Popkultur

Ein Blick in die FBI-Akten des Wu-Tang Clan

Das FBI hatte schon immer ein Problem mit Gangsta-Rap, vor allem mit den kreativen Köpfen hinter den bekanntesten und provokativsten Hits.

von Jason Leopold
12 November 2016, 5:00am

Aus der Music Issue 2016

Die US-Bundespolizei FBI hat schon immer ein Problem mit Gangsta-Rap, vor allem mit den kreativen Köpfen hinter den bekanntesten und provokativsten Hits.

1989 schickte der stellvertretende FBI-Direktor für öffentliche Angelegenheiten einen Brief an Brian Turner, den Präsidenten von Priority Records. Er protestierte entschieden gegen den Inhalt des berüchtigten Protestsongs "Fuck tha Police" von N.W.A.

"Polizeibeamte widmen ihr Leben dem Schutz unserer Bürger, und Aufnahmen wie die von N.W.A. entmutigen und entwürdigen diese tapferen, engagierten Beamten", schrieb Milt Ahlerich vom FBI. "Musik spielt in der Gesellschaft eine wichtige Rolle, und ich möchte, dass Sie die Position des FBI zu diesem Lied und seiner Botschaft kennen. Ich denke, die gesamte Gemeinschaft der Gesetzeshüter teilt meine Sichtweise."

Mehr als 20 Jahre später ging das Federal Bureau of Investigation einen Schritt weiter und behauptete einen direkten Zusammenhang zwischen Rap-Musik, "Gangster-Rap-Kultur", und einem Anstieg der Bandengewalt und -kriminalität. Dies stand 2011 in einem Bericht des National Gang Intelligence Center der Behörde.

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"Gesetzeshüter in mehreren Gerichtsbezirken schreiben den Anstieg der Bandenzugehörigkeit in ihrer Region auch der Gangster-Rap-Kultur zu sowie der Vereinfachung der Kommunikation und Rekrutierung durch das Internet und soziale Medien, der Verbreitung familiärer Bandenmitgliedschaft und dem Mangel an Mitteln zur Bandenbekämpfung", hieß es in dem Bericht. "Gangster-Rap-Banden, deren Mitglieder oft Minderjährige sind, werden gegründet und eingesetzt, um mit vorgeblich legalen Geschäften Geld zu waschen."

Seit Jahrzehnten stehen immer wieder legendäre Musiker im Fokus des FBI, darunter Jimi Hendrix, die Doors, die Beatles und Grateful Dead. Das FBI ermittelte sogar eigens wegen des Songs "Louie Louie" von The Kingsmen; man glaubte, der kaum verständliche Text verstoße womöglich gegen Sittlichkeitsgesetze.

Doch die FBI-Ermittlungen gegen schwarze Künstler, vor allem Rap-Gruppen, stechen hervor. VICE hat vor Kurzem unter dem Informationsfreiheitsgesetz Freedom of Information Act (FOIA) die FBI-Akten zu aktuellen Mainstream-Bands aus Rap und Rock beantragt (darunter Slaughterhouse, Army of the Pharaohs, Blink-182 und Radiohead). Wir warten noch auf das Eintreffen der Daten—soweit sie denn existieren. In der Zwischenzeit beleuchten wir einen der berüchtigtsten Popkultur-Fälle des FBI: den der New Yorker HipHop-Superstars Wu-Tang Clan.

Zwischen 1999 und dem Tod Ol' Dirty Bastards (ODB) 2004 ermittelten das FBI und das New York Police Department (NYPD) wegen einer großen Bandbreite an mutmaßlichen Verbrechen auf Bundesebene gegen den Wu-Tang Clan. Es kam nie zu Anklagen, doch das FBI investierte viele Ressourcen in den Versuch, die Wus hochzunehmen. Auf FOIA-Anträge hin veröffentlichte das FBI 2012 eine 95-seitige Akte über ODB und "WTC", wie der Clan beim FBI heißt. Über die darin erhobenen Vorwürfe (Drogenhandel, Verbindungen zu Gangs, Mord) gibt es bereits zahlreiche Berichte, doch bisher hat kaum Beachtung gefunden, wie umfangreich die FBI-Ermittlungen waren und wie sie begannen.

1. Diese Seite zeigt die elektronische Mitteilung, mit welcher der Fall eröffnet wurde. Daraus geht hervor, dass die Ermittlungen in New York begannen und vom NYPD angeregt wurden, das im Mordfall an zwei Drogendealern ermittelte. Die Polizei vermutete, RZA vom Wu-Tang Clan habe sie in Auftrag gegeben und Raekwon sei sein Komplize.

2. Der Code "281F" zeigt, dass das FBI den Wu-Tang Clan als "wichtige kriminelle Organisation" einstufte.

3. "OC/DI" steht für "organized-crime/drug investigations", also FBI-Ermittlungen wegen organisierten Verbrechens und Drogenhandels.

4. Das sind FOIA-Ausnahmen, mit denen das FBI die Privatsphäre Einzelner schützt. In diesem Fall schützen sie den NYPD-Beamten, der FBI-Unterstützung anforderte, und die Person(en), welche die Behörde als "Geldgeber" für die Wu-Tang-Verbrechen sah.

5. Der letzte Absatz auf dieser Seite enthält die brisantesten Informationen. Detectives des NYPD wollten die "Organisation Wu-Tang Clan" mithilfe des FBI unter dem RICO-Gesetz verfolgen. Das Gesetz wurde 1970 erlassen, um Mafiafamilien leichter zu zerschlagen.

In der Akte steht, der stellvertretende New Yorker US Attorney Ben Campbell sei "gewillt, eine Strafverfolgung des WTC anzustrengen". Laut diesen Akten und den Voruntersuchungen von FBI und NYPD soll also der Wu-Tang Clan, eine angesehene HipHop-Gruppe mit Millionen Plattenverkäufen, gleichzeitig eine kriminelle Organisation gewesen sein, die Drogenhandel betrieb und Menschen hinrichten ließ.

6. Diese Seite zeigt, dass das FBI eine Reiseerlaubnis nach Allentown, Pennsylvania, beantragte. Dort sollte das örtliche FBI-Büro "Informationen zu den Drogengeschäften der Straßenbande Bloods und des Wu-Tang Clan bereitstellen und vergleichen".

7. Eine der wichtigsten und am häufigsten ignorierten Seiten in der FBI-Akte über den Wu-Tang Clan. Sie zeigt, dass das FBI im April 2000, we­niger als sechs Monate nach Beginn der Ermittlungen, die Unterstützung der "FAST Unit" beantragte, um "die vom WTC kontrollierten Geschäfte und Rechtsträger" zu untersuchen. Dies zeigt, wie ernst es den Behörden war. Eine Onlinesuche gibt keinerlei Einblick in die FAST Unit, doch mithilfe unseres FOIA-Anwalts Jeffrey Light haben wir entdeckt, was "FAST" bedeutet: "Financial Analysis Strategic Targeting".

Die obskure Einheit findet Erwähnung in der Sitzung eines Unterausschusses des Senats am 25. Juni 1990 zu den "hochaktiven Drogenumschlagsplätzen" New Yorks. Das Transkript zitiert David J. Ripa, stellvertretender regionaler Vollzugsbeauftragter der ehemaligen US-Zollbehörde. Er sagte aus, die FAST Unit sei "Teil der Ermittlungs- und Informationsstrategie für Geldwäsche in der Region New York ... in Abstimmung mit der Mission und den Zielen des FinCen [Financial Crimes Enforcement Network, einer Behörde des US-Finanzministeriums zur Bekämpfung von Finanzverbrechen]".

"Dieses Team prüft Fallberichte, Beschlagnahmen und Beweise. Es nutzt eine riesige Menge an Quellen, um wichtige Ziele zu identifizieren, gegen die es zu ermitteln und/oder Verbote auszusprechen gilt. Das FAST-Team besteht aus Analysten, Agenten und Inspektoren des Zolls, ergänzt durch Ermittlungsressourcen des [Bundessteueramts] IRS, des Ministeriums für Gesundheitspflege und Soziale Dienste, der [Drogenvollzugsbehörde] DEA, des Staatsanwaltsbüros von Brooklyn, der New York State Police und des Bezirksstaatsanwaltsbüros von Manhattan. Es verfügt über einen Mechanismus zur Findung von Zielen, zur vorläufigen Beurteilung, Informationsbeschaffung und Verteilung an verschiedene Ermittlungsgruppen des US-Zolls und behördenübergreifende Taskforces—wie jene des südlichen Bezirks, von Long Island sowie des Zolls/der New York State Police."

8. Die zweite und dritte Seite dieses Abschnitts zählen alle Firmen auf, die vom Wu-Tang Clan gegründet wurden, darunter eine Management- und Produktionsfirma, ein Plattenlabel und eine Kleidungsmarke. Offensichtlich hatte das FBI den Verdacht, es könnte sich dabei um Geldwäschefirmen handeln. Im letzten Absatz dieser Seite steht, der stellvertretende US Attorney Campbell beantrage Unterstützung von der FAST Unit. Außerdem heißt es, ein Special Agent des "RIS" (wohl ein Tippfehler für "IRS", die Bundessteuerbehörde) habe den Auftrag gehabt "den Geldfluss durch die vom WTC kontrollierten Anlagen und Unternehmen auszumachen", wozu er mit der FAST Unit zusammenarbeiten werde.

9. Die Erwähnung der New Yorker FBI-Einheit C-30 ist bemerkenswert. Laut dem Büro des Generalinspekteurs des US-Justizministeriums gehörte C-30 zu einer Taskforce gegen Gewaltverbrechen, deren Ziel es war, "die Aktivitäten von gewalttätigen Straßenbanden, die in der FBI National Gang Strategy identifiziert sind und die in New York City operieren, zu stören und abzubauen".

10. Im Juli 2004 schloss das FBI seinen 281F-Fall gegen die "wichtige kriminelle Organisation" Wu-Tang Clan; es heißt, die New Yorker FBI-Einheit C-30 werde die Untersuchung durchführen. Ein Special Agent wird erwähnt, der den Fall als "267C" (Drogenmord) einstuft und die Leitung übernimmt.

Die FBI-Akte des Wu-Tang Clan kam Ende 2015 wieder zum Vorschein, im Fall zweier Drogenbarone aus Staten Island, dem Bezirk des Clans. Sie wurden des Drogenhandels angeklagt, und einer von ihnen wurde außerdem für die Morde an den Dealern verurteilt, derer NYPD und FBI zuvor Raekwon und RZA verdächtigt hatten. Als das Urteil näherrückte, bezog sich der Verteidiger des Angeklagten Anthony Christian auf die FBI-Ermittlungen gegen den Wu-Tang Clan.

"Diese [FBI-]Berichte legen nahe, dass jemand anderes für diese Morde verantwortlich ist. Nicht ich sage, dass der Wu-Tang Clan diese Verbrechen begangen hat. Das FBI hat das gesagt", sagte der Anwalt Michael Gold der Zeitung Staten Island Advance. "Ich stelle nur fest, dass sie in einer offiziellen Akte die Überzeugung ausgedrückt haben, Wu-Tang habe diese Morde in Auftrag gegeben."

Gold hat sich fast ein Jahr lang bemüht, die Staatsanwälte dazu zu bringen, erneut wegen der Morde gegen den Wu-Tang Clan zu ermitteln, doch der Brooklyner Bundesrichter Eric Vitaliano lehnte die Berufungsanträge der Verteidigung ab. Diesen Juli wurde Christian wegen Mordes und anderer Verbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt.

Und damit waren RZA, Raekwon und der Rest des Clans aus dem Schneider. Und was lernen das FBI, das NYPD, der verurteilte Christian und sein Verteidiger daraus? Wu-Tang Clan ain't nothing ta fuck wit.