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Die Antike ist nicht mehr witzig

Ich lache so gut wie nie, dennoch habe ich unsere aktuelle Larfs-Issue mal zum Anlass genommen, mich damit auseinanderzusetzen, woher Komik eigentlich stammt.
12 November 2010, 1:36pm

Ich lache so gut wie nie, dennoch habe ich unsere aktuelle Larfs-Issue mal zum Anlass genommen, mich damit auseinanderzusetzen, woher Komik eigentlich stammt. Das Internet meinte, dass Aristoteles das Ganze zum ersten Mal in Worte fasste. Da ich dem WWW aber nur bedingt traue, habe ich also meine Aristoteles-Gesamtausgabe innerhalb eines Vormittags durchgelesen und musste feststellen, dass Aristoteles' Werk über die Komödie gar nicht darin enthalten war, also dachte ich mir, dass ich mal den Herausgeber anrufen sollte.

Hellmut Flashar ist die Koryphäe bezüglich Aristoteles und ein Spezialist für griechische Philosophie, sowie der Herausgeber der deutschen Aristoteles-Gesamtausgabe, die ich innerhalb weniger Stunden gelesen habe, da ich meine Ausgabe in altgriechisch leider verliehen hatte. Jedenfalls wurde ihm für all dieses angereicherte Wissen über die griechische Antike das Bundesverdienstkreuz verliehen, ich dachte mir also, dass wenn mich jemand zum lachen bringen könnte, dann wohl er.

Vice: Was ist mit Aristoteles Werk über die Komödie? Ich finde es nicht in meiner Gesamt-Ausgabe.

Hellmut Flashar: Das ist verschollen. Schon seit Ewigkeiten. Aristoteles hat eine Poetik geschrieben und von dieser Poetik ist uns nur die erste Hälfte erhalten, in der er die Tragödie behandelt hat. In der zweiten Hälfte hat er, wie wir wissen die Komödie behandelt. Dieser zweite Teil ist aber nicht erhalten. Man weiß aber anhand anderer griechischer Gelehrter, dass er darin eine Definition der Komödie geliefert hat, die er sehr stark an die Definition der Tragödie anlehnt.

Okay. Was wissen wir darüber, wie die Komödie entstanden ist?

Also, ich habe jetzt kein Schriftstück vorliegen, ich mache das mal aus dem Kopf. Wann die Komödie genau entstanden ist, wissen wir nicht. Die erste Erwähnung ist 486 v. Chr. Das war das Datum, an dem die erste Komödie offiziell auf dem Dionysos-Fest aufgeführt wurde. Danach kommt eine Phase, die schon die antiken Gelehrten, als die mittlere Komödie bezeichneten. Das war die Phase von Aristoteles und von dieser mittleren Komödie ist uns nichts, gar nichts außer ein paar Fragmenten erhalten. Keine einzige Komödie ist aus dieser Zeit überliefert. Es muss aber sehr viele davon gegeben haben. Wir wissen aus Quellen, dass um 120 v. Chr. 2.300 Komödien existierten, von denen uns 230 namentlich bekannt sind. Insgesamt sind uns nur 11 antike Komödien in ihrer kompletten Fassung aus allen Jahrhunderten erhalten. Also weit weniger als ein Prozent.

Über was würde Aristoteles wohl heute noch lachen?

Eigentlich nichts. Mit Sicherheit würde Aristoteles das, was heute angeboten wird nicht zum lachen finden. Vielleicht noch politisches Kabarett, wie "Aus der Anstalt" aber auch das würde er wohl nicht als gelungen empfinden. Da müsste man konkret eine Komödie herannehmen und dezidiert untersuchen, das überfordert jedoch meine Kompetenz. Und wir haben heutzutage ja gar keine richtigen Komödien mehr. Also wir haben sie schon, nur in keinster Weise mit solchen durchstrukturierten Handlungen. Wenn, dann kann man sagen, dass die neue griechische Komödie auf die römische Komödie Einfluss hatte und die dann ganz stark auf das bürgerliche Lustspiel des 18./19. Jahrhunderts gewirkt hat.

Kann man trotzdem sagen, was in der Antike witzig war?

Typen-Komödien. Der Geizige, der Verschwender, solche Gestalten standen da im Mittelpunkt und um sie herum wurde eine Handlung gebaut. Man muss sich das politische Kabarett in seiner besten Form vor Augen halten. Das ist heute ja nicht mehr der Fall. Ein Beispiel der damaligen Komödie, die sich mit politischem Inhalt befasste ist, das ein real existierender Politiker Athens im Stück abgesetzt wird und durch einen Wursthändler ersetzt wird. Man muss dazu sagen, dass ein Wursthändler damals keinen hohen sozialen Stand hatte. Der Witz war also, dass Politiker immer durch jemanden ersetzt werden, der noch unfähiger ist als der Vorgänger

Es hat sich also nicht viel verändert in knapp 2.500 Jahren. Gibt es andere Witze von damals, die heute noch witzig sind?

Ja, bestimmt aber nur für manche. Aber der Humor damals war eher besinnlicher Natur, also dass man schmunzelt, anstatt das man herzhaft lacht. Hegel hat mal gesagt, dass wenn man Aristophanes nicht kennt, dann weiß man gar nicht, was sauwohl ist, wie man sich sauwohl fühlt. Wobei "sau" im Schwäbischen wohl eine Steigerungsform von "wohl" ist.

Was ist mit dem großen Klassiker Fäkalhumor?

Der war für Menschen immer erheiternd, die Menschen lachen über so etwas in allen Epochen, jedoch war die Rezeption des Ganzen damals eine ganz andere.

Hatte die Komödie, ähnlich wie die Tragödie auch einen sozialen Einfluss auf die Gesellschaft damals?

Sicherlich hatte sie einen aufklärerischen Aspekt, da es sich an alle Schichten der damaligen Gesellschaft richtete, das ist vollkommen klar. Man muss sich aber immer darauf besinnen, dass, wenn man es mit heutiger Komödie oder Kabarett vergleicht, es damals immer hohe Dichtung war. Musik spielte auch eine Rolle, besonders eine soziale. Das war damals alles, man muss das so klar sagen, von höchster differenziertester Kunst. Der Chor bestand aus normalen Bürgern, er war also das Bindeglied zwischen Bühne und der Gesellschaft. Aber als Untermalung, wie wir es heute im Fernsehen haben, wenn eine vollkommen funktionslose Musik dahin duddelt, die mich persönlich beim Hören hindert, so etwas gab es nicht.

Nochmals zurück zu Aristoteles und seinem verschwundenen Werk über die Komödie. Weiß man irgendwas darüber, oder ist das für immer verloren?

Das zweite Buch der Poesie ist schon seit der Spätantike verschollen. Es gibt eine arabische Ausgabe mit den Schriften des Aristoteles, die bereits ungefähr 800-900 nach Christus ohne das zweite Buch verlegt wurde. Mehr weiß man nicht. Alles andere zu diesem Buch ist Fiktion. Zum Beispiel bei Umberto Eco, in der Name Rose, da spielt es ja eine zentrale Rolle. Die Mönche dürfen ja nicht lachen und der eine kaut es ja am Ende sogar und stirbt daran, damit die kirchliche Allmacht nicht durch die Komödie korrumpiert wird.

Das ist jetzt natürlich reine Spekulation, aber wäre die Entwicklung und das worüber wir heute lachen vielleicht anders verlaufen, wenn das Buch nicht verschwunden wäre?

Theorie und Praxis sind natürlich zwei paar Stiefel. Aber das halte ich für ausgeschlossen. Es ist ja auch nicht so, dass sich die Tragödie irgendwie um Aristoteles geschert hätte. Für die Wissenschaft ist es jedoch ein großer Verlust.

Was bringt sie zum Lachen?

Ich bin kein Mensch mit großem Lachen.