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Popkultur

Harmony Korine über Drogen, Sex im Altersheim und seine verlorenen Jahre

Mit 19 hat er das Drehbuch zu ‚Kids' geschrieben, mit 24 Regie bei ‚Gummo' geführt. Wir haben mit ihm über seinen Magic-Mushroom-Auftritt bei David Letterman, seine verlorenen Jahre sowie seine Liebe für die TV-Show ‚COPS' gesprochen.

von Steven T Hanley
24 Februar 2016, 5:00am

Harmony Korine vor einem Kunstwerk aus seiner ‚Fazors'-Reihe | Foto vom Autor

Harmony Korine hat während der vergangene zwei Jahrzehnte wohl genauso viel Begeisterung wie Abscheu hervorgerufen. Mit 19 schrieb er den von Larry Clark gedrehten Film Kids, in dem es um eine Gruppe Skateboarder aus New York geht, von denen einer sowohl HIV-positiv ist als auch gerne junge Mädchen ohne Verhütung entjungfert.

Damals ,1995, war der Film doch recht kontrovers, denn die AIDS-Krise befand sich auf ihrem Höhepunkt und es wird darin ganz offen gezeigt, wie Teenager Gras rauchen und Leute quasi grundlos krankenhausreif prügeln. Gleichzeitig wurde Korines Drehbuch jedoch auch in den höchsten Tönen gelobt und Kids ist genauso wie sein Regiedebüt Gummo aus dem Jahr 1997 ebenfalls zum Kult-Klassiker avanciert.

Vor Kurzem habe ich mich mit Korine in der Londoner Gagosian Gallery getroffen, wo seine neue Kunstreihe Fazors derzeit ausgestellt wird. Dabei haben wir über seine Filme, seine verlorenen Jahre und seine Liebe für die TV-Show COPS gesprochen.

VICE: Reden wir am Anfang doch mal über dein Regiedebüt Gummo. Nach dem Drehbuch zu Kids haben die Filmstudios sicher etwas Ähnliches erwartet—und keinen nichtlinearen Kunstfilm.
Harmony Korine: Ja, ich glaube, dass die geldgebenden Studios weder vorher noch nachher wirklich wussten, um was es sich da handelt. Ich weiß noch, wie ich das Drehbuch an Miramax schickte, die auch Kids produzierten. Die Verantwortlichen haben es wohl nicht mal bis Seite neun geschafft. Ich konnte Gummo eigentlich nur machen, weil Kids so erfolgreich gewesen war—das war mir von Anfang an klar. Als mir New Line Cinema dann die Finanzierung zusicherte, lief das Ganze eher so nach dem Motto „Hier hast du die Kohle, hoffentlich wird der Film auch nur ein bisschen so erfolgreich wie dein letztes Werk" ab. Ich wollte jedoch unbedingt etwas Bestimmtes erschaffen, das auf einer Vision von mir basierte.

Ich habe gelesen, dass die Fernsehserie COPS eine große Inspiration darstellte.
Richtig. Einen Ausschnitt aus der Show, in dem es um Klebstoffschnüffler geht, habe ich neu geschnitten, so dass man nur einen Jugendlichen sieht, der auf einem Baumstumpf sitzt und dabei Goldfarbe in seinem Mund hat. Er sagt immer und immer wieder das Gleiche und hört dabei den Polizisten zu, die mit ihm reden—es sieht wunderschön aus, wie ihm Staub und goldene Farbkleckse aus dem Mund fliegen. Ich wollte das Ganze eigentlich für Gummo verwenden, aber wir machten dann die Familie des Jungen ausfindig und fanden so auch heraus, dass er gestorben war. Uns wurden die Rechte an der Aufnahme verwehrt.

COPS war damals ein bahnbrechendes Konzept, denn im Zeitalter vor dem Internet stellten solche Aufnahmen in den Medien doch etwas Besonderes dar.
Das stimmt. Außerdem wurde darin zum ersten Mal das gezeigt, was ich während meiner Kindheit und Jugend in den Südstaaten der USA regelmäßig mitbekommen habe. Vorher wurde dieser Südstaaten- bzw. White-Trash-Kultur nie wirklich Beachtung geschenkt. Die aufregendsten Momente der Show sind doch die, in denen eine Tür eingetreten wird, hinter der sich ein Zimmer mit Heavy-Metal-Postern an den Wänden befindet oder irgendein Typ in einem Bone-Thugs-N-Harmony-Shirt Country-Musik hört. Solche bizarr anmutenden Dinge waren damals zum ersten Mal wirklich im Fernsehen zu sehen und genau deswegen hatte die Sendung auch so einen großen Einfluss.

Eine Szene aus ‚Gummo'

Du hast mit 19 das Drehbuch für Kids geschrieben und dann mit 24 zum ersten Mal selbst Regie geführt. War es nicht irgendwie beängstigend, schon so jung Filme zu machen?
Ich hatte vor allem viel Spaß. Für meine Eltern oder mein soziales Umfeld kam das Ganze vielleicht etwas überraschend, weil ich damals eher als Kleinkrimineller unterwegs war, aber ich wusste einfach, dass ich etwas erschaffen musste. Für mich was das auch total aufregend, weil ich endlich das machen konnte, was ich wollte. Gleichzeitig wurde es dann aber auch richtig wild, denn ich entwickelte eine Vorliebe für diverse Rauschmittel.

In den späten 90er Jahren wolltest du eigentlich den Film Fight Harm drehen, in dem du Passanten so lange provozierst, bis sie dich verprügeln. Wie kamst du auf diese Idee und warum hast du das Projekt nie fertiggestellt?
Ich wollte einfach den meiner Meinung nach besten Comedy-Film aller Zeiten machen. Für mich enthält Comedy in ihrer reinsten Form immer auch ein gewisses Element der Gewalt—zum Beispiel, wenn W. C. Fields auf einer Bananenschale ausrutscht. Ich hielt das wiederholte Anzetteln von Prügeleien für witzig und in meinem Kopf war Fight Harm auch das populärste Projekt, das ich jemals hätte machen können. Nach acht oder neun Schlägereien hat sich das Konzept allerdings recht schnell abgenutzt und ich verwarf das Ganze wieder.

Zwischen 1999 und 2007 hast du nach Julien Donkey-Boy dann keine Filme und keine Kunst mehr gemacht. Mit was hast du dich in diesen Jahren beschäftigt?
In diesem Zeitraum bin ich quasi von der Bildfläche verschwunden. Ich wollte mit nichts und niemandem mehr zu tun haben und einfach nur ein abgesondertes Leben führen. Drogen hatten es mir damals ja auch richtig angetan und darin hatte dieser Wunsch möglicherweise seinen Ursprung. Eine Weile lebte ich auch in London, in Frankreich und in Südamerika. Irgendwie sind das wohl meine verlorenen Jahre.

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Warst du ausgebrannt?
Das weiß ich gar nicht. Ich will mich einfach nie langweilen—wenn eine Sache also zu ernst oder zu monoton wird, klinke ich mich aus und mache etwas Anderes. Es ist mir dann ziemlich auch egal, um was es sich dabei handelt—so lange ich irgendetwas erschaffe, geht es mir gut.

Wie hast du dir während dieser Jahre die Zeit vertrieben?
Ich habe Rasen gemäht und mit Waffen rumgeballert.

Filme hast du gar keine gemacht?
Nicht wirklich. Während dieses Abschnitts meines Lebens besaß ich eine eher kriminelle Mentalität.

Haben sich deine Freunde Sorgen um dich gemacht bzw. haben sie dich dazu bringen wollen, wieder irgendwelchen Projekten nachzugehen?
Ich glaube nicht. Gegen Ende dieses Zeitabschnitts fühlte ich mich außerdem total verloren und minderwertig. Ich habe mich von meinem sozialen Umfeld quasi komplett abgeschottet.

Foto vom Autor

Mit Mister Lonely hast du 2007 dein Comeback gefeiert. Dabei handelt es sich jedoch um einen unglaublich traurigen Film. Haben deine verlorenen Jahre zu dieser Traurigkeit beigetragen?
Wahrscheinlich schon. Ich meine, ich hatte da ja auch gerade etwas ziemlich Trauriges hinter mich gebracht.

Das Lied von Iris Dement, das in der Schlussszene zu hören ist, bricht einem das Herz.
[lacht] Ich weiß noch, wie ich mir zum ersten Mal die Rohfassung des Films anschaute und dabei nur „Heilige Scheiße!" denken konnte. Mir ging es einfach nicht in den Kopf, dass ich über die Jahre hinweg so etwas Trauriges produziert habe.

Du hast mal gesagt, dass du die inzwischen kaum mehr aktuelle Filme schaust.
Ja, vielleicht noch so zehn Filme im Jahr. Früher waren es zehn Filme in der Woche. Irgendwie ist das komisch, weil ich immer noch an sie glaube, aber meine Meinung zu Filmen oder zur Macht von Bildern hat sich geändert. Ich weiß gar nicht mehr, warum Filme überhaupt zwei Stunden lang sein müssen. Es geht doch um Emotionen, Poesie und Transzendenz, also etwas Mysteriöses. Warum muss das Ganze dann so lang sein? Neuere Filme lösen bei mir einfach nicht mehr so viel aus wie früher, aber wenn ich alte Filme wieder sehe, die mir als Kind viel bedeutet haben, dann begeistern sie mich immer noch total. Den neuen Mad Max fand ich zum Beispiel super. Rein oberflächlich betrachtet, könnte man den Streifen auch für ein Videospiel halten, aber für mich war das der beste Film des letzten Jahres.

Im Zeitalter von Netflix und Co. werden richtig viele Sachen auch nur noch gestreamt. Deine Filme sollen aber dennoch erstmal im Kino laufen, richtig?
Absolut! Wenn ich einen Film mache, dann habe ich das Kinoerlebnis immer im Hinterkopf. Deshalb habe ich auch noch nichts fürs Fernsehen produziert, denn das ist eher ein Medium für richtige Autoren. Ich will damit nicht sagen, dass es im Fernsehen keine guten Sendungen gibt, aber irgendwie ist das Ganze dann trotzdem immer etwas enttäuschend. Das liegt wohl allein schon an der Größe des TV-Geräts und an der heimischen Umgebung des Wohnzimmers. Das ist im Vergleich zur Magie des Kinos doch Kindergeburtstag. Im Kino ist alles riesig, man wird richtig gefesselt und wenn es funktioniert, dann ist das eine richtig sinnliche Erfahrung. Beim Fernsehen geht es hingegen viel entspannter zu, da kann man auch mal Pause machen und einen Burger essen.

Dein 2009er Film Trash Humpers wurde komplett mit alten Videokameras gedreht, die du in diversen Gebrauchtwarenläden gefunden hast.
Ich bin in Nashville aufgewachsen und dort gab es damals ein Seniorenheim, wo die alten Leute in einer Art Keller gewohnt und die ganze Zeit nur die Band Herman's Hermits gehört haben. An diesem Heim bin ich einmal nachts vorbeigelaufen und habe gesehen, wie die Bewohner total spitz waren und sich aneinander rieben. Es herrschte eine unglaublich sexuelle Atmosphäre und als Kind hat mich das natürlich total fertig gemacht. Das Ganze ließ mich auch nicht mehr los und Trash Humpers hat diese Vorstellung einfach nur fortgeführt—ich wollte etwas erschaffen, das visuell gesehen total bizarr und erschreckend rüberkommt, gleichzeitig aber auch etwas typisch Amerikanisches an sich hat. Ich hatte das Ziel, mir zu Nutze zu machen, wie die Dinge während meiner Kindheit ausgesehen und wie sie sich angefühlt haben.

Du hast das Ganze dann ja auch mit Videorekordern zusammengeschnitten.
Es war Hochsommer und mein Cutter konnte dazu kaum mehr etwas sehen. Er saß die ganze Zeit oben ohne da und bearbeitete die Videokassetten mit Stiften, um diese wunderschönen Bildfehler zu erzeugen. Wir stellten uns einfach die Frage, wie man einen Film macht, der rein optisch gesehen auch aus dem Inneren eines Pferdes oder aus einem Dreckhaufen stammen könnte. Heutzutage kann man sich ja einfach diverse Apps runterladen, die dann das nachmachen, was wir in aufwendiger Handarbeit produziert haben.

Ashley Benson, James Franco und Vanessa Hudgens in ‚Spring Breakers'

Es kommt recht häufig vor, dass Indie-Regisseure irgendwann einen Blockbuster für ein großes Filmstudio drehen. Ein Beispiel hierfür wäre Gus Van Sant. Dein Sprung von Trash Humpers zu Spring Breakers war aber trotzdem noch mal irgendwie radikaler. War es schwierig, dieses Projekt anzugehen?
Der leichteste Teil war die Auswahl der Schauspieler. Ich muss hier allerdings auch sagen, dass mir noch keiner meiner Filme leicht von der Hand gegangen ist. Es war nie wirklich einfach.

Weil sich die Studios immer eingemischt haben?
Egal was man macht, es gibt immer irgendjemanden, dem es nicht kommerziell genug ist. Es ist unmöglich, alle Leute zu 100 Prozent zufriedenzustellen. Irgendjemand will dich immer in eine bestimmte Richtung drängen. Ich weiß allerdings ganz genau, wenn etwas richtig ist, und deswegen habe ich auch keine Selbstzweifel. Ich höre mir die Meinungen anderer Leute zwar gerne an, aber wenn ich weiß, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde, dann sind mir diese Meinungen eigentlich relativ schnuppe. Egal was auch passiert, alles ist perfekt—selbst dann, wenn ich eine Katastrophe produziere. Alles soll so sein, wie es ist.

In deinem nächsten Film The Trap geht es um eine Bande von Bootsdieben aus Miami und du hast bereits darüber gesprochen, dass das Ganze sehr brutal werden und einer Drogenerfahrung ähneln soll.
Ich versuche immer, an einen Punkt zu kommen, an dem man die Entstehung des Film nicht mehr wirklich erklären kann. Es soll mehr um eine Energie als irgendetwas Erzählerisches gehen. Ich wollte schon immer eine Erfahrung kreieren, die einem Drogentrip, einer Halluzination oder einem Gefühlszustand nahe kommt. Ich versuche nun schon seit einiger Zeit, eine Art Bildsprache zu erschaffen, und The Trap ist dafür der nächste Schritt. Ich bin mir jedoch gar nicht mehr sicher, ob ich diesen Film überhaupt noch machen werde. Eigentlich sollten die Dreharbeiten im Mai beginnen, aber ich verliere so langsam das Interesse. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass das Projekt komplett gestrichen wird. Ich habe bloß ein weiteres Skript auch schon fast fertiggestellt und einen dieser beiden Filme werde ich dieses Jahr drehen—ich weiß bloß noch nicht, welcher das sein wird.

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Reden wir mal über deine Kunst. Wie lange bist du auf diesem Gebiet jetzt schon aktiv?
Ich habe schon immer gemalt und fertige jetzt schon genauso lange Kunstwerke an, wie ich Filme mache. In den letzten Jahren hat die Kunst jedoch immer mehr Platz in meinem Leben eingenommen.

Erzähl mir von der Fazors-Reihe.
Für dieses Projekt wollte ich einfach nur Kunstwerke ohne bestimmten Fixpunkt erschaffen. Ich habe ganz simpel mit einem Muster angefangen und mich dann leiten lassen. Es handelt sich um Bilder, die auf Wahrnehmung oder Energie basieren. Außerdem wollte ich nur Farben verwenden, die wie aus dem Himmel gegriffen sind. Auch sie beziehen sich auf die eben erwähnten Muster und Grundlagen. Dazu hat das Ganze noch eine körperliche Komponente. Wenn man die Kunstwerke eine Zeit lang betrachtet, dann nehmen sie einen komplett ein.

Warum hast du dich für so große Leinwände entschieden?
Ich mache ja auch viel kleineres Zeug, aber für Ausstellungen bevorzuge ich dann doch Größen, die fast wie eine Kinoleinwand anmuten. Für mich hat dieses Format auch etwas Mächtiges an sich.

Begibst du dich in dein Studio und malst dann einfach drauflos?
Manchmal. An dieser Reihe habe ich jedoch sehr lange gesessen—ungefähr ein Jahr. Ich bin tatsächlich jeden Tag ins Studio gegangen und habe einfach losgelegt. Das ganze symbolische Zeug ist dabei etwas intuitiver und es gibt bestimmte Muster, die ich seit meiner Kindheit male. Die sind hier auch häufig vertreten.

Zum Schluss muss ich dich noch auf die David-Letterman-Geschichte ansprechen. Der ehemalige Late-Show-Moderator hat dich damals 1999 angeblich aus seiner Sendung geschmissen, weil du auf Drogen Meryl Streeps Handtasche durchwühlt hast. Stimmt das?
Die Letterman-Version der Geschichte kann ich nicht wirklich glauben. Fakt ist jedoch, dass ich mir direkt vor der Show wohl ein paar Magic Mushrooms eingeschmissen habe und meine Halluzinationen ziemlich intensiv ausfielen. Aber ich meine, was soll man denn auch machen, wenn man einen Revolver in einer Handtasche entdeckt? Weißt du, was ich meine? Dann schnappt man sich natürlich das Ding und spielt Russisches Roulette.

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