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Fotos

Deutsche Legenden der Fotografie—Harald Hauswald und die Hooligans von Erich Mielke

Harald Hauswald ist einer der Gründer von Ostkreuz und gehört zu den ästhetisch einflussreichsten Fotografen der BRD und der DDR. Wir haben mit ihm über die staatlich geförderten Hooligans der DDR gesprochen.

von Stefan Lauer
18 Juli 2014, 9:05am

Harald Hauswald ist einer der Mitgründer von Ostkreuz, eine der wichtigsten und renommiertesten deutschen Fotografen-Agentur. Sein Fotos sind in den 80ern in westdeutschen Magazinen erscheinen, während er in der DDR gelebt hat. Heute wie damals wohnt er inmitten seines gigantischen Archivs von gut 10.000 Filmen in Prenzlauer Berg. Harald hat unser Bild der DDR mitgeprägt, und trotzdem hat er immer noch Storys am Start, die den Arbeiter- und Bauernstaat plötzlich in einem viel bizarreren Licht als vorher dastehen lassen. Wir haben Harald getroffen und mit ihm über staatliche geförderte Hooligans, geschmuggelte West-Filme und seine Stasi-Akte gesprochen.

Poträt von Grey Hutton

VICE: Ostkreuz ist ja damals in Paris gegründet worden, oder?
Harald Hauswald: Im Februar 1990 sind 200 DDR Künstler vom französischen Kulturminister, Jack Lang, nach Paris eingeladen worden, da waren Bands dabei , Performancekünstler und Maler. In dieser riesigen Kunsthalle gab es ein Café. Es saßen vier oder fünf Fotografen zusammen und meinten dann, dass es eine Agentur geben müsste. Und da kamen zehn Namen ins Gespräch, drei wollten nicht und die anderen sieben haben dann den Laden gegründet, im April 1990. Das Schwierigste dabei war die Namensfindung. Ostkreuz fanden wir dann ziemlich genial, weil Osten, Berlin, Kreuzen, Begegnen, Treffpunkt, da steckt so viel drin. 

Du hast ja auch schon als Fotograf, der in der DDR gelebt hat, Bilder im Westen gezeigt. Wie hat das funktioniert?
Berlin war ein Sonderfall. Hier waren ca. 15 westliche Journalisten akkreditiert, die entweder eine Arbeitswohnung hatten oder richtig hier gelebt haben. Ich kannte auch einige von ihnen, vorwiegend zwei, Peter Pragal vom Stern. Der hatte sein Büro in der Leipziger Straße im Osten und hat im Westen gewohnt. Und Hans-Jürgen Röder, vom evangelischen Pressedienst, der hat direkt hier in Ostberlin gewohnt. Die beiden hatten eine Grenzempfehlung, so eine Art vordiplomatischen Status und konnten Arbeitsmaterial unkontrolliert rüber bringen. Wir wussten natürlich, dass ihre Büros abgehört werden. Ich hab dann immer meinen Brief fertig gemacht, nur mit Handschrift, also keinen Absender, und erst beim Verlassen der Wohnung hab ich ihn rausgeholt und wenn sie genickt haben, dann hieß es, sie fahren heute noch nach West-Berlin und können die Bilder mitnehmen.

Hast du die Fotos unter deinem eigenen Namen veröffentlicht?
Am Anfang nicht. Also jahrelang nicht. Ich habe 1986 für GEO zwei Reportagen gemacht, ein Berlin Special. 1987 war die 750-Jahrfeier, und dafür hab ich für GEO die Szene in Ostberlin fotografiert und die Stadt, und das habe ich unter meinem Namen gemacht. Daraufhin haben sie mich dann aus dem Berliner Verlag rausgeschmissen, das war die einzige Stelle, wo man West-Filme entwickeln lassen konnte, weil es ein anderer Entwicklungsprozess ist. Ich hatte eine Benutzerkarte für das Labor. GEO hat mir damals 100 Kodakfilme rübergeschickt.

Das war nicht ganz legal, oder?
Nein, es war sogar verboten. Die haben wegen vier Paragraphen gegen mich ermitteln. Weitergabe nicht-geheimer Nachrichten, nicht-geheime Nachrichten waren alle, die nichts mit Militär zu tun hatten, Agententätigkeit, staatsfeindliche Hetze und Devisenvergehen. Unter Umständen zwei bis zwölf Jahre.

Und wie ist das ausgegangen?
Waren mehrere Hausdurchsuchungen, ungefähr fünf Kilo Stasi-Akten, aber in den Knast bin ich nicht gekommen. Weil die West-Journalisten hier waren und das war der Schutz. Die DDR war sehr um internationale Anerkennung bemüht. Und wenn irgendwo in Frankreich oder in Italien in der Zeitung gestanden hätte „Fotograf geht in den Knast, weil er Bilder im Nachbarland veröffentlicht hat", hätte das niemand verstanden. Das war mein Glück. Ich habe das damals geahnt, aber nicht gewusst. In der Akte stand alles drin. Da war ein Haftbefehl drin und der oberste Chef von der Stasiabteilung hat dann mit Bleistift drunter geschrieben, „Aus politischen Gründen im Moment nicht ratsam".

Wie hat sich die mangelnde Freiheit in der DDR für dich angefühlt?
Als Jugendlicher zu wissen, dass du nie ein Led Zeppelin Konzert oder New York siehst, das ist schon bedrückend. Das Fotografieren war dann die Befreiung für mich. Ich wollte ja auch provozieren. Und gerade hier in Berlin hast du am deutlichsten den Widerspruch gemerkt zwischen dem Anspruch der gestellt wurde und der Wirklichkeit. Also Honecker weiht die hunderttausendste Wohnung in Marzahn ein und hier rieselt der Putz auf den Bürgersteig.

Wie fühlst du dich im wiedervereinigten Deutschland?
Jetzt regiert das Geld, da muss man misstrauisch sein. Alles andere, da gibt es auch noch die Seilschaften, und neue Seilschaften. Ansonsten fühle ich mich eigentlich wohl. Ich hab meine Freiheit, ich kann denken, machen was ich will, mache nichts anders als früher; mir geht aber keiner auf den Keks, außer die Steuer. Was früher die Stasi war, ist heute die Steuer.

Du machst viel mit Hooligans, obwohl dich Fußball nie so richtig interessiert hat, oder?
Ich hatte mit Fußball gar nichts am Hut. 1988 ist Monika Zimmermann für die FAZ frisch in die DDR gekommen. Und die hat mich gefragt, ob ich für sie ab und zu fotografiere, weil sie sonst aus Frankfurt immer einen Fotografen einfliegen lassen müsste.  Und das erste Date war ein Derby, Union, BFC und sie hatte Karten gekauft. Wir standen aber in so einem bescheuerten Block, wo absolut nichts los war und dann liefen ein paar Leute mit einer Filmkamera da rum. Da hab ich zu den Bullen, die die Absperrung da gemacht haben,  gesagt, „ich gehöre zu dem Fernsehteam da" und dann haben sie mich durchgelassen. Ich kannte die über ein paar Ecken und das war so ein Dokumentarfilm über die Fans von Union. Und bei den Dreharbeiten haben wir dann ein paar von den Hools kennen gelernt.

Eigentlich schwer vorstellbar, dass es in DDR Hooligans gab.
Was denkst du, was in den 70ern los war!? Große Massenrangelei, auf jeder Seite fast 1000 Leute. Wenn BFC in Leipzig war, da standen auf jeder Seite 600, 700, 800 Leute und da ging es aber ab. Das gab es ja nur offiziell nicht, das wurde ja nirgendwo benannt. Ich hab dann den Filmvertrag gekriegt für den Film und hab die Stuntfotos gemacht. Zu Premiere sind dann ein Paar von den Hools gekommen und die hab ich gefragt, ob ich mit ihnen mitfahren kann. Und so fing alles an. Dann hab ich die fünf Jahre begleitet und es ist ein Buch geworden und jetzt fahre ich immer mal wieder mal mit.

Wie sind die Leute so drauf?
Einer von den Unionern war damals Medizinstudent. Da ist querbeet alles dabei. Es gibt Dumpfbacken da und dort. Es gibt aber auch richtig intelligente Leute. Du kannst sie nur beim Spiel unterscheiden, durch Turnschuhe und dass sie nichts vom Verein bei sich tragen. Keinen Wappen, oder Schal, oder Aufkleber, oder Annäher, oder irgendwas, damit sie nicht identifiziert werden können.

Es gibt diese Rivalität zwischen Union und dem BFC Dynamo, die ja auch noch aus DDR-Zeiten herrührt.
Genau. Union war der Arbeiterverein und BFC war Stasi.

Warum wollten dann die Hooligans zum BFC?
Der BFC hat zu den besten Zeiten um die 1000 Hooligans. Viele sind zum BFC gegangen, weil Berlin im Rest der Republik verhasst war, weil es eben bevorzugt behandelt wurde in punkto Versorgung, und dann war der BFC auch noch der Stasiverein. Der Zoff war also im Rest der Republik gewährleistet.

Und die Stasi wusste das?
Mielke war stolz auf seine Hooligans, weil die sind ja alle arbeiten gegangen. Das waren keine Asozialen, das waren ordentliche Deutsche. Wenn der Verein irgendwo in Karl-Marx-Stadt gespielt hat und die Bullen dann ein paar Leute direkt rausgezogen haben, dann kam die Stasi und hat gesagt, erstmal lasst ihr unsere Jungs jetzt wieder frei. Ist oft passiert. Die haben sich dann mit der Transportpolizei schon geduzt, haben dann die eine oder andere Flasche Korn zusammen getrunken.

Hast du eine Art theoretischen Überbau zu dem, was du machst?
Wenn ich Workshops oder Seminare mache, sage ich den Kindern immer: „Ihr müsst euch vorstellen, wenn ihr früh aufwacht, fängt ein Film an zu laufen, der geht den ganzen Tag. Wenn ihr ein Foto macht, dann haltet ihr den Film jeden Moment an. Aber ihr habt gesehen, was davor und was danach ist, also versucht, ein bisschen was davon reinzupacken. Dann hat ein Außenstehender die Chance das Bild zu verstehen, oder seinen eigenen Film in Bewegung zu setzen. Darum geht es. Wenn ihr das schafft, habt ihr ein gutes Bild. Wenn ihr es schafft, dass bei anderen ein Film ankommt. Dann funktioniert es."

Ostkreuz hat gerade einen neuen Fine Arts Store eröffnet, in dem ihr die beeindruckendsten Aufnahmen der Ostkreuzfotografen in limitierter Auflage erwerben könnt. 

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Ostkreuz.