Der Aufstieg der Hidschāb-Pornos

In der Sexfilm-Industrie wird das Kopftuch als Requisite immer beliebter. Wir haben uns die Hintergründe genauer angesehen.

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Mai 19 2015, 12:00pm

Mia Khalifa, Foto: Hot Gossip Italia | Flickr | CC BY 2.0

Letztes Jahr veröffentlichte das Porno-Unternehmen BangBros eine Szene, in der ein hellhäutiger „Motorradfahrer", seine „Freundin aus dem Nahen Osten" sowie ihre „Stiefmutter" zu sehen sind. Die beiden Frauen tragen dabei Kopftücher. Man muss an dieser Stelle eigentlich nicht extra erwähnen, dass die drei Protagonisten nicht einfach nur am Küchentisch sitzen und über die Vorzüge einer Einstaatenlösung diskutieren. Sie ficken.

Der Titel der Szene ist auch ziemlich aufschlussreich: Mia Khalifa Is Cumming for Dinner. Dabei handelt es sich um eine Anspielung auf Guess Who's Coming to Dinner, ein amerikanisches Comedy-Drama aus dem Jahr 1967, das sich mit dem Thema „Ehe zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe" beschäftigt und das Ganze—damals auf bahnbrechende Art und Weise—in einem positiven Licht erscheinen ließ. BangBros muss gewusst haben, dass ihre komplett andersartige, kulturübergreifende Szene nicht bei jedem Menschen auf Gegenliebe stoßen würde. Wahrscheinlich haben sie sogar genau damit gerechnet.

Das im Libanon geborene und inzwischen in den USA lebende Porno-Sternchen Khalifa muss selbst auch irgendwie eine Vorahnung gehabt haben, dass ihre Szene die Leute schockieren würde. Wollte sie etwa bewusst eine solche Kontroverse auslösen? Ich habe mehrfach versucht, mich mit Khalifa in Verbindung zu setzen, bekam allerdings nur immer wieder die Info, dass sie „von PornHub unter Verschluss gehalten wird." Das Unternehmen selbst wollte ebenfalls kein Statement abgeben.

Innerhalb weniger Monate wandelte sich Khalifa von einer relativ unbekannten Darstellerin zum Aushängeschild der US-Porno-Industrie und überholte dabei sogar die bis jetzt am besten bewertete PornHub-Darstellerin Lisa Ann (die sich allerdings vor Kurzem aus dem Berufsleben zurückgezogen hat). Im Zeitalter der Internet-Pornos und Tube-Seiten gibt es an sich kein größeres Lob. Und eigentlich hat Khalifa das alles nur der Reaktion auf ihre Kopftuchszene zu verdanken.

Wie vorherzusehen war, sorgte der Gebrauch des traditionellen muslimischen Kleidungsstücks—das wie eine aufrührerische Requisite daherkommt—für viel Aufregung. Bei Twitter bezeichneten diverse Trolle Khalifa als „schändlich". Andere drohten damit, ihr den Kopf abzuhacken. Ein Typ nahm sich sogar die Zeit, um Khalifa in einem orangenen Overall auf dem Boden kniend abzubilden—ein Bild, das wohl die Einleitung zu einer IS-Enthauptung darstellen soll.

Selbst ihre Familie schlug in die gleiche Kerbe. „Wir zahlen hier wohl den Preis dafür, nicht mehr in unserem Heimatland zu leben. Unsere Kinder mussten sich an eine Gesellschaft anpassen, die mit unserer Kultur, unseren Traditionen und unseren Werten nichts zu tun hat ... Wir hoffen, dass sie wieder zu Sinnen kommt, da ihr Ruf ihrer Familie und dem Libanon keine Ehre macht", wurde in einem Statement gesagt.

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Khalifa kam jedoch gut mit der ganzen Situation zurecht, was wohl auch an ihrem immer größer werdenden Fanlager gelegen hat (das amerikanische Musikerduo Timeflies nahm sogar einen Song über sie auf, der bei Soundcloud inzwischen schon über 1,4 Millionen Mal abgespielt wurde). Einen Hater, der ihr mit einer Enthauptung drohte, fertigte sie zum Beispiel so ab: „Nur zu, so lange meine Titten heil bleiben—die waren nämlich teuer." Einer anderen Person, die Khalifa davor warnte, „in die Hölle zu kommen", antwortete sie: „Ich wollte sowieso mal wieder etwas brauner werden."

In solchen Situationen scheint sie die ganze Sache zwar herunterzuspielen, aber in seriösen Interviews sagte Khalifa (die übrigens keine Muslimin ist), dass sie sich der kulturellen Anstößigkeit der Szene durchaus bewusst sei. Sie meinte gegenüber der Washington Post, dass Pornos mit Hidschābs „satirisch" gemeint wären und dass „Hollywood-Filme Muslime viel schlechter darstellen, als das irgendeine von BangBros produzierte Szene jemals tun könnte."

Schließlich ließ sie noch auf Twitter etwas Dampf ab. „ „Hat der Nahe Osten denn keine dringlicheren Sorgen als mich?", schrieb sie dort. „Wahlen zum Beispiel? Oder das Ende des IS-Terrors?"

Im diesem Kontext erscheint die ganze Wut doch eher wie verschwendete Zeit und Energie. Aber egal was man nun davon halten mag, Hidschāb-Pornos sind auf jeden Fall Khalifas junges Vermächtnis. Die Sexfilm-Regisseurin und -Autorin Jacky St. James, die im Januar von Salon als „die Frau, die das Porno-Geschäft eroberte" bezeichnet wurde, ist der Meinung, dass Khalifas Szene „alle nötigen Zutaten eines Publicity-Stunts" besitzt und „ganz offensichtlich die gewollte Kontroverse ausgelöst hat." Sie will jedoch nicht wirklich so weit gehen und behaupten, dass der Gebrauch von Hidschābs einen neuen Trend erschaffen wird.


„Das kommt darauf an, wie sich das Ganze verkauft", meint St. James. „Mit der ganzen Online-Piraterie, die der Industrie heutzutage zu schaffen macht, ist so viel des gedrehten Materials von den Verkaufszahlen abhängig."

Einige große Namen der Porno-Branche glauben jedoch anscheinend an den Erfolg, was vor allem durch die steigende Zahl an im Studio gedrehten Szenen belegt wird. Den Anfang machte BangBros, dann spielte die Texanerin Chloe Amour in einer Szene für Fantasy Massage eine Frau aus Dubai (die auf eine Masseurin besteht, aber dann natürlich einen Masseur zugeteilt bekommt—welch Zufall!) und letzten Monat veröffentlichte TeamSkeet den Porno Cream Filled Middle Eastern Beauty.

Meistens wird die Frau aus dem Nahen Osten dabei als das unschuldige, aber trotzdem gehorsame Sexobjekt dargestellt, das alles tun muss, was der Mann verlangt—was in einem Großteil der Fälle ein Blowjob ist. In diesen Szenen dient der Hidschāb oder das Kopftuch als ein Zeichen für „Frau aus dem Nahen Osten" und soll (zusammen mit den schüchternen Blicken und dem gespielten arabischen Akzent) den Zuschauern zeigen, dass es sich hier um eine sexuell unterdrückte „Araberin" handelt, die dazu bereit ist, sich ihrem Herren aus der westlichen Welt zu unterwerfen.

Aber kann der Hidschāb in einem solchen Kontext wirklich nur als Requisite angesehen werden, so wie zum Beispiel dick umrandete Brillen und ein Minirock oder ein Cheerleader-Outfit und Pom-Poms Requisiten für verruchte Sekretärinnen oder Schulmädchen sind? Machen es die fortwährenden politischen Spannungen und breitgefächerten Gespräche im Nahen Osten im Bezug auf Hidschābs, Religion und Frauenrechte nicht schwierig, eben genau diese Hidschābs außerhalb eines gewissen Kontexts zu betrachten?

Nutzer des Adult-DVD-Internetforums empfinden das scheinbar nicht so. „Für diese Art der Pornos wird es immer einen Markt geben—zumindest so lange Muslime dem Thema Sex gegenüber weiterhin so konservativ eingestellt sind", meint der User „Bellend".

Aber worauf basieren die klischeehaften Vorstellungen vom Nahen Osten als eine Art sexuelles Brachland überhaupt?

„Die angebliche Zügellosigkeit der westlichen Welt wird schon immer auf eine meiner Meinung nach komplett fadenscheinigen Art und Weise einem sexuell gehemmten Nahen Osten gegenüber gestellt", meinte John R. Bradley, der Autor des Buches Behind the Veil of Vice: The Business and Culture of Sex in the Middle East, im Jahr 2010 gegenüber Salon—kurz bevor er sich aufgrund gesundheitlicher Probleme aus der Öffentlichkeit zurückzog.

Er fuhr fort: „Behind the Veil of Vice war ein Versuch, die Stereotypen über die arabische Sexualität zu entkräften, die sich in der englischsprachigen Welt festgesetzt haben. Außerdem widerlegt es die Vorstellung, die von Leuten wie Martin Amis verbreitet wird, dass sich Terrorismus im Namen des Islam ganz simpel mit einem Hinweis auf den verklemmten und neidischen Araber erklären lässt, der nur Druck ablassen kann, indem er Flugzeuge in phallisch geformte Hochhäuser fliegt."

Des Weiteren beschäftigt sich Bradley in dem Buch mit der Annahme, dass der Porno-Konsum „für junge Araber genauso wie für junge Amerikaner nichts Besonderes mehr ist" und dass „jede Person, die im Nahen Osten wohnt und eine Satellitenschüssel besitzt, Zugang zu Hardcore-Porno-Kanälen hat"—auch wenn es sich dabei um illegale Sender handelt, die man nur mit Satelliten-Decodern empfängt. Statistiken belegen diese Annahmen. Laut einer aktuellen Google-Analyse sind sechs der acht Länder, in denen am meisten nach Pornos gesucht wird, muslimische Staaten (Pakistan, Ägypten, Iran, Marokko, Saudi-Arabien und die Türkei). Die beliebtesten Suchbegriffe des Jahres 2014 spiegeln dabei den Hidschāb-Trend wider: Genau dieser Suchbegriff landete in Marokko auf Platz Vier und in Algerien auf Platz Fünf.

Die Nachfrage nach Hidschāb-Pornos ist augenscheinlich sehr hoch. Wenn man das Wort in den Suchleisten diverser Tube-Seiten eintippt, dann erscheinen unzählige Vorschaubilder, in denen das Kopftuch zu sehen ist—einige Webcam-Aufnahmen, viele zu Hause gedrehte POV-Szenen und ab und an auch im Studio aufgenommene Billig-Filmchen. Pornos sind in den meisten Ländern des Nahen Ostens und in muslimischen Staaten jedoch verboten. Wo kommen also die ganzen Aufnahmen her?

„Männer und Frauen der arabischen Welt schauen nicht nur Pornos, sie filmen sich auch beim Liebesspiel oder beim Masturbieren und stellen die Clips dann ins Internet", schrieb Sagui Bizawe vor Kurzem in einem Artikel für die israelische Website Haaretz. „Die werden dann von anderen Arabern aus verschiedenen Ländern angeschaut, die Dirty Talk auch mal in ihrer eigenen Sprache hören wollen. Aber auch Porno-Konsumenten aus der ganzen Welt, die keine Lust mehr auf das abgestandene und monotone westliche Schönheitsideal haben, sind dem nicht abgeneigt."

„Die Porno-Industrie ist vielfältiger, als man glauben mag."

Selbstgedrehte Inhalte dieser Art, die dann auf Plattformen wie Vine oder Periscope hochgeladen werden, sind das Gegenbild zu den teuer im Studio produzierten Porno-Filmen. Es gibt keinen Markt, keine Profitspannen und keine Kosten, sondern nur den Inhalt, der von einer Person für die nächste gemacht und oft nur im Verborgenen und unfreiwillig geteilt wird. Damit wird die Sexualität einer Gesellschaft in seiner reinsten Form widergespiegelt. Dabei handelt es sich nicht um Unterwerfung, sondern um Repräsentierung.

„Egal wie man nun zum Hidschāb steht, es gibt trotzdem viele Frauen, die das Kopftuch tragen, und deshalb zeigt das Vorhandensein dieses Kleidungsstücks in Pornos nur eine weitere Facette der menschlichen Vielfalt", sagt Dr. Chauntelle Tibbals, eine Soziologin und die Autorin des bald erscheinenden Buches Exposure: A Sociologist Explores Sex, Society, and Adult Entertainment.

Können wir jedoch wirklich behaupten, dass der Auftritt von Hidschābs in Erwachsenenfilmen (selbst unter Berücksichtigung der selbstgedrehten Clips) die Sexualität der Frauen aus dem Nahen Osten in ein positives Licht rückt?

„Das würde ich bejahen, obwohl eine gewisse Kontroverse und verschiedene Reaktionen natürlich nicht zu vermeiden sind", meint Tibbals. „Als fertiges Produkt können Pornos natürlich nicht als eine wirkliche oder ‚reale' Darstellung von irgendetwas oder irgendjemanden angesehen werden. Es handelt sich um eine ausgedachte Produktion, so wie jede andere TV-Sendung oder Geschichte auch."

In Pornos sind jedoch echte Menschen präsent.

„Ja. Und wenn es sich bei diesen wirklich existierenden Menschen, die selber Inhalte produzieren, auch noch um Frauen aus dem Nahen Osten handelt, dann muss diese Repräsentierung auch irgendeine Dimension der Sexualität zeigen", fährt sie fort. „Dabei kann es sich auch nur um die Tatsache handeln, dass Menschen aus Gegenden, die man im Allgemeinen nicht wirklich als Porno-Zentren auf dem Radar hat, gerne erotische Filme und Clips drehen."

Man kann wohl sagen, dass ein Großteil der westlichen Welt nur eine sehr grobe Vorstellung von der Sexualität des Nahen Ostens hat. Ein anderer User des Adult-DVD-Internetforums schreibt zum Beispiel: „Ich glaube, man versteht vielleicht nicht so ganz, warum Mia Khalifa überhaupt einen Hidschāb trägt. Das ist nicht bloß ein politisches Statement. So etwas ist für viele Männer aus streng muslimischen Ländern ein richtiger Turn-On. Ich habe ein paar Jahre lang in einem solchen Land gelebt. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass eine Frau, die mit einem Hidschāb alles außer ihre Augen verdeckt, sehr sexy und attraktiv daherkommt. Das ist eine kulturelle Sache, die die Leute aus der westlichen Welt womöglich einfach nicht verstehen."

Die BangBros-Produzenten haben Mia Khalifa Is Cumming for Dinner vielleicht mit dem Hintergedanken gedreht, die stereotypen Vorstellungen der westlichen Welt von arabischen Frauen zu erfüllen. Durch ihren souveränen Auftritt hat Khalifa—eine Frau mit Wurzeln im Nahen Osten, die sich gerade an die Spitze des westlichen Porno-Mainstreams katapultiert—jedoch eine Diskussion gestartet, bei der es um die Umkehrung genau dieser Vorstellungen geht: die augenscheinliche und bereits stattfindende sexuelle Befreiung besagter Frauen.

„Die Porno-Industrie ist vielfältiger, als man glauben mag", meint St. James. „Es gibt verschiedene Nischen, in denen eine breitgefächerte Auswahl an Vorlieben abgedeckt wird: Körpermaße, Brust- und Po-Größe, Herkunft, Tätowierungen oder alte und junge Frauen." Pornos beinhalten nicht mehr ausschließlich die typische Blondine mit riesigen Brüsten, die die ausgefallensten Stellungen durchprobiert. St. James drückt diesen Umstand folgendermaßen aus: „Dieses Modell ist für die Sexfilm-Industrie nicht mehr zutreffend."

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