Richard Kern über Philip-Lorca diCorcias staatlich geförderte Stricher

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Richard Kern über Philip-Lorca diCorcias staatlich geförderte Stricher

Philip-Lorca diCorcia hat in den 90ern mit Regierungsgeldern männliche Prostituierte dafür bezahlt, sich von ihm fotografieren zu lassen, und damit eine große Debatte über staatlich geförderte Unmoral ausgelöst.
20.11.13

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und David Zwirner, New York/London

Um Motive für seine Fotoserie Hustler zu finden, zog Philip-Lorca diCorcia zwischen 1990 und 1992 durch Hollywood und suchte männliche Prostituierte. Wenngleich viele seiner Bilder wie perfekt getimte, ungestellte Schnappschüsse von Strichern wirken, hat diCorcia die Orte vorher ausgesucht und mit einem Assistenten Beleuchtungstests durchgeführt, bevor er die gefundenen Personen in das jeweilige Setting setzte.

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Seine Zielpersonen fand diCorcia im „Boystown“ von Los Angeles, einer Gegend in West Hollywood, in der man sich schon damals für eine geringe Gebühr Zeit mit verfügbaren jungen Strichern erkaufen konnte, die auf dem Santa Monica Boulevard abhingen. Statt sie für Sex zu bezahlen, bezahlte diCorcia sie dafür, dass sie vor seiner Kamera posieren. Die Männer, die er fand, waren aus dem ganzen Land nach Los Angeles gezogen, um das glamouröse neue Leben zu beginnen, das sie in Hollywood zu finden glaubten. Die Titel der Fotos enthalten den jeweiligen Namen, das Alter, den Herkunftsort und die Höhe der Entlohnung.

Die Fotoserie wurde durch einen 45.000 Dollar schweren Zuschuss des National Endowment for the Arts gefördert, der diCorcia 1989 zugesagt wurde—zu einer Zeit, in der die Behörde in der Kritik religiöser Gruppen stand, die ihr vorwarfen, Kunst mit kontroversen schwulen, religiösen, politischen oder obszönen Inhalten zu fördern.

Andre Serranos „Piss Christ“ (ein Foto von einem Kruzifix in einem Glas Urin), Robert Mapplethorpes Fotos von nackten Schwarzen und Karen Finleys Performances, in denen sie ihren nackten Körper in Schokolade hüllt, um zu zeigen, dass Frauen „wie Scheiße behandelt“ werden, sind nur einige Beispiele der von der Regierung geförderten Kunstprojekte, die Leute in konservativen Talkshows zum Rasen brachte. Vor diesem Hintergrund muss diCorcia es witzig gefunden haben, einen Teil des Zuschusses für die Bezahlung von Prostituierten zu verwenden.

Die Fotos wurden zu einem Zeitpunkt aufgenommen, als Fotografie wieder anfing, in der Kunstwelt als hohe Kunst wahrgenommen zu werden (bereits in den 20er-Jahren haben Man Ray, Lee Miller und andere mit Kameras große Kunst geschaffen). Künstler wie diCorcia, Cindy Sherman, Richard Prince und Jeff Wall verwendeten Fotografie nun als Ausdrucksmittel, das die traditionelle journalistische Rolle des Mediums verzerrte.

Weil die Hustler-Fotografien gestellt waren, wurden sie Teil einer akademischen Debatte über die Rolle von Fotografie bei der verlässlichen Darstellung der Realität. In den späten 90-Jahren reagierte diCorcia auf diese Debatte, indem er ein „X“ auf einen Bürgersteig in New York City platzierte, die Stelle mit einem versteckten tragbaren Stroboskop beleuchtete und seine Kamera mit langem Objektiv auf ein Stativ setzte. Zwei Jahre lang fotografierte er jeden Tag Leute, die über das X liefen. Das Ergebnis waren 17 unglaubliche Porträts, die er in der Serie Heads versammelte und die eine Klagewelle wegen der Verletzung der Privatsphäre auslöste. DiCordia ging dreimal in Berufung, bevor er den Prozess letztlich gewann. Eine der 17 Personen war der Ansicht, dass sein Gesicht als Werbung für die Ausstellung missbraucht würde und der Profit durch sein Bild illegal wäre.

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Noch 20 Jahre später stellt Hustler in ehrlicher Art und Weise die Einsamkeit und Individualität von jungen Männern in Hollywood dar, die ihre Zeit verkaufen und anderen Vergnügen bereiten. Wer hätte gedacht, dass die 20 bis 50 Dollar, die diCordia vor so vielen Jahren ausgegeben hat, noch immer für intellektuelles Vergnügen sorgen?

Philip-Lorca diCorcias Bildband Hustlers wurde vor Kurzem im Steidl Verlag veröffentlicht.

Art Gallery ist eine regelmäßig erscheinende Kolumne in der Aufmachung einer Kunstausstellung, bei der Werke von zeitgenössischen und/oder unterschätzten Künstlern von dem berühmten Fotografen Richard Kern vorgestellt und kommentiert werden. 

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Mike Vincetti, 24, New York, New York, $30

Mike, 26, $40

Ralph Smith, 21, Ft. Lauderdale, Florida, $25

Roy, in seinen 20ern, Los Angeles, Kalifornien, $50

Tim Morgan Jr., 21, Los Angeles, Kalifornien, $25 / Joe Egure, 18, Los Angeles, Kalifornien, $25

Tim, 27, Orange County, Kalifornien, $30