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Kim Jong-un reist nach Moskau, um seinen neuen besten Freund Putin zu besuchen

Der nordkoreanische Anführer besucht bei seiner ersten offiziellen Auslandsreise Wladimir Putin—doch Moskau unterschreibt bereits seit Jahren Abkommen mit Pjöngjang.
28.4.15

Sie mögen beide Macho-Pressefotos, sind mit westlichen C-Promis befreundet und gegen beide wurden von den USA Sanktionen verhängt—warum sollten bei all den Gemeinsamkeiten Kim Jong-un und Wladimir Putin nicht auch befreundet sein?

Während seine Rolle im Ukraine-Konflikt weltweit in der Kritik steht, kooperiert Russland verstärkt mit Nordkorea. Die Oberhäupter der beiden Länder werden einander im Mai endlich persönlich begegnen können, wenn Kim anlässlich des 70. Jahrestags der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg Moskau besucht. Es wird für den jungen Anführers des Einsiedlerkönigreichs die erste offizielle Auslandsreise.

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Russland kann einen politischen Verbündeten angesichts der Spannungen mit dem Westen gut gebrauchen: Die amerikanischen und europäischen Staatsoberhäupter lehnten die Einladung des Kreml zu den Feierlichkeiten ab. Doch auch wirtschaftlich könnte Russland von einer starken Beziehung zu seinem südlichen Nachbarn profitieren, und dies passt zu einer strategischen Neuorientierung weg von den unsicheren europäischen Märkten und hin zu den asiatischen.

„Unsere beiden Länder stehen unter US-Sanktionen. Wir haben die gleichen Herausforderungen, die gleichen Probleme", sagte Alexander Worontsow, ein Analyst an der Russischen Akademie der Wissenschaften und ehemaliger Angestellter der russischen Botschaft in Nordkorea, gegenüber VICE News. „Das spielt eine Rolle, doch ich meine, dass die bilaterale Zusammenarbeit bereits vor der Ukraine-Krise begann … Der erste Grund war unsere Umorientierung nach Osten hin."

Die russische Regierung arbeitet seit mindestens 2013 an der Verbesserung ihres militärischen und wirtschaftlichen Verhältnisses zu fernöstlichen Ländern. Dies ist Teil der Aktivitäten, die in der Presse mitunter als „Putins Schwenk" nach Asien bezeichnet werden, und spiegelt das Verhalten der US-Regierung wieder, die sich ebenfalls in der Region neu orientiert. Putin konzentriert sich bisher hauptsächlich auf China; die zwei Nationen unterschrieben vor Kurzem zwei umfassende Verträge über die Versorgung Chinas mit russischem Öl.

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Doch Moskau hat in den letzten Jahren auch Pjöngjang politische Angebote gemacht und Verträge unterschrieben—unter anderem half Russland beim Ausbau der nordkoreanischen Infrastruktur, wie schon die Sowjetunion zu Zeiten des Kalten Kriegs. Putin traf sich bereits 2002 mit dem verstorbenen Kim Jong-il in Russland, um die Stärkung der wirtschaftlichen Bande zu besprechen. Bei dem Besuch überreichte Putin Kim zum Zeichen des guten Willens eine Schrotflinte mit kunstvoller Gravur.

Solche diplomatischen Treffen haben in jüngster Zeit häufiger stattgefunden. Kim Yŏng-nam, der Vorsitzende der nordkoreanischen Legislative und damit das protokollarische Staatsoberhaupt, führte im Februar 2014 eine Delegation zu den olympischen Winterspielen in Sotschi. Der russische Minister für die Entwicklung des Fernen Ostens, Alexander Galuschka, kündigte im Oktober 2014 an, dass die zwei Länder einander von der Visumpflicht befreien würden. Anfang diesen Jahres setzten die beiden Regierungen dem Ganzen die Krone auf, indem sie 2015 zu einem „Jahr der Freundschaft" zwischen den Staaten erklärten.

Manchmal könnte man den Eindruck bekommen, Moskau pflege zu seinem geächteten Nachbarn nur eine Beziehung, um westliche Länder zu ärgern, weil diese für Russlands Annexion der Krim und Unterstützung für prorussische Rebellen in der Ostukraine Wirtschaftssanktionen verhängt haben. Nur Tage nachdem die Vereinten Nationen im März eine Resolution verabschiedeten, die die Annexion der Krim verurteilte, unterschrieben Russland und Nordkorea ein Abkommen, laut dem sie bis 2020 das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern auf eine Milliarde Dollar erhöhen wollen. Nordkorea war auch eines von 11 Ländern, die gegen die UN-Resolution stimmten.

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„Wir schätzen es, dass Nordkorea Russland international unterstützt", räumte Worontsow ein, doch er bemerkte auch, dass die Hauptmotivation hinter der gegenseitigen Zuneigung eine wirtschaftliche ist. Natürlich bleibt auch die Politik nicht ganz außen vor: Putin sah sich im Dezember aufgrund von Einwänden der EU gezwungen, seine Pläne für eine Gaspipeline vom Schwarzen Meer nach Bulgarien aufzugeben—ein Zeichen dafür, wie angespannt das russisch-europäische Verhältnis in puncto Energieversorgung geworden ist.

„Wir bekommen Probleme mit der russischen Präsenz in Osteuropa und asiatische Märkte werden zunehmend attraktiver, nicht nur in Nord-, sondern auch in Südkorea", sagte Worontsow.

2013 baute Russland eine 54 Kilometer lange Bahnverbindung zwischen den Hafenstädten Chassan in Russland und Rasŏn in Nordkorea—ein 300-Millionen-Dollar-Projekt, das unter anderem die Lieferung russischer Kohle nach China ermöglicht. Weiterhin erklärte sich das russische Parlament 2014 bereit, Nordkorea fast 10 Milliarden Dollar Schulden aus der Sowjetzeit zu erlassen, und die zwei Ländern einigten sich darauf, zur Förderung des Handels künftig nur noch Geschäfte in Rubel zu betreiben.

Nordkorea, dessen Wirtschaft nur ein Fünfzigstel der südkoreanischen ausmacht, hat zwar noch 1,09 Milliarden Dollar Schulden, die im Laufe der nächsten 20 Jahre zurückgezahlt werden müssen, doch laut Vizefinanzminister Sergej Storchak könnten diese finanziellen Verpflichtungen zur Finanzierung gemeinsamer Projekte in Nordkorea genutzt werden.

Unsere beiden Länder stehen unter US-Sanktionen. Wir haben die gleichen Herausforderungen, die gleichen Probleme.

Das vielversprechendste dieser Projekte ist eine Pipeline und Zugstrecke, die Russland mit Nord- und Südkorea verbinden und damit einen weiteren lukrativen asiatischen Markt für Gas und Strom eröffnen würde. Putin und Kim besprachen das Projekt zwar bei einem Treffen 2011, doch aufgrund der Spannungen zwischen den beiden koreanischen Staaten, die sich noch offiziell im Krieg miteinander befinden, steckt es bisher in der Planungsphase fest.

Ein weiteres potentielles Projekt namens Pobeda, bei dem russische Investoren das Schienennetz in Nordkorea modernisieren würden, hat einen Schätzwert von 23 Milliarden Euro. Die Arbeiten würden sich laut Worontsow auf die Routen konzentrieren, die zu Bergbaustandorten führen, wodurch Nordkorea seine Bodenschätze, darunter Kohle und Buntmetalle, besser nutzen könnte. Die zwei Länder haben außerdem einen Vertrag über eine Verbindungsstraße zwischen Russland und Nordkorea unterschrieben und die Entwicklung einer Kooperation in der Raumfahrt besprochen.

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Die wachsende Freundschaft führt allerdings auch zu der Möglichkeit, dass Russland dem nordkoreanischen Regime in seinen Menschenrechtsverletzungen Beihilfe leistet. Nordkorea ist bekannt für willkürliche Festnahmen und Hinrichtungen sowie ein Netzwerk grausamer Arbeitslager. Im November setzten Moskau und Pjöngjang ein Abkommen auf, das Russland dazu verpflichten würde, alle illegalen Einwanderer nach Nordkorea zurückzuschicken, obwohl eine UN-Untersuchung vor Kurzem die Folter von aus Russland deportierten Nordkoreanern dokumentierte.

Russische Arbeitslager mit nordkoreanischen Aufsehern sind eine weitere Sorge. Wie VICE bereits berichtete, hat Nordkorea Arbeiter tief in die sibirische Einöde exportiert, um im Austausch für dringend benötigte Fremdwährung zu schuften. Kürzlich kam hierzu noch, dass die nordkoreanische Regierung im Osten Russlands Land pachtet, um für die Landsleute in der Heimat Lebensmittel zu produzieren. Pjöngjang kam im Oktober mit der Region Chabarowsk zu einer Vereinbarung über landwirtschaftliche Kooperation; die Nordkoreaner haben bereits Kredite im Wert von 600 Millionen Dollar aufgenommen, um in diese Landwirtschaftsprojekte zu investieren, und planen, 10.000 Hektar russischen Boden zu pachten. Auch im Verwaltungsbezirk Amur soll Nordkorea Bauernhöfe errichtet haben.

VIDEO: VICE-Gründer Shane Smith ist nach Sibirien gereist, um die Lebensbedingungen von Sklavenarbeitern in Nordkoreas "exportierten" Arbeitslagern zu dokumentieren.

In Antwort auf die Frage nach dem Zustand dieser Bauernhöfe, welche von nordkoreanischen Militäroffizieren bestellt werden, sagte Worontsow: „Sie arbeiten nach den Regeln, die sie aus Nordkorea gewöhnt sind." Er fügte hinzu, die Projekte seien „ihre interne Angelegenheit."

Doch während Moskau sich keine Gedanken um Arbeitsbedingungen zu machen scheint, stellen die nuklearen Ambitionen Nordkoreas eine berechtigte Sorge dar: Letzte Woche warnte China die Vereinigten Staaten davor, dass Pjöngjang bereits 20 Atomsprengköpfe haben könnte, was nahelegt, dass das Atomprogramm der Nordkoreaner bereits viel weiter fortgeschritten sein könnte als bisher angenommen.

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Vizeaußenminister Sergej Ryabkow sagte anlässlich eines Moskau-Besuchs von Choe Ryong-hae, eines Vertrauten von Kim Jong-un, „die Aussicht auf die Entnuklearisierung Nordkoreas" sei der erste Tagesordnungspunkt. Die staatliche Nachrichtenagentur TASS berichtete: „Das ungeklärte Atomproblem mit Nordkorea bremst weiterhin die Kooperation."

Worontsow gestand ein, das Thema Atomwaffen sei „kompliziert" und Russland bemühe sich um die Wiederaufnahme der Verhandlungen um die atomare Entwaffnung Nordkoreas. Er bestritt, dass russische Gelder, die in das Land fließen, dem Regime bei seinen Bemühungen um Atomwaffen behilflich sein könnten, und betonte stattdessen, dass die westliche Politik das Land provoziere.

„Die internationale Staatengemeinschaft und die Vereinigten Staaten weigern sich, Nordkorea eine Sicherheitsgarantie zu geben, während im Westen und in Seoul völlig offen davon gesprochen wird, die nordkoreanische Regierung zu stürzen", sagte er. „Die Bedrohung ihrer Existenz bringt sie dazu, ein Atomwaffenarsenal aufzubauen."

Laut Worontsow wird der russische Ansatz der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit effektiver darin sein, Nordkorea von der Atomwaffenentwicklung abzubringen und die Menschenrechtslage in dem Land zu verbessern, als die westliche Politik der Isolation. Kim Jong-uns Erscheinen zu den Feierlichkeiten zum Kriegsende am 9. Mai in Moskau wird einen Schritt aus dieser Isolation darstellen.

„Es werden viele Staatsoberhäupter anderer Länder dort sein", sagte Worontsow. „Er wird die Gelegenheit haben, sich mit der internationalen Gemeinschaft bekannt zu machen und ihr vorgestellt zu werden."