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In Japan braut sich ein Yakuza-Krieg zusammen – und die Polizei steckt mit drin

Die größte organisierte Verbrechensgruppe Japans, die Yamaguchi-gumi, hat sich offiziell gespalten. Jetzt könnte es zu einem Bandenkrieg kommen, wie ihn Japan noch nie gesehen hat.
24.9.15

Diesen Monat hat die nationale Polizeiagentur von Japan eine Notsitzung einberufen, um eine bevorstehende Krise zu besprechen. Die größte organisierte Verbrechensgruppe des Landes, die 24.000 Mitglieder starke Yamaguchi-gumi, hat sich soeben aufgespalten, und die Polizei befürchtet, dies könne viel Gewalt nach sich ziehen.

„Es gab noch nie einen Bandenkrieg, bei dem Drohnen verwendet werden konnten, um Bomben in die Büros von Rivalen fallen zu lassen", sagte ein Kriminalbeamter der Polizei von Hyogo VICE News unter Voraussetzung der Anonymität. „In den letzten Jahren wurden erfolgreich 3D-Waffen hergestellt, die tödlichen Schaden zufügen können. Wenn eine Bande also keine Waffen zur Verfügung hat, braucht sie nur die richtige Ausrüstung. Drucken, töten, Waffe schmelzen. Diese neuen Feuerwaffen werden schwierig zu verfolgen sein. Die Eskalation könnte sehr schnell und sehr blutig vonstatten gehen."

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Vor 30 Jahren gründete der zweithöchste Boss der Yamaguchi-gumi nach einem Machtkampf eine neue Organisation namens Ichiwa-kai. Nachdem ein Mitglied der Splittergruppe den Anführer der Yamaguchi-gumi in der Wohnung seiner Geliebten erschoss, brach ein Krieg aus, im Zuge dessen Bandenmitglieder in Hawaii festgenommen wurden, weil sie versucht hatten, Handfeuerwaffen, Maschinengewehre und sogar Raketenwerfer zu kaufen.

Die Ichiwa-kai lösten sich auf und der Krieg endete 1989, nachdem die Yamaguchi-gumi anfingen, Mitglieder der Ichiwa-kai zurück zu locken—zum Teil mit einer großzügigen Rente. Heute kann sich ein hochrangiger Boss Berichten zufolge mit einer halben Million Euro zur Ruhe setzen.

Finanzielle Überlegungen sind womöglich das einzige, das die Yakuza davon abhält, einen Krieg zu beginnen. Laut dem japanischen Recht kann ein Yakuza-Boss finanziell für die Verbrechen seiner Handlanger zur Verantwortung gezogen werden. 2012 zahlte der ehemalige Boss Tadamasa Goto der Familie eines von seinen Männern ermordeten Immobilienmaklers eine Abfindung von umgerechnet 820.000 Euro.

Für die Yakuza ist Geld wichtiger als Blut. Doch das böse Blut, das seit Jahrzehnten unter den Yamaguchi-gumi brodelt, kann vielleicht nicht einmal Geld beruhigen.

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Die japanische Yakuza besteht aus 21 verschiedenen Organisationen, doch die Yamaguchi-gumi war die Bande, deren Macht die Polizei am meisten fürchtete. Mehr als die Hälfte der organisierten Verbrechensaktivitäten in Japan war direkt oder indirekt unter ihrer Kontrolle.

Die Organisation wurde 1915 in Kobe von einer Gruppe Hafenarbeiter als eine Art Gewerkschaft gegründet, doch schon war sie in kriminelle Machenschaften verwickelt. 1946 übernahm Kazuo Taoka offiziell die Führung und vergrößerte die Yamaguchi-gumi rasant. Die anfangs 30 Mitglieder starke Gruppe wurde zu einer landesweiten Organisation, die andere Syndikate in sich aufnahm und schließlich ihre eigene Talentagentur, Baufirma und andere Scheinfirmen gründete. Taoka ist bekannt dafür, seinen Gangstern folgende Anweisung gegeben zu haben: „Ihr braucht alle einen ehrlichen Job."

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Die Yakuza werden reguliert und überwacht—und die Organisationen an sich sind auch nicht illegal. Die Adresse ihres Hauptquartiers ist auf der Website der japanischen Polizeiagentur aufgeführt, die Oberbosse haben Visitenkarten mit Firmenlogos und es gibt zwei monatlich erscheinende Fanzines, die neben Comics und Videospielen auch der Yakuza gewidmet sind.

Die Yakuza behaupten, eine humanitäre Organisation zu sein, die traditionelle japanische Werte vertritt, und in Notsituationen sind sie meist schnell mit Vorräten und Helfern zur Stelle. Allerdings beziehen die meisten Mitglieder ihren Lebensunterhalt aus Erpressung, Racketeering, Schmuggel, Glücksspiel und Betrug.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bevor jene, die von ihrem rechten Pfad abgekommen sind, zurechtgewiesen werden.

Nach dem Ende des Bandenkriegs 1989 wurde Yoshinori Watanabe von der Yamaguchi-gumi-Fraktion Yamaken-gumi der Anführer der Organisation. Die Fraktion, die aktuell etwa 2.000 Mitglieder zählt, war bis 2005 die mächtigste, bis Tsukasa Shinobu von der Kodo-kai-Fraktion Watanabe ablöste. Die Kodo-kai taten alles in ihrer Macht stehende, um die Yamaken-gumi zu schwächen.

Die Herrschaft der Kodo-kai hat weder den Yamaken-gumi noch den anderen 70 Fraktionen der weitverzweigten Organisation gutgetan. Es gibt schon lange Beschwerden über hohe Mitgliedsbeiträge, und ehemalige Bosse behaupten, rangniedrigere Yakuza-Gruppen seien gezwungen worden, Vorräte zu Wucherpreisen im Hauptquartier zu erstehen. Dies war eine Methode, mit der die Yamaguchi-gumi Geldwäsche betreiben konnten.

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Die USA sind auch kein Fan der Kodo-kai: Vergangenen April verhängte der Staat speziell gegen diese Gruppe Sanktionen.

Die aktuelle Rebellion wurde von der Fraktion der Yamaken-gumi angeführt. Sie gründete Ende August zusammen mit 12 anderen Splittergruppen eine neue Organisation namens Kobe Yamaguchi. Der Auslöser scheint ein Gerücht gewesen zu sein, laut dem Tsukasa dieses Jahr in den Ruhestand gehen und die Leitung der Organisation einem anderen Kodo-kai-Boss übergeben will.

Razzia im Hauptquartier der Yamaguchi-gumi in Kobe, nachdem gegen einen Yakuza-Boss ermittelt wurde, weil er unter falschem Namen in einem Golf-Club Golf gespielt hatte, der keine Gangster zulässt, 2011 | Foto: imago | Kyodo News

Die Yamaguchi-gumi hielten am 27. August eine Krisensitzung ab und schlossen die 13 Rebellen-Bosse und ihre Fraktionen aus der Organisation aus. Ihre Wut wurde deutlich, als sie vor wenigen Tagen eine Mitteilung auf ihrer Website veröffentlichten, in der sie die Rebellion verurteilten.

„Es ist nur eine Frage der Zeit", hieß es in der Mitteilung, „bevor jene, die von ihrem rechten Pfad abgekommen sind, zurechtgewiesen werden."

Die meisten japanischen Polizisten unterstützen stillschweigend die abgespaltenen Kobe Yamaguchi, so Polizeiquellen und Quellen aus dem Umfeld der neuen Gruppe VICE News gegenüber. Tatsächlich schickten die Rebellen der Polizei von Hyogo vor ihrer Abspaltung von den Yamaguchi-gumi sogar eine Mitteilung und die Polizei verstärkte die Bewachung ihres Hauptquartiers, noch bevor die Spaltung offiziell war. Seit 2009 gibt es polizeiliche Bemühungen, die Kodo-kai zu zerschlagen. Damals erklärte die Polizei der Gruppe offen den Krieg, mit den Worten: „Wir werden sie in der öffentlichen Gesellschaft ausradieren."

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Die Kodo-kai sind bekannt dafür, eine antiautoritäre Fraktion der Yamaguchi-gumi zu sein. Sie stellen aktiv sowohl die Polizei als auch die japanische Regierung infrage und halten sich an einen Regelsatz, der aus drei Maximen besteht: keine Geständnisse, keine Polizei in den Räumen der Bande und keine Kooperation mit der Polizei.

Das mag nicht wie ungewöhnliches Bandenverhalten klingen, doch in Japan ist es das. Ermittler gegen organisiertes Verbrechen besuchten oft die Büros der Yakuza-Gruppen, die sie überwachten, um Tee zu trinken, ein wenig zu plaudern und auf dem Laufenden zu bleiben. Die Begegnungen waren freundlich. Wenn es Bandengewalt gab, lieferten die Yakuza jemanden zur Festnahme. Vor Razzien vereinbarte die Polizei oft Termine mit den Yakuza. Im Gegenzug stellten die Banden sicher, dass es Dokumente in Kartons gab, die die Beamten heraustragen konnten, sodass die anwesenden Reporter etwas zu fotografieren hatten.

Die Kodo-kai lehnten dieses System ab.

Es gibt in der Splittergruppe eine große Anzahl koreanisch-japanischer Mitglieder, und in weiten Teilen Japans, darunter auch in Polizeikreisen, gibt es eine kaum verhohlene antikoreanische Haltung. In einem seltenen Interview mit Sankei Shimbun erklärte Tsukasa 2011: „Wir bieten eine Zuflucht für jene, die von der japanischen Gesellschaft an den Rand gedrängt werden—die Ausgestoßenen, die koreanisch-stämmigen Japaner, die wegen ihrer zerrütteten Familie Diskriminierten. Wir machen sie stark und halten sie davon ab, Normalbürger zu belästigen."

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Die Kodo-kai haben auch lautstark Kritik am Premierminister Shinzō Abe geübt; sie werfen ihm vor, Japan in die Richtung des Faschismus zu drängen. Allerdings gibt es hinter verschlossenen Türen einige seltsame Verbindungen zwischen den Yamaguchi-gumi und Abes Regierung. Ein Yakuza-Mitglied, das das erfolgreiche Sexshop-Imperium der Kodo-kai mitgründete, gründete ebenfalls eine politische Gruppe zur Unterstützung von Hakubun Shimomura, dem japanischen Minister für Bildung und Wissenschaft. Anfang diesen Jahres wurde bekannt, dass Shimomura politische Spenden von einer Frontfirma der Yamaguchi-gumi erhalten hatte und eine enge Verbindung zu einem Mafia-Geldgeber unterhielt.

Shimomura ist in Japan bekannt dafür, für „moralische Erziehung" einzutreten.

Die Spaltung der Yamaguchi-gumi könnte der Abe-Regierung große Schwierigkeiten bereiten. Bandenmitglieder haben schon häufig ihre politischen Verbündeten verraten, wenn es zu ihrem Vorteil war. Zwar scheint es so, als seien die Kodo-kai mit der Abe-Regierung auf gutem Fuß, doch die Kodo-kai sind in Polizeikreisen verhasst. Daher arbeiten die Splittergruppen und die Polizei nun zusammen.

In einem diesen Monat in Nikkan Gendai erschienenen Artikel schreibt ein Mitglied der Rebellengruppe, es werde kein Blutvergießen geben, denn die Polizei werde die Kodo-kai an ihrer Statt angreifen, und zwar mit Anklagen wegen Steuerhinterziehung. Und die Behörden könnten die für eine Anklage nötigen Beweise von den Rebellenfraktionen erhalten.

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Zu den 13 Gruppen, die sich von den Yamaguchi-gumi abgespalten haben, gehören die Takumi-gumi, angeführt von Tadashi Irie. Jahrelang war er der Chef des Yamaguchi-gumi-Hauptquartiers und damit der dritthöchste Boss der Organisation, der auch das Geld kontrollierte. Ein Yamaguchi-gumi-Insider verriet Nikkan Gendai: „Wir haben den Banker auf unser Seite. Er weiß, woher das ganze Geld kommt und wohin es geht. Wir geben der Polizei die Informationen und sie dürfen damit die Kodo-kai zerstören. Sie werden Tsukasa wegen Steuerhinterziehung drankriegen—und das war's dann."

Ein ranghohes Mitglieder der nationalen Polizeiagentur, das keine offiziellen Auskünfte geben durfte, verriet VICE News lediglich: „Wir haben keine Favoriten und wir gehen keine Abmachungen ein. Wir haben die Organisation nicht zur Spaltung ermutigt, aber offensichtlich sehen wir die Kodo-kai als die besorgniserregendste Fraktion der Yamaguchi-gumi. Das hier ist eine Gelegenheit, ihnen den Garaus zu machen."

In Japan denkt die Polizei nicht einheitlich. Die nationale Polizeiagentur sieht die Kodo-kai als ein Problem, doch der Polizei von Osaka sind die Yamaken-gumi, die Anführerfraktion unter den Rebellen, seit geraumer Zeit ein Dorn im Auge. Am 9. September durchsuchte die Polizei das Hauptquartier der Yamaken-gumi in Kobe wegen Betrug—die erste Razzia seit der Gründung der Gruppe.

Die Razzia ermöglichte es der Polizei, Informationen über die neue Gruppe zu sammeln, und diente gleichzeitig als eine Erinnerung an die Welt, dass es sich bei den Rebellen nicht, wie von ihnen behauptet, um noble Gesetzlose handelt. Dennoch unterhält die Polizei von Hyogo freundliche Beziehungen zu den Rebellen—eine Chance, die Yamaguchi-gumi ernsthaft zu schwächen, kann sie sich nicht entgehen lassen.

Allerdings gibt es da ein Problem bei dem Plan, die Polizei werde die Kodo-kai wegen Steuerhinterziehung verfolgen. Irie, der Mann, der einst die Finanzen der Yamaguchi-gumi kontrollierte, will manchen Berichten zufolge in den Ruhestand gehen. Er ist bekannt dafür, in einer Welt der unaufrichtigen Verbrecher ein relativ ehrenhafter und loyaler Mafioso zu sein. Also ist es unwahrscheinlich, dass Irie reden wird—und das könnte den Nachweis der Steuerhinterziehung sehr erschweren. Wenn die Polizei den Kodo-kai nicht mit Strafanzeigen das Handwerk legen kann, dann kann es gut sein, dass die Rebellenfraktionen es mit Gewalt versuchen werden.