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„Herr Doktor, Herr Doktor, ich habe Nacken!" – Tollhaus Notfallambulanz

Im Wort ‚Notfallambulanz' ist das Wort ‚Not' enthalten. Mir verbluten hier Patienten und du kommst mit Schnupfen an?

von Korbinian Schmitz
05 November 2015, 5:00am

Illustration: Miguel Robitzky

Die chronisch überlastete Notfallambulanz eines jeden Krankenhauses gleicht um 00:00 Uhr häufig einem Tollhaus. Unmittelbar neben den Patienten mit Herzinfarkt, Blinddarmentzündung, schwerster Elektrolytentgleisung oder Lungenembolie finden sich Patienten, die seit einer Woche husten oder sich vorgestern den kleinen Zeh angestoßen haben und das jetzt „gerne mal zeigen möchten". Nicht weniger hervorzuheben ist in der Nacht die bei Südländern gehäuft auftretende und mit „Wehwehchen" gleichzusetzende Diagnose Morbus mediterraneus, weshalb der ironische Begriff ONT (obligatorischer Nacht-Türke) zuletzt auch überregional an Bedeutung gewann. Auch die abgestellte, demente Oma, von der niemand weiß, warum sie hier ist, ist kein Mythos. Als Arzt stehst du häufig vor einem großen Dilemma: Sowieso bist du völlig übermüdet, weil du nun die fünfte Nacht in Folge machst, aber dafür können die Patienten ja nichts, also versuchst du, höflich und motiviert zu wirken.

Das jedoch ist nicht immer ein Leichtes, selbst wenn du ein Engel mit Eimern voller Geduld bist, den Gott höchstpersönlich zur Friedensstiftung in die Notfallaufnahme entsandt hat; denn manchmal kommen Leute mit vermeintlichen „Leiden" nachts um die Ecke geschossen, denen selbst ein Hypochonder keine zwei TicTacs verschreiben würde. Hier nun ein zusammengetragenes Best-of aus selbst erlebten Geschichten und fadenscheinigsten Gründen, die mir, dem Pflegepersonal und weiteren Kollegen in der Notfallaufnahme vor die Augen getreten sind:

Innere Medizin

Gänsehaut

Foto: Imago | Imagebroker

Ein großer Teil des menschlichen Körpers besteht aus Muskulatur. Während der Musculus gluteus maximus (der Po-Muskel) bekanntlich der größte Muskel des Körpers ist, gibt es faszinierend kleine Muskeln, wie beispielsweise den Schließmuskel der Pupille.

Genug Vorgeplänkel. Einen 60-jährigen Mann verschlug es nachts um 04:00 Uhr in die Notaufnahme, weil er eine bahnbrechende und gleichzeitig für ihn beängstigende Entdeckung machte: Wenn er von einem warmen in einen kalten Raum ging, bekam er Gänsehaut! Nachdem der Arzt ihn völlig verdutzt bat, die Geschichte zu wiederholen, musste dieser feststellen, der Patientin meinte es ernst und verlangte ein EEG (Ableitung von Hirnströmen) zur Abklärung. So klärte Dr. P. den Patientin darüber auf, es handle sich um eine physiologische Reaktion der Hautmuskulatur, die im Fachjargon Piloerrektion heißt, er könne nun entspannt heimgehen und schlafen.

Schleim

Foto: Flickr | Mathias Klang | CC BY 2.0

Wer kennt ihn nicht? Schleim, oder wie der Arzt sagen würde „Sekret". Eine viskose Flüssigkeit, die von unterschiedlichen Drüsen des Körpers produziert wird. Nicht ganz ohne Zweck, denn die Verdauung beginnt schon im Mund: Vorverdauung der Kohlenhydrate, Neutralisation von Toxinen, sogar Abwehr von Bakterien und Viren findet hier statt. Um nicht zu sehr ins Detail zu gehen, belassen wir es dabei, dass Schleim eine Daseinsberechtigung hat. Leider können diverse Bakterien eine Überproduktion begünstigen, welche sich verheerend auf die Atemwege auswirken kann: Man hustet. Natürlich gibt es Wundermittel, wie ACC, die den Husten dann für ein, zwei Tage fördern, man spuckt aus (unangenehm), aber dann ist Ruhe.

Motherboard: Dieses Gerät verschiebt die Grenze von Leben und Tod

Es gibt da aber auch Menschen, die „seit 3 Wochen Schleim" haben und deshalb nachts in die Notaufnahme kommen. Nein, nicht in die psychiatrische.

Der Klassiker: „Wie? Aber hier bekomme ich direkt einen Termin."

Foto: Imago | Imagebroker

Warum kommt oben genannter Patient nachts in die Notaufnahme und geht nicht am nächsten Morgen zu seinem Hausarzt? Die Überschrift verrät es schon. Viele Menschen glauben tatsächlich, eine Notaufnahme sei so etwas wie eine Praxis, die stets besetzt ist. Sie nutzen es also aus, dass man dort jederzeit vorbeischauen kann und werden teilweise sogar unhöflich, wenn der Arzt sie wegschickt, weil er überlastet ist und „keine Notfallsituation" vorliegt. Diese Maßnahme ist aus folgendem Grund absolut nachvollziehbar und oft notwendig: Derartige Patienten wollen am nächsten Tag pünktlich auf der Arbeit erscheinen. Wenn du also nicht krank genug bist, um zu Hause zu bleiben, dann liegt WIRKLICH keine Notfallsituation vor, du Eiernacken.

Chirurgie

„Herr Doktor, es ist etwas Schreckliches passiert. Es geht um den kleinen Zeh!"

Foto: Flickr | awesomnesslol666 | CC BY 2.0

Kennen wir das nicht alle? Ein paar Bier zu viel und plötzlich wirkt der Türrahmen viel kleiner. Lange Rede, kurzer Sinn: Der Peter hat sich abends um 22:00 Uhr den kleinen Zeh angestoßen und kreuzt um 04:00 Uhr als Notfall auf. Zur Belohnung gibt es ein Röntgenbild und die Ärztin drückt „versehentlich" etwas zu fest beim Untersuchen des delikaten Körperteils—der Aufschrei geht durch die ganze Notaufnahme (Yes! Wer denkt, wir Ärzte holen uns auf diese Art etwas Genugtuung, hat absolut Recht). Na jedenfalls keine Schwellung, er kann ihn bewegen und natürlich auch keine Fraktur im Röntgen ... und tschüss!

„Isch habe Nacken!"

Foto: Imago | Thomas Zimmermann

Ich nehme es vorweg: Diese Geschichte handelt nicht von Horst Schlämmer. Wohl aber von einem Mann, der an Karfreitag Nackenschmerzen bekam. So weit, so gut. Nackensteifigkeit kann ja durchaus ein Hinweis für etwas Ernstes wie eine Hirnhautentzündung sein, daher könnte man meinen, der Besuch sei gerechtfertigt.

„Waren sie in den letzten Tagen/Wochen im Wald", fragt der Arzt.
„Nein", erwidert der Patient.
„Nun, haben die Beschwerden denn seit Freitag zugenommen?"
„Nein, das auch nicht."
„Haben Sie denn vielleicht ein neues Kissen, oder ein neues Bett?"
„Ja, ich habe ein neues Schlafkissen!"

Dieses Gespräch hat an Ostermontag um 03:00 Uhr Morgens stattgefunden. Natürlich fragt man sich als Arzt an dieser Stelle, ob die Menschen nichts anderes zu tun haben, als Notaufnahmen zu besuchen, ob das ein schlechter Scherz ist, oder ob Gott ein Sadist ist und gerade dich als Voodoopuppe in die Finger bekommen hat.

Gynäkologie/Geburtshilfe

Husten in der Schwangerschaft

Foto: Imago | Joker

Zugegebenermaßen stellen Schwangere eine Sondergruppe in der Notfallmedizin dar. Da sich bereits die Einnahme von Ibuprofen im letzten Trimenon zum Teil fatal auf das kindliche Wohl auswirken kann, übt sich das ärztliche Personal von klein auf in Geduld und Feingefühl. Ob subjektiv empfundenes „komisches Gefühl", Schnupfen oder auch der Vaginalinfekt um 03:00 Uhr Nachts, es wird ihnen praktisch alles verziehen.

Umso beeindruckender die Geschichte eines Ehepaares, das die Geduld der betreuenden Ärztin gehörig auf die Probe stellte. Es beginnt mit einem Anruf um 21:30 Uhr:

Herr X: „Ja hallo, äh, meine Frau hat Husten."
Ärztin: „OK?"
Herr X: „Und sie ist schwanger!"
Ärztin: „OK?"
Herr X: „Ist das gefährlich?"

Mit einer Engelsgeduld erklärt die Ärztin, dass das nicht gefährlich sei, solange es sich um einen trivialen Husten handelt und schlägt vor, man könne ihr Tropfen in der Apotheke besorgen, die es rezeptfrei gibt. „Aber die nächste Apotheke ist 15 Minuten entfernt", begegnet Herr X. Sprachlos wartet die Ärztin einige Sekunden, ihr Nacken wird feurig, der Puls geht hoch „Und wie kann ich Ihnen nun helfen?", fragt sie dann, ehe Herr X erwidert, er würde mal schauen, sich bedankt und auflegt.

Wenig später legte sich die Ärztin hin, es war der vierte Nachtdienst in Folge. Um 03:30 Uhr schließlich wird sie von der Hebamme geweckt: „Nathalie, es tut mir leid. Hier wartet ein Herr X mit seiner Frau, die wegen Husten hier ist." Es findet sich eine Patientin, die alle 10 Minuten einmal hustet, ansonsten gesund wirkt. Auf die Frage, weshalb er jetzt da sei, sagt Herr X: „Ich konnte nicht schlafen, weil sie ständig husten musste." Und warum habe er ihr nicht das Medikament besorgt? „Ja, aber die Apotheke ist so weit weg gewesen."

„Ich glaub', ich habe den Tampon verloren. ... in mir."

Foto: Flickr | me and the sysop | CC BY-ND 2.0

Es war ein mauer Herbstmorgen, der Wind wog die ersten Blätter in seinen Armen, ein Blick aus dem Fenster löste eine Mischung aus Sehnsucht und Freude aus. Einzig der Rote Baron flog am Himmel und machte Marie zu schaffen. Sie hatte ihre Tage. Sie ging auf die Toilette, um den Tampon zu wechseln. Finger rein, links, rechts, oben, unten, hinten ...? Eine Mischung aus Freude und Angst überkam sie, schließlich hätte sie heute den Tag allein daheim verbracht. Also auf ins Krankenhaus!

Läuft es so ab, wenn der Tampon in den Windungen des eigenen Leibes einer Frau abhanden kommt? Keine Ahnung. Fakt ist: Es gibt Frauen, die es eigenartig finden, sich zu tief in ihre eigene Vagina zu greifen. Da sich so ein Tampon gern mal im hinteren Scheidengewölbe verirren kann, kommt es dann tatsächlich vor, dass man sich lieber von einem jungen Assistenzarzt den Tampon „professionell" entfernen lässt, als selbst Hand anzulegen, um anschließend—peinlich berührt—vom Stuhl zu springen.

Selbstverständlich ist die korrekte Einschätzung der Symptome eines Patienten ein schmaler Grad. Eine traurige Anekdote handelt von einem 50-jährigen Patienten, der mit akuten, stärksten Rückenschmerzen in die Notaufnahme kam und dort von der triagierenden Krankenschwester falsch eingeschätzt worden war. Nach 30 Minuten Wartezeit kam schließlich ein Arzt und begann die Diagnostik, welche in einer Aortendissektion resultierte. Da das Krankenhaus über keine Gefäßchirurgie verfügte, musste der Patient in die örtliche Uniklinik verlegt und sofort operiert werden. Die Geschichte endet mit einer Hirnschädigung, Querschnittslähmung und nach zwei Jahren mit dem Tod des Patienten. Ob er hätte gerettet werden können, steht natürlich in den Sternen, aber 30 Minuten können in bestimmten Fällen definitiv Leben retten.

Und dennoch: In dem Wort Notfallambulanz, steckt das Wort Notfall und darin wiederum das Wort Not. Nun lässt sich darüber streiten, wann man wirklich in Not ist, deshalb ein kleiner Tipp: Bevor du dich in einer Notfallambulanz vorstellst, überlege dir, ob deine Not so groß ist, dass sie erstens nicht bis morgen früh warten kann und es zweitens verhältnismäßig in Ordnung ist, wenn sich die Behandlung des Herzinfarktpatienten, der möglicherweise fünf Minuten nach dir Eintritt, deinetwegen verzögert. Ist das der Fall, dann komm bitte sofort, andernfalls mache 'ne Tüte Haribo auf, oder rauche 'nen Joint; das allein bewirkt meist schon große Wunder.