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Die Menschheit verursacht vielleicht gerade das sechste große Artensterben

Überjagung, Zerstörung der Umwelt und Klimawandel. Eine aktuelle Studie behauptet, dass 75 Prozent des Lebens auf der Erde bis zum Jahr 2200 ausgestorben sein könnte.

von Shelby Kinney-Lang
17 Dezember 2014, 11:42am

​In den letzten 500 Millionen Jahren haben fünf große Artensterben das Leben auf der Erde verändert. Dabei war es egal, ob es nun ein verheerender Meteoriteneinschlag war, der die Dinosaurier vernichtete, oder ob länger andauernde Vulkanaktivitäten ganze 97 Prozent aller Spezies ausrotteten.

Jetzt behaupten Wissenschaftler, dass der Erde vielleicht schon bald ein sechstes großes Artensterben bevorsteht. Dieses Mal trägt jedoch die Menschheit die Schuld an dem Ganzen.

Laut einer vom Magazin Natur durchgeführten ​Untersuchung sind 41 Prozent der Amphibien, 26 Prozent der Säugetiere und 13 Prozent der Vögel vom Aussterben bedroht. Als Gründe für das Sterben werden Überjagung, die Zerstörung des Habitats, der Klimawandel und die Ausbreitung von eindringenden Spezies und Krankheiten genannt.

„Wissenschaftler können derzeit sehr hohe Sterberaten beobachten", erklärte Elizabeth Kolbert VICE News. Sie ist Journalisten beim New Yorker und hat das Buch The Sixth Extinction: An Unnatural History geschrieben. „Für die einen sind sie 100 mal, für die anderen 1000 mal und für wieder andere 10.000 mal so hoch wie eigentlich normal."

Im Nature-Bericht wird geschätzt, dass jährlich zwischen 500 und 36.000 Spezies aussterben. In der Wissenschaft wird sich über die genaue Zahl gestritten, weil die Annahmen über die Anzahl der bereits ausgestorbenen Pflanzen- und Tierarten weit auseinander gehen—von weniger als zwei Millionen bis über zehn Millionen.

„Spezies sterben mit einer erschreckenden Geschwindigkeit aus und ich glaube, dass die meisten Wissenschaftler davon ausgehen, dass diese Geschwindigkeit noch weiter steigt", erzählte Noah Greenwald vom Center for Biological Diversity.

Das Worst-Case-Szenario der Nature-Untersuchung sieht folgendermaßen aus: 75 Prozent des Lebens auf der Erde könnten bis zum Jahr 2200 ausgestorben sein. Die Arbeit nimmt für dieses Szenario an, dass weltweit fünf Millionen Spezies existieren und die Aussterberate jährlich 0,72 Prozent beträgt. Beim Voraussagen solcher Aussterberaten und der Anzahl der vielleicht betroffenen Spezies gibt es jedoch immer eine bestimmte Ungewissheit, weil die Schätzungen über die Anzahl von existierenden Pflanzen- und Tierarten so weit auseinander gehen.

Andere Studien bekräftigen die Ergebnisse der Untersuchungen von Nature zwar, aber sie betonen auch, wie schwer es ist, das Ausmaß des Aussterbens genau zu bestimmen. In einer ​Arbeit des Magazins Science aus dem Jahr 2010 steht, dass zwischen 23 und 36 Prozent aller vom Menschen verspeisten Säugetiere, Vögel und Amphibien vom Aussterben bedroht sind. Die International Union for Conservation of Nature (IUCN) ​macht darauf aufmerksam, dass mehr als 20.000 der von ihnen untersuchten 75.000 Spezies gefährdet sind.

Die Ursachen für die derzeitige Extinktionswelle sind zwar unterschiedlich, lassen sich jedoch irgendwie immer auf menschliches Handeln herunterbrechen.

„Ein Faktor des Aussterbens ist ganz einfach die Überjagung bzw. die Übererntung", sagte Kolbert. „Nashörner sind ernsthaft in Gefahr, weil sie getötet werden und sie sich nicht schnell genug vermehren können, um nicht auszusterben. Es ist also ganz einfach: Wir Menschen sind verantwortlich."

Die Zerstörung des Habitats ist ein weiterer wesentlicher Grund. Da sich die Weltbevölkerung in den letzten 40 Jahren verdoppelt hat, wurde mehr als die Hälfte der Erdoberfläche durch menschlichen Einfluss verschlechtert oder ganz kaputt gemacht. In diesem Zeitraum wurden 50 Prozent der auf der Erde lebenden Wildtiere getötet.

Eindringende Spezies und Krankheiten stellen für einige Pflanzen und Tiere ebenfalls eine akute Gefahr da. Wir Menschen sind bekanntermaßen sehr gut darin, Tiere in Umgebungen einzuführen, wo sie großen Schaden anrichten können. Ein Beispiel hierfür wäre der Silberkarpfen, der sich in den USA in den Flüssen von Illinois und Mississippi ausgebreitet hat und nun auch die ​Großen Seen zu bevölkern droht. Kolbert merkte an, dass Amphibien in Scharen sterben, weil es besonders tödliche Pilze gibt, die sich über die Menschen verbreiten. 

Einen Asteroideneinschlag kann man nicht rückgängig machen.

Der vielleicht beunruhigendste Umstand, der das sechste große Artensterben vorantreibt, ist der vom Menschen verursachte Treibhausgasausstoß.

„Der Klimawandel und die Versauerung der Meere könnten zu den großen Katalysatoren des Artensterbens werden, weil wir uns außerhalb historischer Toleranzen bewegen", sagte Kolbert VICE News.

Wissenschaftler warnen davor, dass diese Katalysatoren schon vor dem Aussterben zahlreicher Arten empfindliche Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringen können.

„Zwar habe ich mein Buch The Sixth Extinction genannt und es geht darin auch um das Artensterben, doch finde ich, dass wir uns zu sehr darauf konzentrieren. Wir warten quasi auf das letzte verbliebene Tier", sagt Kolbert. „Wenn wir zum Beispiel die letzten 100 Exemplare einer Art retten, dann ist dieses Tier theoretisch nicht ausgestorben, aber im Ökosystem ist es funktionell ausgestorben. Ich glaube, dass die Menschen immer weiter von der Vorstellung wegkommen, dass das Artensterben das größte Problem ist. Das wahre Problem ist das Schrumpfen einer Population, und zwar bis zu einem Punkt, an dem die jeweilige Tierart genauso gut ausgestorben sein könnte."

Kolbert erläutert dies am Beispiel des Kabeljaus. Überfischung hat die Kabeljaupopulation im Atlantik dezimiert. Zwar haben Regierungen Fischereiverbote in der Hoffnung verhängt, dass sich die Kabeljaubestände wieder erholen, doch ist das bis jetzt nicht geschehen. Da die Kabeljaupopulation angeschlagen ist, vermehren sich jetzt die Arten, die vorher auf dem Speiseplan des Kabeljaus gestanden haben. Auch andere Raubfischen, die vorher mit dem Kabeljau konkurrieren mussten, profitieren. Wissenschaftler hoffen, dass das Ökosystem sich wieder erholen wird, können sich aber nicht sicher sein, ob der Kabeljau darin dieselbe Rolle spielen wird, wie in der Zeit bevor die Population durch Überfischung stark zurückgegangen ist.

Das sechste große Artensterben zeigt uns, in welchem Ausmaß Menschen eine Plage für den Planeten darstellen: Ob sie nun die Bulldozer fahren, die Grasebenen platt walzen, die Kohle verbrennen, die die Atmosphäre erwärmt, oder Seen und Flüsse mit phosphathaltigem Düngemittel vergiften, das das Wachstum unseres Gemüses fördern soll. Die Situation könnte einer griechischen Tragödie entstammen: Nur der Mensch kann aufhalten, was er selbst in Bewegung gesetzt hat.

„Einen Asteroideneinschlag kann man nicht rückgängig machen", sagte Jon Hoekstra, stellvertretender Vorsitzender und Chefwissenschaftler des WWF, VICE News. „Auf einer grundlegenden Ebene unterscheidet sich dieses Artensterben von den anderen bisher dagewesenen, weil es nicht nur vom Menschen verursacht wurde, sondern auch nur vom Menschen abgewendet werden kann."

Fast 200 Staaten haben das ​Übereinkommen über die biologische Vielfalt, ein internationales Abkommen von 1993, welches die biologische Vielfalt schützen und das Artensterben verlangsamen soll, ratifiziert. Nach den Bestimmungen des Abkommens müssen die Staaten gemeinsame Anstrengungen unternehmen, um die Verbreitung invasiver Arten aufzuhalten, Naturschutzgebiete einzurichten und die Auswirkungen des Klimawandels zu entschleunigen. Die Vereinigten Staaten haben das Abkommen bisher noch nicht ratifiziert.

„Ein Artensterben kann man nicht mehr rückgängig machen. Das ist die wichtigste und ernsthafteste Aufgabe, der sich die Menschheit derzeit gegenüber gestellt sieht", sagte Greenwald VICE News. „Wir verursachen irreparablen Schaden, aber im Kongress wird nicht darüber diskutiert. Das Artensterben gehört nicht zu den Themen, die Präsident Obama ansprechen würde."

Titelbild:  ​woodleywonderworks | ​Flickr | CC BY 2.0

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