Der Wahlkampf und das Tal der Winde
Rudis Brille

Der Wahlkampf und das Tal der Winde

So kommt mir Wien vor in diesen Tagen: kalt, grau, herzlos. Aber doch total emotionalisiert, ständig besoffen und spätabends laut—und am Ende unzufrieden.
03 Dezember 2016, 1:05pm

Ich habe noch nie jemanden im Dezember gewählt und ich weiß nun auch, warum dieser Monat dafür absolut ungeeignet ist: Es ist Advent und alle sind verrückt und hektisch, weil sie ja bald "in Ruhe" zwei Tage stressig Weihnachten feiern müssen. Außerdem musste ich mich noch nie ein ganzes Jahr peinlicher Politpropaganda aussetzen. Es geht mir diese Kombination mittlerweile sowas von am Arsch, dass ich es kaum noch in Worte fassen kann.

Ich habe mich in den letzten Wochen absichtlich nicht mehr aus meiner Blase heraus bewegt. Ich konnte das alles nicht mehr hören und sehen. Die Verleumdungen, die Lügen, das Scheinheilige, das Wütende, das Auflehnende, das EU-feindliche.

Ich habe im April brav gewählt und im Mai habe ich mitgezittert und war frustriert als es hieß: Zurück zum Zwischenstart. Doch über den Sommer ist mir—wie vielen anderen auch—die Luft ausgegangen und hat einer wütenden Agonie Platz gemacht. Seither ist natürlich auch unheimlich viel passiert: Brexit, Erdogan, Trump. Wir kennen die Figuren und Ereignisse, die sich seither gegen alle Prognosen und Empfehlungen durchgesetzt haben.

Foto: Kasun Jayatilaka

Und genau das ist es: Alle—wirklich alle—sagen und raten uns (wie auch schon den Amerikanern und den Briten), was sie zu tun haben. Die Kulturschaffenden, die Eliten, die Journalisten, die Schauspieler, die Künstler, die Musiker. Am Ende sagen auch wir DJs uns gegenseitig, wen wir zu wählen haben und posten mit dem Konterfrei unseres Kandidaten Statements—oder noch dümmer: den ausgefüllten Stimmzettel. Und dann kommt am Ende doch genau das andere heraus—siehe Trump und Brexit. Was haben nicht alle Intellektuellen und Künstler in den USA gegen Trump gevoted und Stellung bezogen; er sprach inzwischen zynisch lächelnd über Pussys und wetterte gegen die "Eliten". Wir kennen die Geschichte.

Aber genau aus dieser Ecke prasseln sie nun auf uns ein—die neuen Schlagworte: "Das Establishment" zum Beispiel: Dieses beinhaltet im Sinne der FPÖ einfach alle Personen und Institutionen, die gegen Hofer und für die EU sind. Ich wette hingegen, dass der durchschnittliche Anti-Establishment-Wähler niemandem schlüssig das "Establishment" erklären kann.

Die "Demokratie" wird dann auch gerne heraufbeschworen. Die passt nun der Gegenseite natürlich gerade herrlich ins Bild, wenn ihr Zeiger deutlich nach rechts ausschlägt, na logo. Die Demokratie hat so entschieden: Gegen das, was davor in 20 Jahren mühsam aufgebaut wurde. Am besten dann auch noch gleich alles direkt bestimmen, denn jedermann/frau weiß selbstredend ganz genau wogegen er stimmen muss, wenn er beispielsweise zu einer direkten Abstimmung pro/contra EU gehen müsste: Das steht schließlich alles in den Medien, die täglich gratis in der U-Bahn herumliegen. Genau diese Medien, die in diesen Tagen noch einmal genüsslich von verstreuten Schädelteilchen der armen erschlagenen Frau vom Brunnenmarkt berichteten und von den Missständen des Staates im Falle des Täters.

Und dann ist da noch die "Verhetzung": Plötzlich haben jene die Verhetzung lieb gewonnen, deren Hauptwaffe sie stets war. So ziemlich alles, was gegen sie gerichtet ist, ist verhetzend und auf einmal "hetzt" jeder gegen jeden. Und seit viele Medien das Thema Verhetzung im Netz als Geisel der modernen Kommunikationsgesellschaft ausgemacht haben, wird der Begriff gerne jenen untergejubelt, die bisher gegen ihn angekämpft haben.

Foto: Kasun Jayatilaka

Aber auch die Gegenseite—"unsere" Seite—quält mich mit den "Ich mag Hofer, aber nur den Supermarkt"-Nichtwitzen bis hin zum Erbrechen. Und so schlängelt das ganze Dezemberwahl-Gewürm weiter hinein in die kleinen Biotope der Gesellschaft: In der U-Bahn wird gemotzt, kein Wunder sie ist ja auch zu voll und ein paar Ausländer könnten daran schon Schuld sein—der Einfachheit halber. Sie fahren ja alle gratis—steht auf Facebook.

Die Clubs—und nun sind wir bei meinem Kernthema—halten sich derweil nobel bis ängstlich aus dem Ganzen heraus. Vielleicht aber auch deswegen, weil ihnen und uns nichts mehr einfällt, was man nun noch sinnvolles tun könnte, außer den Besuchern und Feieranten zu sagen: Geht Wählen!

Die Forelle wird in diesen Tagen 5 Jahre alt und konnte die größte ihrer jährlichen Feiern wohl auch kaum wegen der schadhaften Kuverts verschieben—samt der legendären Afterhour. Somit hantelt man sich ein wenig zum müden Scherz: Wer nicht wählt, darf nicht hinein, was wohl ein augenzwinkender Hinweis an die Mühsamkeiten vor einigen Jahren darstellen sollte: Man erkennt bloß druffe Nichtwähler genau so wenig, wie betrunkene XY-Wähler.

Es bleibt also zu hoffen, dass sich die wahlmüden und vodkagetünchten Knochen in die eisige Winterluft begeben, um ihre Stimme abzugeben. Genauso wie man hoffen könnte, dass einige vielleicht eingeschneit werden in ihren vom Establishment verratenen Behausungen.

Vor dem Flex haben Sprayer einen riesigen Schriftzug angebracht für den grünen Kandidaten Van der Bellen: Natürlich gab es hier sofort einen (kleinen) Shitstorm, auch wenn diese Aktion nicht vom Club selbst ausgegangen war. Aber sofort kamen die Beißreflexe—vorwiegend im neuen, ach so trendigen Dialektdeutsch—dass die "Scheisshittn" endlich ... und so weiter. Auch da bin ich sofort wieder in meine Blase geflüchtet und habe die Predigten so mancher DJ-Kollegen gelesen und die YouTube-Videos einiger Mutiger gesehen, um nach den ersten "was will die schwule Sau"-Kommentaren sofort wieder zu fliehen.

Hape Kerkeling sang einmal "Winterszeit in Wien", eine seiner besten Verarschungen auf Österreich. Im lieblichen—gekünstelt nasalen—Schönbrunnerdeutsch besang er zerplatzte Katzen, Gedärme, Glühweinkotze und erfrorene Greisinnen. Auch sie wohl ein spätes Opfer des Establishments. So kommt mir Wien vor in diesen Tagen: kalt, grau, herzlos. Aber doch total emotionalisiert, ständig besoffen und spätabends laut—und am Ende unzufrieden.

Das einzig Gute am späten Wahltermin war, dass es nicht noch eine Ausgabe des am Schluss schon total inflationären "Presidential Rave" gab. Was am Anfang ambitioniert aber etwas inhaltsleer war, war beim 2. Versuch dann schon nur mehr gut gemeint—was bekanntlich das Gegenteil von gut ist. Es fehlten uns allen am Ende im Kern die Ideen, auch etwas der Mut gegen soviel Perfidie der Gegenseite und der Medien.

Sicher die falsche Strategie ist aber, genau am Vortag der Wahl eine Fuck Hofer-Demonstration rund um die Mariahilfer Strasse abzuhalten. Frisch aus der Blase kommend quasi. Das Timing ist ähnlich genial wie ein Gegentor in der 93. Minute. Aber auch hier schalten nun alle auf stur und wollen gegen die Feigheit kämpfen. Nur wie? Und das noch bevor gegen das Establishment entschieden wurde? Ja geht's denn noch hilfreicher für die Gegenseite und seinen Schäferhunden im Form der Boulevardmedien?

Ich habe in den letzten beiden Monaten die Medien im Allgemeinen auch nur mehr gestreift, Facebookbeiträge der Freiheitlichen etwa gänzlich vermieden. Ich bin in meine Blase geflüchtet, auch in den Club und habe dort mit Gleichgesinnten die letzten Tage der Menschheit gefeiert. Man hat ja den Eindruck, diese stehen uns bevor. Oder wird es so sein, wie es Franz Schuh in _Willkommen Österreich _düster prophezeite, dass wir die "Krot" wohl werden schlucken müssen? Die Krot schlucken bedeutet, die Zeit einer für uns ungeliebten Präsidentschaft durchzutauchen—in der Blase versteht sich—, um darauf zu hoffen, dass am Ende nichts passiert sein wird und alle wieder reumütig zu Onkel Kern zurückkehren? Aufmunternde Resignation quasi.

Spätestens am Dienstag wissen wir dann, wenn dieser gefühlt 7-jährige Wahlkampf vorbei ist und ob wir "I am from Austria" noch laut singen können. Dann wird sich zeigen, was die außerhalb der Blase angerichtet haben. Und was sie uns angetan haben. Wir haben es am Ende natürlich immer gewusst. Wissen aus der Blase quasi.

Und eine Bitte noch an den Nikolaus: Keine Wahlparty, egal wer gewinnt. Es ist einfach zu kalt, wir müssen heim in die warme Bla ... ach lassen wir das.

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