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Ich war tot und wurde wiederbelebt, doch ein Teil von mir fehlt

Ich starb am 19. August 2011. Schwärze umgab mich. Das war alles. Ich war nicht in meinem Körper, ich war nicht bei meinem Körper, aber irgendwie war mir eine Zeit lang noch alles bewusst.
24.4.15

Guido (rechts) in Guatemala. Foto: Noah Dailey-McIlrath.

Guido ist ein 75 Jahre alter Freund meiner Familie. Er war in seinem Leben schon vieles—Bürgerwehrkämpfer, Medizinmann, weltbekannter Künstler. Als ich klein war, kam er uns immer besuchen, mit einer Pistole im Bund seiner Shorts. Er hat früher in Guatemala gelebt, aber vor Kurzem sein Land dort verlassen, um sich in Arizona zu sonnen. Als ich ihn dort besuchte, erzählte er mir von dem einen Mal, als er starb.

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—River Donaghey

Ich starb am 19. August 2011 in der Nähe meines Hauses. Schwärze umgab mich. Das war alles. Ich war nicht in meinem Körper, ich war nicht bei meinem Körper, ich war nicht Teil meines Körpers, aber irgendwie war mir eine Zeit lang noch alles bewusst. Es war schwarz und angenehm und nichts. Ich war tot. Und das war's.

Ich hatte im Park trainiert und war auf dem Heimweg zusammengebrochen. Ich schaffte es, aufzustehen und mich zu einem der Picknicktische zu bewegen. Ich legte meinen Kopf ab, in der Hoffnung, er würde aufhören, sich zu drehen. Sirenen weckten mich.

Ich dachte: „Jemand hat gesehen, wie du gefallen bist und kurz weg warst und hat dich für einen Betrunkenen gehalten. Wahrscheinlich hat derjenige einen Krankenwagen oder die Feuerwehr gerufen." Ich hielt es für besser, dieser ganzen Scheiße aus dem Weg zu gehen. Ich glaubte, mich um was auch immer es war—vielleicht ein Subduralhämatom—zu Hause kümmern zu können.

Ich erinnere mich daran, wie ich die Straße, die den Park von meinem Wohnblock trennt, überquerte. Ich erreichte meine Straße und dachte: „Na also, das schaffe ich locker." Ich erinnere mich nicht daran, wie ich ein zweites Mal kollabierte.

Meine nächste Erinnerung ist die, dass ich ein Tier außerhalb meines Körpers war. Ich sah mich nach einem sicheren Nest um, in dem ich meine leblose Leiche zurücklassen konnte. Ich beschloss, sie hinter eine Reklametafel zu schleifen. Das verwirrte mich ein wenig, denn es gibt auf dieser Straße keine Reklametafeln. Dennoch erinnere ich mich daran, wie ich meinen alten Körper hinter einem eingebildeten Werbeschild versteckte. Ich fühlte mich sicher und entspannt, als alles schwarz wurde. Es war angenehm und dunkel und schön. Es war fast so gut, wie einer Frau Vergnügen bereiten, und es gibt fast nichts, das besser ist als das.

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Eine lange Zeit später drang die Erkenntnis zu mir in die Dunkelheit vor, dass jemand meinen Körper aus seinem Versteck geholt hatte. Sie waren dabei, ihn hinter dem Schild hervorzuziehen. Dann ging ich wieder ins Dunkel und merkte lange Zeit nichts.

Plötzlich fühlte ich, dass jemand meinen Körper stach. Ich glaubte es als einen angespitzten Stock zu erkennen, der unter meine Rippen gestoßen wurde. Es war ein hässliches Gefühl, vor allem im Vergleich zu der Schwärze.

Ich dachte: „Jesus Christus, das sind wilde Arschlöcher. Wer zur Hölle tut so etwas?" Doch es wurde noch schlimmer. Jemand hatte angefangen, meine Brust mit einer Drahtbürste zu bearbeiten. Ich konnte fühlen, wie sich ein Hautfetzen löste. Ein weiterer angespitzter Stock wurde auf der anderen Seite durch meinen Brustkorb gestoßen, und noch einer in meinen Oberschenkel. Ich dachte: „Was machen diese gestörten Wilden? Können die meinen Körper nicht dort lassen, wo ich ihn hingelegt habe?"

Ich ging immer wieder in die Dunkelheit zurück, denn ich konnte das Kratzen und Stechen teils ignorieren. Doch schließlich wurde es so viel, all das Gesteche und Gebürste und Gestresse des Körpers, den ich für sicher versteckt gehalten hatte, dass ich dachte: „Ich muss nur eben eine Sekunde zurück und das hier in Ordnung bringen. Dann gehe ich wieder ins Dunkel."

Ich öffnete die Augen und erkannte den Mann, der sich über mich beugte, an den Symbolen auf seinem Hemd als einen Sanitäter. Ich war früher selbst eine Zeit lang Sanitäter, daher wusste ich, was er tat. Er rief: „Bleib bei mir, Freund, bleib bei mir, dein Puls ist immer noch erst bei 13." Er fing an, eine Salve Fragen abzufeuern. Er wollte meine Adresse und Telefonnummer wissen. Er sagte mir, wenn ich meine Augen schlösse, müsse er mir noch einen Stromstoß verpassen. Ich erinnerte mich an meine Zeit als Sanitäter—ich wusste, dass diese Folter sich nur beenden ließ, indem ich tat, was er sagte.

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VIDEO: Dr. Jorge Chiu arbeitet in Guidos ehemaliger Heimat Guatemala als ehrenamtlicher Rettungssanitäter. In den gewaltbeherrschten Straßen von Guatemala-Stadt weiß er nie, was die nächste Nacht bringt.

Sie holten meine Freundin aus meinem Haus die Straße runter. Ich hoffte, sie würde sagen: „Er hat eine Menge medizinischer Erfahrung. Er weiß schon, was er tut. Lassen Sie ihn heimgehen." Ich hoffte, sie würden mich alle in Ruhe lassen, sodass ich zu dem schwarzen Ort zurückgehen konnte. Aber nein, sie sagte ihnen, ich müsse schnell ins Krankenhaus, und dahin fuhren wir dann auch.

Leute, die davon sprechen, dass sie das Licht gesehen haben, erzählen doch Scheiße. Ich glaube, die denken sich das aus. Ich? Ich bin gestorben. Meine Nieren waren voller Blut. Meine Hose war voller Scheiße und Pisse. Mein Herz hat nicht geschlagen. Mein Gehirn bekam kein Blut. Sie hatten mir Atropin injiziert—die spitzen Stöcke in meinen Seiten—, um meine Nieren zu treffen. Das Drahtbürstengefühl stellte sich als der Defibrillator heraus, den sie einsetzten, um mein Herz dazu zu zwingen, das Atropin durch meinen Körper zu pumpen und mein Gehirn wieder mit Blut zu versorgen.

Ich weiß, dass ich tot war, denn seit diesem Tag war mein Leben nicht mehr so wie früher. Ich habe im Sterbeprozess etwas verloren. Nicht alles von mir ist aus dem Dunkel wiedergekehrt. Die Leute um mich herum merken es nicht, aber ich schon. Ich bin nicht mehr so aggressiv oder leidenschaftlich wie ich es einmal war, egal um was es geht. Etwas Wesentliches fehlt. Ich weiß nicht, ob ich es wiederfinden werde, oder ob es für immer weg ist.

Es ist nur eine kleine Sache, aber es reicht mir, eine Patientenverfügung mit dem Satz „Bitte nicht wiederbeleben" in meinem Geldbeutel zu tragen. Ich verlasse das Haus nicht ohne sie. Ich weiß, dass Rettungskräfte immer als Erstes die Atmung sichern. Als Zweites gehen sie deinen Geldbeutel durch, um deine Identität festzustellen. Ich will verdammt sicher sein, dass sie die Patientenverfügung finden. Das nächste Mal sollen sie mich in der Dunkelheit lassen. Vielleicht kann ich den Teil von mir wiederfinden, den ich am Tag meines Todes verloren habe.