Sex

Wenn Mütter es bereuen, ihre Kinder bekommen zu haben

Forschungen haben ergeben, dass 97 Prozent der befragten Mütter der Meinung sind, dass die Freuden des Elterndaseins die ganzen Kosten und Mühen wieder wettmachen. Aber was ist mit den anderen drei Prozent?

von Jennifer Swann
10 Mai 2016, 4:00am

Titelfoto: Ausschnitt aus 'Mad Men' | Bild: via IMDB/Lionsgate Television

Auf dem Papier mutet die moderne Mutterschaft doch ziemlich anstrengend und hart an. Ein Kind koste ein Vermögen, in den sozialen Medien werden Mütter in regelmäßigen Abständen dafür angeprangert, entweder zu schwanger oder nicht schwanger genug auszusehen. Aber trotz der ganzen wirtschaftlichen, emotionalen und körperlichen Beschwerlichkeiten, die mit dem Großziehen von Kindern einhergehen, würden nur wenige Mütter offen zugeben, das Ganze zu bereuen.

"Zu sagen, dass man seine Kinder bereut? Das scheint einfach gegen jegliche Normen zu verstoßen", meint Robin Simon, eine Soziologieprofessorin der Wake Forest University, die sich auf die psychologischen Folgen der Elternschaft spezialisiert hat. "Ich glaube nicht, dass viele Eltern wirklich von Reue sprechen. Das liegt zum Teil auch daran, dass dieses Lebensbild so stark in unseren Köpfen verankert ist. Sie bereuen es nicht, sondern reden stattdessen eher davon, wie sie niemals erwartet hätten, dass das Ganze so schwer sein würde."

Laut einer zwischen 2002 und 2003 durchgeführten Studie des US Department of Health and Human Services sind mütterliche Reuegefühle nicht nur ein kulturelles Tabu, sondern kommen dazu auch noch unglaublich selten vor. So stimmten überwältigende 97 Prozent der über 7000 befragten Mütter folgender Aussage zu: "Die Freude, die man als Mutter verspürt, ist es wert, die ganzen Kosten und Mühen auf sich zu nehmen." Dieses Ergebnis wirft jedoch auch eine Frage auf: Was ist mit den drei Prozent, die mit der Aussage nicht konform gehen?

"R." ist eine der Mütter, für die der elterliche Kampf zu viel ist. Da sie jedoch Angst hatte, ihrem direkten Umfeld von ihren Reuegefühlen zu erzählen, suchte sie im Internet nach Antworten und gründete so im Juli 2012 eine Facebook-Gruppe für Eltern, die es bereuen, Kinder bekommen zu haben. Knapp vier Jahre und fast 2.000 Mitglieder später weiß sie nun, dass sie nicht die einzige Mutter ist, die so denkt. "Uns wird ständig dafür gedankt, dass wir die Seite betreiben, weil wir niemanden ausschließen und die brutale Realität des Elterndaseins aufzeigen. Die Elternschaft ist nunmal nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen", schreibt mir der Gruppen-Moderator Zephyr in einer Facebook-Nachricht. Sowohl er als auch R. wollen jedoch trotzdem nur ihren Vornamen bzw. ihre Initialen nennen.

Für viele der Gruppenmitglieder, deren anonyme Beichten von R. oder Zephyr auf die Seite gebracht werden, ist die Community die einzige gesellschaftlich akzeptierte Plattform, um die Gefühle zu äußern, die die meisten Eltern als unfassbar einstufen würden. Aber selbst online kann es einem immer noch schwerfallen, sich zu öffnen.

"Die Eltern sind in Bezug auf ihre Beichten doch sehr nervös, denn sie wollen nicht, dass ihre Familien sie deswegen anders behandeln oder dass ihre Kinder irgendetwas erfahren—denn das würde wohl nur neue Probleme schaffen", erzählt mir Zephyr. Und solche Ängste sind nicht unbegründet: Die Facebook-Gruppe ist nun schon des Öfteren das Ziel von Angriffen und Spam-Attacken geworden. Außerdem haben "glückliche Eltern" (Zephyrs Worte) oder Menschen, die die Gruppe als beleidigend, erniedrigend oder gar schmähend ansehen, das Ganze wiederholt bei Facebook gemeldet.

"Die Kommentare reichen dabei von einem typisch sexistischen 'Hättest du halt mal lieber nicht die Beine gespreizt' in Richtung der Mütter bis hin zu Enthüllungsdrohungen gegen die Eltern", erklärt mir Zephyr. Andere haben auch schon angekündigt, den Gruppenmitgliedern aufgrund derer Beichten das Jugendamt auf den Hals zu hetzen.

Wenn man Eltern mit ihren kinderlosen Gegenstücken vergleicht, dann weisen diese Eltern—und dabei vor allem die Mütter—laut der Forschung keine höheren Werte in Sachen Zufriedenheit, Gesundheit und psychologisches Wohlergehen auf. Das sagt Simon, die selbst Mutter und Großmutter ist. Sie ist fest davon überzeugt, dass die Mutterschaft eine unglaublich tolle und erfüllende Erfahrung sein kann, diese Freuden jedoch auch trügerisch sind—zumindest von einer wissenschaftlichen Perspektive aus betrachtet. "Den Forschern fällt es schwer, das Ganze genau zu benennen. Ich meine, das ist wirklich traurig", sagt sie und fügt noch hinzu, dass die oftmals fehlende finanzielle und soziale Unterstützung von Familien die Sache für die Eltern nicht gerade leichter macht.

Wenn es um die Elternschaft geht, sehen sich Frauen aber oftmals noch anderen Hürden gegenüber. Das liegt zum Teil auch an den Vorurteilen am Arbeitsplatz. So ist es kein Geheimnis, dass ein Mutterschaftsurlaub in Deutschland oftmals dazu führt, dass man entweder nur schwer wieder ins Berufsleben zurückfindet oder den Arbeitsplatz gar überhaupt nicht mehr zurückbekommt. Und das geht dann natürlich Hand ind Hand mit großen finanziellen Belastungen. Bei der ganzen Aufmerksamkeit, die auf die psychologischen und beruflichen Nachteilen einer Schwangerschaft verwendet wird, beschäftigen sich allerdings nur ganz wenige Forscher auch mit den Müttern, die ihre Kinder bereuen.

Orna Donath, eine israelische Soziologin der Ben-Gurion-Universität des Negev mit Fokus auf die Gebiete Gender und weibliche Gesundheit, gehört zu den wenigen Akademikern, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. So hat sie letztes Jahr Interviews mit 23 Müttern durchgeführt (darunter auch fünf Großmütter), die alle zu Protokoll gaben, dass sie ihre Schwangerschaft bereuen würden. Diese Reue hat Donath dabei mithilfe von zwei Schlüsselfragen festgestellt: "Wenn du mit deinem jetzigen Wissens- und Erfahrungsstand in der Zeit zurückgehen könntest, würdest du dann immer noch Mutter werden?" und "Hat die Mutterschaft deiner Meinung nach Vorteile?" Alle Studienteilnehmerinnen beantworteten die erste Frage mit Nein. Und falls die zweite Frage mit ja beantwortet wurde, folgte noch eine dritte: "Sind diese Vorteile dabei größer als die Nachteile?" Darauf folgte dann immer ein überzeugtes Nein.

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Donath meint, dass die Studie sowie das dazugehörige Buch Regretting Motherhood nicht als Verallgemeinerung aller Mütter gedacht sind und auch nicht repräsentativ für die durchschnittliche Bevölkerung stehen. "Das Ziel war von Anfang an aber auch das Erschaffen eines komplexen Wegweisers, der es Müttern aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten ermöglicht, sich darauf wiederzufinden, um eine ganze Reihe an subjektiven mütterlichen Erfahrungen zu sammeln", schreibt mir Donath in einer Mail. Als Frau, die schon immer gewusst hat, dass sie keine Kinder will, hat sie die Forschungen laut eigener Aussage auch durchgeführt, um auf den Mangel an Untersuchungen in Bezug auf das Tabuthema aufmerksam zu machen.

"Die Existenz von Mutterschaftsreue wird im Allgemeinen oft unter den Teppich gekehrt und deshalb gibt es angeblich auch nichts zu erforschen", meint sie. Ihre Fokusgruppen beweisen jedoch das Gegenteil und die Studie hat es nun möglich gemacht, tiefgreifendere Analysen mit mehr Probanden durchzuführen. Außerdem wurde damit eine Grundlage für einen offeneren Dialog über das Thema Reue nach der Schwangerschaft geschaffen.

Als Isabella Dutton sich im Jahr 2013 für die Daily Mail zu genau diesem Thema äußerte, wurde sie direkt harsch kritisiert. Im am häufigsten gelikten Kommentar unter dem Artikel wird sie so auch als "armselige, kaltherzige und egoistische Frau" bezeichnet. Neben dem immensen Gegenwind erhielt Dutton aber auch viel Zuspruch von Eltern, die diese Art der Reue kennen und die Ehrlichkeit der Autorin bewundern. Wenn man heute nach Duttons Namen googelt, stößt man auf eine ganze Menge an Blog-Einträgen, Essays und Online-Foren, in denen Eltern Dutton feiern, verteidigen und danken, weil sie das vorher Undenkbare ausgesprochen hat.

Neben Dutton outen sich aber auch noch andere Frauen. So schrieb die Mutter Simone Chubb im März zum Beispiel einen Artikel für XO Jane, der den Titel I Love My Baby, But I Regret Becoming a Mother trägt. Darin beschreibt sie ihre körperlich zermürbende Schwangerschaft sowie das fehlende Selbstvertrauen und Sexleben nach der Geburt. Aber auch die typischen Probleme wie etwa Depressionen oder Schlafmangel werden nicht ausgelassen. Zu Chubbs Artikel kommen dann aber auch noch Unmengen an Reddit-, Quora- und Whisper-Threads, in denen Mütter versuchen, sich mit ihrer Reue auseinanderzusetzen. Eine Sache werden sie dabei aber auf alle Fälle feststellen, nämlich dass sie mit dieser Reue nicht alleine dastehen.