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the it's actually quite weird issue

Echt übertrieben

Kreator ist einer der wenigen Gründe dafür, dass selbst Metal made in Germany international als Gütesiegel gilt.
23.5.12

Fotos: Christoph Voy & Unveröffentlichte, von Mille Kommentierte Archivaufnahmen

Diese Band ist einer der wenigen Gründe dafür, dass selbst Metal made in Germany international als Gütesiegel gilt. Es gibt in Deutschland keine andere Band, die ihr Thrashgebolze seit Jahrzehnten so kompromisslos einprügeln, ohne sich dabei auffallend zu wiederholen. Und selbst wenn sich Kreator in ihrer Geschichte mal Experimentierphasen gönnten, vermieden sie es tunlichst auszuwimpen. Ihr Frontmann Mille gilt als der Kumpel, als das gute Gewissen des Genres und wird auch nach fast 30 Jahren im Geschäft nicht müde, seine renitente Sozialkritik krächzend in Visionen über die nahende Apokalypse zu verewigen. Erst vor Kurzem erschien mit

Phantom Antichrist ein neues, unglaublich gutes Kreator-Album. Ganz ehrlich: So hart, präzise und knochenspaltend haben wir echt schon lange nicht mehr auf die Fresse bekommen. Wir erholten uns kurz davon und trafen uns dann mit Mille, um unter anderem auch über dieses Phantom Antichrist zu reden. VICE: Glückwunsch zum neuen Album. Bist du zufrieden mit dem Ergebnis?
Mille Petrozza: Ich bin da noch zu sehr drin, aber ich bin schon sehr zufrieden. Es war diesmal einfach sehr viel Arbeit. Zwischenzeitlich dachte ich mal, es wird nie fertig. Das Songwriting allein hat ja schon fast ein Jahr gedauert. Wenn dir das Ding ein ganzes Jahr im Kopf rumschwirrt und du nur darauf wartest, es auch machen zu können, dann bist du am Ende auch froh, wenn es vorbei ist. Ihr hattet euch beim letzten Album für Moses Schneider als Produzenten entschieden. Einen Old-school-Typen, der nicht unbedingt für Metalproduktionen bekannt ist. Diesmal habt ihr mit Jens Bogren gearbeitet, er steht für einen modernen Metalsound …
Nicht nur, der hat ja zum Teil auch Opeth und solche Sachen produziert. Es geht nicht um irgendwelche Genres. Es geht darum, dass jemand sagt: Lass uns Musik machen. Und das war so bei Moses und das war jetzt so bei Jens. Der Ansatz war auch so ähnlich wie beim letzten Mal. Wir haben wieder live aufgenommen, diesmal aber mit mehr Overdubs als bei Moses. Der ist ja total anti-Overdubs. Bei ihm war ich ja froh, dass wir wenigstens den Gesang und die Solos noch als Overdub machen konnten. Das Coverartwork stammt von Wes Benscoter. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Ich fand damals dieses eine Autopsy-Cover so geil und da habe ich versucht rauszufinden, wer das gemacht hat. Ich mag diese Quatschcover, diese übertriebenen, fast schon surrealen Artworks. Diese dunkle Kunst, die manche Leute klischeehaft finden. Ich mag die Sachen, die er für Mortician gemacht hat. Das sind wirklich großartige Quatschcover.
Ja, oder Cattle Decapitation, wo eine Kuh ihre Gedärme neben sich liegen hat, haha. Und dann natürlich seine Arbeiten für Black Sabbath und Slayer, das habe ich dann aber erst im Nachhinein erfahren. Ich habe ihn kontaktiert und mal vorgefühlt, ob er überhaupt Bock hat. Er hat sich dann als Kreator-Hörer geouted und meinte: „Ich höre euch schon seit Pleasure to Kill.“ Dann sagte ich ihm, dass ich auch wieder so was haben will wie bei Pleasure to Kill, so ein schönes Gemälde. Tormentor ’84, kurz vor der Namensänderung in Kreator. Satanistisch sozialisierte Metalteens, wie sich unschwer an der Haltung der Drumsticks erkennen lässt

Aber sonst gab es keine weiteren Vorgaben? Er legt dann einfach los?
Das war ein bisschen schwierig. Ich hab dann erstmal drei Monate nichts von ihm gehört und bekam Angst, dass er das Cover nicht macht. Ich hatte dann schon einen anderen Künstler parallel engagiert und zum Glück schickte er dann irgendwann ’ne Skizze. Andere Künstler rufst du an und nach drei Tagen hast du fünf Entwürfe. Bei Wes hörst du ewig nichts und bekommst dann irgendwann so ’ne Bleistiftzeichnung. Die war aber schon richtig genial, die war im Prinzip genau das, was dann hinterher auch das Covermotiv wurde. Ich bin mit dem Artwork sehr zufrieden, es sieht sehr nach Metal aus. Passt unter anderem gut zu eurem neuen Song „Death To The World“. Darin gibt es diese sehr schöne Zeile „The whole human race shall die“ …
Haha, ja, schön oder? Ich bin im Nachhinein auch manchmal erstaunt, dass mir so was nach all den Jahren noch einfällt. Du musst ja immer wieder sehr plakative Aussagen in die Songs packen, um die Brutalität der Musik zu unterstützen. Das muss ja Hand in Hand gehen. Wie gehst du damit um? Du bist dir der Klischees bewusst, weißt aber auch um die Notwendigkeit der Klischees. Gibt es Momente, in denen es selbst dir zu cheesy wird und du Texte deswegen verwirfst?
Ja klar, da gibt’s so ’ne Art Filter. Spätestens wenn wir es dem Produzenten als objektiver Instanz vorspielen und er sagt, dass das gar nicht geht, dann geh ich noch mal drüber. Aber meistens liege ich schon richtig. Aber für mich sind Klischees auch nichts Negatives. Wenn jemand kommt und sagt: „Eure Cover und eure Texte sind klischeehaft“, dann ärgert mich das nicht. Im Gegenteil, ich find das super. Spürst du dann beim Texten auch ein Wonnegefühl beim Erarbeiten von Klischees?
Ja schon. Ich hab Spaß daran, mir plakative Songtitel und Texte auszudenken. Aber das muss dann auch inhaltlich funktionieren. Für mich ist es wichtig, dass die Texte eine Aussage haben und ich dir erklären kann, worum es in diesem oder jenem Song geht. Nur blöd über Tod und Verderben zu reden, reicht dafür ja nicht aus.

LINKS: Das aktuelle Artwork in der rohen und der fertigen Fassung

Pathos ist da ein verwandtes Thema. Irgendwie ja auch die Seele des Metal.
Ja, da gibt es aber verschiedene Ausprägungen. Vor allem jetzt, da Metal in so viele verschiedene Richtungen geht. Es gibt zum Beispiel diesen Schlager mit harten Gitarren. Ich möchte keine Namen nennen, aber diese Bands haben meistens weiblichen Gesang, dieser neue Gothicmetalkram … solche Sachen finde ich grauenhaft. Ansonsten definiert jede Band Pathos für sich. Du hast zum Beispiel Manowar, die das Ganze maßlos übertreiben, dabei aber sehr unterhaltsam sind. Und dann hast du Bands, die dieses Rollenspiel nicht mitmachen. Und jedes für sich ist OK, wenn es zur Band passt. In der Presseinfo für das neue Album wirst du zitiert mit …
Du musst gar nicht weiterreden, ich weiß, was du meinst. … dass euer neues Album alles wegbläst, was die Big Four in den letzten Jahren aufgenommen haben.
Ja. Das war natürlich pure Provokation. Plattenfirmen haben die blöde Angewohnheit, anzukommen und von dir irgendeinen Werbespruch für das Album hören zu wollen. Da fällt mir natürlich nichts ein. Und dann habe ich eben so einen übertriebenen Quatsch erzählt. Ich mag Angeberei eigentlich überhaupt nicht. Ich hab es aber trotzdem gemacht, denn wenn ich schon so einen Werbeslogan bringen soll, dann auch richtig. Also sind Kreator 2012 gar nicht geiler als Slayer 2012?
Die Behauptung würde ich mir echt nicht anmaßen. Außerdem ist das ja kein Wettbewerb. Aber es ist auch klar, dass wir uns mit dem Album vor den anderen nicht verstecken müssen. Gab es Zeiten, in denen ihr euch vor den Big Four hättet verstecken müssen?
Na klar, wir haben doch viel später angefangen. Als wir anfingen, da waren die doch alle schon zehn Schritte weiter. Bis auf Anthrax waren die Big Four, also Slayer, Metallica, Megadeth  … das waren ja unsere Idole. Denen haben wir ja nachgeeifert. Und wenn ich das jetzt in diesem Zitat so sage, dann ist das natürlich auch ironisch. Ich bin ja immer noch großer Fan dieser Bands. Erkennt die Metalszene das als Ironie?
Nein, natürlich nicht. (lacht) Aber das kommt ja einfach auf den Menschen an. Die Szene ist nun mal sehr facettenreich. Und da ist es einfach wie im richtigen Leben, manche Leute verstehen Ironie und manche nicht. Dieses Image, dass Kreator so was wie die deutschen Slayer sind, nervt das eigentlich?
Ich habe immer versucht, das als Kompliment zu verstehen. Wir sind mindestens so extrem wie die, haben aber auch unsere eigenen Trademarks. Und natürlich waren wir am Anfang von ihnen beeinflusst. Aber genauso auch von Bathory, Venom oder Possessed. Es ist bekannt, dass du kein Freund der über euch gedrehten Dokumentation Thrash Altenessen aus den frühen 90ern bist. Es ist auch auffällig, dass du in dem Film überhaupt nicht zu Wort kommst. Was war da eigentlich los?
Soll ich dir sagen, was da los war? Es kann sein, dass ich mich da jetzt in Rage rede. Das ist ein Film, den scheinbar jeder gesehen hat. Wenn ich auf dem Sterbebett liege, kommt wahrscheinlich noch der Arzt und spricht mich darauf an. Das Ding kam 1990 raus, also zu einer Zeit, als es nur ein paar Programme gab. Klar, dass es wirklich jeder gesehen hat. Und die Intention des Films ist ja, den No-Future-Kiddies mal beim Abhängen zuzugucken. Das, was da stattfand, hatte mit der Band nichts zu tun. Wir waren zu der Zeit jeden Tag im Proberaum und haben Musik gemacht. Und in dieser Doku kamen dann Leute zu Wort, die noch nicht mal mit unserem Umfeld etwas zu tun hatten und dann den Mund aufmachten, sobald Kameras auf sie gerichtet waren. Deswegen bin ich damit sehr unzufrieden und ich habe es den Regisseur Thomas Schadt auch wissen lassen. Er hatte ja auch ein Drei- Stunden-Interview mit mir gemacht, aber das hat wohl nicht in sein Konzept gepasst. Ach so, ich hatte die Vermutung, du selber hast dich im Nachhinein aus dem Film rausschneiden lassen.
Nein, der hat lieber die ganze Zeit Leute gefilmt, die im Schrebergarten rumhängen und trinken. Das passte besser in sein Bild. Diese Tristesse und No-Future-Kulisse im Ruhrgebiet zu der Zeit und dann so: Ach kuck mal die Kiddies da, die machen Musik. Das hat mich echt genervt. Sollte es heute eigentlich nicht mehr, da ich ja immer noch Musik mache und er ja völlig falsch lag mit seiner Vermutung. Klar kommen viele Leute und sagen: Das ist ein Zeitdokument, sei stolz darauf. Und natürlich hat es uns auch geholfen, weil es viele Leute gesehen haben. Trotzdem finde ich es aber einfach nur grausam. Grausam! Es kamen sogar Leute und haben mir Geld geboten, dass wir den Film noch mal auf DVD rausbringen. Und ich so: Fuck off, die Scheiße kommt nicht noch mal raus. Das war im Flur zu unserem Proberaum in der Zeche Carl in Essen. Da proben wir heute noch, das muss man sich mal vorstellen.

88er UK-Tour mit Celtic Frost. Unser Tourmanager liest im Stau. War ja auch langweilig.

Also wird es wohl sobald keine neue Dokumentation über Kreator geben?
Ich finde solche Band-Dokumentationen echt schwierig. Ich tue mich bei Making-of-Geschichten schon schwer. Das ist natürlich ein notwendiges Übel, so was wird es für unser neues Album natürlich auch geben. Aber eigentlich sind das schon viel zu viele Informationen. Mir wäre es lieber, wenn man gar nicht so viel darüber erzählt. Du nimmst damit die Magie. Machst du dir über solche Dinge Gedanken, wenn du mit Pressearbeit beginnst?
Ja, schon. Ich versuche dann, nicht jeden Scheiß mitzumachen. Obwohl, gestern habe ich ziemlichen Scheiß gemacht. Da war ich bei so einem Sender und habe besoffen vor der Kamera irgendwelches Zeug erzählt. Ich will mir das gar nicht ankucken, das war schon hart. Es gibt ja auf Arte dieses Format Durch die Nacht. Hast du die Folge mit Casper und Lena Meyer-Landrut gesehen?
Hab ich. Würdest du dich in ein Auto mit Lena Meyer-Landrut setzen?
Nicht mit der. Ich finde das Format schön. Und wenn man mich fragen würde, dann wäre ich schon dabei, aber hoffentlich nicht mit so jemandem. Das war schon ganz schön schlimm. Vorher war mir die egal, aber danach mochte ich die einfach nicht mehr. Ihr habt doch kurz nach der Wende dieses Festival im Osten gespielt. Mit welchen Erwartungen? Was wusstet ihr über eure Fans und die Metalszene in der DDR? Wie war es dann, tatsächlich dort zu spielen?
Für uns war es vor der Wende ein Wunschtraum, mal in Ost-Berlin spielen zu können. Und klar wussten wir, dass es im Osten eine große Szene gab—mein Cousin war zum Beispiel großer Fan. Wir spielten 1988 auch in Polen, da kamen viele Fans aus der DDR zum Konzert. Wir trafen uns hinterher mit einigen Jungs und Mädels und fantasierten rum, wie es wäre, in Ost-Berlin zu spielen. Ein paar Jahre später war es dann soweit. Wir haben zum Glück alles gefilmt. Das war ein wirklich großartiger, unvergesslicher Moment. ’89 US-Tour an den Niagara-Fällen in lustiger Regenkleidung

Wie war dort das Catering?
Haha, gute Frage, Alter. Lass mal überlegen. Das war für die Zeit schon in Ordnung. Ich kann mich noch erinnern, dass wir vor dem Mauerfall im Osten immer in den Intershops einkaufen waren. Da durfte man doch auch nur als Wessi rein, oder? Du durftest auch als DDR-Bürger rein, wenn du Devisen hattest oder diese Forumschecks, so eine Art Ersatz-D-Mark.
Genau, und immer, wenn wir in Berlin waren, da wurde natürlich ordentlich getrunken, und dann gingen wir in diese Läden und holten Nachschub. Ihr habt in den frühen Jahren einen recht unbekümmerten Umgang mit Drogen gepflegt, habt euch dann aber irgendwann dagegen ausgesprochen. Wie kam es zu dem Umdenken?
Du musst dir das so vorstellen: Wir waren als Teenager in Amerika auf Tour. Und da nimmst du natürlich alles Mögliche. Ich bin auch echt froh, dass damals alles gut gegangen ist. Da haben wir den ganzen Scheiß mal ausprobiert und fanden das total toll. Wir waren mit einer Band unterwegs, die waren die ganze Zeit auf Amphetaminen. Da haben wir natürlich mitgemacht, weil wir dazugehören wollten. Aber das Thema ist echt durch. Ich will da auch null Werbung für machen. Es ist Dreck. OK, eine letzte Sache: Als ihr neulich einen neuen Song auf eurer Facebook-Seite präsentiert habt, gab es ausschließlich positives Feedback. Normalerweise ist das Internet der Ort, an dem sich die Leute im Schutz der Anonymität auskotzen. Bei euch scheinbar nicht. Sind Kreator-Fans die neuen Hippies?
Haha, na ja, die Fans sind schon sehr loyal. Klar gibt es auch negative Stimmen, aber die findest du dann wahrscheinlich in Metalforen und nicht bei uns auf der Facebook-Seite. Aber das stimmt schon, wenn ich richtig schlechte Laune kriegen will, dann gehe ich einfach nur auf Metalforen und lese, was die Leute über uns schreiben. Oder ich gehe auf Wikipedia und sehe, dass ich ein Jahr älter bin, als es in meinem Ausweis steht. Ich versuche das dann auch zu korrigieren und schreibe da hin: „Ey, ich bin Jahrgang ’67, nicht ’66.“ und die ignorieren das einfach. Wenn ich jetzt sterbe, bin ich eigentlich ein Jahr älter. Kreators Phantom Antichrist ist bei Nuclear Blast erschienen.