Adam Driver will einfach nur noch weg

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Popkultur

Adam Driver will einfach nur noch weg

Wir haben den Schauspieler getroffen und mit ihm über seine Rolle im neuen Jim-Jarmusch-Film, über Kriegsveteranen und über das Leben im 'Star Wars'-Rampenlicht gesprochen.
28.11.16

Adam Driver in 'Paterson'

Bevor ich Adam Driver für mein Interview treffe, beschließe ich, das Thema Star Wars so gut es geht zu vermeiden. Das erleichtert die Sache für mich ungemein. Ich weiß nämlich, dass ich ihm so nicht die unangenehme und sicherlich langweilige Pflicht aufdränge, das gleiche Verschwiegenheits-Mantra herunterzubeten, das er wohl schon in jedem anderen Interview seit seiner Rolle als Star Wars-Bösewicht Kylo Ren heruntergebetet hat.

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Sein neuer Film Paterson, bei dem Jim Jarmusch Regie führte, stellt mich jedoch vor ein ganz neues Problem: Wie redet man über einen Film, in dem nichts passiert?

"Gerade das gefällt mir daran", antwortet er mir, als ich ihm genau diese Frage stelle. "Ich mochte Jims Ziel, eine Art Gegenstück zu den ganzen actionreichen Hollywood-Filmen zu erschaffen." Driver ist vor allem für die emotionale Achterbahnfahrt von Lena Dunhams Serie Girls, für die Pseudokünstler-Persiflage im Film Gefühlt Mitte Zwanzig sowie für die kosmische Melodramatik von Star Wars bekannt. Da ist es fast schon positiv ernüchternd, ihn in einem Film wie Paterson zu sehen. Darin spielt er einen Busfahrer in der US-amerikanischen Stadt Paterson, der zwischen seinen Schichten auf Beobachtungen basierende Gedichte schreibt. Er lebt zusammen mit seiner Freundin in einem bescheidenen Haus und hält sich an seine strenge, asketische Routine: früh aufstehen, arbeiten, mit dem Hund Gassi gehen, ein Bier in der Kneipe trinken.

"Es hat mir richtig Spaß gemacht, ein paar Monate lang diesen Charakter zu spielen. Einfach nur zuhören—das ist im Grunde seine Hauptbeschäftigung", erzählt Driver.

"Das ist vielleicht schwer zu glauben, aber Teil meines Berufs ist es auch, unsichtbar zu sein, zu beobachten, mein Leben zu leben, Fehler zu machen, Enttäuschungen zu erleben und die unterschiedlichsten Erfahrungen zu machen."

Ich frage, ob er sich manchmal in die Zeit vor Star Wars zurücksehnt, in der er sich noch nicht mit einem weltweiten Publikum konfrontiert sah. "Ständig!", platzt es sofort aus ihm heraus. "Das ist vielleicht schwer zu glauben, aber Teil meines Berufs ist es auch, unsichtbar zu sein, zu beobachten, mein Leben zu leben, Fehler zu machen, Enttäuschungen zu erleben und die unterschiedlichsten Erfahrungen zu machen. Wenn man jedoch plötzlich im Fokus der Öffentlichkeit steht, dann wird man automatisch unsicher und es fällt schwer, in seiner eigenen Welt zu sein. Dann hat man auch kein Auge mehr für die Welt um einen herum. Das ist für mich eine große Herausforderung."

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Drivers Paterson hat viele Parallelen zur echten Welt. Er ist ein Mann der Arbeiterklasse und damit laut dem "Wie konnte Trump nur passieren"-Diskurs der US-amerikanischen Linken entweder ein Opfer oder ein Fanatiker—aber definitiv kein Dichter. Es gibt auch eine Anspielung auf den früheren Wehrdienst Patersons. Driver, der selbst knapp drei Jahre beim US-Marine Corps war, erkennt sich hier wieder. Noch passender wird diese Anspielung jedoch durch die von Driver gegründete gemeinnützige Organisation Arts in the Armed Forces, die für Unterhaltung sorgen und mithilfe der Kunst den Dialog zwischen dem Militär und den Bürgern fördern will. Dafür werden Auftritte mit zeitgenössischen Themen veranstaltet, mit denen sich Kriegsveteranen (die diese Auftritte übrigens kostenlos besuchen können) sehr wahrscheinlich identifizieren.

"Am Anfang des Films ist Paterson kurz in Uniform zu sehen, aber danach kommt das Thema nicht mehr zur Sprache. Das ist nichts, über das er sich definiert", erklärt Driver. "Er fährt einen Bus, er schreibt Gedichte. Aber auch darüber definiert er sich nicht. Irgendwie wollen wir genau das mit unserem Projekt erreichen. In den USA herrscht zwischen dem Militär und der Zivilbevölkerung eine so große Kluft wie noch nie zuvor. Das liegt daran, dass nur ein Prozent aller Bürger Militärdienst leistet."

Das Ziel von Arts in the Armed Forces ist es, diese Kluft zu überbrücken, indem man Klischees von "aggressiven" oder an PTBS-leidenden Kriegsveteranen widerlegt. "Der Normalbürger hat in Bezug auf die Militärkultur eine Menge Fehlvorstellungen", sagt Driver. "Soldaten haben viele Interessen und Facetten. Außerdem sind dort fast alle Altersklassen und Ethnien vertreten. Warum sollte man also eine solche große Gruppe verallgemeinern und pauschal sagen, dass gewisse Dinge dort keinen Anklang finden?"

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Paterson erinnert uns auch daran, dass die USA ein Ort voller inkonsequenter Handlungen sowie vorbeiziehender menschlicher Interaktion und gleichzeitig die Vision der ständig im Fernsehen zu sehenden Aufruhr sind. Driver ist aber nicht wirklich gewillt, dem Film irgendeine tiefgründige sozialpolitische Bedeutung zuzuschreiben. Es scheint fast so, als ob er die Unschuld des Werks bewahren will. Jede Frage zur tieferen Bedeutung von Paterson blockt er mit einem Verweis auf den Regisseur ab: "Die Frage solltest du besser Jim stellen", sagt er immer wieder. "Ich weiß gar nicht mehr, was genau wir darüber gesprochen haben."

Dennoch ist der Schauplatz des Films für Driver genauso wichtig wie die Schauspieler, die darin zu sehen sind. Die unscheinbare Stadt im Nordosten der USA hat nämlich eine Vielzahl an Berühmtheiten hervorgebracht—von Alexander Hamilton über Lou Costello bis hin zu Fetty Wap. "Uns interessierte vor allem die außergewöhnliche und interessante Geschichte von Paterson. Ein allgemeiner Kommentar zu den USA war uns gar nicht so wichtig", sagt er. "Zwar sind dort viele Menschen wegen des Seidenhandels hingezogen, aber es ist dennoch komisch, dass so viele unterschiedliche kulturelle Persönlichkeiten aus der gleichen Stadt kommen—vor allem im großen Kontext der Vereinigten Staaten."

Dabei kommt Paterson gar nicht so "beliebig" rüber, sondern eher wie eine unkonventionelle Interpretation des amerikanischen Traums. In dem Film geht es aber nicht um glückliche Zufälle oder irgendwelche Mythen. Nein, er dient einfach als Beweis dafür, dass es in den USA alle möglichen verschiedenen Dinge und Menschen gibt—sowohl gute als auch böse. Das Land ist ein Ort, wo alles (in diesem Fall jedoch eher fast gar nichts) passieren kann.

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"Mein einziger Wunsch ist es, mit guten Regisseuren zusammenzuarbeiten."

Driver hat laut eigener Aussage die Rolle des Paterson angenommen, ohne sich vorher das Drehbuch durchzulesen. Er wollte nämlich unbedingt mit Jim Jarmusch zusammenarbeiten: "Er erschafft die perfekte Arbeitsumgebung—sehr fokussiert und gleichzeitig total ausgelassen." Da Driver für Inside Llewyn Davis auch schon mit den Coen-Brüdern zu tun hatte, arbeitet er sich mit rasender Geschwindigkeit durch die Liste der besten und gefragtesten Regisseure unserer Zeit. Sein nächster Film, Silence von Martin Scorsese,bildet da keine Ausnahme.

Silence basiert auf dem gleichnamigen Roman über Missionare im Japan des 17. Jahrhunderts und ist nun schon seit fast drei Jahrzehnten ein Wunschprojekt Scorseses. "Im Anbetracht seiner erfolgreichen Karriere hätte er hier einfach seinen Willen durchsetzen können", erzählt Driver. "Scorsese hat diesen Film nun schon seit 28 Jahren geplant. Man könnte also denken, dass er an jedes noch so kleine Detail gedacht hat. Falsch! Zwar hat er schon ein paar Dinge vorbereitet und kennt sich auch mit dem vorliegenden Material gut aus, aber er ist dazu bereit, alles für eine bessere Idee oder ein besseres Konzept über den Haufen zu werfen."

Bevor sich unsere Wege wieder trennen, frage ich Driver noch, ob er sich nun die Traumroutine vieler Schauspieler aneignet, nämlich den regelmäßigen Wechsel zwischen teuren Studioproduktionen und kleinen Independent-Filmen. "Mein einziger Wunsch ist es, mit guten Regisseuren zusammenzuarbeiten", antwortet er mir. "Wenn ein großartiger Regisseur ein interessantes Projekt angeht, das eine Studioproduktion ist, dann mache ich da gerne mit. Wenn es sich um einen Film ohne Budget handelt, bei dem die Schauspieler ihre eigenen Klamotten mitbringen müssen, dann geht das für mich aber genauso klar."

Das scheint wirklich Drivers Arbeitsphilosophie zu sein. Egal ob er nun einen dichtenden Busfahrer oder Darth Vaders Enkel spielt, er spricht von jeder Rolle mit dem gleichen verträumten Enthusiasmus—so als ob er dankbar und gleichzeitig ein wenig verwirrt ist, weil man ihn überhaupt für den Charakter in Betracht gezogen hat. "Schauspieler ist schon ein komischer Job", sagt er abschließend mit einem Schulterzucken.