Foto : imago | PanoramiX

Warum die Medien sofort aufhören müssten, über Nizza zu berichten

Matern Boeselager

Die einzig richtige Reaktion auf den Terror wäre, ihn zu ignorieren.

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Paris, Brüssel, Nizza—die Kette von grausamen Terroranschlägen mitten in Europa scheint nicht abreißen zu wollen. Mittlerweile haben sich Medien, Politiker und Öffentlichkeit eingespielt: Minuten nach dem Anschlag beginnt auf allen Kanälen das Wettrennen um die ersten Bilder, die ersten Berichte von Augenzeugen und Betroffenen, die ersten Beileidsbekundungen von Politikern aus aller Welt.

Und die Öffentlichkeit saugt es auf: Wir alle sitzen gebannt vor unseren Bildschirmen, wir reden über das Ereignis mit jedem, den wir treffen, wir denken darüber nach. In den nächsten paar Tagen werden die Medien weitere Augenzeugenberichte, Debatten, Analysen, Bilder von Blumenkränzen und weinenden Angehörigen verbreiten. Am Ende wird sich auch der Anschlag von Nizza in unser kollektives Gedächtnis gebrannt haben—genau wie Paris, Brüssel und der 11. September.

Diese kollektive Reaktion ist völlig natürlich—aber vielleicht trotzdem völlig falsch. Bei all den Diskussionen darüber, welche Reaktion denn nun die angemessene wäre—mehr Überwachung, Luftschläge gegen den IS oder Al-Qaida, mehr Ursachenbekämpfung—redet fast nie jemand über die naheliegendste Lösung: Warum ignorieren wir den Terror nicht einfach?

Das klingt zuerst einmal monströs. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken. Was will jemand erreichen, der Dutzende Zivilisten in einer europäischen Großstadt ermordet? Aufmerksamkeit, sonst nichts. Terror funktioniert überhaupt nur, weil wir ihm Aufmerksamkeit schenken.

Dabei ist auch nicht wichtig, ob die Tat von einer Terror-Organisation wie dem IS aktiv geplant und durchgeführt wurde (wie in Paris und Brüssel), oder ob es sich um Einzeltäter handelt wie in Orlando und vielleicht Nizza. Die Motivation bleibt die gleiche: Sie wollen Angst und Schrecken verbreiten—und wissen, dass sie dabei auf die mediale Ampflifikation ihrer Taten zählen können. Und es funktioniert jedes Mal: Trotz aller Rhetorik hätte der falsche "Islamische Staat" nie auch nur den Hauch Chance, den echten Staat Frankreich militärisch zu besiegen. Trotzdem werden Anschläge wie Paris oder Nizza auch von uns als "Angriff auf Frankreich" oder "Angriff auf die gesamte freie Welt" bezeichnet—obwohl sie das nur sind, wenn wir es zulassen. Für die Betroffenen sind die Tragödien natürlich unerträglich. Aber niemand zwingt uns, feige Massenmorde als erfolgreichen Angriff auf unsere Gesellschaft zu würdigen.

Angenommen, die Medien würden nach einem solchen Anschlag nur melden, dass er passiert ist. Ansonsten würde nur mitgeteilt, was unbedingt notwendig ist: Die Opferzahlen, ob der Täter noch auf freiem Fuß ist oder nicht, ob der Flughafen gesperrt ist. Niemand würde den Namen des Täters nennen, niemand seine Tagebücher oder Fotos seines Hauses veröffentlichen. Niemand würde ihn unsterblich machen. Bei einer Terrororganisation reichte vielleicht ein kurzer Hinweis. Am Tatort würden die Forensiker ihre Arbeit machen, dann würden die Spuren des Massakers so schnell wie möglich beseitigt. Natürlich würden Experten darüber nachdenken, welche Ursachen der Angriff hatte und wie man so etwas in Zukunft verhindern könnte. Aber ansonsten würden die Medien sich selbst eine Art Schweigegelübde auferlegen.

Wie viele Attentäter würden noch losrennen, wenn sie wüssten, dass sie nichts erreichen außer erschossen und sofort vergessen zu werden?

Die Symbiose zwischen Terrorismus und Medien ist real

Nach den Anschlägen in Paris hat der Schweizer Moderator Stephan Klapproth denselben Gedanken so formuliert: "Wer uns totschiesst, den schweigen wir tot." Die Presse muss ihre Freiheit nicht nur dazu nutzen, über alles zu berichten, schrieb er damals in der NZZ. Sondern auch dazu, um bei Terroranschlägen eine bewusste "Entdramatisierung" zu praktizieren. Es geht nicht darum, Gefahren für unsere Gesellschaft zu verschweigen. Es geht darum, sie wirklich unverzerrt darzustellen: Es sterben immer noch viel mehr Menschen bei häuslichen Unfällen als durch terroristische Gewalt. Warum wird sie dann als Gefahr für uns dargestellt?

So, wie es jetzt ist, machen die Medien Terroristen und Amokläufer nicht nur berühmter, als sie sein sollten. Sie stiften auch Nachahmer dazu an: Laut einer Ende 2015 veröffentlichten Studie gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Quantität der Berichterstattung über Terror-Anschläge und der Zahl von Nachfolge-Anschlägen in demselben Land. "Wir müssen vielleicht neu über sensationsgetriebene Berichterstattung über Terrorismus nachdenken", sagt der Autor der Studie, Michael Jetter. "Und aufhören, Terroristen gratis eine Medienplattform zu liefern."

Ich weiß nicht, ob es jemals möglich sein wird, alle Medienhäuser darauf einzustimmen. Denn auch das ist die Wahrheit: Nicht nur die Terroristen profitieren von den Medien, auch die Medien profitieren vom Terrorismus. Das ist nicht zynisch gemeint, es ist die Wahrheit.

Wenn Anschläge wie in Nizza passieren, muss plötzlich keine Redaktion sich mehr den Kopf darüber zerbrechen, ob Beatrix von Storch oder Justin Bieber mehr Leser auf die Seite bringen. Stattdessen können Journalisten das tun, was sie als Grundprinzip ihrer Arbeit verstehen: Über etwas wirklich Relevantes schnell, professionell und ausgiebig berichten. Und gleichzeitig können sie sich sich über massive Anstiege bei Zugriffszahlen und Auflagen freuen. "Unsere Live-Blogs liefen für eine Woche nach der Attacke durch, und die Reaktion der Leser war außerordentlich", freut sich ein Redakteur beim Guardian. "In der Nacht der Angriffe brachte der erste Live-Blog 2,7 Millionen Zugriffe zwischen 21.24 Uhr und Mitternacht, am Samstag erreichte er 4 Millionen." Insgesamt konnte theguardian.com an dem Samstag 27 Millionen Zugriffe auf seine zahlreichen Artikel zu den Anschlägen verzeichnen. Das Tragische ist, dass dieser Rekord dem IS genauso in die Hände gespielt hat wie dem Verlag.

Der Aufruf der Gendarmerie sollte auch von den Medien ernstgenommen werden.

In der deutschen Medienlandschaft gibt es schon sehr lange die Maxime, dass man über Selbstmorde nicht größer als unbedingt nötig berichtet, weil man sonst erwiesenermaßen Nachahmer anstiftet. Daran hält sich sogar die Bild. Warum kann bei Selbstmordattentätern nicht dasselbe gelten? Es würde noch viel mehr Leben retten.

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