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Sex

Der Mann, der von einer Frau vergewaltigt wurde

Charles war ein charmanter und entspannter Kerl. Er war clever, hatte aber einen echt komischen Humor, weshalb ich nicht wusste, ob er scherzte, als er mir erzählte, dass er von einer Frau vergewaltigt worden war.

von Kid T.
01 Oktober 2013, 10:25am

Bild via Flickr

Ich bin dafür bekannt, Dinge auf den letzten Drücker zu erledigen, und im College habe ich diese Strategie viereinhalb benebelte Jahre lang durchgezogen. Bis zu meinem letzten Semester habe mich nie so richtig angestrengt, doch am Ende legte ich meine Scheißegal-Haltung ab und ackerte mich durch meine Abschlusskurse. (Ich bin immer noch ziemlich stolz, dass ich diese Kurse geschafft habe, denn sie waren verdammt schwer. Ich hatte Marketing bis zu diesen letzten Credits immer für ziemlich einfach gehalten.)

Am ersten Tag meines letzten Marketing-Seminars wurde ich in eine Fünfergruppe gesteckt, die nach drei Wochen auf zwei Typen schrumpfte: mich selbst und einen großen Typ, den ich Charles nenne. Charles war ein charmanter und entspannter Typ. Dass wir zusammen in diesem Höllenkurs saßen, beschleunigte unsere Freundschaft. Er war clever, hatte aber einen echt komischen Humor, weshalb ich nicht wusste, ob er scherzte, als er mir erzählte, dass er von einer Frau vergewaltigt worden war.

An diesem Tag waren wir beide zu früh. Wir saßen nebeneinander an unseren Tischen und unterhielten uns über eine Studentenverbindung, die vor Kurzem aufgeflogen war, da Mitglieder Mädels K.o.-Tropfen verabreicht hatten. Als wir uns gerade darüber einigten, dass Burschenschaften einfach nur krank sind, sagte Charles: „Ja, Mann, mir wurden auch schonmal K.o.-Tropfen ins Getränk getan, und dann wurde ich von ’ner Frau vergewaltigt.“

Ich reagierte mit einem unsicheren Lachen, für das ich mich schämte, sobald ich merkte, dass das kein Witz war. Charles fehlte der ernste Gesichtsausdruck, den man bei einer solchen Enthüllung erwarten würde. Stattdessen sprach er mit einer Nonchalance, aus der man das Trauma noch ablesen konnte.

Aber die Tatsache, dass er mir die Sache im Seminarraum erzählte, ließ die Aussage trotz ihrer Tragweite irgendwie trivial erscheinen. Bevor ich unangenehme Fragen stellen konnte, platzte der Dozent in den Raum herein und eine weitere intensive Kurssitzung begann. Es gab ein Referat, und ich machte mir Notizen, doch trotzdem konnte ich 90 Minuten lang an nichts anderes denken als an Charles‘ Trauma. Erst als wir gemeinsam aus dem Kurs gingen, erzählte er mir die furchtbare Geschichte genauer.

Eine Freundin von Charles hatte ihn eines Nachts auf eine Party geschleppt und ihn darum gebeten, auf sie aufzupassen, weil einer der Gastgeber versucht hatte, sich an sie ranzumachen. Obwohl sich Charles dem nicht gewachsen fühlte, versprach er es ihr. Er beschloss, nichts zu trinken, aber als ihm ein Freund den ersten Drink hinhielt, sagte er: „Scheiß drauf, nur einen.“ Es stellte sich heraus, dass der ekelhafte Typ, vor dem seine Freundin sich fürchtete, K.o.-Tropfen in das Glas getan hatte, das in Charles’ Händen landete.

Nach der Hälfte des Drinks wurde Charles schwindelig und kurz darauf schwarz vor Augen. Von anderen Gäste erfuhr Charles, dass ein Mädchen, das von allen „der Kerl“ genannt wurde, auf ihn aufmerksam wurde, als klar wurde, wie fertig er war. Charles zufolge wurde sie wegen ihrer männlichen Gesichtszüge „Kerl“ genannt; sie wurde als das abstoßendste Mädchen weit und breit verspottet.

Augenzeugen zufolge verliebte sich „der Kerl“ in Charles, und als Charles das Bewusstsein verlor, begann sie, ihn zu liebkosen. Sie führte ihn schließlich auf ihr Zimmer, zog beide aus und hatte—ohne sein Wissen oder seine Zustimmung—Sex mit ihm. Charles sagt, dass er sich nicht sicher sei, ob es zur Penetration kam—oder ob er in seinem Zustand überhaupt einen hochkriegen konnte—, doch „der Kerl“ beharrte darauf, dass sie Sex gehabt hatten, und wollte mit ihm frühstücken. Charles rastete aus.

Er schrie, dass er betäubt worden war, und rannte zum nächsten Krankenhaus, um sich auf Geschlechtskrankheiten untersuchen zu lassen. Er sagte, das Schlimmste bei dem ganzen Fiasko war, dass man ihm in der Klinik seine Harnröhre von innen schrubbte—eine Behandlung, die er nichtmal seinem schlimmsten Feind wünschen würde. Bevor unsere Wege sich trennten, bat mich Charles: „Bitte erzähl niemandem davon.“

Als ich mich nach Hause schleppte, explodierte mein Hirn vor Fragen: Wusste Charles‘ Freundin, dass man ihm das Zug gegeben hatte? Wusste „der Kerl“, dass Charles auf Drogen war? Kam es zur Penetration? Kann ein Typ überhaupt Sex haben, wenn man ihm K.o.-Tropfen gegeben hat? Als ich endlich zu Haus ankam, merkten meine Mitbewohner mir die Verwirrung sofort an. Als ich im Flur stand, brachen sie ihre Gespräche ab und starrten mich an. Charles‘ Geschichte hatte alle anderen Gedanken aus meinem Kopf vertrieben. Hilflos brach ich mein Versprechen. „Alter, ihr werdet es nicht glauben ...“

Ohne Charles‘ Namen zu erwähnen, erzählte ich ihnen die ganze Sache. Ihre Reaktionen reichten vom puren Schock bis hin zum unbehaglichen Lachen, das auch ich ausgestoßen hatte. Während ich die Geschichte vor ihnen ausbreitete, rauchten wir einen großen Blunt und diskutierten jedes einzelne Detail ausführlich aus. Keiner von uns konnte es fassen. Letzten Endes streiften unsere Gedanken ab und die Tatsache, dass Charles von einer Frau vergewaltigt worden war, geriet wieder in Vergessenheit. Erst beim Abschlussprojekt unseres Kurses kamen wir unerwartet wieder darauf zurück.

Für unser Abschlussprojekt hatten Charles und ich eine simulierte Werbung für Sneakers geplant. Mein Hauslag in der Nähe des Campus und alle meine Mitbewohner trugen schwarze Sneaker, also versammelten wir uns dort, um die Werbung aufzunehmen. Charles verstand sich gut mit meinen Freunden. Die letzte Prüfung bestand er, als er sagte, dass er gerne kifft. Wir legten eine Pause ein, drehten einen großen Blunt und setzten uns ins Wohnzimmer.

Als wir stoned waren, hingen wir noch eine Weile ab. Dabei kamen die Themen Verbindung und K.o.-Tropfen wieder auf, weil es gerade einen neuen Vorfall gegeben hatte. In der Diskussion sagte mein Kumpel Paulito: „Ja, Mann, niemand ist davor sicher. The Kid kennt einen Typen, dem K.o.-Tropfen gegeben wurden und der dann von einer Frau vergewaltigt wurde.“

Ich merkte, wie ich rot wurde, als Charles sich mit offenem Mund zu mir drehte. Allerdings fiel es niemandem auf, bis Charles rief: „Du hast es allen deinen Freunden erzählt?!“ In dem Moment wurde mir klar: Selbst wenn ich es vergeigt hatte, war es Charles, der bestätigte, dass es sich dabei um seine Geschichte handelte—denn genau das tat er in dem Moment. Unter meinen Mitbewohnern breitete sich eine tödliche Stille aus.

Alle Blicke richteten sich auf Charles, und er starrte uns an, noch immer mit weit geöffnetem Mund. Ich weiß nicht mehr, wer es war, aber irgendjemand begann zu kichern. Dann noch jemand. Das Lachen wurde ansteckend. Als es immer lauter wurde, entspannten sich auch Charles’ Gesichtszüge und sein weit geöffneter Mund begann zu lachen. Umgeben von Bluntrauch lachten wir hysterisch über die albtraumhaft peinliche Situation. Weil wir nicht wussten, was wir sonst tun oder wie wir anders reagieren sollten, lachten wir Charles entsetzliche Marter einfach weg—wie irgendeine beschissene Sache, die einem halt manchmal passiert.

Wenn ich an die Situation zurückdenke, schäme ich mich. Als junge Männer waren wir so unreif, dass die einzige Reaktion, die wir in der Situation hervorbringen konnten, dieselbe war wie bei einem besonders lauten Furz. In einem Raum voller Mädchen wäre die Unangemessenheit viel offensichtlicher gewesen, doch als Typen hatten wir keinen Maßstab für die Situation. Ich habe nie wieder von einem Mann gehört, der auf Drogen von einer Frau vergewaltigt wurde. Aber wahrscheinlich ist es noch mehr Typen passiert und sicherlich ist es nichts, worüber man lachen sollte.

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