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The Borders Issue

Auf dem letzten Taktlosskonzert aller Zeiten

Ich gehe zum letzten Tatkloss-Konzert aller Zeiten. So hat die Berliner Raplegende das zumindest angekündigt. Dass diese Ankündigung Rapfans in ganz Deutschland in helle Aufregung versetzte, hat gute Gründe.

von Nina Damsch
22 Juli 2016, 4:00am


Die Taktloss-Live-DVD von Easydoesit Taktloss – Der letzte Film erscheint im September auf hhv.de/taktloss | Foto von Philip Kaminiak

Aus The Borders Issue

29.05.2016 Ich gehe zum letzten Tatkloss-Konzert aller Zeiten. So hat die Berliner Raplegende das zumindest angekündigt. Dass diese Ankündigung Rapfans in ganz Deutschland in helle Aufregung versetzte, hat gute Gründe und resultierte darin, dass aus dem allerletzten Konzert zwei allerletzte Konzerte gemacht wurden. Warum plötzlich alle nach Taktloss-Konzertkarten grabschen wie heiratswillige Damen beim Brautstraußwerfen? Das liegt daran, dass dies kein normales Rapkonzert sein würde.

Kaum ein Rapper ist so eigen, so legendär und auf seine Art irgendwie mystisch, wie der "letzte tighte Nigga" Takti. Seit Taktloss mit seiner legendären Rapcrew MOR die hiesige Szene mit einer Prise mehr Gewalt, Sex und Wahnsinn in den Texten aufmischte, als man es von Samy Deluxe und den Fantastischen Vier gewohnt war, ist viel passiert. Rap ist keine Subkultur mehr—Rap ist heute DIE Jugendkultur, was nicht zuletzt deren Besprechung im Feuilleton sämtlicher Tageszeitungen unter Beweis stellt. Tatkloss mutet also wie ein lebendes Relikt aus einer Zeit an, als Rap noch wirklich Untergrund, bitter böse und ein tatsächliches Abgrenzungsmerkmal gegen die anderen Kids vom Pausenhof war. Und heute, da fühlt es sich das erste Mal seit sehr langer Zeit wieder ein bisschen so an, wie damals auf dem Pausenhof.

20.30 Uhr Gut zu wissen, dass der Hustle um die Gästelistenplätze vollkommen umsonst war. Ohne vom Security auch nur eines Blickes gewürdigt zu werden, schlendern wir in den Innenhof des Astra Kulturhauses. Niemand fragt nach Tickets, Gästeliste oder sonst was. Manche klettern über den Zaun. Wir sind tatsächlich wieder 16.

20.35 Uhr Auch wenn ich häufig bei Konzerten der lässig an die Bar gelehnten Fraktion angehöre, was wohl einfach damit zusammenhängt, dass ich von berufswegen viel auf Konzerte gehe und leichte Ermüdungserscheinungen auftreten, drücke ich mich gen Bühne vor. Dies ist eines der Konzerte, wo ich bestimmt nicht irgendwo lässig rumstehen werde. Mit Sicherheit kann man sagen, dass Takti wohl das größte eigene Publikum seiner Karriere an diesen beiden Abenden bespielen durfte. Es dauert lange und viele schweißbedeckte Oberarme müssen gestreift werden, bis wir uns nach vorne gedrückt haben. Es geht los.

21.00 Uhr Taktloss ist ein wahnsinniger Live-Rapper, Entertainment-Genie und verschrobener Typ hoch zehn. Das beginnt bei seinen schizophrenen Konversationen mit DJ Ugly Cut (der nicht existiert—das Konzert ist eine ununterbrochene MP3-Spur in WinAmp, inklusive Pausen, eine wirklich beeindruckende Leistung hinsichtlich Koordination und Timing), der Einsätze verkackt und schlecht scratcht, zieht sich durch bei seinem angeblich blinden Saxofonspieler, der zwischenzeitlich mit kleinen Instrumental-Einlagen die Menge unterhält, während sich Takt ein neues Fussballtrikot anzieht, und endet nicht zuletzt bei den unzähligen "Was macht mein Label?"-Einspielern, auf die das Publikum Takt mit erleuchteten Gesichtern "Es fickt die Biatch" entgegenbrüllt, so wie damals die Jünger bei Jesus. Na ja, im übertragenen Sinne.

22.00 Uhr Richtig schön und spannend wird es, wenn Dinge passieren, die Taktloss selbst so nicht vorhersehen konnte und ihn tatsächlich ab und an aus seiner "Verrückter Diktator auf der Bühne"-Rolle ausbrechen lassen. Sei es, weil er einen Kreis im Publikum verlangt, in dem Breakdance getanzt werden soll—und dann passiert das wirklich.

Zeit? Keine Ahnung! Ich habe Besseres zu tun, als auf meine Uhr zu schauen, wenn niemand geringeres als Kool Savas auf die Bühne tritt. Nach Justus Jonas und Jack Orsen holt Tatkloss das letzte berüchtigte Mitglied von MOR auf die Bühne und die Leute drehen durch. Schließlich warten Fans der Westberliner Crew seit 17 Jahren auf ein Konzert der Formation, die an den Streitereien zwischen Savas und den anderen zerbrach. Der Moment, als Savas dann plötzlich auf die Bühne kommt und Takti und er zusammen "Horror" flexen, ist es wirklich—ohne kitschig werden zu wollen—so, als ob zwei Delfine vor einem Regenbogen kreuzend aus dem Ozean springen würden: magisch. Spätestens als der Beat zu "Battlekings" erklingt, hätte von Emotionen her vermutlich selbst Baba Saad Wackelpudding in der Brust. Hier wird gerade Rap-Geschichte geschrieben. MOR yes yes yoa N*****!

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Jahrgang 12 Ausgabe 4