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Sowjetische Prohibition und der Geschmack von Parfum

Jahrzehntelang waren die Russen davon überzeugt, durch ihre Trunkenheit einen Sieg des Geistes über die Moskauer Diktatoren zu feiern. Dafür müssen sie jetzt teuer bezahlen.
10.12.14

Foto: ​Leo Smith | ​Flickr | ​CC BY 2.0

„Das Trinken", sagte der Prinz, „ist für Rus ein Vergnügen. Ohne können wir nicht leben." — ​Nestorchronik

Als Teenager trank ich beim Schuleschwänzen einmal einen Schluck Parfum. Das war irgend so ein billiges Zeug namens Triumph und ich musste daraufhin ziemlich viel kotzen. Ich bin jedoch mit den Erzählungen von unkonventionellen russischen Immigranten, Autoren und Künstlern aufgewachsen, die damit angaben, die von den unterdrückenden Kommunisten aufgestellten Hindernisse auf dem Weg zur Trunkenheit gekonnt zu umgehen. Damit stellten sie ihren Diebstahl von Labor-Ethanol und das Trinken von Parfum auf eine Stufe mit der prinzipientreuen Opposition von Regimekritikern. Ihr Sieg des Geistes bestand darin, sich gegen den Willen der Moskauer Diktatoren zu betrinken. Ich bin vielleicht kein Russe, aber das war nunmal auch ein Teil meiner Geschichte.

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Meine Freunde bezweifelten, dass selbst ein russischer Magen Triumph vertragen würde—meiner war dazu jedenfalls nicht in der Lage. Trotz meines Trainings mit billigem Starkbier bestand meine Ernährung immer noch aus dem guten amerikanischen Essen und ich ließ mir das Parfum ein zweites Mal durch den Kopf gehen. Inzwischen habe ich noch mehr Erfahrung mit andersartigem Stoff gesammelt: Zwei Jahre lang war ich ein intravenöser Drogenjunkie und habe sogar mal meine Drogen mit Capri-Sonne aufgekocht, weil mir kein Wasser zur Verfügung stand. Trotz meiner schrecklichen Angst vor einer Kohlenstoffvergiftung passierte nichts—ich hatte bloß einen eigenartigen Zitronengeschmack auf der Zunge.

Verbote haben schon komische Folgen.

Damals, als Lettland noch zur Sowjetunion gehörte, begannen die Partynächte für meinen Onkel und seine Freunde mit einem Trip zum Bahnhof und einer Handvoll Kopeken. In besagtem Bahnhof gab es einen Automaten, der dich für wenig Geld mit Parfum einsprühte—manche Leute hielten ihren Mund direkt an die Düse und fütterten den Automaten dann mit so vielen Münzen wie nur möglich. Es gab auch immer eine Warteschlange. Ältere Passanten schmunzelten zwar, aber geschockt war davon niemand. Das Ganze war nicht illegal und Bier konnte man eben nirgendwo kaufen.

Nachdem ihnen ein eigenes Land zuteil wurde, schrieben die Revolutionäre, die sich einst die europäische  ​Demimonde mit Zuhältern und Schmugglern geteilt hatten, ihre Geschichte neu. Stalin hatte vielleicht mal ​eine Bank ausgeraubt, aber diese aufregenden Zeiten waren vorbei. Der perfekte Kommunist wurde als trockener Arbeiter dargestellt, der seine Freizeit zur Selbstverbesserung nutzt. Auf den Plakaten von damals wird Abstinenz genau so wie körperliche Ertüchtigung und Bildung als Tugend deklariert. Die Ähnlichkeit zum nationalsozialistischen Idealbild der Arier ist verblüffend. Egal, ob nun in China, Nordkorea oder George Orwells 1984, totalitäre Sittlichkeiten sind immer von einer gewissen Mäßigung geprägt. Kein Sex, kein Alkohol, viel Ehrgeiz und treue Hingabe—diese von blutrünstigen Regimes aufgestellten Vorstellungen vom perfekten „neuen Volk" fanden bei den Russen nie großen Anklang. Stalin war sich dessen aber auch irgendwie bewusst: Während des Zweiten Weltkriegs wurde jedem russischen Soldaten kurz vor einem Angriff noch schnell ​ein Glas Wodka verabreicht (Berichten zufolge bevorzugte der rote Monarch jedoch eher ​georgischen Wein).

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In den vier Jahrzehnten der kommunistischen Herrschaft nach Stalins Niedergang kamen zwar immer mal wieder Anti-Alkohol-Kampagnen auf, aber wegen der schlechten Durchführung waren sie nie erfolgreich. Der Alkoholmangel hatte jedoch den gleichen Effekt wie damals die Prohibition in den, die Folgen waren unter Umständen sogar noch schlimmer. Wir nehmen an, dass die Mafia dem Alkoholverbot in den USA entsprang. In Russland ging die Suche nach Alkohol jedoch Hand in Hand mit dem Kampf gegen den Staat und betraf einen größeren Teil der Bevölkerung. Wenn scheinbar normale Menschen damit anfangen, den Alkohol aus Industrieklebern zu extrahieren, dann kann man mit Sicherheit sagen, dass die Kriminalität im Mainstream angekommen ist.

Die gebildeten Bevölkerungsschichten ließen sich viele Tischgepflogenheiten einfallen, um den Alkoholmissbrauch zu beschönigen. Man kann einen Kurzen mit Respekt oder mit Verachtung einschenken und gewisse Speisen passen einfach perfekt zu gewissen Getränken. Das Ganze wurde dann als „kulturelles" Trinken bezeichnet, aber eigentlich wurde es erst richtig interessant, wenn kein Alkohol verfügbar war.

Eine Schar an fähigen und gebildeten Alkoholikern nahm sich der Sache an. Mit Raffinesse und ohne Rücksicht auf die Magenschleimhaut fanden die Ingenieure und Chemiker der UdSSR Wege, um an Alkohol zu kommen. In einem Anfall von Nostalgie für sowjetische Zahnpasta bestätigte mir mein Onkel, dass das Zeug zwar Ethanol enthielt, man aber keine ganze Tube verdrücken konnte, ohne zu kotzen. Deshalb hat man die Zahncreme auf ein Brot geschmiert, die dann getrocknete Kruste entfernt und anschließend die alkoholgetränkte Scheibe gegessen.

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Auf den Dörfern waren in jeder Hütte mehrere Gärtopfe voller billigem Fusel vorhanden. Man brauchte nur Zucker, Hefe, Wasser und ein Fass, um ein widerwärtiges Getränk zuzubereiten, das die Bauern tranken. Vielen wurde dieses Verfahren in den Arbeitslagern beigebracht. Während in ​Gefängnissen immerhin noch Frü​chte verwendet wurde, nutzten die Russen Tierfutter als Gärmittel. Und selbst wenn es doch mal Bier gab, wurde dessen Alkoholgehalt in den ländlichen Gegenden trotzdem nochmals nach oben geschraubt. Leg noch ein paar zusätzliche Kopeken auf den Tisch und es wird noch etwas Insektenspray in dein Glas gekippt. Selbst im Jahr 1999 wurde mir das noch angeboten, ich habe jedoch (als einziger) dankend abgelehnt. Durch die russische Kälte gab es aber auch noch andere Möglichkeiten. Der Konsum von Industrie-Chemikalien wie Lösungsmittel war tödlich. Wenn man sie jedoch auf abgekühltes Stahl kippte, dann froren alle Inhaltsstoffe mit Ausnahme des Ethanols zu einer Kugel zusammen—so kam der glückliche Trinker zu purem Alkohol. Sogar Maschinen wurden genutzt: Bestimmte Klebstoffe enthielten neben giftigen Bindemitteln auch Alkohol. Wenn man jetzt einen Bohrer in die Dose einführte und ihn eine Weile laufen ließ, dann trennte man damit diesen Alkohol von der klebrigen Masse, die am Bohreinsatz hängen blieb.

Russland wurde einst von Adeligen regiert, die in großen Anwesen wohnten. Nach der Revolution wurden alle diese Anwesen zu Museen und überall fand man ein Zimmer voller Kuriositäten. Dank dem Trend des 19. Jahrhunderts, eine Sammlung von Antiquitäten, Reliquien und in Alkohol eingelegten Raritäten wie zweiköpfigen Schlangen und deformierten Föten sein Eigen zu nennen, findet man solche Dinge in jedem noch so kleinen Museum Europas. In Russland sind die Behälter jedoch leer, weil der konservierende Alkohol lieber für die „Hausmeister-Partys" der 70er Jahre hergenommen wurde.

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Alkoholhaltige Pralinen wurden schachtelweise gekauft und hastig verzehrt. Erfolgreiche Ärzte und Männer, die durch ihre wissenschaftlichen Entdeckungen internationale Berühmtheit erlangt haben, tranken mit Freude den Alkohol, der eigentlich für die Sterilisierung von Laborwerkzeugen gedacht war. So mancher Atomphysiker und Hydro-Ingenieur, der für die Erbauung von Dämmen oder Raketensilos verantwortlich war, wanderte aus, um in den 90er Jahren den Ruhestand in Amerika zu genießen. So kam ich dazu, die ganzen nostalgischen Geschichten über den Konsum von reinem Ethanol zu hören. Natürlich gab es auch dafür eine bestimmte Vorgehensweise: Nachdem man etwas Feuerwasser geschluckt hatte, durfte man nicht einatmen, ohne vorher etwas Wasser getrunken zu haben. Der Alkohol trocknet sofort deinen Hals aus und ohne eine erneute Befeuchtung brennt das Atmen wie Feuer.

Der letzte offizielle Versuch, eine Prohibition durchzusetzen, fand unter Michail Gorbatschow kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion statt. Zwar ließ er Wodka nicht komplett verbieten, aber durch  ​eingeschränkte Verkaufszeiten und Lieferungen war das Getränk nur noch schwer zu bekommen. Infolge dessen schossen illegale Schnapsbrennereien selbst in Moskauer Wohnblocks wie Pilze aus dem Boden. Oft wurden Gummihandschuhe dazu benutzt, die Dämpfe aus den Wohnungen zu befördern. Die in den Fenstern aufblitzenden weißen Hände wurden auf den Spitznamen „Gorbatschows Winken" getauft. Dann kam Boris Jelzin an die Macht—er war selber Alkoholiker und ein solch spießiges Durchgreifen war ihm fremd.

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In der Sowjetunion war Alkohol wegen des Mangels an Alternativen die Droge  ​Nummer Eins. Das verbreitete pharmazeutische Betäubungsmittel war ​Pantopon, ein altes Derivat aus Opium, das außerhalb der Dritten Welt kaum Verwendung findet. Jedoch waren auch nur medizinische Mitarbeiter in der Lage, darauf zurückzugreifen. In einigen der ehemaligen ​Khanate und Tataren-Gebiete des wenig bevölkerten Ostens wurde zwar schon seit langer Zeit Mohn angebaut und Cannabis war in den drei an den Kaukasus angrenzenden Republiken wohlbekannt, aber im Allgemeinen spielten Drogen in der Sowjetunion keine große Rolle. Heroin wurde zum Beispiel erst in den 80er Jahren mit der Rückkehr der Truppen aus Afghanistan eingeführt.

In der Zeit, als sowohl der Eiserne Vorhang als auch der Wert des Rubels fielen, herrschte in Russland ein gewisses Chaos. Mit den Immigranten kamen auch Gerüchte auf, dass man durch eine Injektion von Krähenblut high wird. Dank Putin sind die Züge jetzt endlich pünktlich, aber findige Russen haben selbst auch ein paar neue Dinge eingeführt. Eine relativ neuartige Droge namens „ ​Krok​odil" (der Name kommt davon, dass durch sie die Haut an der Einstichstelle verfault und abblättert) wird aus Kodein hergestellt und reduziert die Lebenserwartung der Konsumenten um etliche Jahre. Das Ganze ist aber halt schön billig. ​Auch Sp​ice ist auf dem Vormarsch.

Jeder, der schon mal mit einer Sucht zu kämpfen hatte, weiß genau, was die sowjetische Bevölkerung alles auf sich genommen hat, um an Schnaps zu kommen. Die Gebildeten machten das Trinken zu etwas Gehobenem, indem sie es mit sinnlosen Gesprächen und kleinen Snacks aufwerteten. Auch war es für sie ein Mittel, nicht komplett in Hoffnungslosigkeit zu verfallen. In der Sowjetunion war das Trinken kein Spaß, es war eher eine Art Flucht. Eine ähnliche Denkweise ist bei den Menschen zu finden, die ihren Schmerz mit anderen Drogen betäuben wollen. Im Westen war das angebrachte gegenkulturelle Verhalten Kiffen. Da für die meisten sowjetischen Jugendlichen diese Möglichkeit jedoch nicht gegeben war, blieb ihnen nur noch der Alkohol, den sie dementsprechend vergötterten. In Russlands rebellierender Kunst—die Lieder, die Gedichte und die Geschichten aus den 60er und 70er Jahren, die viele auswendig können—wird Trunkenheit neben der Verhöhnung der Kommunistischen Partei als heilig angesehen.

In Amerika sollen verzweifelte Junkies durch den organisierten Austausch von Nadeln vor Infektionen geschützt werden. In Russland hingegen weiß der am meisten gefährdete Teil der Bevölkerung gar nichts von den Risiken.

Wegen des Zusammenkommens einer richtigen Bewegung gegen einen abscheulichen Staat mit der kulturellen Akzeptanz von Rauschzuständen waren die Russen sehr suchtanfällig, als stärkere Drogen als Alkohol aufkamen. Vor zehn Jahren wurde ich Zeuge, als sich eine Gruppe junger Heroinsüchtiger eine Stahlnadel teilte, die wohl noch aus Sowjet-Zeiten stammte. Da wollte ich nicht mitmachen. Bevor ich meine Gründe dafür erklären konnte, sagte ihr Anführer zu mir: „Keine Angst, wir benutzen sie doch alle." Die harten Lektionen, die die westliche Welt durch die Verbreitung von HIV gelernt hatte, sind komplett an ihm vorbeigegangen. In anderen Ländern sollen verzweifelte Junkies durch den organisierten Austausch von Nadeln vor Infektionen geschützt werden. In Russland hingegen weiß der am meisten gefährdete Teil der Bevölkerung  ​gar nichts von den Risiken.

Da ich mit den Geschichten vom Kampf gegen den sowjetischen Drachen und vom Trinken von Konservierungsflüssigkeit groß geworden bin, habe ich während meiner gesamten Jugendzeit Alkohol konsumiert. Als sich mir dann die Möglichkeit bot, habe ich auch härtere Sachen ausprobiert. Es dauerte nicht lange und ich musste den Preis dafür zahlen. Aber ich lebe in den USA, dem Land der zweiten Chancen. Ich habe meine Schuld beglichen und erfreue mich zum Glück noch guter Gesundheit—ein Neuanfang ist für mich noch mal möglich. Diejenigen, die Krokodil nicht umbringt, sind oft bereits vor ihrem 20. Lebensjahr grausam entstellt. Das Erbe eines drogenmissbrauchenden Zeitgeistes hat die russische Kultur unter Umständen zu ihrem eigenen Feind werden lassen. Dieser Feind ist stark genug, um einen Teenager aus Manhattan Parfum trinken zu lassen.