Wahlen 2015

Wie es ist, wenn deine Eltern rechts wählen

Wenn die Eltern eine andere politische Einstellung haben, kommen wütende Diskussionen häufiger vor, als einem Recht ist.
02 Oktober 2015, 7:00am

Foto via Flickr | Franz Johann Morgenbesser | CC BY-SA 2.0

In Wien stehen die Wahlen vor der Türe (geht um Himmels Willen wählen!), Oberösterreich ist Schuld daran, dass vielen Menschen noch immer schlecht vom Wochenende ist, die Flüchtlingsthematik ist nach wie vor aktuell und Strache lässt sowieso keinen Fail aus. Die Wahlen in Oberösterreich haben bewiesen, dass sich das Ängste schüren der FPÖ leider ausgezahlt hat.

Wenn man also in keinem Atombunker wohnt, kommt man aktuell nicht wirklich um das Thema Politik herum, was auch wichtig und gut ist. Wenn ich mit meinen Freunden und dem Großteil meiner Bekannten über Politik spreche, kann ich davon ausgehen, dass wir einerseits ein sachliches Gespräch führen und unsere Meinungen andererseits nicht allzu weit auseinander klaffen. Man ist sich einer konkreten Sache mal mehr, mal weniger einig, aber es gibt einen gewissen Grundkonsens, was Werte angeht.

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Damit meine ich: Keiner meiner Freunde ist dem rechten „Eck" auch nur ansatzweise zugeneigt. Völlig anders ist es mit meinen Eltern, die sich während dem Wahlkampf zu den Landtagswahlen 1988 in Niederösterreich kennengelernt haben.

Mein Vater stand damals im Dienste eines rechten Politikers, den wirklich jeder Österreicher kennt, meine Mutter hat für den RFW gearbeitet. Die Blauen sind Tag für Tag bei uns ein und aus gegangen und haben mir am Abend Märchen vorgelesen. Wie passend.

Auf Kinderfotos habe ich blaue Schmetterlinge auf der Stirn, auf denen „Jörg!" steht, wir haben mit unseren rechten Hausfreunden Geburtstage gefeiert und sind auf ihren Bauernhöfen rumgelaufen. Wenn ich sage, dass ich aus einem rechten Umfeld komme, dann übertreibe ich also nicht.

Als Kind checkt man von all dem politischen Firlefanz (in Österreich kann man das kaum anders nennen) recht wenig, weil man damit beschäftigt ist, Barbie-Puppen den Kopf abzureißen. Als ich dann in dem Alter war, in dem meine Eltern mir von Zeit zu Zeit wahrscheinlich gerne den Kopf abgerissen hätten, habe ich irgendwann verstanden, was es bedeutet, „blau" zu sein.

Es hieß zum Beispiel: über Menschen aufgrund ihrer Herkunft urteilen, Polarisierung schaffen und Fakten durch Hetze und Satire-Artikel austauschen. Bevor ich das erste Mal wählen ging, haben mir meine Eltern natürlich ans Herz gelegt, die FPÖ zu wählen. Dazu ist es aber nie gekommen. Ich habe viel Zeit damit verbracht, politisch inkorrekte Worte wie „Neger" oder „Jugo" aus dem Wortschatz meiner Eltern zu streichen. Oder ihnen zu erklären, dass es überall auf der Welt „gute" und „schlechte" Menschen gibt—damals sicher auf eine sehr naive Art und Weise.

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Mit meinem Vater kommt es kaum noch dazu, dass wir über Politik reden, weil wir uns kaum sehen und auch sonst eher selten Kontakt haben. Mit meiner Mutter ist das ein bisschen anders: Wir sehen uns regelmäßig und sind beinahe täglich in Kontakt. Da kommt es häufig dazu, dass wir auf dieses Thema kommen, bei dem wir uns einfach nicht einig werden.

Ich kann mit meiner Mutter schwer über Politik reden, weil mich diese Diskussionen dermaßen wütend machen, dass ich heulen könnte. Gegen eine Wand zu laufen tut einfach irgendwann weh. Meine Mama ist eine sehr belesene und ja, auch intelligente Frau, die aber dennoch den Shit feiert, den Strache skandiert. Für mich passt das nicht zusammen, für sie ist es unausweichlich.

Jedes Mal, wenn ich sehe, dass meine Mutter etwas von Heinz-Christian Strache auf Facebook geliket hat, wird mir schlecht. Ich schäme mich regelrecht, wenn meine Mutter einen Unzensuriert-Artikel liket, den Strache gepostet hat. Gegen Ausländer hat sie per se nichts, sagt sie, aber im gleichen Atemzug erzählt sie, dass ihr ein befreundeter Polizist erzählt hat, das unter den Flüchtlingen viele „Schläfer" wären.

Also Terroristen. Menschen, die nach Österreich kommen, sich als Flüchtlinge ausgeben und uns schaden (oder, um es so zu sagen, wie es mir erzählt wurde: die uns auslöschen) wollen. Solche Gespräche sind Gift für unsere Beziehung, vor allem, weil ich diese Frau ja sehr schätze, liebe und ihr für vieles sehr dankbar bin.

Letztens hat sie mir sowas geschrieben: „Eine Bekannte, Assistentin bei einem Arzt, erzählte, dass in der Ordination zwischen einer österreichischen Patienten, wie sie sagte ,echten Dame' und einer ,Kopftuchfrau' eine Diskussion entstand, da die „Kopftuchfrau" meinte, sie hätte ein Recht, vor der anderen Dame dranzukommen, da sie ,starke Kopfschmerzen' hätte. Damit war die Dame nicht einverstanden. Daraufhin rief die ,Kopftuchfrau': ,Ich habe fünf Kinder, du hast vielleicht eines oder zwei, rechne dir aus, wer Österreich einmal übernehmen wird!'"

Selbst, wenn das stimmen würde (und es ist ein großes, ungewisses Wenn): Versucht mal, zu erklären, dass eine Einzelperson nicht die Gesamtbevölkerung ausmacht. Ihre Argumente sind aber nicht immer so dermaßen fragwürdig. Sie sagt auch, was eine vor kurzem shitgestormte Chefredakteurin sagte: „Ich habe Angst."

Ich glaube schon, dass dieses politische Chaos—und ich spreche hier bewusst das politische und nicht das „Flüchtlingschaos" an—einem Angst machen kann. Hätte die Regierung von Beginn an eine bessere Lösung oder überhaupt eine Lösung gehabt und nicht die gesamte Hilfe an private Initiativen ausgelagert, müsste man in den Medien nicht ständig von Krisen, Chaos oder Eskalationen lesen.

Meine Mutter wählt die FPÖ aus Angst, aufgrund—wie sie sagt—mangelnder Kompetenzen der anderen Parteien und auch deshalb, weil ihr Umfeld keine andere Meinung zulässt. Sie sagt oft, dass sie nichts gegen Flüchtlinge hat, die „wirklich Hilfe brauchen." Im gleichen Atemzug fängt sie aber—wir kennen dieses Muster—an, von Steuerflüchtlingen zu reden. Sie hegt keinen Groll gegen Menschen, die nicht aus Österreich kommen, gar nicht, aber trotzdem glaubt sie, dass Strache die Antwort auf die Probleme dieses Landes sei.

Auch in anderen Punkten ist sie mit dem Programm der Couleur einverstanden: Keine höheren Steuern für Millionäre? Richtig so, schließlich haben die für ihr Geld hart gearbeitet. Weniger Wohnbeihilfe? Hätten diese Leute eben mehr gelernt, ihr Leben im Griff und eine gescheite Ausbildung gemacht, damit sie sich das leisten können.

Meine Mutter macht es sich eben einfach. Der Einfachheit halber kann man auch gerne mal die FPÖ wählen. Ich werde sie trotzdem weiterhin auf komplizierte Probleme hinweisen.

Das gleiche bei Menschen über 50, denen Arbeitslosigkeit droht. Wenn man sein Leben im Griff hat, dann kann einem das egal sein. Wenn man aus einem schwachen finanziellen Umfeld kommt? Man kann sich nicht immer auf seine Eltern ausreden, sondern ist irgendwann erwachsen genug, um für sich selbst zu entscheiden und sich zusammenzureißen.

Sie macht es sich eben einfach. Der Einfachheit halber kann man auch gerne mal die FPÖ wählen. Zwei Mal nachzudenken ist wahrscheinlich auch eher untypisch für den durchschnittlichen FPÖ-Wähler. Aber ich werde sie trotzdem auch weiterhin auf komplizierte Sachverhalte und Probleme hinweisen. Dass die politische Einstellung meiner Familie—die leider eine ähnliche ist, wie die meiner Mutter—in Stein gemeißelt ist, kann und will ich nicht akzeptieren. Deshalb werde ich weiterhin gegen diese Wand laufen und hoffe, dass sie sich irgendwann bewegt.