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Sex

Frauen sollten aufhören, sich gegenseitig Orgasmen vorzutäuschen

Je nach Studie täuschen angeblich zwischen 80 und 90 Prozent aller Frauen ihren Orgasmus auch mal vor oder können keinen haben. Trotzdem hört man das Thema in Sexgesprächen eher selten. Das muss sich ändern.

von Rita Galbraith
07 Dezember 2015, 12:00pm

Foto: Shutterstock

In Sachen Sex haben wir in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren und Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Die Bedürfnisse der Frau haben einen größeren Stellenwert bekommen, wir fühlen uns nicht mehr genötigt, Zufriedenheit vorzutäuschen und bestimmte Teile des weiblichen Körpers sind endlich (wieder) ins Bewusstsein gerückt (Stichwort: Klitoris. Danke für diese Entdeckung).

Trotzdem fehlt vielen Frauen noch immer etwas Entscheidendes oder es ist zumindest nach wie vor ein verhältnismäßig großer Aufwand, dieses Etwas zu bekommen: Ich rede davon zu kommen. Warum das so ist, beziehungsweise wie man das Orgasmus-Problem beheben kann, ist eine andere Baustelle. Auch die lieben Männer will ich hier mal, so gut es geht, ausklammern.

Mir geht es um Folgendes: Je nach Studie täuschen angeblich zwischen 80 und 90 Prozent aller Frauen auch schonmal ihren Orgasmus vor oder können zumindest keinen haben. Das kann ich mir gut vorstellen. Immerhin geht es mir selbst genauso. Viel komischer finde ich da schon, dass das Problem in meinem erweiterten Freundeskreis von noch keiner einzigen Frau angesprochen wurde—und das ist bei so hohen Zahlen statistisch ziemlich unwahrscheinlich.


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Man hört und liest von Frauen, die Sex lieben und leben. Man liest von Empowerment und dass man bloß nicht auf Meg Ryan machen und Männern irgendwas vorspielen soll. Schon klar. Theoretisch wissen wir, dass es nichts macht, nicht zu kommen. Aber praktisch fühlt man sich als Frau unter anderen Frauen noch immer abnormal—was umso ironischer ist, wenn man bedenkt, dass die Nichtkommenden die Mehrheit und damit auch die Norm darstellen.

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Wie so oft liegt das zu einem ziemlich großen Teil daran, welches Ideal uns in unserem Umfeld vorgemacht wird. Starke, selbstständige Frauen sind eben in der Popkultur gerne auch mal die, die keine Probleme mit ihrer Sexualität haben; sie holen sich, was sie kriegen können, und erledigen Karriere und Beziehungen und Orgasmen mit derselben Superpower.

Wenn ich dann noch dazu an Videos wie „Hysterical Literature" denke, in denen junge, hübsche Frauen wie Stoya aus Büchern vorlesen und absolut keine Schwierigkeit haben, nach ein paar Minuten, in denen sie (angeblich) auf einem Vibrator sitzen, sofort zu kommen, fühle ich mich als Frau, bei der das irgendwie nie funktionieren würde, noch mal unzulänglicher. Es ist vermutlich das weibliche Äquivalent zu einem Mann mit kurzem Penis in einer Dusche voller Pornodarsteller.

Klar gibt es immer auch die Möglichkeit, dass die Studien falsch liegen und einfach nur ich abnormal bin. Manchmal habe ich das Gefühl, der Höhepunkt beim Sex ist für mich nur möglich, wenn ich in dieser einen bestimmten Position im richtigen Winkel Sex habe—und eigentlich auch dann nur, wenn mit der Hand nachgeholfen wird und vorher das Blut einer Jungfrau auf einem Altar dem Teufel dargeboten wird (also definitiv nicht mein Blut). Und sogar das funktioniert dann nicht mit Garantie.

Ja, ich bin da wohl etwas schwierig. Aber wenn ich der Studie glaube, können nicht alle anderen so unkompliziert sein, wie sie behaupten. Natürlich will ich unter Freundinnen nicht unbedingt erzählen, dass es bei mir öfter Probleme im G-Punkt-Land gibt, wenn meine Freundin mir gerade erst erzählt hat, wie hoch die Trefferquote mit ihrem Freund ist: nämlich euphorische, kreischende, total befriedigte „fast 100 Prozent!". Außerdem weiß ich von der Freundin einer Freundin, dass die schon „in den ersten 10 Sekunden" kommt. Eine andere sagt mir, dass sie „meistens 2 bis 3 Mal hintereinander" komme.

Das ist wahrscheinlich nicht mal gelogen. Man muss nur bei allen diesen Aussagen auch zwischen den Zeilen lesen: In den ersten 10 Sekunden zu kommen, ist vielleicht erwähnenswert, weil es eben einen gewissen Seltenheitswert hat und „meistens 2 bis 3 Mal" heißt vermutlich „wenn ich denn dann endlich mal komme, dann gleich öfter". Trotzdem erweckt es natürlich den Eindruck, als wäre alles ganz easy.

Und genau hier spricht ein gewisser Druck aus den Aussagen: Denn wenn eine Frau nicht so einfach kommt oder den Eindruck erweckt, sie wäre schwierig im Bett, dann macht sie das in unserer Wahrnehmung auch gleich weniger empowered und man denkt sofort, sie hätte keinen Spaß am Sex. Und DAS ist wirklich der größte Bullshit.

Wenn Frauen, nur weil sie nicht kommen, sofort als sexuell frustriert oder unfähig gesehen werden, ist das das Gegenteil von sexueller Emanzipation.

Frauen, die gewisse „Kriterien" nicht erfüllen, automatisch einen Teil ihrer Sexualität abzusprechen und zu wissen glauben, wie diese denken, ist das Gegenteil von sexueller Emanzipation. Es ist einfach nur eine Verlängerung der alten „Wir wissen, was du wirklich denkst oder willst"-Mentalität.

Vielleicht gibt es Frauen, die quasi schon beim Ausziehen des Höschens kommen. Das ist beneidenswert und wahrscheinlich ziemlich toll. Alle anderen sollten aber über die Abwesenheit ihres Orgasmus genauso reden können, ohne schief angeschaut zu werden. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe an Foren, wo Frauen sich anonym darüber austauschen und sich Trost verschaffen.

Aber anonyme Geständnisse sind noch nicht das Ziel. Sie sind ein Ventil, um sich Luft zu verschaffen, solange es eben noch nicht wirklich OK ist, darüber zu reden. Lasst uns damit offen und ohne falsche Beschämung umgehen. Wenn man sich nicht mehr abnormal oder alleine fühlt, kann das sicher schon helfen. Vielleicht nicht beim Orgasmus, aber grundsätzlich.

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