Die gefährliche Rassismus-Kultur South Carolinas

Dylann Roofs Massenmord ist erschütternd, aber nicht überraschend. Man könnte sogar sagen, er steht in einer langen Tradition der Gewalt und des Hasses in South Carolina.

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Juni 24 2015, 11:00am

Dylann Storm Roof vor dem Museum and Library of Confederate History in Greenville, South Carolina. Foto von Roofs Website

So ziemlich jedes Mal, wenn ich in South oder North Carolina bin, passiert mir was Rassistisches.

Vor ein paar Jahren, während eines Besuchs bei meiner Schwester in Chapel Hill, North Carolina, habe ich es gewagt zu hupen, als ein Geländewagen mich fast gestreift hätte. Dafür wurde ich dann mehrere Meilen auf dem Highway 54 von einem Typen verfolgt, der aussah wie ein Bilderbuchhinterwäldler a la Larry the Cable Guy. Ich konnte ihn im Rückspiegel sehen, wie er auf sein Lenkrad einhämmerte wie ein Zeichentrickgorilla. Als ich an einer Ampel hielt, schnitt mir der Mann den Weg ab, stürmte aus seinem Auto und schrie mich durch mein geschlossenes Fenster an. „Findest du das immer noch so witzig, Junge?", schrie er mit lila verfärbtem Gesicht und hervorstehenden Halssehnen. „Findest du das immer noch so witzig?" Er verpasste meinem Fenster eine heftige Rückhand, kehrte zu seinem Auto zurück und raste davon.

Meine Mutter saß neben mir im Auto.

Ein paar Jahre zuvor, beim Essen mit Freunden im Huddle House (eine rund um die Uhr geöffnete Diner-Kette) in Greenville, South Carolina, stand ein Mann, der ebenfalls Larry the Cable Guy ähnelte—rotblonder Ziegenbart, stämmige Statur, Baseballkappe—, von seinem Tisch auf, um mir quer durchs Restaurant zuzurufen: „Hey, kannst du Karate?"

Ich log und nickte. Er zeigte den Daumen hoch.

Letzten Sommer lief ich durch das Zentrum von Anderson, South Carolina (meine Heimatstadt), und hörte, dass mir dasselbe unverkennbare Ching-Chong-„Chinesisch" folgte, wie es mir schon immer das gegnerische Team zuruft, wenn ich Teamsportarten spiele. Als ich auf die Typen zuging, die das Gebrabbel von sich gaben, um sie zu konfrontieren, stellte ich fest, dass sie gerade mal Teenager waren—vielleicht 15, also 20 Jahre jünger als ich. Einer von ihnen, der am wenigsten reuevoll wirkte, saß im Rollstuhl. Die Sache ist die, und das habe ich auch diesen Kids gesagt: Ich bin von hier. Ich bin ungefähr so South Carolina wie man nur sein kann.

Im Fußgebirge der Blue Ridge Mountains gibt es gewisse Läden, von denen ich weiß, dass ich sie besser nicht betreten sollte, Läden mit den Wörtern Dixie oder Heritage auf dem Schild und einer Südstaatenflagge davor. "

Ich lebe jetzt in Brooklyn, doch die ersten 23 Jahre meines Lebens habe ich in South Carolina, dem „Palmetto State", verbracht. Ich bin in Anderson aufgewachsen. Ich bin auf die T. L. Hanna High School und die Clemson University gegangen. Ich habe zwei Sommer lang in Charleston gelebt, das erste Mal in 2001, als ich auf die South Carolina Governor's School ging, und dann 2002, während meiner Arbeit als Caterer und Lieferant für chinesisches Essen. Ich mag meinen Tee süß und kalt und mein Hähnchen gebraten. Country-Gitarren und Gospelchöre berühren mich gleichermaßen. Ich kann so gut im behäbigen, langgezogenen Südstaatendialekt sprechen wie alle anderen von hier. Ich weiß, dass man South Carolina in der lokalen Mundart „South Cackalacky" nennt und dass seine Bewohner „Sandlappers" sind. Ich weiß, wer der Swamp Fox war. Und meine Eltern wohnen noch immer in Anderson, wo sie schon seit mehr als 40 Jahren leben.

South Carolina ist meine Heimat. Aber geh mal auf eine beliebige Person in Columbia oder Orangeburg oder Greenville zu und frag sie, ob er oder sie meint, dass ich ein Einheimischer bin, und ich garantiere dir, die Antwort wird vielsagend sein. Der Bürgerkrieg mag lange her sein, doch die Südstaaten sind noch immer durchzogen von einer mächtigen Strömung des Rassismus und der weißen Vormacht. Ich weiß noch, wie ich letztes Jahr mit meiner Mutter auf der Krebsstation auf ihren Termin gewartet habe. Ein alter Mann mit einem Atemschlauch starrte mich unablässig aus feindseligen, blutunterlaufenen Augen an, bis meine Mutter endlich zum Arzt hineingerufen wurde.

Außerhalb der Stadtzentren gibt es im Fußgebirge der Blue Ridge Mountains gewisse Läden, von denen ich weiß, dass ich sie besser nicht betreten sollte, Läden mit den Wörtern Dixie oder Heritage auf dem Schild und einer Südstaatenflagge davor. Läden, die T-Shirts und Mützen verkaufen, auf denen M16-Gewehre vor einer US-Flagge abgebildet sind, und darauf droht ein Schriftzug: „Come and take it." Konföderierten-Gürtelschnallen, -Bikinis und –Bauchnabelpiercings—das ist die Realität des Lebens als Person of Color in South Carolina, wo für manche Weiße deine bloße Anwesenheit schon Grund zur Sorge oder Beschwerde ist und über dir eine allgegenwärtige Gewaltandrohung hängt, falls es noch schlimmer werden sollte. Und aus der Sicht dieser weißen Leute ist es nur noch steil bergab gegangen, seit Robert E. Lee sich 1865 in Appomattox Ulysses S. Grant ergeben hat.

Da ich schon seit meiner Geburt mit dieser Wahrheit lebe, war ich zugegebenermaßen nicht schockiert, als ich von dem Massaker in der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston gehört habe. Dass ein weißer 21-jähriger Mann namens Dylann Storm Roof mutmaßlich in der Bibelstunde der Kirche neun schwarze Gemeindemitglieder erschossen hat, darunter der State Senator Rev. Clementa Pinckney und die 87-jährige Susie Jackson, schien einfach nur wie das neueste Kapitel in einer langen Geschichte der rassistischen Gewalt in meinem Heimatstaat. Von der Versklavung afrikanischer Arbeiterinnen und Arbeiter auf Reisplantagen zu Lynchmobs angeführt von Benjamin Tillmann, einem früheren Gouverneur und Senator von South Carolina—solche Handlungen sind untrennbar mit der Kultur hier verwoben. Selbst heute noch steht in unserem Kapitol eine Statue „Pitchfork Ben" zu Ehren, und sein Name ziert die meisten wichtigen Gebäude der Clemson University, die das höchste Ranking unter unseren staatlichen Unis hat und auch meine Alma Mater ist.

Foto: Eyeliam | Flickr.com | CC BY 2.0

Zur Geschichte der rassistischen Gewalt in den Carolinas gehört auch die Geschichte von Manson „Manse" Jolly, einem ehemaligen Späher der Südstaaten, der nach dem Bürgerkrieg zum Steuerhinterzieher wurde. Jolly soll ein riesige Anzahl freigelassener Sklaven getötet haben, die für die Nordstaaten gekämpft hatten. Er soll einige ihrer Leichen in einen Brunnen in Anderson County geworfen haben, wo es eine nach ihm benannte Straße gibt, die zur Mülldeponie des Countys führt. Das Zuhause meiner Kindheit liegt nur acht Kilometer entfernt. Jollys Inlandsterrorismus wird noch immer gepriesen. In einem Artikel, der 2009 in der Independent-Mail erschien, wird er zweimal in den ersten paar Absätzen als „legendär" beschrieben und außerdem im selben Atemzug als „Bürgerkriegsheld" und „unverbesserlicher Rebell" bezeichnet. So erklärt ein Antiquitätenhändler aus Columbia: „Jolly weckt immer noch Interesse und Emotionen in Leuten, die seine Heldentaten in den Südstaaten der Nachbürgerkriegszeit feiern."

Und jetzt haben wir den Massenmord in Charleston. Berichten zufolge soll der mutmaßliche Mörder, Roof, zu den Kirchgängern gesagt haben: „Ihr vergewaltigt unsere Frauen, und ihr übernehmt unser Land, und ihr müsst weg", bevor er sie erschoss.

State Senator Clementa Pinckney, der zu den neun Todesopfern gehört. Foto mit freundlicher Genehmigung von Emanuel AMC

Doch Roofs Worte, so schlecht sie formuliert waren, sind nicht ohne Bedeutung. In ihnen können wir die Kultur des Besitztums der weißen Südstaatler erkennen, und ihren Willen, diesen Besitz durch unaussprechliche Gewalttaten zu verteidigen.

Tatsächlich ist dieses Massaker Teil eines eskalierenden Trends in den Carolinas und in den ganzen USA. Im Februar ermordete der 44-jährige Chris Hicks in Chapel Hill, North Carolina, zwei Frauen und einen Mann, alle drei muslimische Studenten, im Rahmen einer Situation, die anfangs von der örtlichen Polizei als „ Konflikt um einen Parkplatz" bezeichnet wurde. Erst diese Woche hat ein weißer Mann in Ohio, das N-Wort schreiend, mit einer Pistole gedroht, um unerwünschte Kinder aus seinem Viertel zu vertreiben. Anfang dieses Monats in Texas hat ein weißer Polizeibeamter ein 15-jähriges schwarzes Mädchen bei einer Poolparty zu Boden geschleudert und festgehalten. Und natürlich ist da Trayvon Martin, der 2012 in Florida von George Zimmerman, einem Mitglied einer Bürgerwehr, erschossen wurde. Wenn People of Color an Orten auftauchen, an denen sie nicht willkommen sind, dann wird das System der weißen Vormacht oft durch Gewalt aufrechterhalten.

Dylann Storm Roof. Foto von seiner Website

Die Sprache des Besitztums ist auf einem Spektrum angesiedelt, von verfassungsrechtlich—die verbissene Lobbyarbeit der NRA, um das im zweiten Verfassungszusatz festgelegte Recht auf Waffenbesitz zu erhalten—bis hin zu den äußersten rechten Rändern des Rechtspopulismus. „The KKK wants you", stand erst kürzlich auf einem Flyer für die Brotherhood of Klans, eine der größten KKK-Organisationen in den Staaten. „Schließ' dich uns heute an und hole dir die Rechte zurück, die im Namen der politischen Korrektheit anderen gegeben worden sind. Wir kämpfen für die Erhaltung unserer Rasse und für eine Zukunft für Weiße Kinder."

Dieser Typ auf dem Highway 54, der andere Typ im Huddle House, die Teens in meiner Heimatstadt, der Mann in der Krebsstation—sie haben mir alle unmissverständlich mitgeteilt: „Hey, das hier ist unsere Heimat, nicht deine." Und um ehrlich zu sein, kann man dagegen auch schlecht argumentieren, immerhin weht noch immer über dem Grundstück des Kapitols die Kriegsflagge der Südstaaten (auch, wenn das bald nicht mehr der Fall sein wird), eine Flagge, die wirklich für „heritage" steht—wenn man damit das Erbe des Hasses, der Gewalt und des weißen Rassismus meint.

Die Kultur des weißen Besitzes wird so schnell nicht verschwinden. Und warum sollte sie auch? Es gibt sie bereits seit der Gründung dieses Landes, von den Sklaven haltenden Gründervätern und den nationalen Gesetzen, die Betrug, Ausplünderung und Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern erlaubten, bis in die Jetztzeit, in der ein professionelles Footballteam weiterhin eine rassistische Beleidigung als offiziellen Namen tragen kann. Um all das aus der Welt zu schaffen, müssen wir den Dialog am Laufen halten und mehr diskutieren als nur die Massenmorde—wir müssen Stück für Stück die Kultur abtragen, die zur Erschaffung des Monsters mit dem Finger am Abzug beigetragen hat.

Früher oder später reise ich sicher wieder nach South Carolina—ich muss. Meiner Mutter geht es immer noch nicht gut und eine alte Schulfreundin hat mir vor Kurzem gesagt, dass sie heiraten wird. Wenn ich wieder dort bin, werde ich dann dieselben Typen wiedersehen, auf dem Highway, im Huddle House oder im Krankenhaus? In Anderson gibt es in der Innenstadt ein Café, das ich mag. Werden dieselben Teenager dort sein? Als sie diese Woche die Nachrichten gesehen haben, was ist ihnen da durch den Kopf gegangen? Ist es möglich, dass sie sich entfernt wiedererkannt haben?

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