FYI.

This story is over 5 years old.

News

Ein paar Bilder vom G20 Gipfel in Toronto

30.6.10

In Anbetracht der Ereignisse, die sich das vergangene Wochenende beim G20 Gipfel in Toronto abspielten (Polizeiwagen wurden in Brand gesetzt, Fenster zerschlagen, es gab Plünderungen, Ausschreitungen, blutige Gesichter, Tränengas, Gummigeschosse, Legionen apokalyptisch verkleideter Riot-Cops) und der Tatsache, dass die 900 Häftlinge, die unter schlechten Bedingungen in die Gefängnisse gebracht wurden, als die größte Massenverhaftung Kanadas in die Geschichtsbücher eingehen wird, dann hatte mein Bruder ziemliches Glück, dass ein paar lausige Fotos alles sind womit er von dort wiedergekommen ist. Ich habe mich mit ihm über sein Wochenende unterhalten.

Vice: Hey Kumpel, also zunächst mal, warum wolltest du da runter gehen?

Anzeige

Carl Hendl: Weil ich wusste, dass die Polizei es übertreiben würde und dass ein paar Demonstranten und Anarchisten garantiert irgendwelche Scheiße bauen würde und das sind einfach mal perfekte Vorraussetzungen für ein paar gute Fotos.

Hast du überhaupt irgendeinen Unterschied bemerkt, zwischen Freitag und Samstag?

Definitiv. Freitag war vermutlich nur die Vorbereitung, die Bullen waren schon voll im Gange, aber sie waren noch relativ zurückhaltend und haben zumindest die Medien in Ruhe gelassen. Samstag ist eine völlig andere Geschichte. Ich wurde gepackt und weggezerrt und es wurde auf mich gezeigt, besonders als die Demonstranten gerade im Queens Park Halt machten. Die Bullen haben ständig ihre Formation aufgelöst und sich einfach jeden geschnappt, ob Demonstrant oder Fotograf, einfach jeden. Sie zwingen dich auf den Boden, drücken dir ihr Knie in den Rücken, legen dir Handschellen an und ziehen dich hinter die Linie. Dadurch entstehen Unruhen in der Menge, was die Polizei wieder in Bewegung versetzt und wieder neue Leute schnappen lässt. Es war ein ziemlich interessantes taktisches Spiel, das viel Spannung erzeugte. Am Samstag hatte ich definitiv das Gefühl, Teil der Demonstranten zu sein, obwohl ich ja eigentlich nur Beobachter war. Ich wurde auch mal bei einer dieser zufälligen Polizeiaktionen geschnappt und auf den Boden geworfen. Ich vermute, die haben nach einem anderen gesucht, weil ich aufstehen und einfach wieder verschwinden konnte.

Anzeige

Hattest du abgesehen davon noch viel Ärger? Samstag bist du mit ein paar anderen Fotografen rumgerannt, richtig?

Nein, mehr Ärger gab es nicht. Ich glaube, ich war ein ganz gutes Mischung aus bärtig und nur ein bisschen scheiße, dafür aber auch ohne Vermummung. Leichte Kleidung und ein großer MEDIA Aufkleber auf meinem Hut haben mir geholfen. Die Demonstranten sagten mir immer wo sie hingehen, die Polizei ließ mich meistens in Ruhe. Ich habe versucht immer alleine rum zu laufen, damit ich nirgendwo hängen bleibe und möglichst mobil war. Aber Samstag verbrachte ich den halben Tag damit, in Begleitung von Paul Terefenko vom NOW Magazine, vom Bankenviertel zu den Bränden auf der Spadina Avenue zu sprinten.

Wie lang warst du immer unterwegs?

Freitag war ich von 14 bis 19 oder 20 Uhr unterwegs… das war, als ein paar Demonstranten versuchten aus dem Marsch zu brechen und weiter nach Süden zu ziehen. Ich folgte ihnen, aber wir trafen von einer Polizeiblockade auf die nächste. Wir fanden uns letztendlich in einer kleinen Seitenstraße wieder, bevor sie zurück nach Norden getrieben wurden, also trennte ich mich von ihnen.

Samstag war lang. Ich war von 13 bis 21 Uhr oder so unterwegs, beide Tage übrigens komplett ohne Essen, Wasser oder Zigaretten, jedes Geschäft hatte einfach zu. Samstag war die Hölle. Sie sind den ganzen Weg gelaufen, haben jede Menge Autofahrer in den Wahnsinn getrieben, aber mein Körper war so ziemlich am Ende, also ging ich nach Hause.

Anzeige

Lass uns ein paar deiner Bilder ansehen.

Das war beim Vormarsch in Allen Gardens. Die Lage war noch unangespannt, jeder begann gerade erst zu realisieren, dass da überall Leute von den Nachrichtensendern vor ihren  Übertragungswagen standen und nur darauf warteten, dass die Krawalle losgingen. Die standen da schon viel länger als die ganzen Demonstranten.

Früher Freitag, kein Stress nur Präsenz. Die Polizisten haben nicht überall die gleichen Schilder, das hängt davon ab wo sie sich befinden, vermute ich. Die in Montreal hatten zum Beispiel eher feste, runde Schilder. Das erste was mir auffiel war, wie viel Ausrüstung die bei sich hatten.

Die sehen ja alle noch halbwegs frisch aus.

Ja, die Lage war ruhig. Es war früh am Freitag. Sie gingen sehr langsam.

Erinnerst du dich, welche Parolen sie gerufen haben?

"This is what democracy looks like, this is what hypocrisy looks like" hörte man häufiger, oder "Whose Streets? Our streets!"

Ab Freitag begann man allmählich sich zu vermummen. Es passierte nicht viel, abgesehen von ein paar Raufereien auf dem Weg und der Blockade. Nach diesem Foto sind wir mit den Jungs in eine Straße Richtung Westen eingebrochen.

Das war, als wir in einer Seitenstraße eingefangen wurden. Es war das erste Mal, dass wir das Gefühl hatten, dass die Bullen uns wirklich fangen und nach Hause schicken wollten. Es gab jede Menge Gesänge und Geschrei und die Demonstranten ginge vor zu den Bullen und sagten Sachen, wie "Können Sie mir bitte mal den Abschnitt im Gesetzbuch zeigen, nachdem es laut unserem Recht verboten ist zu protestieren?" und anderen Scheiß. Zu Bullen, die nur kalt ins Leere starrten.

Ich stand neben denen, gerade nicht am skandieren und scherzte: "Ich wette euch Jungs wär‘s am liebsten, wenn die einfach in eine andere Richtung denken würden, hm?" Er sagte "Nun, das sind doch deine Freunde!" Ich sagte ihm, dass ich ja nur Fotos machen würde, da hatte er nur ein müdes lächeln übrig und ich sagte, "Es ist sehr heiß—ihr Jungs macht einen guten Job, wie ihr hier überall rumrennt," er sagte "Danke, Mann" oder so. Nachdem sie wieder zurück in den Norden zogen ging ich zurück nach Allen Gardens, rauchte eine Bong und versuchte endlich mal wieder etwas Wasser zu bekommen.

Das war Samstag. Ich hab mich einfach rechts neben sie gehockt. Bin froh, dass ich keinen Schuh oder so ein Schild vor den Kopf bekommen habe.

Ich schwöre, ein Viertel der Front waren Fotografen, von denen die meisten einfach die Bullen fotografierten, wenn gerade nichts passierte. Ich glaube so sind wir ihnen allmählich auf die Nerven gegangen.

Samstag fühlte sich plötzlich ganz anders an, als sie begannen sich Gasmasken anzuziehen. Ein Typ saß mit einem Gasgranatenwerfer auf einer TTC Box mitten auf der Straße und zielte vergnügt auf das Gesicht eines Demonstranten in der zweiten Reihe, der ihn wohl irgendwie genervt hat.

Die Schwulen! Sie waren so lustig! Sie haben getrommelt und das Ganze in ein Straßenfest verwandelt. Sie riefen: "You‘re sexy, you‘re cute, take off your riot suit" wobei sie die Schilder antanzten. Ich habe einen Bullen dabei erwischt, wie er lächeln musste.

Dieser Typ hört auf den Namen "Savage Dragon" oder so was, er ist auf den ganzen Bildern vom Samstag drauf. An dieser Stelle hier hat sich die Demo gerade nicht weiterbewegt und wir bekamen den heißen Tipp über krasse Unruhen im Bankenviertel also gingen wir dorthin und sahen diesen Vollidioten da oben. Er versuchte runterzuklettern und zerbrach dabei das "U" in "Music Store".

Er hat die Aufmerksamkeit sehr genossen und begann nach der Stromleitung zu greifen. Jedes mal wenn er nach vorn schwankte um sich dann fallen zu lassen und daran rumzuhängen, hörte du einen markerschütternden Schrei aus der Menge: "Tu‘s nicht!" Es lief darauf hinaus, dass er es irgendwann doch tat. Alle schrien. Es hielt und er schwang für eine Weile daran herum. Ich wollte ihn nicht da runter holen, denn wenn da Strom drauf war, dann würde ich den Stromkreis zum Boden schließen. Ich stand so ziemlich genau unter ihm.

Das hier waren die Zerstörungen, die wir auf unserem Weg zum Bankenviertel verpassten. Ich kann mir vorstellen, dass einige der Demonstranten aus dem schwarzen Block ausgebrochen sind um dann die Queen Street runterzurennen und da alles kurz und klein zu schlagen.

Sie haben die Banken, Starbucks und die stillstehenden Straßenbahnen angesprüht.

Wir hatten den wichtigsten Teil der Demo in diesen Bereich geschlagen, hinter ihnen siehst du einen abgefackelten Bullenwagen. Fünf Minuten später war das hier alles voll mit ein paar hundert Demonstranten.

Es stank. Bullen-Abschleppwagen kamen und schleppten den hier weg. Der arme Typ aus dem Abschlepper stieg aus seinem Wagen aus und ALLE Demonstranten jubelten und jaulten.

Keine Ahnung. Er hat nach seinen Schuhen gefragt. Er stieg da hoch, schmiss seine Sandalen fort und kletterte affenmäßig wieder barfuß da runter. Wirkte irgendwie anziehend.

Die haben uns übrigen Demonstranten versucht in die Zange zu nehmen. Angsteinflößende Bullen drohten damit uns zu knüppeln.

Das ist ein Überbleibsel von dem Feuer des Polizeiautos. Wir rannten aus Süden in Richtung Westen, waren aber schon ziemlich tot und einfach zu langsam. Die Bullen hatten es schon umringt. Mein Fahrrad hatte ich hinter diesem Feuerwehrwagen angeschlossen.

Über die Polizeiautos, die vermutlich nur da hingepflanzt wurden um Gewalt anzuzetteln: Jeder der sie gesehen hatte, sagte sie wären unbeaufsichtigt gewesen, leer und nicht abgeschlossen, mit offenen Türen. Die Bullen haben ihre Wagen überhaupt nicht benutzt. Sie bewegten sich in nicht gekennzeichneten, blauen Vans und Bussen.

Nochmals die Feuerszene. Zu gut um auf ein Porträt zu verzichten.

Das hier war Samstag nachts im Queens Park nachdem sich alle neu gruppiert hatten. Ihm juckte es verdammt in den Fingern uns zu vergasen. Die Demonstranten waren alle im Kampfflug-Modus. Sie brüllten, schrien, fluchten—besonders wenn so ein Demonstrantentyp ausschwärmte. Aber sobald wieder ein paar Bullen an die Linie rannten drehten sich diese krassen Schwätzer um und rannten um ihr Leben, sahen abermals zurück, erkannten, dass nicht sie gemeint waren und liefen dann wieder langsam zu den Bulle zurück. Ich sah so viele Gesichter voll Panik, Menschen, die sich gegenseitig wegschoben. Absolut außer Kontrolle. Diese Runde ging an die Bullen.

Nachdem die Bullen alle mit Pferdegetrampel aus dem Queens Park getrieben hatten, liefen wir hinaus auf das Gelände der Universität von Toronto. Dieser Typ saß in der Mitte von all dem. Auf seinem Hoodie steht "First Fucking Blood." Danach nahmen wir wieder die Straße ein und marschierten zurück an die Zäune. Für mich war die ganze Sache an dem Punkt beendet weil ich den Gedanken an Pizza und Wasser nicht loswerden konnte. Also fuhr ich langsam nach Hause, vorbei an all denen, die weiter skandierten "WHOSE STREETS? OUR STREETS!"