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Heulsuse der Woche

Franz Beckenbauer zeigt sich enttäuscht von Philipp Lahms Rücktritt aus der Nationalmannschaft und Christian Wulff schimpft immer noch auf die bösen, bösen Medien.

von Sophie Claassen
25 Juli 2014, 9:33am

Foto: Ralf Roletschek | Wikimedia |  CC BY 3.0

Und wieder ist es an der Zeit, sich über ein paar Menschen zu wundern, die mit der Welt nicht fertig werden.

Heulsuse #1: Franz Beckenbauer

Der Vorfall: Philipp Lahm beendet seine Karriere in der Nationalmannschaft.

Die angemessene Reaktion: Ihm zu der weisen Entscheidung gratulieren, dann zu gehen, wenn es am schönsten ist.

Die tatsächliche Reaktion: Franz Beckenbauer versteht seine Entscheidung nicht und kritisiert ihn öffentlich dafür.

Ehrlich gesagt hatte sich Franz Beckenbauer schon längst eine Nominierung in unserer beliebten Wochenrubrik verdient. Zum Beispiel dafür, dass er gegenüber dem FIFA-Untersuchungsausschuss eine Aussage im Bezug auf seine Rolle bei der Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar verweigerte und auf die darauf folgende Sperre mit Unverständnis reagierte. Oder für seine Entscheidung, nach Aufhebung der Sperre nicht zum WM-Finale nach Brasilien zu fliegen und das Spiel stattdessen „verkleidet mit Hut, Trikot, Schal und allem Drum und Dran“ zuhause auf dem Sofa zu verfolgen.

Doch zum Glück muss man bei einem Mann, der die öffentliche Aufmerksamkeit so sehr schätzt wie Kaiser Franz, nicht lange darauf warten, dass er wieder irgendeinen Mist von sich gibt und sich erneut für unsere Auszeichnung empfiehlt. Und so nutzte der alte Fußball-Dino die Gelegenheit, sich über Philipp Lahms Rücktritt zugunsten einer neuen Generation öffentlich zu mokieren.

Anstatt Lahm zu seiner Entscheidung zu beglückwünschen, als Weltmeister abzutreten und ihm dafür dankbar zu sein, dass er dem FC Bayern als Spieler und Kapitän erhalten bleibt, äußerte Beckenbauer: „Er ist Weltmeister geworden, aber das ist ja kein Grund aufzuhören" und machte damit deutlich, dass er die Beweggründe für Lahms Rücktritt ebenso wenig versteht wie die englische Sprache.

Gegenüber der Bild am Sonntag hatte Beckenbauer bereits am Wochenende gesagt: „Ich halte den Rücktritt für viel zu früh. 30 ist kein Alter. Er hätte sicher noch die nächste EM, wenn nicht gar die nächste WM spielen können.

Heulsuse #2: Christian Wulff

Der Vorfall: Christian Wulff wird zweieinhalb Jahre nach seinem Rücktritt als Bundespräsident vom Vorwurf der Vorteilsnahme freigesprochen.

Die angemessene Reaktion: Er freut sich darüber, ein freier Mann zu sein, zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück und hält sich von den bösen Medien fern.

Die tatsächliche Reaktion: Er schreibt ein Buch, taucht überall in den Medien auf und beschwert sich weiterhin darüber, wie unfair mit ihm umgegangen wird.

Anfang 2012 trat Christian Wulff nach Vorwürfen der Bestechlichkeit, einer ausufernden Medienkampagne und einer Nachricht, die er auf der Mailbox des privaten Handys von Kai Diekmann hinterlassen hatte, zurück und ging als der Bundespräsident mit der kürzesten Amtszeit in die Geschichte ein. Zweieinhalb Jahre später wurde Wulff von allen Vorwürfen freigesprochen. In einer darauf folgenden Pressekonferenz beklagte er noch einmal die Rolle der Medien, die ihn „zum Abschuss freigeben“ hätten und nutzte gleichzeitig die Gelegenheit, sein Buch zu promoten und allen klarzumachen, dass er immer der richtige für den Job gewesen sei.

Anstatt sich nun aber aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und seinen Ehrensold in weitere Immobilien zu investieren, sucht Wulff weiterhin die Nähe der Medien, die er für ihre Berichterstattung so kritisiert hat. Und so saß der ehemalige Bundespräsident gestern Abend in der Talkrunde von Maybrit Illner, um dem geneigten ZDF-Publikum noch einmal seine Geschichte zu erzählen und über die bösen, bösen Medien zu beschweren, die ihm so übel mitgespielt hatten.

In Wirklichkeit habe es nämlich eine Verschwörung gegen ihn gegeben, weil er als junger Präsident mit tätowierter Frau und Patchwork-Familie imSchloss Bellevue eine „Provokation“ für das politische Establishment gewesen sei. Provozieren lässt sich Wulff im Laufe des Gesprächs allerdings selbst. Als Maybrit Illner ihn fragt, warum er nicht von Anfang an einfach alle Karten auf den Tisch gelegt habe, reagiert er genervt und wirft ihr vor, mit den Verschwörern unter einer Decke zu stecken.

Trotzdem hält ihn das nicht davon ab, sich selbst schon wieder in die nächste Talkrunde einzuladen, in der er zur Abwechslung einmal nicht über die Medien reden will, sondern über seine Parteikollegen und andere aktive Politiker, die ihn einfach im Stich gelassen und so den gierigen Zeitungsgeiern zum Frass vorgeworfen hätten. Die Möglichkeit, selbst irgendwann in die Politik zurückzukehren, schließt Wulff allerdings kategorisch aus. Immerhin.

Wer ist die größere Heulsuse?

Letzte Woche: Die Deutschen, die sich über einen dummen Scherz ihrer Nationalspieler empören gegen die schwäbischen Politiker, die Wolfgang Thierse einfach nicht verzeihen können.

Die Gewinner: Die Deutschen, die sich über den Gaucho-Tanz empören!