Liebe und Drogen: Was Cannabis mit unserer Beziehung macht
Illustration: Luigi Olivadoti
Drogen

Liebe und Drogen: Was Cannabis mit unserer Beziehung macht

Er raucht drei bis sechs Tüten am Abend, sie kann noch nicht mal einen Joint drehen. Dann verlieben sie sich und heiraten.
3.10.16

Dass Kiffen in Österreich nicht legal ist, und man damit nicht übertreiben sollte, müssen wir euch nicht extra sagen. Es ist auch keine gute Idee, seine ganze Beziehung auf einen Joint zu bauen. Aber was passiert, wenn zwei Menschen zusammenkommen und der eine kifft wie ein Weltmeister—und der andere nur ab und zu? Unsere Schweizer Autoren, die mittlerweile miteinander verheiratet sind, haben schon als Teenager ihre ersten Erfahrungen mit Cannabis gemacht, aber unterschiedliche Gewohnheiten entwickelt. Hier haben sie unabhängig voneinander aufgeschrieben, wie sich THC-haltige Substanzen auf ihre Beziehung ausgewirkt haben.

Nadja

Als ich Till kennenlernte, konnte ich nicht glauben, dass ein Mensch physisch dazu in der Lage ist, so viel THC aufzunehmen, ohne dabei tot umzufallen. Ich hatte als Teenager Erfahrungen mit Cannabis gemacht. Zum Höhepunkt meiner Kifferphase war ich aber immer noch nicht in der Lage, einen Joint zu drehen, ohne dass Tabakreste auf den Boden rieselten. Ach ja, und ich habe auf die falsche Seite gedreht. Du siehst: Ich war—und bin es noch—eine Kifferbanausin. Von Gras und Hasch bekam ich super schnell paranoide Gedanken, einen heißen Kopf und wollte nur noch nach Hause. Und dann verliebte ich mich ausgerechnet in einen Mann, der riesige Mengen von dem Zeug rauchte und eine Wissenschaft daraus machte, die besten Schmuggeltechniken zu entwickeln.

Mich störte sein Cannabis-High erst an dem Punkt, an dem ich ihm intellektuell so weit überlegen war, dass ich stattdessen Selbstgespräche hätte führen können. Ich glaube, dass er sich dafür zu schämen begann. Zumindest nahm er sich vor, während unseres dreiwöchigen Urlaubs kein Gras zu rauchen. Seit diesem ferienbedingten Entzug ist sein Cannabis-Konsum wieder in einem erträglichen Rahmen. Ich glaube, er will es nicht mehr riskieren, mich zu langweilen.

Während unserer Beziehung stellte Till immer wieder neue Thesen auf, wieso Cannabis auch mir gut täte. Für ihn ist Cannabis so etwas wie eine Medizin gegen alles. So überredete er mich, als ich über starke Regelschmerzen klagte, auf einem Stück Haschisch rumzukauen. Sein Experiment bescherte mir einen paranoiden Nachmittag, den ich damit verbrachte, YouTube-Filmchen zu schauen, immer wieder zu lachen und danach eine gefühlte halbe Stunde darüber nachzudenken, ob ich tatsächlich laut gelacht oder mir alles nur eingebildet hatte. Till gab trotzdem nicht auf und überredete mich schließlich, vaporisierten Haschisch zu probieren. Weil dies wirklich die gewünschte Wirkung hatte—keine Paranoia, aber Muskelentspannung und Schmerzbefreiung—proklamiert er mit geschwollener Brust, einen solidarischen Beitrag zu meinem körperlichen Wohl geleistet zu haben.

Anzeige

Ich bin froh, dass ich nie versucht habe, ihm das Kiffen auszutreiben und will auch in Zukunft nicht diejenige sein, die ihm etwas verbietet oder ihn passiv-aggressiv zu etwas drängt.

Till

Ich rauche schon mehr als mein halbes Leben lang THC-haltige Waren und war daher recht abgehärtet. Ich kann nicht sagen, ob diese Gewohnheit aus meiner 90er-Jahre-Hip-Hop-Konditionierung geboren war—oder durch das Bedürfnis, mein Gehirn gelegentlich auszuschalten. Ich habe mich bereits als Teenager intensiv mit der Pflanze und ihren Anwendungsmöglichkeiten im Bereich der Bewusstseinsveränderung auseinandergesetzt. So wuchs die Dosis, um das angenehme Level zu erreichen, auf dem ich um die Hälfte meiner Gehirnaktivität beraubt war und mich zufrieden vor eine weitere Folge Rick and Morty setzen konnte.

Dank dieser lang antrainierten Grasresistenz war ich auch in extrem bekifften Zuständen noch gesellschafts- als auch konversationsfähig. Zumindest in einem Rahmen, den ich den jeweiligen Situationen als angemessen empfand. So lernte mich Nadja als jemanden kennen, der sich nach Feierabend gut und gerne mal drei bis sechs Tüten in die Lunge zieht. Diese Abhärtung starb nach einem längeren gemeinsamen Urlaub in Asien. Es schien mir zu riskant, Gras via Singapur nach Kambodscha zu schmuggeln und so den gemeinsamen Urlaub aufs Spiel zu setzen. Also verzichtete ich darauf.

Die Abwechslung war mir auch aus anderen Gründen durchaus willkommen: Etwas entgiften, sich mal wieder orientieren können oder einfach sich selbst beweisen, dass man nicht wirklich süchtig ist. Ich dachte mir: "Wenn es eine Zeit gibt, in der ich am ehesten auf Gras verzichten kann, dann sind das Abenteuerferien mit der Frau meines Lebens." Nach diesen paar Wochen war meine Resistenz dahin. Wenn ich jetzt die Menge rauche, an die ich vor dem Urlaub gewohnt war, setzt mich das vollständig außer Betrieb. Ich bin dann fast tot, bekomme Paranoia und fühle mich nicht mehr wohl.

Was für mich aber den Ausschlag gab, mich nicht mehr auf dieses Niveau der Resistenz hochzuarbeiten, war, dass ich es einfach liebte, mit vollem Bewusstsein Zeit mit Nadja zu verbringen. Ich brauche mich nicht mehr abzuschalten, da sie mich intellektuell und emotional herausfordert und gleichzeitig glücklich macht. Ich muss mich nicht mehr in einen Kokon zurückziehen, der mir die Welt warm, farbenintensiv und amüsant erscheinen lässt. Neuerdings fühle ich mich bereits wohl, unterhalten und geborgen, wenn ich in unser gemeinsames Zuhause komme und wir uns hinsetzen und reden.

Die körperlichen Entspannungseffekte, die das Kiffen mitbringt, finde ich aber nach wie vor gut. Also suchte ich nach neuen Wegen des Konsums und zwar solchen, die einen geistig nicht vollkommen wegballern, aber trotzdem körperliche Effekte mit sich bringen. Im Verlauf des letzten Jahres habe ich also mit unterschiedlichen Substanzen und Konsumationsmethoden experimentiert. Wir sind mittlerweile beide sehr zufrieden mit den Resultaten dieser "Forschung".