir von Soylent berichtet, einem unglaublich nährstoffreichen Nahrungsersatz-Smoothie, den Rob—der Erfinder von Soylent—fast fünf Wochen konsumierte. Auf der einen Seite sah es ein bisschen aus wie Sperma, auf der anderen Seite behauptete Rob, dass er nie wieder zu essen bräuchte, wenn er jeden Tag nur Soylent trinkt. Wenn man beachtet, dass der Hungertod noch immer ein ziemlich ernstes Problem auf der Welt ist und die Weltbevölkerung etwa im Jahr 2050 die 9 Milliarden überschreiten wird, erscheint Robs Erfindung recht wichtig.

Seitdem wir das letzte Mal mit ihm sprachen, wurden Rob und Soylent berühmt. Sein Projekt wurde von Ernährungsexperten als „gefährlich“, „lächerlich“ und als „Warnsignal für mögliche Essstörungen“ verspottet. Glücklicherweise für Rob waren die Unterstützer von Soylent großzügig: Ein Crowdfunding-Projekt für seinen tollen Gesundheitsschleim brachte in weniger als 30 Tagen beinahe 800.000 US-Dollar ein.

Jetzt ist Rob der Geschäftsführer der Soylent Corporation; aus seinem Hobby wurde ganz offiziell eine Karriere. Sein Management-Team mag zwar aussehen wie eine Bande technikfaszinierter Nerds, die am liebsten jede Mahlzeit in Form eines beigen, geruchlosen Pulvermix zu sich nehmen würden, aber sie sind auch die Vorreiter eines möglichen Heilmittels gegen den Hunger.

Mit über 1 Million Vorbestellungen weltweit, die bisher für Soylent eingegangen sind, scheint es, als ob das Zeug tatsächliche Erfolgschancen hätte. Ich habe mich noch einmal mit Rob getroffen und gefragt, wie es denn so läuft mit Soylent—das manche mittlerweile schon „die Zukunft der Nahrung“ nennen.

VICE: Hey Rob. Was ist alles nach unserem letzten Interview passiert?
Rob: Mein Posteingang explodierte. Gmail hat meinen Konto ausgeschaltet, nachdem ich 500 E-Mails an einem einzigen Tag beantwortet habe. Seitdem wurde aus Soylent ein Unternehmen und die Leute überdenken endlich ihre Essgewohnheiten. Das ist eine aufregende Zeit.

Wie bist du mit der ganzen Medienaufmerksamkeit umgegangen?
Am Anfang war das sehr schwer. Ich habe immer sehr viel Wert auf Privatsphäre gelegt, deshalb war es mir unangenehm, in der Öffentlichkeit zu stehen. Wie dem auch sei, ich habe dann entschieden, dass das nun mein Job ist, und früher oder später muss ich darin auch besser werden. Im Internet redet jeder ganz unverblümt über dich.

Du nimmst immer noch ausschließlich Soylent zu dir und erzielst dabei gute Ergebnisse, oder? Wie lange machst du das mittlerweile?
Ja, Soylent ist genau das, wonach ich gesucht habe. Es hat etwa 90 Prozent meiner Mahlzeiten in den letzten sieben Monaten ausgemacht. Seitdem wir professionelle Ernährungswissenschaftler mit dabei haben, ist es sehr viel geschmackvoller und füllender geworden. Ich behalte meine Gesundheit und Körpermaße noch immer haarsträubend genau im Auge und ich laufe dazu auch noch jeden Tag. Ich bin also fast Veganer und wenn ich etwas esse, ernähre ich mich sehr gut. Ich habe mir ein paar gute Gewohnheiten zugelegt, seitdem ich Soylent nehme, und eine Menge darüber gelernt, wie mein Körper funktioniert.

Eine frühe Version von Soylent

Wie hast du Beta-Tester für Soylent gefunden? Schmeckt es ihnen?
Ich habe eine vergleichsweise vielfältige Gruppe gefunden—basierend auf einer Studie, die ich auf meinem Blog durchgeführt habe, bei der mehrere tausend Menschen mitgemacht haben. Die männlichen Teilnehmer haben es geliebt, aber für die weiblichen mussten wir ein paar Optimierungen vornehmen, um sie glücklich zu machen. Im Moment unterstützen wir ungefähr 50 Beta-Tester. Ich liebe es, mir deren Logbücher durchzulesen—man liest da so Sachen wie „Tag 12: Ich fühle mich wie der Terminator.“ Der Hauptkritikpunkt fokussiert sich auf das Aussehen. Die meisten Leute sind ziemlich oberflächlich, wenn es ums Essen geht.

Hast du etwas an Soylent verändert, jetzt da nicht nur du es isst?
Das Rezept hat sich insofern verändert, dass es jetzt nährstofftechnisch so perfekt wie möglich ist. Außerdem haben wir den Geschmack, die Konsistenz und das Mundgefühl verändert. Meine ursprüngliche Version war nur der Prototyp. Wir haben jetzt Versionen für Männer und Frauen, welche den Großteil der Bevölkerung abdecken sollten. Trotzdem empfehle ich immer noch, traditionelle Nahrung zu sich zu nehmen, auch wenn sie mich—im Vergleich zu Soylent—müde macht. Ich habe Kochen nie gemocht, aber das Entwickeln von Nahrung hat Spaß gemacht. Mittlerweile bin ich erstaunt, wovon die Leute leben können.

Inwiefern unterscheidet sich Soylent von anderen Nahrungsersatzprodukten?
Eine Menge von denen versorgen einen schon ausreichend mit Kalorien, aber bis jetzt gibt es noch kein Produkt, von dem man sich ausschliesslich ernähren könnte. Es gibt noch keinen kompletten Essensersatz auf dem Markt.

Ein paar Leute haben Bedenken geäußert, über die Größe deiner Testgruppe und die Tatsache, dass du keine Vorerfahrungen in Ernährungswissenschaften hast. Was sagst du zu Leuten, die dir vorwerfen, dass deine Arbeitsweise leichtsinnig ist?
Persönliche Attacken mal beiseite, niemand weiß, was passiert, wenn man 30 Jahre lang sein iPhone benutzt, aber mit den Daten, die wir haben, kann man davon ausgehen, dass es wahrscheinlich harmlos ist. Es gibt Leute, die denken, dass alle neuen Dinge gefährlich sind, und es gibt wieder andere, die alle neuen Technologien zu leichtfertig benutzen, ohne sie zu testen. Ich versuche, einen Mittelweg einzuschlagen. Soylent ist absolut sicher, von der FDA (der amerikanischen Lebensmittel- und Arzneizulassungsbehörde) zugelassen und weitaus gesünder als das, was der Durchschnittsamerikaner so zu sich nimmt.

Was hältst du von der Nahrungsmittelbranche im Allgemeinen?
Menschen werden von ihr mit schlechten und widersprüchlichen Ratschlägen überschwemmt. Wenn es um Nahrungsmittelzusätze geht, hält sich leider jeder für einen Experten. Ich bin zugegebenermaßen keiner und brauche auch keiner zu sein. Mein Ziel ist es, die schon von der WHO, dem IOM und unseren Ernährungsexperten entwickelten Vorschläge so effektiv wie möglich einzubauen. Das ist ein Problem, das wir bei der Herstellung haben.

Ein paar Leute sind sauer geworden, als du behauptet hast, Soylent wäre genauso nährstoffreich wie Früchte oder Gemüse.

Nur weil etwas naturbelassen bleibt, bedeutet das nicht, dass es sicher oder gesund ist. Und nur weil etwas künstlich hergestellt wurde, bedeutet das nicht automatisch, dass es ungesund oder gefährlich ist. Sieh dich doch mal um. Nichts von dem, was wir heute kaufen, ist komplett natürlich. Alles, was irgendwie nützlich ist, wurde entworfen und hergestellt und beim Essen sollte das nicht anders sein. Leute fürchten sich vor künstlichen Süßstoffen, obwohl es der richtige Zucker ist, der uns tötet. Sie fürchten sich vor Konservierungsstoffen, obwohl es üppige Lebensmittelverschwendung gibt. McDonald's versucht, Nahrungsmittel herzustellen, die weniger Kalorien haben, um Fettleibigkeit zu bekämpfen, aber die Leute fordern, dass die Zutaten sich natürlich anhören sollen. Es ist frustrierend, so etwas zu sehen. Die Idee vom „echten Essen" ist einfach pures Bonzendenken. Jeder hat das Recht, gesund zu sein—auch Leute, die kein Gemüse mögen.

Wenn das alles so unbedenklich ist, warum glaubst du, dass sich trotzdem Menschen davor fürchten?
Furcht zu verbreiten, eignet sich eben für eine gute Geschichte—Panikmache bei Lebensmitteln ist zu effektiv, als dass Medien es einfach ignorieren könnten. Ein Grund, weshalb ich Soylent erfunden habe, ist, die Kakophonie und Fehlinformationen zu umgehen, die es über Essen und Ernährung gibt. Ich gehe jetzt definitiv weniger Risiken ein als mit einer Ernährungsweise, die bekannt dafür ist, ungesund zu sein. Leute fürchten sich einfach vor Dingen, die sie nicht verstehen. Indem wir transparent sind, werden wir noch mehr Leute von dieser wichtigen Idee überzeugen.

Ernährungswissenschaftler, Feinschmecker und Kritiker halten sich doch sehr an der Idee des Kauens fest und sind wütend auf dich, weil du es ihnen wegnehmen willst. Bleibst du beim Smoothie oder könnte sich Soylent auch auf Riegel, Frühstücksflocken und andere feste Nahrung ausweiten?
Wir können alles herstellen, aber bei einer Flüssigkeit können die Nährstoffe besser aufgenommen werden. Menschen haben überhaupt erst damit angefangen zu kauen, weil es die Nahrung flüssiger macht.

Verdammt, guter Punkt.
Einiger unserer Tester sagen, dass sie trotzdem Kaugummi kauen. Es muss also ein inneres Verlangen geben zu kauen—selbst wenn man nicht hungrig ist.

Ihr hattet vor einigen Monaten eine enorm erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne. Wer hat da gespendet?
Der Hintergrund ist extrem vielfältig. Wir haben Leute aus allen Altersgruppen und aus der ganzen Welt, die Soylent unterstützen. Die Menschen spenden aus vielen Gründen—von einer besseren Gesundheitsversorgung bis hin zu Nachhaltigkeit—, aber die meisten wollen einfach Zeit und Geld sparen. In den Vereinigten Staaten fehlen den Leuten nicht die „Phytonährstoffe“, sondern die Zeit. Den Leuten die Möglichkeit zu geben, Schlaf oder Arbeit nachzuholen, wird mehr für die Gesundheit des Einzelnen tun als ein Grünkohl-Shake. Manche werden sich beklagen, aber ich bin zuversichtlich, dass viele Menschen etwas anderes lieber machen würden als zu essen. Weniger Zeit für das pure Überleben zu nutzen, ist Fortschritt.

Arbeitest du nebenbei noch irgendwo anders oder ist Soylent jetzt deine Vollzeitbeschäftigung?
Ich arbeite Vollzeit für Soylent und darüber hinaus. Ich habe mir auch zum ersten Mal ein Gehalt ausgezahlt, obwohl ich bisher alles davon für alte Biologie-Ausrüstung ausgegeben habe.

Klingt ganz schön wild. Wie geht es mit dem Smoothie weiter, den die Internetseite Gawker mit den Worten „Sieht aus wie Sperma“ beschrieben hat?
Ich sehe Soylent als allgegenwärtige, praktische und tägliche Nahrung, die die Nährstoffe enthält, die wir am meisten benötigen. Dennoch sehe ich auch, wie andere Leute neue Luxusnahrung entwickeln und andere neuartige Nahrungsmittel noch schöner und geschmackvoller machen als das, was wir von der Natur bekommen—und somit auch die Bürde verringern, die wir der Umwelt aufzwingen. Für mich gibt es einen Unterschied zwischen „essen“ und „dinieren“, und die Wissenschaft wird beides verbessern.

Der Name „Soylent“ hat einige Nörgler da draußen genervt. Die meisten von ihnen stören sich an der Assoziation mit „Soylent Grün ist Menschenfleisch“. Habt ihr jemals in Betracht gezogen, den Namen zu ändern?
Wir versuchen, ein universales Nahrungsmittel für die Massen herzustellen. Ich denke, es ist ein sehr passender Name. Und es bringt auch gut rüber, dass es sich dabei nicht um eine Luxusmarke handelt. Es soll praktisch und effizient sein. Da draußen gibt es schon genug schicke Nahrungsmittel. Soylent gehört nicht dazu.

Wie war es, die Soylent Corporation aufzubauen? Gerade als jemand, für den es wahrscheinlich noch recht neu ist, ein Millionen-Dollar-Geschäft zu führen.
Als Ingenieur und Unternehmer habe ich mich mein ganzes Leben auf das hier vorbereitet. Jede Idee, an der ich mich versucht habe, lief ein bisschen besser als die vorherige. Soylent ist kein Erfolg über Nacht. Ich habe mein ganzes Leben versucht, etwas Nützliches für die Menschen zu schaffen. Ich habe mir auch nie vorgestellt, dass es letzten Endes so aussehen würde, aber das scheint doch gut zu passen. Es ist aufregend, an etwas mit so viel Potential zu arbeiten und ich bin bereit, den kompletten Weg zu gehen.

Können wir uns irgendwie auf einen Deal einigen, wo ich von dir, wenn du Milliardär wirst, eine Million Dollar bekomme, weil ich die Geschichte über dich zuerst gebracht habe? Nur so eine lustige, professionelle Idee.
Ich habe kein Verlangen, Milliardär zu werden. Ich will nur, dass meine Firma erfolgreich ist. Aber wenn Soylent ein kommerzielles und humanitäres Multimilliarden-Dollar-Forschungsunternehmen ist, dann werde ich dir etwas Hübsches und Nostalgisches kaufen—eine Tomate oder so.

Alles klar, ich verstehe. Abgemacht, schätze ich.

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