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In diesem veganen Stripclub wurden die Tänzerinnen wie ein Stück Fleisch behandelt

„Wenn du dich auf der Bühne gerne für einen Dollar sexuell belästigen lässt, dann bist du hier genau richtig."
29 Januar 2015, 10:23am

„Wenn du dich auf der Bühne gerne für einen Dollar oder weniger sexuell belästigen lässt, dann bist du hier genau richtig", heißt es in einem 2011 von einer Stripperin verfassten Bericht über das Casa Diablo in Portland, Oregon.

Dabei ist sie nicht die Einzige, die mit dem weltweit ersten veganen Stripclub noch ein Hühnchen zu rupfen hat. Dessen offizieller Slogan lautet übrigens: „Vixens on veal, sizzle not steak, we put the meat on the pole, not on the plate." Casa Diablo und dessen Besitzer werden jetzt von zwei Stripperinnen auf 208.276 Dollar verklagt—dabei geht es um ausstehende Löhne, um die Rückzahlung von gesetzwidrigen Gebühren und um Körperverletzung.

2008 wurde Casa Diablo eröffnet und die neuartige Kombination aus Veganismus und nackten Frauen erregte viel Aufmerksamkeit . Der Manager Johnny Zukle aka Johnny Diablo kam dabei wie ein interessanter Typ mit einem erfolgreichen Geschäftsmodell daher. Schon ein paar Monate später machten jedoch Warnungen in Online-Foren die Runde. In einem stripperweb.com-Post von 2010 wird der „Besitzer" (vermutlich Zukle, denn er wurde zuvor in der Lokalpresse zusammen mit der Mitangeklagten Carol Lee als Besitzer angegeben) des Clubs als „schmieriger Idiot" bezeichnet. Das Forenmitglied berichtet des Weiteren davon, dass er „ungerechte Geldstrafen fürs Zuspätkommen" einforderte und versuchte, jüngere und naivere Tänzerinnen davon zu überzeugen, offene Schulden in Naturalien zu bezahlen.

Für diesen Artikel habe ich mit einigen Stripperinnen gesprochen. Die meisten von ihnen befürchteten, dass sich Zukle bei der Nennung ihres richtigen Namens an ihnen rächen würde. Da ist es klar, dass sie kein gutes Haar an ihm lassen.

Jessica, eine Tänzerin aus Portland, die schon seit sieben Jahren alle möglichen Geschichten über Casa Diablo hört, hat Folgendes zu berichten: „Es ist allgemein bekannt, dass im Casa Diablo Vorsprechen etwas anders ablaufen als in anderen Clubs. Dort muss man zwei volle Lapdances abliefern, bei denen man auch angefasst werden darf ... und zwar von Johnny. Das ist in dieser Branche wirklich unüblich."

Matilda Bickers, eine der Klägerinnen, berichtet ebenfalls davon, wie neue Stripperinnen bei Zukle erstmal einen Vollkontakt-Lapdance abliefern müssen. Dabei beschreibt sie den Ablauf folgendermaßen: „Zukle fingerte an deinen Nippeln rum und sagte dabei, dass man dich hier und im Schritt nicht berühren dürfe. Dann legte er seine Hand genau dorthin." (Anscheinend ist ein solches Verhalten im Casa Diablo inzwischen allerdings in Ordnung, vor drei Jahren bei Bickers' Vorsprechen war das noch nicht der Fall.)

Bickers berichtete außerdem noch davon, wie die Türsteher regelmäßig die Tänzerinnen begrapschten und deren Outfits lockerten—und das sogar noch, nachdem sich die Frauen beschwert hatten. Wenn sich die Stripperinnen gegen eine solche Behandlung wehrten, mussten sie manchmal 100 Dollar Strafe zahlen.

Eine Tänzerin erzählte davon, wie Zukle ein Mädchen verspottet hat, weil es kurz davor abgetrieben hatte.

„Es scheint hier eine Art Gegensatz zu geben: Die Leute sind jetzt zwar total an Bio-Fair-Trade-Sachen aus Freilandhaltung interessiert, aber die Bedingungen der Sexarbeiter sind ihnen völlig egal", erzählt mir Bickers. „Man kann einen Service in Anspruch nehmen und trotzdem noch dafür einstehen. Ich kann dir einen echt guten Lapdance verpassen und dabei deinen Schwanz bearbeiten und es kann dir trotzdem noch wichtig sein, dass ich gerecht behandelt werde.

Man muss als Kunde nach einem Lapdance auch mal darauf hinweisen, dass sie uns so nicht behandeln können. Am einfachsten wäre es natürlich, wenn auch der Club darauf Wert legen würde. Die müssten sich einfach nur halb so sehr um ihre Tänzerinnen kümmern wie um das Wohl von Tieren."

Tänzerinnen, mit denen ich gesprochen habe, haben sich unter anderem über extrem lange Arbeitszeiten und Demütigungen vonseiten des Managements beschwert: So haben sie nicht-veganes Essen von Tänzerinnen einfach weggeschmissen, sie begrapscht und in einer Tour auf den Po geschlagen. Viele konnten sich außerdem an Vorfälle erinnern, in denen sie entweder sexuell belästigt wurden oder mitansehen mussten, wie man sich über besonders verletzliche Tänzerinnen lustig machte. Einige erwähnten auch das riesige Selbstporträt, das Zukle von sich gemalt hatte. Auf dem Bild, das mitten im Club hing, war er als Teufel dargestellt. Und eine Tänzerin erzählte davon, wie Zukle ein Mädchen verspottet hat, weil es kurz davor abgetrieben hatte.

Bickers glaubt, die Tatsache, dass sich Tänzerinnen in der gesetzlichen Grauzone zwischen Anstellungsverhältnis und Selbstständigkeit befinden, würde den Weg für solche Arbeitsverhältnisse ebnen, die geprägt sind von Unsicherheit und Übergriffen. Sie fügt hinzu, dass sich die Bedingungen im Casa Diablo nicht grundlegend von denen in anderen Clubs unterscheiden würden, es sei dort einfach nur noch schlimmer.

„Die Leute sollen wissen, und vor allem sollen andere Stripperinnen wissen", so Bickers, „dass diese Bedingungen gegen das Gesetz verstoßen. Wir haben eine bessere Behandlung verdient, und das ist auch kein Ding der Unmöglichkeit."

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, sei der Tod einer Tänzerin gewesen, die regelmäßig von ihren Vorgesetzten gemobbt wurde. „Sie kam unter tragischen Umständen ums Leben. Am Anfang sah es so aus, als habe ihr Freund sie getötet", so Bickers, „und dann hat der Manager angefangen, mir zu erzählen, dass sie es total verdient hätte. Ich bin daraufhin sofort aus dem Laden gerannt, habe mich in mein Auto gesetzt und da wurde mir dann klar: Alles hat seine Grenzen und jetzt reicht's! Ich kann nicht weiter Teil dieses Ladens sein und mich dadurch mitschuldig machen."

Zukle—der schon vorher mal mit den Bundesbehörden in Konflikt geraten ist, weil er Geld benutzt hatte, das mit Kunstblut verschmiert war—hat auf unsere Anfragen nicht reagiert. Gegenüber der Willamette Week gab er zu Protokoll, dass sexuelle Übergriffe in seinem Club nicht vorkommen würden. Die Klage selbst bezeichnete er als „albern und lächerlich".

Doch Zukles Person und sein wahrer Charakter spielen für die Klage fast keine Rolle: Denn mit Ausnahme von 20.000 Dollar geht es ausschließlich um ausstehende Lohnzahlungen, Gebühren und Geldstrafen sowie damit verbundene Schäden. Bickers und Pitts behaupten, dass ihnen der Club keinen Mindestlohn (bzw. gar keinen Lohn) gezahlt habe und dass Bickers dem Club über 64.000 Dollar, und Pitts über 53.000 Dollar an unrechtmäßigen Gebühren und Strafgeldern zahlen mussten.

Wie in vielen anderen Stripclubs auch, behält Casa Diablo einen Teil der Verdienste von seinen Tänzerinnen ein, in diesem Fall 30 Prozent. Doch im Gegensatz zu anderen Clubs steckt man sich hier auch 30 Prozent der Trinkgelder in die eigene Tasche. Außerdem dürfen dort Stripperinnen nur eine begrenzte Anzahl an Trinkgeldern entgegennehmen. Eine Tänzerin, mit der ich sprach, hat mir gegenüber angedeutet, dass sich—trotz der Klage—an den Zuständen nichts geändert habe.

Du kannst dort wirklich gutes Geld verdienen und das ist wohl auch der Grund dafür, warum so viele Tänzerinnen dichthalten—sie wollen einfach ihren Job nicht verlieren.

„Manche der Regeln hatten meiner Meinung nach nur den Zweck, uns daran zu erinnern, dass sie die Kontrolle über uns haben. Das Ganze setzt dir ziemlich zu", so Bickers. Laut einem Foto, das mir Bickers zugesendet hat, beläuft sich die Auftrittsgebühr zwar nur auf zwei Dollar, plus den dreißig Prozent aus anderen Verdiensten. Doch dazu kämen dann die Geldstrafen, darunter: 100 Dollar für das unangemessene Berühren anderer Mitarbeiter; 100 Dollar für das Verwenden von Lotion; 10 Dollar fürs Zuspätkommen; 20 Dollar für einen Auftrittsausfall; 10 Dollar, wenn man sich nicht während des ersten Songs sein Höschen auszieht (selbst wenn noch niemand Trinkgelder gegeben hat); und bis 1.000 Dollar für den Konsum oder das Mitführen von Drogen.

„Du kannst dort wirklich gutes Geld verdienen und das ist wohl auch der Grund dafür, warum so viele Tänzerinnen dichthalten—sie wollen einfach ihren Job nicht verlieren", erzählt mir Jessica, die Tänzerin aus Portland. „Dort haben sie eine sehr finanzstarke Kundschaft, weswegen sich viele Mädchen mit der Situation abfinden." Jessica zufolge seien Strafzahlungen wie in der Casa Diablo „ganz normal für die Industrie" in Portland, obwohl die meisten Läden nur 20 Prozent nehmen würden. In ihrem Club dürfen sich die Strafgelder höchstens auf 35 Dollar pro Schicht belaufen.

Der Hauptstreitpunkt der Klage ist nicht etwa, ob die Auftrittsgebühren und Strafzahlungen überzogen sind, sondern vielmehr die Frage, ob Stripperinnen Angestellte oder Selbstständige sind. Denn Angestellten muss ein Mindestlohn gezahlt werden. Außerdem darf man gegen sie auch keine Geldstrafen verhängen. Andererseits darf man von selbstständig arbeitenden Tänzerinnen auch nicht verlangen, dass sie einem vom Club festgelegten Arbeitsplan zu folgen haben, oder ihnen vorschreiben, was sie zu tragen haben. Zudem dürften ihre Dienste auch nicht den Hauptteil des Geschäfts ausmachen.

Natürlich sind nicht alle Tänzerinnen auf den Angestelltenstatus heiß. Manche bevorzugen die Freiheiten der Selbstständigkeit. Bickers hat dafür Kritik einstecken müssen, dass sie mit ihrer Klage die Freiheit anderer Tänzerinnen aufs Spiel setzen würde. Außerdem hält man ihr vor, dass sie jetzt wegen Arbeitsbedingungen vor Gericht zieht, denen sie schon längst zugestimmt hatte. Auch wenn Bickers selbst lieber als Angestellte arbeiten möchte, kann sie nachvollziehen, warum andere lieber selbstständig bleiben möchten. Sie hofft, dass die Klage Stripclubs dazu zwingen wird, „sich für das eine oder das andere Beschäftigungsmodell zu entscheiden, wodurch endlich mehr Klarheit für uns Tänzerinnen herrschen würde, auch was unsere Rechte betrifft."

Sollte sie gewinnen, will Bickers—die ehrenamtlich für eine Telefonseelsorge arbeitet—mit dem Geld eine Notunterkunft für Tiere errichten, deren Besitzer vor häuslicher Gewalt geflohen sind. Aktuell gebe es in Portland keine Einrichtung dieser Art, weswegen sich Betroffene in einigen Fällen gegen eine Flucht entscheiden, um ihre geliebten Haustiere nicht zurückzulassen.

„Ich weiß, dass die Entscheidung jetzt in der Hand des Bundesgerichts liegt. Präzedenzfälle wären die gegen das Rick's und das Sapphire [zwei Stripclubs in Seattle und Las Vegas, bei denen Tänzerinnen nachträglich Gehälter zugesprochen wurden, nachdem die Gerichte entschieden hatten, dass die Damen Angestellte waren]. Und da sie mit ihren Klagen Erfolg hatten, finde ich, dass ich auch gewinnen sollte", so Bickers. Ihre Klage wurde am 11. Januar um drei Uhr nachts eingereicht. Ähnliche Prozesse haben sich monate- oder jahrelang hingezogen.

In einem Prozess im letzten Jahr wurden drei zusammenhängende Stripclubs in New York zur Zahlung von 4,3 Millionen Dollar verurteilt, weil sie Löhne nicht ausgezahlt und unrechtmäßige Geldstrafen verhängt hatten. Klagen dieser Art sind auch nichts Neues. 1998 gewann die Autorin Lily Burana eine Sammelklage gegen das O'Farrel Theatre, das daraufhin zur Zahlung von fast 3 Millionen Dollar an aktuelle und ehemalige Tänzerinnen verurteilt wurde.

Doch die Einnahmen für die Clubs aus Auftrittsgebühren und Geldstrafen vonseiten der Tänzerinnen scheinen sich dennoch auszuzahlen, so dass man auch das Risiko, verklagt zu werden, billigend in Kauf nimmt. Denn schon 1987 urteilte der oberste Gerichtshof Alaskas, dass auch Stripperinnen Angestellte sind. Trotzdem zögern immer noch viele, ihren Namen auf Sammelklagen zu setzen, weil sie sich auf diese Weise als Stripperinnen outen würden. Daraus resultiert, dass die Wahrscheinlichkeit, als krimineller Stripclubbesitzer verklagt zu werden, relativ gering bleibt.

Kristina Dolgin—Gründerin von Red Light Legal—glaubt, dass Vorurteile, Stigmatisierung und Ausgrenzung zu einer Situation geführt haben, die vom Fehlen rechtlicher Bestimmungen geprägt ist. Dies habe wiederum zur Folge, dass Tänzerinnen leichter Opfer von Ausbeutung werden können.

„Ganz ohne die Unterstützung der Gesellschaft kämpfen Tänzerinnen schon seit einiger Zeit mit Erfolg für verbesserte Arbeitsbedingungen sowie für eine größere Kontrolle über ihr Beschäftigungsverhältnis gegenüber Clubmanagern", erzählt mir Dolgin. „Zum Beispiel wehren wir uns juristisch dagegen, als selbständig Tätige eingestuft zu werden. In den allermeisten Fällen konnten Tänzerinnen nachweisen, dass sie—unabhängig von dem, was in ihren Verträgen steht—in Wahrheit Angestellte sind."

Lake sagt, dass Zukle 20 Tage bleiben, um auf die Klage zu antworten. Von der Antwort hängt dann ab, ob es überhaupt zum Prozess kommt und wie lange dieser ungefähr dauern würde.

In aktuelleren Berichten über die Stripclub-Szene in Portland ging es vor allem um Sexhandel. Doch Kritikern zufolge würde dieser Blickwinkel von alltäglichen Übergriffen—sowie den Kampf für mehr Arbeitnehmerrechte in der Sexindustrie—ablenken.

„Man muss nicht gleich an Sexhandel denken, wenn man über sexuelle Gewalt spricht—es gibt auch so viele andere Möglichkeiten des sexuellen Übergriffs", so Bickers weiter. „Als Berufsgruppe am Rande der Gesellschaft vergisst man schnell, dass die Dinge, die wir erleben, niemals ‚normalen' Angestellten mit Bürojobs und auch Selbstständigen, wie zum Beispiel Hairstylisten, widerfahren würden. Außerdem wissen viele von uns ja auch nicht, wie es in anderen Berufen zugeht. Immer wieder wollen uns Leute weismachen, wie einfach unser Job doch ist und wie glücklich wir uns deswegen schätzen können. Darum halten viele von uns die Art, mit der wir behandelt werden, für ganz normal. Das heißt aber noch lange nicht, dass eine solche Behandlung in Ordnung—oder auch rechtlich—ist."

Tara Burns ist die Verfasserin vonWhore Diaries: My First Two Weeks as an Escort sowie Whore Diaries II: Adventures in Independent Escorting. Folge ihr auf Twitter.

Foto: The AutoMotovated Cyclist | Flickr | CC BY 2.0