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Wenn Kinder Kinder missbrauchen

Wir haben mit dem Leiter der „Primären Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch durch Jugendliche" darüber gesprochen, wie man mit Pädophilen umgeht, die selbst noch Kinder sind.

von Lisa Ludwig
09 Dezember 2014, 1:00pm

Foto: ​Grey Hutton

Pädophile sind in den Köpfen der meisten Menschen schmierige alte Männer. Einher geht damit auch die Annahme, dass Menschen, die sich sexuell vornehmlich (oder vor allem) zu Kindern hingezogen fühlen, auch automatisch Kinderschänder sind—dass viele der Präferenzgestörten aber tatsächlich niemals zu Tätern werden, hat uns bereits ein LKA-Beamter, der ​in Sachen Kinderpornos ermittelt, bezeugt. 

Während die ​psychologische Begleitung von erwachsenen Pädophilen mit der Aktion „Kein Täter werden" bereits seit Längerem bekannt ist, hat die Charité Berlin mit ​„Primäre Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch durch Jugendliche" (PPJ) jetzt ein Projekt gestartet, dass sich an eine deutlich jüngere Zielgruppe richtet. Wir haben uns mit dem Leiter, dem Sexualwissenschaftler Klaus Michael Beier, in seinem Büro getroffen und uns erklären lassen, warum diese frühe Prävention so wichtig ist und wie man mit Pädophilen umgeht, die zum Teil selbst noch Kinder sind.

​VICE: Worum genau geht es in Ihrem Projekt?
Klaus Michael Beier: „Primäre Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch durch Jugendliche", abgekürzt „PPJ", richtet sich an Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren mit sexuellen Fantasien oder Verhaltensweisen, die auf Kinder bezogen sind. Es macht den Jugendlichen ein diagnostisches Angebot zur Klärung der Hintergrundproblematik, die in einer sexuellen Ansprechbarkeit für den kindlichen Körper bestehen kann. Wird diese festgestellt, sollen die betroffenen Jugendlichen möglichst früh in ihrer Entwicklung Unterstützung bei der Bewältigung und Kontrolle ihrer auf Kinder gerichteten sexuellen Wünsche und Bedürfnisse erhalten.

Wie zeigt sich denn, dass die Leute eher Interesse an Kindern haben?
Durch ihre sexuellen Fantasien bei der Masturbation oder dadurch, in wen sie sich verlieben. Bei den meisten Menschen besteht eine sexuelle Ausrichtung auf das erwachsene Körperschema des Gegengeschlechts. Bei einem Prozent der Männer aber ist es die Ausrichtung auf das kindliche Körperschema, ohne dass sie sich das ausgesucht hätten. Wir haben in einem ersten großen Präventionsansatz Erwachsenen unsere Hilfe angeboten. Das ist das Projekt „Kein Täter werden", aus dem mittlerweile ein bundesweites Netzwerk mit zehn Standorten entstanden ist. Viele dieser Erwachsenen haben aufgrund ihrer sexuellen Neigung zu Kindern schon im jugendlichen Alter sexuelle Übergriffe auf Kinder begangen und festgestellt, dass das relativ leicht geht, weil der Altersabstand geringer ist.

Das heißt, ein 16-Jähriger kann eher Kontakt zu einem Kind aufnehmen als ein 50-jähriger Mann.
Das Kind ist dem Jugendlichen gegenüber vertrauensseliger. Bei Übergriffen werden auch kaum Anzeigen gegen die jugendlichen Täter erstattet. Das sind die Gründe, unsere Präventionsarbeit auf Jugendliche auszudehnen, deren sexuelle Phantasien oder Verhaltensweisen auf Kinder bezogen sind. Wir versuchen herauszufinden, wie die Präferenzstruktur der Jugendlichen ist und wenn eine solche Präferenzbesonderheit besteht oder sich abzeichnet, bieten wir ihnen therapeutische Hilfe an, damit sie Verhaltenskontrolle erwerben können. Das ist der Hintergrund dieses Projekts.

Man hat—womöglich auch medial getrieben und fälschlicherweise—immer eher ältere Männer im Kopf hat, wenn man an Pädophilie denkt. Hat dieses Projekt dementsprechend auch eine aufklärerische Aufgabe?
Unbedingt—das ist eine ganz wichtige Aufgabe: Die Bevölkerung informieren. Wir versuchen schon seit Langem zu kommunizieren, dass sich diese Neigung keiner aussucht. Das gilt übrigens für alle sexuelle Ausrichtungen, auch den häufigsten Fall: die sexuelle Orientierung auf Erwachsene des Gegengeschlechts. Und auch da ist es so, dass diese sich in der Jugend herauskristallisiert. Genauso wie seltenere Formen sexuellen Erlebens: Wenn ein Erwachsener beispielsweise eine fußfetischistische Neigung hat, wird er sich auf Nachfrage erinnern, diese im Jugendalter erstmalig bemerkt zu haben—auch wenn er das noch nicht so richtig zuordnen konnte.

Die Äußerungsformen der menschlichen Sexualität sind enorm breit gefächert. Das ist gewissermaßen ihr Hauptkennzeichen und zunächst einmal nicht besorgniserregend. Anders ist dies, wenn jemand eine Besonderheit hat, die fremdschädigend wäre, wenn er sie ausleben würde. Diese Differenzierung, dieser Unterschied, ist sehr wichtig. Wir bemühen uns weiterhin, ihn in der Öffentlichkeit zu vermitteln. Dass man also niemandem vorwirft, dass er pädophil ist, dass er diese Neigung hat und damit verbundene Fantasien; sondern ihm Vorwürfe macht, wenn er diese Neigung auslebt und Kinder missbraucht, wenn er also nicht in der Lage ist, seine Neigung so zu kontrollieren, dass Kinder keinen Schaden nehmen.

Wie ist die Rückmeldung aus der Bevölkerung? Für viele ist jemand mit pädophilen Neigungen ja automatisch ein Kinderschänder.
Ja, das wäre dann wieder diese Gleichsetzung. Das Vorurteil, dass derjenige, der die Neigung hat, auch Taten begeht. Wir können aber sicher sagen, dass das falsch ist, weil wir genügend Beispiele kennen, wo das nicht so ist. Nicht jeder Pädophile begeht einen Missbrauch und nicht jeder Sexualstraftäter ist pädophil. Vor allem wissen wir aufgrund unserer mittlerweile langen Erfahrung auch, dass wir den Betroffenen dabei helfen können, keine Taten zu begehen. Das heißt, wir können Verhaltenskontrolle aufbauen. Diese differenzierte Sichtweise ist überhaupt die Voraussetzung dafür, irgendeine Art von verursacherbezogener Präventionsarbeit zu leisten. Denn wenn die Betroffenen nicht zu uns kämen, könnten wir die Arbeit einstellen. 

Sie müssen wissen, dass wir sie als Helfer nicht für die Neigung und ihre Phantasien verurteilen und dass wir ihnen auch wirklich helfen können. Wir bieten Expertise, die Betroffene in einem geschützten Rahmen in Anspruch nehmen können. Unsere Teilnehmer haben riesige Angst vor sozialer Ausgrenzung und die ist auch nicht unberechtigt. Es ist egal, ob ein Pädophiler ganz ungefährlich ist und noch nie jemandem etwas getan hat—wenn über ihn bekannt wird, dass er pädophil ist, sieht ihn nahezu jeder als Kinderschänder und niemand möchte etwas mit ihm zu tun haben. Es kommt sofort zur sozialen Ausgrenzung, was den Betroffenen grundsätzlich erschwert, sich zu erkennen zu geben, und dadurch die Wirksamkeit präventiver Bemühungen einschränkt: Die Angst ist zu groß, sie in Anspruch zu nehmen.

Ist das für Pubertierende noch mal schwieriger, mit sich und ihrem komplett anderen Empfinden umzugehen?
Ja. Die Pubertät ist die schwierigste Entwicklungsphase des Menschen. Das gilt auch für diejenigen, die keine sexuelle Präferenzbesonderheit aufweisen. Wenn eine solche aber vorliegt, kommen zu den ohnehin schon vorhandenen zahlreichen Schwierigkeiten bei der Selbstfindung noch weitere hinzu. Schon eine gleichgeschlechtliche Orientierung kann zu massiven Zerwürfnissen führen—die Betroffenen fühlen sich noch unsicherer und haben das Empfinden, „anders" zu sein als die anderen, folglich nicht dazuzugehören. Bei Jugendlichen, die eine sexuelle Präferenz für den kindlichen Körper ausbilden, ist die Problembelastung noch größer. Andererseits spüren sie aber das Interesse für Kinder und wollen dem auch nachgehen. Das zeigt sich dann daran, dass sie die Nähe zu Kindern suchen—im realen Leben, oder auch im Internet. Im jugendlichen Gehirn sind die Zentren, die kritisches Denken verschalten, ja noch nicht ausgewachsen. Unser Ziel ist daher, Gegensteuerungsmechanismen so früh wie möglich aufzubauen.

Jetzt kann man aber bei einem 18-Jährigen, der vielleicht Interesse an einem 10-jährigen Mädchen zeigt, wahrscheinlich schneller feststellen, in welche Richtung seine sexuelle Präferenz geht. Ein 12-Jähriger ist, zumindest könnte man das so argumentieren, ja auch noch ein Kind. Woran macht man pädophile Tendenzen dann konkret fest?
Für uns ist das kalendarische Alter nicht so ausschlaggebend wie das Entwicklungsalter. Maßgeblich sind der Beginn der Pubertät und die Auseinandersetzung mit den hormonellen Veränderungen sowie die sexuellen Auffälligkeiten, die sich im Umfeld zeigen. Da gibt es beispielsweise 14-Jährige, die im Internet auf der Suche nach Kinderbildern sind—einschließlich strafbewehrten Materials, also Missbrauchsabbildungen. Da muss man schaffen zu vermitteln, dass es falsch ist, über diesen Weg dem Interesse nachzugehen, und dass es zudem professionelle Ärzte und Psychologen gibt, die einem bei einer sozial adäquaten Integration helfen können. Die Betroffenen kriegen schließlich Schwierigkeiten mit Ermittlungsbehörden, mit ihrem persönlichen Umfeld oder mit ihren Eltern. Viele der Jugendlichen, die wir bisher gesehen haben, sind auch schon verhaltensauffällig und übergriffig geworden. Oder haben bereits Missbrauchsabbildungen genutzt—und das auch schon im Alter von 13, 14 Jahren. Die Hauptzielgruppe des Jugendlichen-Projektes bewegt sich aber zwischen 15 und 16 Jahren.

Wie unterscheidet sich die Betreuung von erwachsenen Pädophilen zu der von Jugendlichen mit einer sexuellen Ansprechbarkeit für Kinder?
Man muss diesem Entwicklungsprozess mehr Rechnung tragen und gerade die sehr jungen Menschen, die 12- bis 13-Jährigen, begleiten. Sie haben je nach Alter eine unterschiedlich lange Dauer an Masturbationserfahrung und wenn ein 13-Jähriger sagt, dass er nur an Jungs zwischen 6 und 7 denkt, ist das für uns ein deutliches Warnzeichen. Der muss dann verstehen, dass wir ihm helfen wollen und er uns gegenüber offen sein kann.

Die Eltern sind aber Teil der Arbeit?
​Wir müssen die Eltern über die Problematik aufklären und uns ihre Unterstützung sichern, weil das den jungen Menschen emotional stabilisiert. In dem Moment, wo dem Betroffenen klar wird, dass er sich wirklich sexuell zu Kindern hingezogen fühlt und das der Grund dafür ist, dass er immer wieder im Netz nach diesen Bildern sucht, ist der nächste Schritt, es seinen Eltern zu eröffnen. Für die Eltern ist es schwierig, weil die sich natürlich Sorgen um die Zukunft ihres Kindes machen. Da ist es wichtig zu erkennen, dass weder sie noch ihr Kind Schuld an der Neigung haben. Es gibt auch Jungs, die gar nicht mehr zu Hause leben, sondern in Einrichtungen der Jugendhilfe und da müsste man dann in Absprache mit ihnen die Betreuer entsprechend einbeziehen.

Außerdem haben wir eine Hotline eingerichtet, unter der man uns per E-Mail oder Telefon kontaktieren kann. Insbesondere per E-Mail wenden sich viele an uns und schreiben uns ihr Problem. Allerdings rufen auch oft Eltern an und berichten: „Mein Junge hat nach unserer Einschätzung ein besonderes Interesse an Nachbarskindern und das bedarf der Abklärung." Zusammengefasst sind es mehr die Eltern oder die Betreuer aus Einrichtungen, die feststellen, dass das Verhalten nicht so ist wie bei anderen Jugendlichen.

Sie sprechen immer von „Jungs"—sind es nur männliche Jugendliche, die sie betreuen?
Bei dem Erwachsenenprojekt haben wir in Berlin über 2000 Anfragen gehabt und darunter waren keine 20 Frauen. 7 oder 8 Frauen haben sich hier dann auch zur Diagnostik vorgestellt und nur eine hatte eine pädophile Neigung. Das Verhältnis ist 1 zu 1000. Diese Neigung tritt aller Erfahrung nach wesentlich häufiger bei Männern auf, deswegen erwarten wir sie auch wesentlich häufiger bei männlichen Jugendlichen. Bisher haben wir tatsächlich auch noch keine einzige weibliche Jugendliche im Projekt.

Woran macht man eine wirkliche pädophile Neigung fest?
Die Diagnose Pädophilie kann nach einem gründlichen klinischen Interview gestellt werden, in welchem eine Vielzahl von Informationen zum sexuellen Erleben und Verhalten erfragt werden. Ergänzt werden die hierbei gesammelten Informationen z.B. durch zusätzliche Fragebögen und Testverfahren (Psychodiagnostik). Fragebögen und Tests stellen jedoch nur zusätzliche Verfahren dar und können ein diagnostisches Gespräch nicht ersetzen. Ohne ein klinisches Interview kann keine zuverlässige Diagnose gestellt werden. Die Kriterien, die für eine Diagnose Pädophilie erfüllt sein müssen, sind in den international anerkannten diagnostischen Leitlinien festgelegt. Das wichtigste Kriterium ist hierbei die sexuelle Erregbarkeit durch das kindliche Körperschema. Und das zeigt sich in den sexuell erregenden Phantasien, etwa bei der Selbstbefriedigung.

Wird eine Langzeitbetreuung von diesen Leuten angestrebt?
Bei einigen Teilnehmern wird sie unvermeidbar sein. Was wir bei den meisten jugendlichen Teilnehmern durchführen, ist eine therapeutische Einzelbetreuung, um ihnen dabei zu helfen, Verhaltenskontrolle aufzubauen. Allerdings können auch später im Leben Situationen auftreten, die gefährdend sind. Nach allem, was wir aus der Arbeit mit erwachsenen Teilnehmern wissen, bleibt die sexuelle Präferenz weitgehend stabil und die Auseinandersetzung damit eine lebenslange Aufgabe. Deswegen haben wir im Projekt „Kein Täter werden" auch eine Nachsorgegruppe. Die kann von jedem, der im Projekt war und weiteren Bedarf hat, immer wieder in Anspruch genommen werden. Ich denke, es wird auch irgendwann eine Überlappung geben, wenn die Jugendlichen volljährig sind. Man wird sie nicht unbetreut lassen, wenn sie Betreuung brauchen und möchten.

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